Egoistisch. Anmaßend. Schädlich.

Montag, 31. Oktober 2016

So sehen die Jungen Liberalen das.
Das Leitmedium schlechthin, als das sich »Der Spiegel« weiterhin selbst einschätzt und schätzt, hat ein gravierendes Problem mit der Demokratie. Sagen wir mal so. Es berichtet viel von ihr und spielt sich als deren publikativer Retter auf. Das Nachrichtenmagazin tut dabei gerne so, als sei redaktionelle Arbeit immer auch rationale Arbeit im Sinne von: Die Demokratie gegen die massenhafte Unvernunft in Schutz nehmen. Daher überzieht man etwaige Spielräume eines gesunden Demokratieverständnisses mit Vorwürfen, man würde es hier mit Auswüchsen zu tun haben, die der Demokratie schaden würden. Letzte Woche musste man erst wieder eingreifen und etwas zum »Möchtegern-Asterix« der Wallonen veröffentlichen. Also zum Widerstand der belgischen Regionalregierung gegen Ceta ausschlachten, um ihn uns allen als »egoistisch, anmaßend und schädlich für die Demokratie« zu enttarnen.

Tut ein Parlament, wofür es gewählt ist, nämlich die Interessen der Bevölkerung wahren, dann nennt man das beim »Spiegel« nicht demokratisch - man nennt es egoistisch. Demokratie ist folglich wohl eine Egomanen-Tour. Man muss dieses Zitat mal ein klein wenig anders aufdröseln: Wenn der Regierungschef einer Region, die sich mehrheitlich gegen das Freihandelsabkommen ausspricht, nun beschließt, ebenfalls gegen dieses zu sein, dann ist es nicht unbedingt sein persönliches Ego, was Deutschlands Leitmedium da meint, sondern das Ego der Wallonen insgesamt. Das hat dann aber wirklich was Chauvinistisches, klingt so wie der »Rassismus der Deutschen« oder der »Stolz der Spanier«, ist also was unsagbar Dummes, weil Generalisierendes.

Ausgeübte Demokratie ist dem Blatt offenbar nachhaltig eine eklige Angelegenheit. Man denke nur an die Stimmungsmache, als eine Gewerkschaft ihr demokratisches Recht auf Streik ausübte und die Leitartikel dieselben Attribute verwendete. Egoistisch. Anmaßend. Schädlich. Und natürlich wäre das als eine Gefahr für die Demokratie anzusehen. Ein Gewerkschafter, der dergleichen veranlasse, der sei kein Demokrat mehr, sondern sei schon zur Despotie übergegangen und sei daher eine Gefahr für uns alle. Demokratische Aktionen sind demnach unvereinbar mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Stets wenn jemand die Demokratie nicht als langweilige Abnickershow mit gewissen Ritualen verstehen will, sondern als spannenden Prozess, die Gesellschaft aktiv zu gestalten, setzt jemand einen »Spiegel«-Leitartikel in die Welt, der nur so trieft vor Mahnung und Bewusstmachung, wie fragil Demokratie doch ist, wenn man sie auch benutzt. Dann lehrt man uns »spiegel«-verkehrt, dass sie nur sicher ist, wenn man sie ruhen lässt. Wenn man nickt und durchwinkt, was Millionen von Bürgern in der Europäischen Union ablehnen, aber gewisse Wirtschaftskreise gerne hätten. Wenn man der Minderheit der Profiteure anstandslos weitere Liberalisierungen auf dem Arbeitsmarkt, im Sozialwesen und der Ökologie in Aussicht stellt, dann ist die Demokratie gerettet. Falls man jedoch der Mehrheit folgt, dann zündelte man mit dem Feuer.

Aus Texten dieser Couleur lassen sich dann meist noch ganz viele Schliche und Tricks herausfiltern, die die krude Tour unterstreichen. So zum Beispiel, dass man den Wallonen unterstellt, sie würden Europa blockieren und alle anderen behindern. Das liest sich so, als habe der Rest Europas Ceta zum Fressen gerne. Der Versuch eine Region gegen Europa auszuspielen, erinnert dann wieder an Weselsky, den man bei Bahnreisenden ausspielte, obwohl viele von denen sicherlich auch gerne Teil einer Gewerkschaft sein möchten, die ihnen höhere Bezüge erkämpft und nicht einknickt vor Drohungen aus der Wirtschaft. Die Winkelzüge dieser antidemokratischen Publikationen sind stets dieselben. Diese Retter der Demokratie müssen jedenfalls allerlei Manipulationen aufwenden, um sich selbst als solche stilisieren zu können.

Da wird doch mal die Frage erlaubt sein, was man in der Redaktion dieses Nachrichtenmagazins für Vorstellungen von Demokratie hat. Eine, wie sie mit dem Grundgesetz vereinbar ist? Mit dem Mehrheitsprinzip und den dortig garantierten Rechten von Gewerkschaften oder Parlamenten haben die allenfalls nichts zu tun. Und dann muss man ehrlich mal nachbohren und abermals fragen, weshalb man Magazine, die fortwährend so eine Aversion zu demokratischen Standards hegen und ihr Demokratiedefizit kultivieren, so ganz ohne Betreuung der Verfassungsorgane publizieren können. Die Leitartikler dort kann man doch nicht ohne Beobachtung lassen. Die gefährden uns alle. Sie sind egoistisch, anmaßend, schädlich. Sie sind kein »Spiegel«-Bild der Demokratie. Sie sind es der Eliten in Wirtschaft und Politik.

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Terrorexperten, Expertenterror

Freitag, 28. Oktober 2016

Einen Alkoholiker kann man eindeutig erkennen. Auch wenn er gerade keine Flasche in der Hand hält. In der U-Bahn zum Beispiel, wenn er nur auf seinem Sitz hockt und gerade mal nichts in sich kippt. Es gibt einige Faktoren, auf die man achten sollte. Das sind Alter, Aussehen, Kleidung, Körpersprache und Verhalten. Ganz wichtig: Ein Faktor alleine reicht nicht aus. Wenn man aber mehrere auf eine Person vereinigen kann, dann darf man relativ sicher sein, dass er regelmäßig säuft. Wenn einer zum Beispiel unreine Haut hat, liegt das vielleicht an einer Hauterkrankung. Vernachlässigt er aber synchron dazu saubere Klamotten, dann könnte das schon ein Indiz sein. Und wenn er jetzt noch aussieht wie ein verbrauchter Endfünfziger, dann rückt die Schlussfolgerung doch ins Blickfeld. Vielleicht ist er außerdem auch noch unsicher auf den Füßen. Volltreffer! Das ist ein Alkoholiker. Ganz einfach, oder nicht? Das klappt fast immer. Man kann das auch so mit Schwulen oder Anhängern diverser Religionen handhaben. Mit der Vorgehensweise enttarnt man fast jede Gruppe. Man muss nur Anzeichen suchen und schon weiß man, wie es um diese Person bestellt ist.

Was ich jetzt nicht nachvollziehen kann, das sind diese Zwischenrufe, die mein inneres Ohr von den Lesern hier vernimmt. Wieso glaubt ein Teil meiner geneigten Leserschaft denn plötzlich, er müsse mich ausbuhen? Wegen der Art der Faktenerhebung, die ich da beschrieben habe? Es gibt auch Faktoren bei Zwischenrufern, auf die man achten sollte. Alter, Aussehen, Kleidung, Körpersprache und Verhalten. Dann weiß ich gleich mit wem ich es zu tun habe. Man sollte mal bitte genau überlegen: Wenn ich das obere Prozedere als Trick verkauft hätte, wie man Terroristen schnell und effizient erkennt, würde ich unter Umständen einer großen deutschen Tageszeitung ein Interview geben und als Experte vorgestellt. Einige Zwischenrufer wollen das nicht glauben? Das war aber so. Ich habe teilweise Sätze aus dem Interview einfach nur kopiert und in diesen unsäglichen ersten Absatz eingefügt.

Der Mensch, der sich dort als Experte gibt, rät den Leuten, sie sollten einfach einige Faktoren addieren, dann könnten sie einschätzen, ob da jemand Terrorist ist oder nicht. Wenn da einer einen weiten Mantel trägt, sei das noch kein Indiz für einen Sprengstoffgürtel. Eventuell sehe er nur komisch unförmig aus, weil das seiner besonderen Anatomie entspreche. Wenn er aber nervös ist und schwitzt, dann müsse man schon aufpassen. Nun ist das für mich noch nicht eindeutig, denn wenn ich zum Beispiel einen Mantel trage (was ich nie tue, mir aber vorstellen kann), dann schwitze ich sicherlich auch ganz ohne Sprengstoff. Wenn er noch Flecken im Gesicht kriegt und an unstetem Blick leide, so meint der Fachmann weiter, dann sollte man die Sicherheitsbehörden informieren. Und zwar schnell. Eines ist völlig klar, dieser Experte war noch nie in Berlin oder Frankfurt in einem öffentlichen Verkehrsmittel. Dort gibt es genug solcher Gestalten. Ganz ohne mörderische Absichten. Wenn einer im Mantel schwitzt und nervös ist, Flecken im Gesicht hat und doof guckt, dann ist es vielleicht ja einfach nur einer im Mantel, der schwitzt und nervös ist, zudem Gesichtsflecken hat und sonderbar guckt. Einer, der sich komisch anzieht, auf dem Weg zu einem endlich erkämpften Bewerbungsgespräch, was man als an Neurodermitis Erkrankter nicht oft erlebt. Zum Beispiel ...

