Bildung statt Ausbildung

Sonntag, 3. Februar 2008

"Früher wurde, wenn man sich nicht auf den Hosenboden setzte, mit Hausarrest gedroht. Heute wird der Sechstklässlerin mit den Chinesen gedroht, die ihr einmal den Arbeitsplatz wegnehmen werden, wenn sie nicht endlich auf ihre Reitstunden und Tanzkurse verzichtet, um spätnachmittags nachzuholen, was ihr vormittags in der Schule wegen Zeitmangels und Stofffülle nicht annähernd erklärt wurde." - So leitet die Frankfurter Allgemeine einen Artikel ein, der sich mit dem achtjährigen Gymnasium befaßt. Quintessenz: Nicht nur in der Schule lernen Kinder. Die Verkürzung der Schulzeit bringt Kinder um dringend erforderliche Lebenserfahrungen.

Was sich hinter der neutral gehaltenen Abbreviatur G8 versteckt, degradiert Kinder zu Kosten- und Produktionsfaktoren im Wettbewerb des "freien" Marktes. Das Kindsein bleibt auf der Strecke, alle Aufmerksamkeit gilt dem Nutzen, den das Kind später im Erwachsenenleben haben soll. Die Mechanisierung des ungenauen "Faktors Mensch" wird zum Mittelpunkt einer Ausbildung (keiner Bildung) erhoben, die Lernen als Einimpfen von Notwendigkeiten begreift, aber nicht als Prozess, der zu Mündigkeit und Reife eines Menschen führen soll. "Unnützer Lernstoff" wird atomisiert, um ein Mehr an "nützlichen Wissen" zu gewährleisten.

Doch der kindliche, noch agile Geist ist kein leerer "Behälter", in den man willkürlich Informationen hineinstecken kann. Das tägliche Lernpensum ist determiniert und es bedarf eines körperlichen Ausgleichs zur geistigen Arbeit. Zusätzlich verleugnet die neue gängige Praxis das Wesen des Kindes. Das Spielen, ebenfalls ein Vorgang des Lernens und Begreifens - man denke an John Lockes Ausspruch: "Die größte Kunst ist, den Kleinen alles, was sie tun oder lernen sollen, zum Spiel und Zeitvertreib zu machen." ("Some Thougts Concerning Education" von 1693) - wird zur Nebensächlichkeit ohne Nutzen stilisiert. Der (Aus-)Bildungsapparat steht auf Kriegsfuß mit dem Wesen des Kindes; er impft dem Kind ein schlechtes Gewissen ein, weil es einen Drang zur Freiheit hat, welchen es spielend auszuleben versucht ist.

Es ist das Kindsein, welches dem Wettbewerb im Wege steht. Das Druckmittel der globalen Konkurrenz findet Verwendung, um den kindlichen Trieb zu überwinden. Mit Verweis auf die chinesische Konkurrenz ist man versucht, dem Kinde das Spielen abzugewöhnen, um nicht zuviel Zeit zu vertrödeln. Effizient muß gelernt werden, nichts Unwesentliches darf Eingang in die Köpfe finden. So verschwinden an den Universitäten "unrentable" Zweige der Geisteswissenschaften - Philosophie und Theologie sterben einen langsamen Tod. Und gleichermaßen vollzieht das gesamte Schulwesen eine Abkehr vom humanistischen Bildungsideal, in dem man nicht nur lehrte, um den jungen Menschen zum gut geölten Teil eines Systems zu machen, sondern um ihn zu einen "Menschen von Format" zu erziehen; nicht nur Rädchen innerhalb des Produktionsapparates, sondern musischer Mensch mit Allgemeinbildung.

Insofern kann der Aufschrei, der das Ende des G8 fordert, weil es die Würde des Kindes verletzt, nur ein erster Schritt sein. Den Kindern mehr Zeit einzuräumen ist nicht der Anfang einer Bildungsreform, sondern lediglich die Revision des Dilettantenstreichs G8. (Dies soll nicht vergessen werden, wenn in einigen Jahren - aufgrund Erfolglosigkeit - diese "Reform" zurückgenommen wird und man versucht ist, diesen "Schritt zurück" als große Reform des Bildungswesens zu verkaufen.) Dem Kind schon in jungen Jahren die Bürde aufzuerlegen, sich für eine höhere Schule qualifizieren zu müssen (die Wurzel der deutschen Ungleichheit im Bildungswesen), muß als nächstes beseitigt werden, um dann ein Bildungsideal zu installieren, welches Kinder nicht zu zukünftigen Maschinen im System heranzüchtet, sondern ihnen das natürliche Recht auf Bildung gewährt. Unbrauchbaren Lehrstoff gibt es nicht: Gemäß einem Schlagwort, das aus den Zeiten der APO stammt: "Bildung statt Ausbildung!" - Das derzeitige Fordern, auf alte Bahnen zurückzuschwenken, kann insofern nur als konservativer - also bewahrender - Schritt verstanden werden.

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