Ich bin nun wirklich kein Experte, aber ich weiß halt durch mein Bisschen an Lebenserfahrung, dass meistens ganz einfache Erklärungen hinter den Menschen stecken. Wer schwitzt, dem ist eher heiß, als dass er nervös wäre. Und jemand mit suspekten Klamotten ist entweder ein Hipster oder aber nicht vermögend genug, um sich chic zu gewanden. Wenn mehrere komische Faktoren in Kombination auftreten, dann ist das oft nur eine Folge trauriger Umstände. Wäre dem nicht so, müsste jede Straßenbahnfahrt in den Metropolen dieses Landes mit einem Sprenggürtelträger enden.

Wie gesagt, ich bin nun wahrlich kein Experte. Der Mann, der den Frankfurtern ein Interview gab, dürfte aber auch keiner sein. Es sei denn natürlich, dass wir heute das Expertentum anders definieren. Wenn wir annehmen, dass da jemand am Werk ist, der vollumfänglich über ein Themengebiet im Bilde ist (und nicht in der »Bild«, das ist ein Unterschied), alle Aspekte kennt und sachlich innerhalb des Wissbaren dort argumentiert und erklärt, dann haben wir ein Problem. Denn dann sind eine Reihe von Leuten, denen man einen Experten-Button auf die Brusttasche pinnt, nicht mit der Definition in Einklang zu bringen. Sollte man aber mit einem Experten einen Menschen meinen, der lose informiert ist und diese Halbinformation dazu benutzt, halbgare Einschätzungen und binsenweise Ratschläge zu erteilen: Bingo. So würden Definition und Wirklichkeit Deckungsgleichheit ergeben.

Doch selten war eine Expertise so armselig und haarsträubend. Was der Mann via Qualitätsmedium seinem Publikum vorstellte war billigste Physiognomik. Natürlich aufgepäppelt für unsere Zeit. Und mit dieser Tour geht es nicht um Prävention, sondern um die Schulung des Blockwartgedankens, um Panikmache und die Durchsetzung paranoider Affekte im öffentlichen Raum. Ich bin ja, wie bereits gesagt, kein Experte. Aber dass der Mann kein Experte ist, das sieht man auch ohne Expertenauge. Im gewissen Sinne halte ich ihn für einen Terroristen. Er trägt den Sprengstoff als Paranoia vor sich her. Und so eine unsachliche Aussage kann ich freilich nur machen, eben weil ich kein Experte bin.

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Die nicht gekannte Eskalation rechts erblindeter Augen

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Ein Rechter schießt Polizisten nieder und der bayerische Innenminister spricht von einer »in Bayern nicht gekannten Eskalation«. Da fallen einem auf die Schnelle fünf Namen ein: Şimşek, Özüdoğru, Kılıç, Yaşar und Boulgarides.

Wenn man den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann so hört, glaubt man einen überraschten, ja überrumpelten Menschen vor sich zu haben. Jemanden, der nicht damit gerechnet hat, dass es solche Aktionen wie jene aus der letzten Woche, als ein Reichsbürger mehrere Beamte niedergestreckt hatte, normalerweise geben könne. Sein Statement hört sich an, als kämen da die Konsequenzen von etwas bislang völlig Undenkbarem über den Freistaat. Rechte Gewalt, rechter Terror: Eine »in Bayern nicht gekannte Eskalation«. Wenn man sich zwei Finger vor das rechte Auge hält, dann sieht man offenbar nur auf Werbeplakaten mit dem zweiten besser. In der Wirklichkeit hat man seine halbe Sehkraft verloren und muss damit leben, dass man auf dem rechten Auge faktisch blind ist. Herrmanns kurzes Überraschtsein belegt nur wieder mal den alten Vorwurf, dass deutsche Konservative bestimmte Tendenzen mit Vorliebe verdrängen.

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Der Tag, der unser Leben veränderte

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Cait Hurley
Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einst war. Heute vor fünfzehn Jahren hätte sich unser aller Leben schlagartig verändert. Das las man bereits vor fünfundvierzig Tagen - der Hinweis darauf geschah wie jedes Jahr mal wieder verfrüht. Denn am 11. September vor fünfzehn Jahren hat sich wenig in unser aller Leben verändert. Für die Familien der Toten schon - für die Skyline New Yorks auch - und auch für die Versicherungen, bei denen Schadensfälle eintrudelten. Aber für den Rest der Menschheit veränderte sich zunächst herzlich wenig - manche waren emotional verändert, aber letztlich lief der Rest der Welt wie eh und je geschmiert. Man ging arbeiten, sorgte sich um das Abendbrot und bibberte der nächsten Ausgabe von »Wer wird Millionär?« entgegen.

Richtig ist es so: Heute vor fünfzehn Jahren änderte sich etwas. Heute vor fünfzehn Jahren erblickte der USA PATRIOT Act das Licht der Welt - die Mutter aller Anti-Terror-Gesetze, die in der westlichen Welt folgen sollten. Als der Kongress dieses Machwerk verabschiedet und der damalige US-Präsident es per Unterschrift aktiviert hat, dieses Machwerk, das uns nach Guantánamo und zu Waterboarding lotsen sollte, war es einer dieser historischen Augenblicke, in dem sich die Welt, wie sie war, aus unserer Realität verabschiedete. Sie war urplötzlich ein Tummelplatz von Terroristen, von sieben Milliarden potenziellen Terroristen. Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich nicht fürchten! So lautete die neue Losung. Und der überwachte Bürger antwortete brav und ängstlich, dass er wirklich, ganz ehrlich nichts zu verbergen habe. Dabei ist es nur gut, nur menschlich, dass es Dinge gibt, die man verbirgt. Persönliche Geheimnisse: Plötzlich waren sie das Vorzimmer zum Terrorismus.

Nicht der 11. September war es, der unser aller Leben wandelte - es war jener 26. Oktober vor fünfzehn Jahren. Vor diesem Tag hatte man unveräußerliche Menschenrechte, durfte Geheimnisse haben; man war der Bürger seines Staates - danach beäugten Staatsrechtler den Bürger mit einem Feindstrafrecht. Missliebige Bürger ernteten vorher vielleicht Zorn, Unflätigkeiten einiger dümmlicher Zeitgenossen - jetzt konnte es aber in Gewahrsam enden, auf der pittoresken Insel Kuba gar, fern jeglicher Bürgerrechte, fern jeglicher juristischen Beratung. Staaten der westlichen Welt nahmen sich ein Beispiel daran, fertigten sich ihren PATRIOT Act nach gegebenen Zuständen an. Terrorismusbekämpfungsgesetze, die nicht bindend in Gefangenenlager weisen, aber ein Klima des Misstrauens erzeugt haben, eine Überwachungsindustrie befeuerten und jeden Bürger zum personifizierten Verdachtsfall erklärten.

Dieser 26. Oktober, er war auch das Fanal zur Überwachung Europas. Anti-Terror-Pakete mit tollen Features erblickten bald darauf das Licht der Welt. Sieh her, Amerika, das ist unsere »bedingungslose Solidarität«, die wir dir versprachen! Schnüffeleien aller Art wurden betrieben. Nicht gegen Terroristen, nein, gegen G8-Gegner zum Beispiel - und gegen Parksünder oder Hundehalter, die den Kackhaufen ihres Wuschels nicht aufgehoben haben, wie das britische CCTV mittlerweile als scharfes Auge gegen Ordnungswidrigkeiten betrieben wird - oder gegen Leser, die Bücher ausleihen oder kaufen, die auf einem Index stehen. Telefone hört man ab, auf Festplatten greift man zu, über Militär mit polizeilicher Befugnis fabulierte man. Vor fünfzehn Jahren änderte sich unsere Welt schlagartig. Aus Bürger wurden mögliche Verbrecher, das Gemeinwesen wurde zum Objektträger mikroskopischer Terrorexpertisen.

Nichts ist mehr, wie es einst war. Auch damit wirbt die Marketingstrategie des 11. September, die der Überwachung und Angriffskriegen dient. Diese werbewirksame Strategie des Terrors, die nicht die Welt veränderte, sondern die Gesetzgebung neu markierte. Es war auch nicht der Terrorismus, der unsere Welt veränderte - es waren die Schlüsse, die man aus diesem Anschlag zog, die alles anders machten. Am 11. September fand auch kein Anschlag auf die freie Welt statt - den gab es erst am 26. Oktober. Verübt wurde der vom Kongress und seinem obersten Cowboy, später von anderen nationalen Parlamenten.

Nicht mit Flugzeugen verändert man das Gefüge des Zusammenlebens. Man verändert es mit Gesetzen. Keine Bande Terroristen, die mit Teppichmesser die Macht über Flugobjekte erwirken, könnte die Welt und unser aller Leben verändern, selbst wenn sie wollten. Das können nur Parlamentarier, die mit Gesetzesentwürfen unter dem Arm geklemmt, die Unfreiheit, die Kontrolle, die Gesellschaft im offenen Vollzug verabschieden. Der wirkliche Terror gegen die freie Welt wurde ab dem 26. Oktober wirksam - vorher waren es nur Scharmützel an der Freiheit. Unfrei haben uns nicht Terroristen gemacht, diese Macht hätten sie gar nicht - unfrei haben uns die gemacht, die zu unser aller Wohle entscheiden sollten.

Männer und Frauen in Anzug haben unser Leben verändert. Keine Suren rezitierenden Fanatiker. Nicht der 11. September ist Gedenktag einer Gesellschaft, die in präventiver Lauerstellung lebt - der 26. Oktober sollte es sein. Ein Gedenktag an die Zeit, da Diskretion und Datenschutz noch ein wenig mehr galt. Stets wenn Daten erhoben, wenn Datenschutzrechte enthebelt werden, sollten wir an den 26. Oktober denken. Wenn sie Kontotransaktionen überprüfen wollen, um offiziell Terroristen zu entlarven, inoffiziell aber Hartz IV-Empfänger durchleuchten, dann sollten wir an den 26. Oktober denken. Wenn sie Arbeitsmarktdatenbänke ins Leben rufen und alle Arbeitnehmer vorab des Steuerbetrugs bezichtigen, dann sollten wir an den 26. Oktober denken. Dann sollten wir an den Tag denken, der unser aller Leben nachhaltig veränderte.

Der USA PATRIOT Act ist mittlerweile abgelaufen. Guantánamo gibt es aber noch immer. Noch immer sind wir alle unter Generalverdacht. Dieser Tag damals, er hat nachhaltig die Strukturen der Gesellschaft modifiziert und Innen- wie Außenpolitik neu ausgerichtet. Heute vor fünfzehn Jahren war nichts mehr, wie es vorher mal war. Oder um es mit der »Bild«-Ausgabe vom 12. September 2001 zu sagen: Der große Gott, er stand uns nicht bei.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 25. Oktober 2016

»Eine weiße Frau und ein schwarzer Mann, heute kein Problem in Deutschland. Müssen halt bloss immer im Haus bleiben.«
- Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig -

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Gabriel - so ein Hornknopf

Montag, 24. Oktober 2016

Zierknöpfe zum Beispiel. Die braucht eigentlich kein Mensch. Rüschchen ja auch nicht. Dennoch haben sich solche Besatzartikel in unserer doch so funktionsorientierten Zeit erhalten. Moderne Hemden kokettieren in letzter Zeit wieder verstärkt mit Knöpfen, die nur hübsch aussehen sollen, aber nichts zusammenhalten. Auf dem Kragen, selbst im Nackenbereich zum Beispiel. Im Unterschied zum 19. Jahrhundert, in dem der Berufsstand des Posamentierers seine Blüte erlebte, ist solcher Zierat heute aber gar kein Ausdruck von Wohlstand mehr. Seinerzeit musste man ja auch für so einen Hornknopf tief in die mit Quasten bestickten Taschen greifen. Heutige Knöpfe sind Sand am Meer und wie Sandkörner auch gar nicht mehr einzeln zu greifen. Der jedenfalls, der was auf sich hielt, der zierte sein Revers mit einem Posament oder gleich mehreren. Spitze, Franse, Hornknopf. So war das damals. Für jedem schlechten Geschmack war was dabei.

Noch heute findet man diese Relikte in der Mode. Nicht mehr so üppig, man braucht seinen Wohlstand heute nicht mehr kleidsam betonen. Es gibt ja auch nicht mal mehr einen Wohlstandsbauch bei reichen Leuten, den man zieren könnte. Dick sind eher die Armen. Was Gründe hat. Auf dem Ärmel eines Sakkos findet man solche Atavismen noch immer. Dort sind in der Regel reihenweise Knöpfe vernäht, die gar keine Funktion besitzen. Sie sind da und offenbar gehört sich das so. Bill Bryson hat übrigens in seiner »Kurzen Geschichte der alltäglichen Dinge« ziemlich unterhaltsam solche atavistischen Überbleibsel aufgestöbert und erklärt.

Die Sozialdemokraten, nun ja, wie soll man das vergleichen? Sagen wir es halt mal so, wie es ist. Die Sozialdemokraten, die sind ein bisschen wie Hornknöpfe. Nun, nicht die Idee einer sozialdemokatischen Partei an sich. Die ist gut, immer noch modern und funktionell, besser gesagt: Sie würde richtig ausgeführt Funktion erfüllen. Aber dieses Theater, dem sie sich momentan aussetzen, wenn sie über ihren Kanzlerkandidaten salbadern. Solange die Damen und Herren sich inhaltlich nicht bewegen und sich somit der Bundeskanzlerin weiterhin ausliefern, ist doch diese K-Frage ein Posament, das heute überhaupt keiner mehr benötigt, wie so eine seltsame Zeile aneinandergereihter Knöpfe auf dem Hemdkragen: Sieht für manchen nett aus, würde aber nichts machen, wenn sich die Naht löste und die Dinger fielen zu Boden.

Ob Schulz, die Quaste oder dann doch Gabriel, dieser Hornknopf, das ist doch letztlich keine existenzielle Frage für diese, für eine in dieser Art und Weise geführte Sozialdemokratie. Das sind doch Atavismen, die man bedient, weil man das halt früher so handhabte. Es sind Traditionen und Besatzstücke, die in einer anderen Zeit unter anderen Vorzeichen mit einer anderen Leitlinie mal Sinn ergeben haben, aber in der Gegenwart sinnlos geworden sind, so man nicht dafür sorgt, dass sie wieder Sinn bekommen. Wie ein Posamentensticker heute sinnfrei Knöpfe an den Sakkoärmel stickt oder besser gesagt, die Maschine überwacht, die an der Stelle näht, so benehmen sich diese Sozialdemokraten seit Jahren.

Das ist doch Folklore. Solange man Politik macht, wie es der Union unter Merkel vorschwebt, solange muss man doch keinen sozialdemokratischen Kanzler wählen. Da kann man das Original nehmen. Warum also die ganze Energie bündeln, um über Kandidaten zu spekulieren, die so oder so keinen Wert im Dreißigerbereich erlangen werden? Aber es gehört sich halt so, nicht wahr. Demokratie braucht das und so. In der überwundenen Demokratie, in der Ritual- oder Postdemokratie, reicht es hingegen schon völlig aus, wenn man demokratische Grundelemente als atavistisches Relikt pflegt. Ein bisschen den Hornknopf putzen. Sinnvoller wäre es jedoch, man würde sich diese Sozialdemokraten mal vorknöpfen.

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Schicksalhaftes Bundesfatalismusgericht

Freitag, 21. Oktober 2016

Man las nach der Einschränkung des Bundesverfassungsgerichts bezüglich Ceta, dass dies eine Ohrfeige für die Bundesregierung seien. Man könnte jenes Eilverfahren allerdings auch als fatalistischen Vorgeschmack begreifen.

Die Reaktionen der Gegner der geplanten Freihandelsabkommen hatten wohl eher so ein ambivalentes Gefühl nach der Entscheidungverkündung der Verfassungsrichter letzte Woche. Die einen zeigten sich sichtlich enttäuscht und bezeichneten das Karlsruher Gericht als »Handlanger der GroKo und Konzerne« (Kipping), die anderen betonten hingegen das große Aber dahinter, den Umstand also, dass die ganze Angelegenheit nun doch kein Selbstläufer für die Freihandelsgewinnler werden wird. Wahrscheinlich aber drückt das vorübergehende Urteil doch was ganz anderes aus: Den Fatalismus, dem man sich fast programmatisch ausliefert, wenn man solche Abkommen über Gesellschaftsordnungen stülpt. Selbst wenn man bereit ist, sich dem objektiv entgegenzustellen, ein derart komplexes Abkommen ist fatal schon bevor es zur Wirklichkeit wird.

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Die asoziale Ordnung der Dinge

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Es ist nun wahrlich keine Überraschung, dass die Speerspitze des deutschen Konservatismus es asozial findet, wenn eine Belegschaft zum Zwecke des Protests mit kollektiver Krankschreibung reagiert. Denn als offiziell gestreikt wurde, bezeichnete man das ja unter diesen Leuten mehr oder weniger auch schon als einen asozialen Angriff auf die Ordnung der Dinge. Man denke nur an die Lokführerstreiks. Jede Arbeitsniederlegung, egal wie sie vollzogen wird, ob nun legal mit Streik oder mit Tricks durch eine AU-Bescheinigung, halten diese Damen und Herren für unstatthaft und für einen Angriff gegen die soziale Ordnung, weswegen sie auch gerne mal mit dem Label des »Asozialen« belegt werden. Diese konservativen Ordnungshüter empfehlen der Gesellschaft, dass jeder wissen müsse, wo sein Platz im Gemeinwesen sei. Dort soll er bleiben. Schön alle bei der Arbeit bleiben. Egal, wie miserabel sich die Situation dort auch gestaltet.

Gut, ich muss durchaus sagen, dass man so eine Krankschreibungswelle im ersten Augenblick als einen asozialen Akt begreifen kann. Wer selbst schon in Betrieben gearbeitet hat, in denen der Personalnotstand darbt, der weiß, wie sehr ein kranker Kollege reinhaut. Dann verlangt man Mehrarbeit und Flexibilität und die Kollegen sind genervt. Der billigste Sündenbock ist der, der mit Durchfall daheim auf dem Topf sitzt. Wenn man jedoch darüber nachdenkt, schämt man sich zuweilen, so über Kollegen gedacht zu haben. Für Krankheit kann keiner was. Für gezielte Krankschreibung zum Zwecke des Protests schon. Ausbaden müssen es die verbliebenen Kollegen. Nun gut, kann man nun einwenden, auch sie hätten zum Arzt gehen können. Und der Einwand ist ja auch richtig. Aber ich will auf was anderes hinaus, will den TUIflyianern mitnichten die Leviten lesen. Was ich sagen will ist: Natürlich ist das asozial. Na und? Selbstverständlich ist jeder Streik immer auch an anderer Stelle ein Akt des Asozialen, wenn man das Wort dem Wortsinne nach versteht.

Zugreisende warten dann an Bahnsteigen, man kommt nicht zur Arbeit. Das sind Konsequenzen aus Arbeitsniederlegungen. Sie belästigen die Allgemeinheit, stellen eine Handlung gegen die Interessen anderer Mitglieder der Gesellschaft dar. Das hat man den Lokführern damals ja vorgeworfen. Asozial ist, wer das Notwendig unterlässt und so die Nächsten mit hineinzieht. Dieser asoziale Impuls, das ist aber doch genau das, was man erreichen möchte. Was soll denn dieser kleinliche Vorwurf, wenn man solche Aktionen, ob nun legal streikend oder weniger legal krankgeschrieben, als asozialen Akt zu diffamieren versucht?

Natürlich ist es das. Soll es ja auch sein. Einen Akt des Protests oder des Arbeitskampfes möchte ich mal sehen, der sozial abläuft. Wenn nämlich das geschieht, dann schädigt man niemanden, dann kriegt ja auch gar keiner mit, dass da jemand versucht, auf seine Lage aufmerksam zu machen. Asozial also? Na, dann ist doch alles gut. Genau das ist es doch, was man bezwecken will. Wieso zum Henker meint man denn, dass man jemanden, der wie auch immer streikt, mit solchen Vorwürfen treffen könnte? Wenn ich streike und mich will jemand treffen, dann müsste er mir vorwerfen, ich streike zu sozial. Dann wüsste ich, ich bin etwas grundsätzlich falsch angegangen. Natürlich sollen Leute warten, natürlich soll der Betrieb in sich zusammenfallen, sie sollen sich ärgern und merken, wie aufgeschmissen sie sind. Die Kollegen, die nicht mitziehen, ja tut mir leid, wirklich leid für sie, aber wenn es ihnen zu viel wird: Die werden doch auch einen Hausarzt haben, oder nicht?

Das Asoziale ist nicht das Nebenprodukt von Arbeitskämpfen, es ist Kalkül und der Faktor schlechthin. Mit dem Asozialen versucht man das Soziale zu erkämpfen. Antithese schafft These. Wer mit einem asozialen Hergang durchschimmern lässt, dass mit der Einstellung der Arbeit eine Versorgungslücke entsteht, ein wertvoller Beitrag im arbeitsteiligen System plötzlich fehlt, der kann einen sozialen Schub bewirken und verbesserte Sozialstandards erpressen. Dass diese Antithese Thesen schafft, das ist das Prinzip. Wer Soziales will, muss sich manchmal asozial aufführen.

Also, werter Krankenstand bei TUIfly, ihr verhaltet euch asozial! So meinen es die Neocons aus der Hellerhofstraße 2-4 in Frankfurt. Ich teile diese Ansicht gerne mit den dortigen Damen und Herren. Was selten vorkommt. Nur ich meine es als Lob. Wie denn sonst, wenn nicht so? There is no alternative.

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Ertrage die Clowns!

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Das blaue Sofa / Club Bertelsmann
Das war der Ratschlag seines Großvaters an seinen Vater: Ertrage die Clowns! Und sein Vater trug diesen Spruch auf einem Zettel geschrieben stets bei sich. Er machte ihn gar zu seiner Lebensregel. Dieser großväterliche Ratschlag gilt jetzt uns allen. Wir müssen die Clowns ertragen. Speziell Leute wie den Enkel, mit dem wir Zeitgenossen uns gegenwärtig beschäftigen müssen. Er ist nun Mitglied der AfD geworden und setzt sich dafür ein, dass Moscheen geschlossen werden. Über Hitler sagte sein Vater mal, dass der »eine anthropologische Möglichkeit [bleibe], die es immer wieder geben wird«. Nun ist der Sohnemann ja kein Hitler, belegt aber freilich auch, dass es die Möglichkeit solcher Zivilisiertbarbaren durchaus nach wie vor gibt, wenn der Schoss fruchtbar ist, aus dem das kriecht.

Nicolaus Fest ist der Sohn von Joachim Fest. Manche würden sagen: Des großen Joachim Fest. Eine konservative Koryphäe quasi. Man kann von seiner Herkunft und von ihm als Historiker ja halten was man mag, jedenfalls hat er nie so getan, als sei der Hitlerismus ein Unfall der deutschen Geschichte gewesen. Was er mit dem oben genannten Zitat ja nochmals unterstrichen hat. In seiner berühmten Hitler-Biographie beschreibt er die Stimmungen in den Jahren der frühen Weimarer Jahre, die von tiefen (Nachkriegs-)Krisen und Arbeitslosigkeit geprägt waren und in denen sich der Nationalsozialismus als Bewegung festigte, ehe er nach den Jahren der relativen Stabilisierung der Republik die nächsten Krisenjahre nutzte, um sich an die Macht zu machen. Er erzählt von politischen Abenteurer, Esoterikern und Verschwörungsgruppen, vom Messianismus der Rechten, die eines Führers harrten und die Demokratie als Ausdruck von Geschwafel begriffen. Wenn man die Passage liest, man wird ein wenig an unsere Zeit erinnert. Auch heute ist derselbe Menschenschlag mit einer ganz ähnlichen Paranoia da draußen drauf und dran, sich dieser Republik zu bemächtigen.

Eben auch der Sohn des Vaters. Wenn wir hier von ihm sprechen, dann geht es überhaupt nicht um ihn. Nicht direkt. Wer ist schon dieser Nicolaus? Nur weil er der Sohn seines Vaters ist? Eines Vaters, der trotz seiner oft spießigen Haltung und seiner Verachtung für gesellschaftliche Dynamiken, dennoch seine historische Arbeit als Mahnung an die Generationen nach ihm begriff. Man könne es sich halt nicht so einfach machen und behaupten, der braune Spuk sei vorbei. Man müsse verstehen, dass Demokratie wehrhaft sein muss. Das hat ihn dann oft wehleidig werden lassen und so sah er in mancher linken Tour gleich einen »Faschismus von links«, selbst in Filmen von Fassbinder zum Beispiel. Aber Sympathie für Faschisten, das hatte er gewiss nicht. Er ließ Ernst Nolte als Mtiherausgeber der »Frankfurter Allgemeinen« gewähren, teilte aber seine Ansichten nicht. Zurück zum Nicolaus: Der Sohn ist eben nur der Sohn, keine Bekanntheit. Aber es passt eben so schön, dass uns der Vater berichtete, wie die Leute damals tickten und dass diese Beschreibung so fein zum Spross passt.

Seit Jahren schrieb er für die »Bild«. Kulturchef war er dort. Und später gar stellvertretender Chefredakteur der Sonntagsausgabe. Seine Paranoia steigerte sich ständig. Wenn man seine Auswürfe las, hatte man den Eindruck, sie seien wie geheime Kassiber, die unter ständigem Verfolgungswahn getippt werden mussten. Man sah ihn vor sich, wie er zusammenzuckt, wie er sich umdreht, gehetzt seinen Text in die Tastatur klimpert. Es ging gegen die Linken, die einen neuen Bolschewismus planten. Oder halt gegen Muslime, die beabsichtigten, den Bundesadler durch einen Sichelmond zu ersetzen. Arme konnte er auch nicht leiden. Zwei-Klassen-Medizin sein anständig und jeder Versuch von Gleichheit ein Affront gegen die Vernunft. All so was kam von ihm. Er trieb sich selbst mit der Ausmalung seiner Ressentiments zu immer beißenderen Kommentaren. Der angeblich linke Zeitgeist nagte an ihm, die angebliche Muslimisierung raubte ihm den Schlaf, die angebliche Ausbeutung durch den Sozialstaat triezte ihn. Er wähnte sich umstellt. Die Linken, die Moslems, die Linken, die Moslems ... die linken Moslems, dauernd leierte er denselben Quark von der Platte.

In die Partei, in die er jetzt eintrat und die sich selbst als einzige Alternative für dieses Land aufspielt, finden allerlei Leute eine Heimat, die genau wie in Joachim Fests Beschreibung der frühen Weimarer Jahre agieren. Schon witzig, dass nun ausgerechnet sein eigener Sohn einer dieser Leute ist, die er schon vor Jahren beschrieb und die jetzt wieder ein plärrendes Revival feiern. Auch sie sind eben »eine anthropologische Möglichkeit, die es immer wieder geben wird«. Diese Clowns müssen wir ertragen.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 18. Oktober 2016

»Einige Monate später war ich für kurze Zeit Praktikatin in einem renommierten grünlich-gläsernen Gebäude in Deutschlands Medienstadt im Norden. Einem jener Orte dieser Welt, an denen nur die Putzkräfte eine dunkle Hautfarbe haben. Das war bei meinem Studentenjob bei Siemens genauso gewesen. Nicht mal in der Kantine war hinter den Wärmebehältern ein Mensch mit dunklem Teint zu finden. Höchstens wieder in der Spülküche. Unter den Journalisten sah ich bestenfalls ein paar »Quotentürken« oder die »zweite Generation mit Migrationshintergrund«. So viel zur Durchlässigkeit.«

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Keine Sache ostdeutschen Blutes

Montag, 17. Oktober 2016

Sturer Sachse:
Widukind.
Kommen wir doch, mit etwas zeitlichem Abstand, nochmal auf Dresden zurück. Auf den Reinheitstag, den man dort lautstark beging. Warum ausgerechnet die Ostdeutschen, hm? Viele viel klügere Leute als ich haben dazu Thesen verbreitet. Die beliebteste These war aber sinngemäß jene, dass Menschen, die im Sozialismus sozialisiert würden, einfach nie ordentlich entnazifiziert wurden. Im autoritären Osten habe man leider nur einen oberflächlichen Antifaschismus aufgestempelt bekommen. Ja, die DDR habe »die Köpfe der Menschen zerstört«, wie ein Polterer in einer Talkshow geiferte. Der war besonders dumm, aber es waren eben auch Gescheitere dabei. Aber kluge Leute verzapfen halt auch mal Unsinn. Sie tun es eigentlich sogar erstaunlich oft. Wie auch der allseits verehrte Herr Lammert, er erinnerte die Demonstranten von vor zwei Wochen an das Dresden gleich nach der Wende. Der Westen habe sich der Ruinen angenommen und so weiter und so fort. Sieger machen Geschichte und deuten sie aus. Wer aber solche Erklärungsansätze liefert, der verklärt und macht Ursachen unkenntlich. Und es ist wieder mal auffallend, wie die Mandatsträger dieses unseres materialistischen Zeitgeistes, so tun, als könnte man Dresden, Bautzen und Heidenau rein ohne Materialismus erklärbar machen, also ohne die materiellen Grundlagen, die eine halbwegs brauchbare Zufriedenheit zulassen.

Nun möchte ich nicht wie ein dogmatischer Marxist klingen, aber dass das Sein das Bewusstsein ausprägt, das haben ja selbst Kapitalisten irgendwann begriffen. Wer ständig knapsen muss, der hat andere Sorgen als Leute, die finanziell abgesichert sind. Wer Pfandflaschen sammelt, sieht die Welt nicht mit den Augen eines Anlegers. Wem als Niedriglöhner knapp über dem Existenzminimum Rücklagen fehlen, kultiviert eben seine Zahnlücken und nicht das Stückchen Land seiner Wahl. Abgehängte Bewusstseine gibt es in diesem Staat überall. Nicht nur im Osten. Dort aber findet man solche in höherer Konzentration. Und man findet sie dort über einen deutlich längeren Zeitraum genährt. Vor dem Sozialabbau hatten sie ja die Treuhand. Wie es ist, nach und nach Einbußen zu erleiden: Das macht im wesentlichen den Unterschied zwischen West- und Ostdeutschen aus.

Wenn man also von den Ostdeutschen spricht, die momentan ein gestörtes Verhältnis zu dieser Republik haben, dann nicht, weil sie Ostdeutsche sind, sondern weil sie als Bevölkerungsgruppe massiver mit schweren sozialen Einschnitten leben mussten. Mit der kaputten Frauenkirche zu Dresden hat das recht wenig zu tun. Da mag der Bundestagspräsident noch so oft die moralische Siegerkeule schwingen. Nein, es hat massiv mit dieser Berliner Bundesrepublik zu tun, die von Westen aus kommend, den Osten aufrollte und abwickelte und sich dabei die Treuhände rieb, weil es für manchen ein ganz gutes Geschäft war. Mancher kleine Hausbesitzer musste raus aus seiner Immobilie, weil es Westansprüche gab und weil die im Osten erworbenen Güter nicht anerkannt wurden. Vom massiven Arbeitsplatzabbau ganz zu schweigen. So setzte man in einem westlichen Überlegenheitsgefühl seinerzeit geltendes Ostrecht außer Kraft und gleich noch den sozialen Frieden fahrlässig aufs Spiel. Und wenn wir nun so tun, als sei die aktuelle Republikfeindlichkeit so ein Ding des Augenblicks, dann sollte man sich schon mal bewusst machen, wann die Grundhaltung zu dieser Ablehnung denn tatsächlich erwirkt wurde.

Eine andere These habe ich irgendwo in einem Clip gesehen. Da behauptete ein Soziologe, dass die Sachsen halt stets ein aufmüpfiges Volk gewesen seien. Er kam nicht mit Widukind um die Ecke. Ich hatte aber darauf gewartet, denn das Konstrukt seiner Erklärung war darauf angelegt, die Sachsen zu einem Rebellenvolk zu machen, das nun seit vierzig Generationen oder mehr hitzig gewesen sei. Stattdessen war er der Ansicht, dass der Stolz auf die friedliche Revolution, die zur Wende führte, immer noch im Sachsen stecke, weswegen er - irrationalerweise, wie der Soziologe betonte - jetzt einfach weitermache. Da fragte ich mich sofort, vor allem im Hinblick auf diverse Ergebnisse bei Landtagswahlen, ob wohl eher Mecklenburger oder Vorpommern sächsische Wurzeln haben. Der Sachse schnackselt halt gerne. Vor allem an der Ostsee.

Ob jetzt Lammert oder dieser Soziologe: Hier liegt ein Irrtum vor, der sich mit jeder neuerlichen Wiederholung nur selbstbestätigt und so zu einer allgemeinen Wahrheit ganz ohne Wahrheitskern wird. Die ganze Angelegenheit ist doch keine Sache ostdeutschen Blutes. Diese Leute hassen doch nicht so, weil sie Ossis sind. Nicht weil sie Widukinds Erben sind oder weil sie bei den jungen Pionieren waren. Wer das so versucht begreifbar zu machen, der kriegt es nicht zu greifen. Das sind mehr oder weniger hegelianische Kopfgeburten, die bekanntlich erst Marx auf die Füße bugsierte und auf eine materielle Grundlage stellte. Es ist der skandalöse Versuch aus der sozialen Frage eine »ethnische« Frage, eine Herkunftsfrage zu machen. Ein Scheingefecht, um sich der Abgehängten nicht kümmern zu müssen.

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Ein Beitrag zum Unglück der Welt

Freitag, 14. Oktober 2016

Quelle: Jule Rouard - Luc Viatour
Unangemessene Sprache. Wenn mich jemand fragen würde, woran es so richtig hapert heutzutage, dann würde ich sagen, es hapert unter anderem an der Sprache. Daran, dass sie zuweilen so unangemessen benutzt wird. Mich fragt aber keiner, deswegen schreibe ich es hier. Über die unangemessene Sprache rechts drüben müssen wir nicht diskutieren. Dahinter ist alles unangemessen. Das Weltbild, die Absicht, die Umsetzungsvorhaben. Da ist Sprache nur die akustische Syntax, eine verbale Fotographie. Sie ist insofern nicht unangemessen, sondern dem gesamten Agens angemessen. Ich meine die unangemessene Sprache bei Dingen, hinter denen eine gute Absicht steht. Was mir dabei beispielsweise immer wieder begegnet, das ist das Konzentrationslager, das Hartz IV angeblich ist. Bei aller Symapathie mit denen, die Hartz IV den Kampf angesagt haben, aber das ist unangemessen. Und das sage ich nicht aufgrund moralischer Bedenken. Sondern aus praktischer.

Natürlich verbittert es einen, wenn er in Hartz IV steckt. Ich habe das ja selbst lange genug erlebt. Die Welt in Hartz IV sieht anders aus als draußen. Und wer am Arbeitsmarkt einen windigen Job ohne Rechte innehat, der strahlt auch nicht vor Freude, kommt sich vor wie ein Sklave. Das ist auch so ein unangemessener Terminus, der mit oft begegnet. Also dass wir alle Sklaven seien. Es ist nicht so, dass ich diese sprachlichen Unangemessenheiten nicht auch schon verwendet hätte. Ich habe sie ja sogar niedergeschrieben. Wenn der Arbeitsvermittler zweimal klingelt, dann entsteht schon ein wenig das Gefühl, dass man da interniert ist, von einem Schergen mit verstecktem Totenschädel auf der Kappe drangsaliert wird. Es ist ja auch Unrecht, was da geschieht. Aber nicht jedes Unrecht ist gleich das Unrecht, dass sich seinerzeit ereignete. Da müsste man differenzieren. Was schwer ist, wenn man in der Abwärtsspirale dieses Systems steckt.

Ich hege da nun keine Bedenken, weil der Vergleich mit dem Konzentrationslager vielleicht den Holocaust verhöhnt oder sogar entwertet. Vergleiche sind völlig in Ordnung. Was mich daran stört ist nicht die Moral. Die kommt eh erst nach dem Fressen. Was stört, das ist, dass solche Vergleiche unpraktisch sind. Ja, dass sie hemmend und kontraproduktiv wirken. Sie stossen Menschen, die außenstehend sind und die vielleicht ein wenig Verständnis erübrigen könnten, ab. Wahrscheinlich auch nicht, weil sie Moralisten sind. Sondern weil eine Aussage, wie jene, man würde in ein Konzentrationslager Gesteckter sein, irgendwie dramatisch und auch übertrieben wirken. Oh, nein, für einen, der das erlebt, ist das nicht übertrieben. Für Betrachter aber unter Umständen schon. Es irritiert sie. Sie ahnen eventuell schon, dass Hartz IV ein schweres Los mit viel kalkulierter Ungerechtigkeit ist, dass das Gerede von fehlender Leistungsbereitschaft und Faulheit nicht stimmt. (Mittlerweile haben das viele Menschen kapiert.) Aber die dramatische Einschätzung, ja, die dramatistische Einschätzung überhaupt, die halten sie nicht für deckungsgleich und für überzogen.

Auch so mit der sklavischen Einschätzung, die ich oben schon angerissen habe. Niedriglöhnern und geringfügig Beschäftigten mangelt es in der Praxis sehr häufig an gleicher Behandlung, an Rechten und Standards. Man enthält ihnen bezahlten Urlaub vor oder verlangt ihnen die totale Mobilmachung ab, das heißt: Flexibilität und Mobilität. Das mit der totalen Mobilmachung, das finde ich als Begriff angemessener. Den Sklaven aber nicht. In diesem Falle ebenfalls nicht, weil man damit richtige Sklaven in Indien oder wer weiß wo verspotten würde, sondern aus einem anderen Grund. Denn der Sklave als Einschätzung der (eigenen) Lage verurteilt zur Tatenlosigkeit, zeigt einen ungesunden Fatalismus an. Nun, ich gestehe, auch ich habe das schon behauptet. Heute würde ich das nicht mehr so handhaben. Nicht mehr so schreiben. Umgangssprachlich ist das wieder was anderes. Wenn ich jemanden von meiner Lage auf Arbeit berichte und eröffne ihm, dass ich Sklave sei, dann guckt er doch bloß irritiert und hält mit für jemanden, der unsachlich ist, der sich in Polemik übt.

So jedenfalls habe ich es sehr oft erlebt, wenn ich über skandalöse Gegebenheiten mit Ungestüm und Leidenschaft sprach. So ködert man die Leute nicht für seine Sache. Wenn heute Plattformen wider Hartz IV mit Lagervergleichen kommen - und das kommt in den Weiten des Netzes vor -, dann trauere ich der vergebenen Möglichkeit nach, doch jemanden damit erreichen zu können. Je dramatischer die Beschreibung, so meine Erfahrung, desto eher winken die Leute ab und sagen: Unsachlich, kann man nicht glauben, so schlimm wird es schon nicht sein. Und so schlimm ist es ja auch nicht. Ein Konzentrationslager bedeutete ja auch Fetzen am Leib, kaum Essen, Schläge, Vernichtung durch Arbeit. Das passt mit Hartz IV nun nicht ganz zusammen.

»Wer die Dinge beim falschen Namen nennt«, so glaubte Albert Camus, »trägt zum Unglück der Welt bei.« Das Zitat liest man gelegentlich, wenn Mächtige die offizielle Sprache euphemisieren. Wenn sie zum Beispiel von Kollateralschäden sprechen und damit verschleiern, dass es um tote Familienväter, -mütter, Kinder, Großeltern geht. Wer sprachlich nicht erfasst, was geschieht, der macht in Sachen Unglück. Aber der Spruch ist auch treffend für all jene, die als Betroffene unangemessene Sprache einsetzen. Wer die Dinge beim falschen Namen nennt oder sagen wir es so: Wer die Dinge mit den falschen Namen vergleicht, der trägt zum eigenen Unglück und zum Unglück seiner Weggenossen bei.

Vor einiger Zeit hat Slavoj Zizek das Phänomen Pokémon-Go philosophisch erfassen wollen. In seinem Aufsatz verglich er, vereinfacht gesagt, die Jäger solcher Pokémons mit den Häschern, die die Juden verfolgten. Er fand das vielleicht originell und hat da Übereinstimmungen gesehen. Aber nicht jede Hasenjagd ist eine Shoa. Das war wieder mal so eine vergebene Chance. Die rationaleren Leute winkten ab und hießen ihn einen Spinner, der übertreibt. Die anderen verglichen ihn mit einem Nazi und waren auch nicht besser als der Verfasser der Pokémon-Kritik. Wer nicht angemessen spricht, der disqualifiziert sich. Wenn das ein Philosoph tut, scheißegal, sein nächster Text kommt bestimmt. Wenn es die Ärmsten der Gesellschaft tun - wieviele Chancen haben sie, um zu sensibilisieren und Verständnis zu erlangen?

Auch wenn es schwer ist, mit sachlicher, nüchterner und nicht zu emotionalisierender Sprache erreicht man die Menschen leichter. Was nicht heißt, dass es dann ein Leichtes würde, die Situation zu verändern. Das wäre mein Ratschlag. Eine Sprachwahl der Unangemessenheit jedenfalls, die ist ein bisschen wie ein Konzentrationslager, in das man sich steckt. Trefflicher wäre aber der Vergleich mit der Isolationshaft.

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Frauke Wagenknecht? Sahra Petry?

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Wer die Linke wählt, der könnte auch die AfD wählen. Schließlich sei das die »Achse der Extreme«. Rinks, lechts, alles einerlei? So hätten es manche Qualitätsmedien wohl gerne. Nicht erst seit Wagenknechts Termin mit Petry.

Links und rechts, das war mal, ist veraltet. Besser noch: Es ist eigentlich dasselbe. Massentauglich wurde diese Einschätzung, als immer montags Leute zur Friedensdemo aufbrachen und in deren Umfeld sich politisch suspekte Personen einstellten. Selbst der Initiator der Montagsmahnwachen hielt links und rechts für überkommen – und darüber hinaus für verkommen. Nennenswerte Unterschiede zwischen den Richtungen wollte er nicht feststellen. Diverse Bundesregierungen leisteten gute Vorarbeit, über Jahre hinweg setzten sie rechten Terror mit linken Sachbeschädigungen gleich und taten so, als sei Extremismus, ganz gleich woher stammend, immer dieselbe Chose. Und so war es letztlich folgerichtig, dass Pegida auch zu dieser Haltung kommen musste. Besorgte Bürger äußern sich von jeher in dieser Form und brüllen was von »Lechts und Rinks« in die Mikros und man müsse diese ollen Kategorien überwinden, betonen aber gleichzeitig, dass sie bestimmt keine Rechten seien. Versprochen! Sie können halt nur die »grün-rot versiffte Politik« (Pirinçci) im Lande nicht leiden.

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Höhere Moral und niedere Instinkte

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Die Alternative für Deutschland ist tatsächlich eine. Ganz sicher nicht für Deutschland grundsätzlich. Aber doch für die konservativen Medien. Anhand der AfD können sie sich nämlich als anständige Bürger hervortun, die die Vorstellungen dieser Partei ablehnen. Wie genau das geht, das hat neulich eine gewisse Frau Horn in der »Bildzeitung« erklärt. Sage noch einer, man könne durch dieses Blatt keine Erkenntnisse erzielen, würde bei der Lektüre nichts lernen. Doch - kann man! Wie das Theater oftmals nur mit billigen Emotionen spielt, das erkennt man in ganzer Peinlichkeit meistens nur in billigen Schmierenstücken. In großen Schauspielhäusern kaschiert man das hinter großer Kunst und es wird schwierig die Gefühlsmanipulation zu wittern. Und so ähnluch ist es bei jener Postille. Wer wissen möchte, welche Kniffe gerade aktuell sind, der muss das Schmierenstück anschauen, die »Bild« aufblättern. Bei den Großen ist es schwieriger zu erkennen, wohin man den Leser lotst. Es inszenierte also Frau Horn, die uns gleich in der ersten Zeile mitteilte, dass wir uns noch mal schämen würden.

Wegen der AfD. Natürlich, wegen wem sonst! Wegen Griechenland doch nicht. Denn es ist die AfD, die erstarkt, während wir hier im Paradies lebten. Wir haben sogar die  »Wiedervereinigung gewuppt«, hätten eine »stabile Wirtschaft, um die uns die Welt beneidet, plus funktionierenden Sozialstaat«. Also alles gut und trotzem formiert sich die AfD. Welch Rätsel. Aber sie tut es natürlich, weil das beschriebene Szenario eben nicht stimmt. Gewuppt haben wir nur den Sozialabbau und stabil ist nur die Perspektivlosigkeit. Dieser neue rechte Trend, dessen parteipolitisches Kind jene Alternative ist, wäre ohne die Sozialpolitik der letzten zwanzig Jahre gar nicht denkbar. Aber nun gut, warum sollte jemand in jenem Blättchen ausgerechnet jetzt mit einer Aufzählung der Fehler beginnen, die Kahlschläge abkanzeln? Dort wollte man sie ja immer noch schärfer als sie ohnehin gedacht waren, diese Agenda-Reformen. Und übrigens, man provozierte unter anderem auch bei der »Bild« vor vielen Jahren in Richtung einer neuen konservativen Partei. Einer Rechtspartei. Komme sie nun, komme sie nicht? Merz, Sarrazin, Henkel? Geht das was? Nun, da habt ihr sie! Auch ohne die Genannten.

Ja, wir werden uns was schämen müssen, behauptete nun die Frau. Kann sein, kann auch nicht sein. Über die Zukunft weiß man so wenig. Möglich, dass die AfD 2025 schon vergessen ist. Die Leute vergessen ja auch so verdammt schnell. Die digitale Demenz hat auch ihr Gutes, wenn man in zehn Jahren fragen wird, wer Herr Höcke war, dann wird man mal wieder erkennen: Alles hat sein Für und Wider. Doch dieses gedankenschwangere Gerede von einer uns peinlichen Vergangenheit, ich muss wirklich mal sagen, das ist mir zu seicht-pathetisch. Was will man mit so einem Zeigefinger in der Gegenwart denn erlangen? Glaubt man echt, mit so einem futuristischen Moralaspekt könnte man die Dynamiken des Augenblicks auch nur ausbremsen? Das ist pastoral, nicht journalistisch. Und selbst Geistliche mit Weitblick wissen wohl, dass sie heute mit der erwähnten Zukunft nicht mehr in der Gegenwart ethisch punkten können.

Wie dem auch sei, was die Verfasserin ans Ende ihrer Ausführungen setzt, das zeigt, die Masche, für die die AfD richtig praktisch ist in diesen Tagen. Sie schreibt nämlich, dass ihr schlecht würde, wenn sie sich ausmalt, was sie mal ihren Nachfahren gestehen muss, nämlich »dass wir andere Themen hatten«. Sexismus und das ein Generalsekretär mal Arschloch gesagt habe. »Und ob Freihandel mit Amerika okay ist.« Soso, wer heute also gegen TTIP und Ceta ist, der ist damit automatisch ein Ignorant gegenüber dem Rechtsruck und fördert deren Positionen? Wie dienlich da die AfD doch wird; man kann sie immer als Priorität angeben und alle anderen Sujets unterordnen. Jedenfalls findet Frau Horn, dass es so sein sollte. Wobei noch anzumerken ist, dass dieses angebliche nichtige Thema zur Kritik am Freihandel natürlich wieder mal völlig falsch wiedergegeben wurde. Eine breite Mehrheit der Bevölkerung kritisiert ja das Freihandelsabkommen, also die Modalitäten des Freihandels, nicht jedoch den Freihandel mit den USA an sich.

Und noch was sollte man anmerken. Die Frau kritisiert unter anderem, dass es nicht täglich Mahnwachen vor der syrischen und der russischen Botschaft gab. Wegen Empathie mit syrischen Bürgerkriegsopfern und Flüchtlingen gewissermaßen. Wer aber gleichzeitig so tut, als seien internationale Freihandelsabkommen nur kleine Themen, die man den Neonazis unterordnen müsste, der hat wirklich überhaupt keinen Schimmer davon, wie die Dynamiken dieser Weltordnung greifen. Es waren unter anderem solche Abkommen mit ihrer dogmatischen Freihandelsdoktrin, die Länder mit schwachen wirtschaftlichen Strukturen durch das Aufbrechen so genannter tarifärer Handelshemmnisse noch mehr in die Armut stürzten und so Flucht begünstigten und zur Fluchtursache wurden. Die gewollte Freihandelszone zwischen den USA und der EU wird Verlierer verursachen. Nicht nur innerhalb des Abkommens, sondern auch außerhalb. Das hat sogar das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung irgendwie spitz gekriegt und daraufhin eine Studie veranlasst. »Es kann nicht sein, dass wir die dortigen Märkte schwächen, um dann wiederum Aufbau- und Entwicklungshilfe zu leisten«, merkte Bundesentwicklungsminister Müller seinerzeit an.

Nur so viel dazu, um mal inhaltlich aufzuräumen. Aber was viel mehr hängenbleiben sollte: Die AfD ist für die konservative Presse etwas, was man fast erfinden müsste, wenn es sie nicht schon gäbe. Es gibt sie aber. Auch mit freundlicher Unterstützung konservativer Pionierarbeit in Sachen politischer und wirtschaftlicher Deutungshoheit. Man kann nun die AfD vorschieben, sie zum großen Thema machen und alle anderen Felder rechts liegen lassen, sie zu Nichtigkeiten erklären, die man jetzt im Zuge des Kampfes gegen den Neonazismus mal ruhen lassen sollte. Sie dient als höhere Moral, um die niederen Instinkte der wirtschaftsnahen Presse zu befriedigen. Ganz schön link, diese Masche. Und weil wir schon von Link sprechen: Den zu dem Text von Frau Horn, sucht ihn euch bitte selbst, denn jeder Link, den man dorthin ermöglicht, ist ein Beitrag zur Verschlechterung der Welt. Jeder von uns macht genug Schlechtes, wir sind eben alle Mittäter. Aber manches kann man unterlassen.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 11. Oktober 2016

»Als ich ein Kind war, betete ich jeden Abend Gott möge mir ein Fahrrad schenken. Dann verstand ich, dass Gott so nicht arbeitet, also stahl ich mir ein Fahrrad und betete für Vergebung.«

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Die Schreie der Armen sind nicht immer gerecht

Montag, 10. Oktober 2016

Nun kann man über Antje Hermenau denken was man will. Man muss sie nicht mal kennen. Einen »Totalabsturz« hat sie indes vermutlich aber nicht erlitten. Das haben der Ex-Grünen allerdings einige unterstellt, weil sie sich mit Bürgerinnen und Bürger traf, die sich in der AfD »engagieren« - die taz berichtete. Mit denen redet man nicht, heißt es zuweilen. Habe mich auch schon ertappt, dass ich so dachte und handelte. Letztens erst im Bus, als ein Teenager mit einer verhärmten Alten stritt, weil die laut und deutlich ihrer AfD-Begeisterung frönte. Ich sagte dem Jungen, das bringe nichts, sie sei ihm geistig nicht gewachsen und machte es mir und ihm so recht einfach. Nun gut, im Bus ist auch ein denkbar ungünstiger Ort für solche Dialoge. Aber wenn man ehrlich ist: Natürlich muss man mit diesen Leuten sprechen. Das ist zuweilen unappetitlich. Doch welche Optionen gibt es denn? Über das Phänomen rechtsverrückter Bürger mosert man jetzt im (eher) linken Spektrum seit mehr als einem Jahr. Schmähung, Maulkörbe all so was gibt es von dort als Ratschlag. Wenn das die Lage entspannt, sagt mir Bescheid, dann mache ich auch mit.

Hermenau tat doch im Grunde das Richtige. Man kann über die Modalitäten sprechen, darüber ob man nun an einem Stammtisch dieser Leute sitzen möchte oder nicht. Aber den Dialog zu suchen, daran führt doch aus der linken Perspektive betrachtet gar kein Weg vorbei. Die Basis dieser Partei gibt doch immer wieder an, sich übergangen und abgehängt zu fühlen. Wenn man sie jetzt politisch bekämpft, indem man dieses Anti-Verhalten einfach verschärft, kriegen wir die irrationalen Ängste und teils durchaus berechtigten Sorgen dieser Leute doch niemals mehr in den Griff. So schweißt man sie nur noch mehr an diesen neuparteilichen Wahnsinn.

Rechtsruck nennen das nicht wenige, wenn Politiker aus (eher) linken Parteien nicht über die Argumente der AfD-Wählerschaft hinweggehen. Sarah Wagenknecht hat sich dafür eine Torte im Gesicht eingehandelt. Ein kindlicher Spaß, für den es aber vermessenen Applaus gab. Wahrscheinlich gibt es bald wieder Kuchen von dekadenten Kindern, die mit Essen werfen, wo andere sparen müssen und das dann eine linke Maßnahme nennen. Nach ihrem Gespräch mit Frauke Petry ist das ganz sicher vorprogrammiert. Jemand aus der Linken sollte bloß nicht auf die Idee kommen, vermeintliche AfD-Themen anzufassen. Das ist die Botschaft hinter solchen Torten. Man musste ihrem Rechtsruck doch schließlich Einhalt gebieten. Bestimmten Leuten, auch in ihrer Partei, wäre es lieber, wenn man die AfD kontaktlos bekämpfte, wenn man so täte, als gäbe es dieses Phänomen und die Gründe ihrer Existenz gar nicht. Mit Scheuklappen weiter so. Jede Richtung scheint irgendwo sein ganz eigenes »Weiter so!« zu haben. Man braucht keine Rautenträgerin im Hosenanzug um eine solche Parole ganz individuell zu interpretieren.

Wer zuhört, so muss man das mal klar und deutlich sagen, der bekämpft die AfD von links. Manches von dem, was man da zu hören bekommt, das ist freilich Unfug, so wie der Quatsch, den dieser Besoffene dem Bautzener Bürgermeister verklickert hat, irgendwas von »Negern«, die »schon als Achtjährige mit Speeren auf Löwen« zulaufen würden und die nun »deine Angela Merkel bei uns reinlässt«. Aber man wird auch halbwegs Nachvollziehbares zu hören bekommen, vielleicht nicht immer vernünftig, wahrscheinlich einseitig vorinformiert, aber eben nicht ganz falsch. Sich von links hinstellen und Flüchtlinge willkommen heißen, das mag eine nette Geste sein, aber politische Realismus ist das nicht. Klar können die sozialen Netze keinen grenzenlosen Zuzug stemmen. Was aber ohnehin ja kein Thema mehr ist, der Flüchtlingsstrom ist versiegt. Es wird ja wieder verstärkt ertrunken. Oder dann so Sätze wie »Wir sind so eine reiche Gesellschaft, da können wir gerne mal mit Flüchtlingen teilen« - das ist doch für viele der Abgehängten der Austeritätpolitik im Inneren ein unerträglicher Hohn, kein Wunder, dass die mit der Wahl einer Partei protestieren, die sich ganz bewusst als Protestpartei aufstellt und mit provokanten Einwürfen kokettiert. Dass die so unsozial weitersparen will, wie die etablierten Parteien, merkt diese Leute gar nicht - oder eben erst zu spät.

»Die Schreie der Armen sind nicht immer gerecht, aber wenn wir nicht auf sie hören, werden wir nie wissen, was Gerechtigkeit ist«, hat der US-amerikanische Historiker Howard Zinn mal im Vorwort seiner »Geschichte des amerikanischen Volkes« geschrieben. Er zitierte sinngemäß einen Professor, der ihn in jungen Jahren begleitet hatte. Diesen Satz sollten sich die Progressiven auf die Fahnen schreiben. Wer nicht zuhört, der ist nicht gerecht und auch nicht an einer Wiederherstellung von Gerechtigkeit interessiert. Verständnis für AfD-Wähler muss man ja nicht haben, aber Verstehenwollen wie sie dazu werden, das ist guter und richtiger Ansatz. Man muss die Faschisten ja nicht gleich küssen, wenn man sie trifft. Und wenn man dann Probleme anspricht, die es ja durchaus mit Flüchtlingen gibt, dann ist das kein Rechtsruck, kein Sichtreibenlassen von den Rechten, sondern eine Sache der Gerechtigkeit.

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Land der abgedrehten Möglichkeiten

Freitag, 7. Oktober 2016

Quelle: Wowohiha
Sag noch einer, die Deutschen seien total verblödet. Sind sie eben nicht. Man kann ihnen halt doch nicht alles Mögliche vormachen. Neulich, da hat so ein dämliches Satireding, so eine Trittbrettfahrerseite, die meint, sie könnte vom Erfolg des »Postillons« profitieren ... nun ja, da hat also so eine Seite vermeldet, dass Egon Krenz heißer Anwärter auf den Posten des Bundespräsidenten sei. Ich meine, der Mann hat bewiesen, dass er einer Untergangsgesellschaft vorstehen kann. Wieso also nicht? Einer, der diese Meldung bei Facebook geteilt hatte, erntete natürlich Kommentare. In denen fand sich Entwarnung, die Leute sind gar nicht so doof. Sie haben es gleich durchschaut. »Das ist doch nur Satire, oder nicht?«, sagten sie; »Spaß, oder?« meinten die Wortkargen. Die Deutschen, Dichter und Denker mögen sie nicht mehr sein. Aber ein bisschen Grips unter ihren Meningen haben sie schon noch. Oder?

Denn es war dieses Oder, das drei von fünf Kommentatoren am Ende ihrer Sätze anbrachten, das mir sagte: Na, so ganz sicher sind die sich alle nicht. Dieses Oder, das auch noch mit einem Fragezeichen ausstaffiert wurde. Nun bin ich fast davon überzeugt, dass diese Leute nicht alle aus dem englischen Sprachraum stammen, wo es zur Unterstreichung eines Satzes alter Brauch ist, eine Bejahung zu verneinen oder andersherum. Question Tags nennt man das in der Grammatik, aren't they? Aber wie gesagt, das haben diese Leute nicht aus Anglophilie getan. Das war Verunsicherung. Man ist zwar weiterhin nicht so dumm, jeden Unfug für eine potenzielle Realität zu halten. Aber ganz sicher, nun ja, kann man sich das heute noch sein?

Da schwingt trotz gemimter Souveränität Unsicherheit bei manchem mit. Und wieso auch nicht, ich meine, was haben wir in den letzten Jahren für einen Wahnsinn erlebt! Schwarzgeldempfänger wurden Minister, die Sozialdemokratie wechselte den Namen und das ganze Personal - Frau Kipping steht ihr jetzt vor -, ein Räuberbaron ist US-Präsidentschaftskandidat, isn't he? - und ein recht durchschnittlich begabter Pastor wickelte sich jetzt fünf Jahre lang sein Beffchen im Amtssitz des Bundespräsidenten. Kurz und schlecht, eigentlich ist nichts so ganz sicher, alles kann, nichts muss, vieles wird trotzdem. In den letzten Jahren sind Dinge geschehen, die man sich zuvor nicht mal imaginieren konnte. Dass man sich zum Beispiel zwischen 1998 und 2005 nach dem Kabinett Kohl zurücksehnte, weil man dessen soziales Profil und Gewissen so schätzte - unvorstellbar vorher. Oder die Stasi, die wurde als Stümpertruppe enttarnt, als ein aufgeblähter Apparat voller Trottel, die alle miteinander nicht leisten vermochten, was ein NSA-Angestellter mit drei Tastenklicks bei einem Schluck Kaffee erledigt. Über letztere schweigt man mittlerweile, die Stasi-Zentrale hat man für weniger gestürmt.

Man muss schon sagen, Egon Krenz als Bundespräsident, das ist dick aufgetragen, eine Spur zu hoch. Bundespräsidenten sind ja meist alte Knaben. Aber irgendwie strahlen die immer noch einen Funken Agilität aus, zumindest wissen es die Medien so darzustellen. Bei Krenz funkt es ganz sicher nicht mehr. Weil wir schon dabei sind, den jetzigen sieht man auch immer seltener. Na eben, der packt das nicht mehr und der ist noch drei Jahre jünger als sein ehemaliger Chef. Und dennoch, irgendwo ganz hinten im Kopf, dort wo man eins und eins addiert, da gibt es diesen Faktor, der einen zweifeln lässt. In dieser verrückten Zeit, da kann sogar an so einer Meldung ein bisschen was dran sein. Man ahnt zwar, es ist Satire, aber satirisch ist ja heute auch die schnöde Wirklichkeit. Satireformate erklären einem zum Beispiel Politik und werden zur Anstalt der Aufklärung und Nachrichten formen satirische Meldungen, um gewissen Interessen liebesdienerisch entgegenzukommen. Da bleibt immer so ein Rest an Es-könnt-ja-sein-Empfinden, da kann man noch so vernunftbegabt sein, ehe man sich versieht, setzen sie dir einen senilen Staatsratsvorsitzenden vor die Nase und sagen »Herr Präsident« zu ihm.

Wir sind echt zu einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten geworden. Mit Abstrichen natürlich. Wenn einer in der Patsche hockt, weil er keinen Job mehr findet, dann hat er sehr begrenzte Mittel und Möglichkeiten. Aber der Wahnsinn, der hat wirklich alle Chancen. Und er macht rege davon Gebrauch. An dieses Label unbegrenzter Möglichkeiten haben wir uns so sehr gewöhnt, dass wir selbst im Augenblick, da wir mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und wissen, »Nee, kann nich sein!«, immer noch mit uns ringen und kurze Nachfragen als Nebensätze hintansetzen. Vielleicht bestätigt ja einer, dass nicht sein kann, was eigentlich nicht sein kann. Dass man nicht spinnt, dass alles noch wenigstens einigermaßen kalkulierbar ist.

Noch merken wir, wenn was total hanebüchen ist. Haben ein gutes Gespür dafür. Sind nicht ganz verblödet durch die Entbildungsangebote da draußen. Ich bin überhaupt dafür, dass es Bundespräsident Stoiber mit der Bildung als großes, als zentrales Thema seiner Präsidentschaft versuchen sollte, ähm, mit ähm, weil das ja klar ist ... ähm ... da ludert die Flut, da gludert der Lot. Stoiber in Bellevue? Nee, oder? Das ist ein abgeschmackter Witz des Autors hier, oder nicht? Nun ja, die Christsozialen liebäugeln jedenfalls mit der Option. Sie lieben dieses Land der abgedrehten Möglichkeiten, don't they?

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Abschottung, ein gutes Stichwort

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Konstruktive Kritik ist natürlich immer erwünscht. Heißt es zumindest oft. In ökonomischen Fragen formt man Konstruktivität hingegen nicht selten systematisch zur Destruktivität, um sich der Kritiker zu entledigen.

Deutsche Institute klärten mal wieder auf. Brachten Licht ins Dunkle. Wenn die beiden Freihandelsabkommen nicht kommen, so erklärten das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, das ifo-Institut, das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und das Kieler Institut für Weltwirtschaft kürzlich in einer Gemeinschaftsdiagnose, dann würde die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands aufs Spiel gesetzt. Denn – und jetzt kommts! - Abschottung sei keine Alternative zur weltwirtschaftlichen Integration. Diese Mentalität zur Abschottung unterstellten die vier Denkfabriken den Gegendemonstranten, die TTIP und Ceta nicht wortlos hinnehmen wollen. Die würden dem Isolationismus nämlich neuen Auftrieb geben. Eine Exportnation wie Deutschland könne diese Haltung freilich nicht gebrauchen. Protektionismus sei keine Alternative zum Freihandel.

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In der Bildungsdefensive

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Wer will, der kann wissen. Meinte ein gewisser Ralph Bollmann vor einigen Tagen. Er spielte auf eine Oxfam-Studie an, in der es hieß, dass die Deutschen die Fortschritte in der globalen Armutsbekämpfung unterschätzen würden und weiterhin Vorurteile diesbezüglich hätten. Nun gut, Oxfam behauptet allerdings auch weiterhin, dass ein Prozent so viel besitzt, wie der Rest der Menschheit. Welche Fortschritte könnte man mit einer gerechteren Verteilung erst erwirken! Davon wusste Bollmann nichts. Und lassen wir überhaupt mal die Motive von Oxfam außer Acht. Es könnte ja sein, dass Oxfam den Menschen in den Industriegesellschaft belegen muss, dass es sich auch weiterhin lohnt ... wie gesagt, lassen wir das. Reden wir lieber weiter über Bollmann und was er noch behauptete - nämlich: Man könnte wissen, wenn man wollte. Die AfD könnte sich beispielsweise über Flüchtlingspolitik schlau machen und die TTIP-Gegner über Handelspolitik. Überall nur Vorurteile, dabei gäbe es ganz andere Erkenntnisse. Wieder mal vermengt einer von der FAZ diese beiden Gruppen. Scheint ein beliebter Konservativensport zu werden. Und wie könnte man eigentlich wissen, wenn man nur wollte? Bollmann: Es steht doch alles im Internet. Nie war es einfacher sich zu bilden!

Offenkundig hat der Mann Absichten. Er will Menschen diskreditieren, die nicht seiner fundierten Meinung sind. Sie könnten auf seinem Level sein, verweigern aber bewusst Fakten. Was er nebenher ausbreitet ist das Bildungsideal, das uns Leute seiner politischen Färbung nach und nach eingebrockt haben. Denn was er den Menschen im Land ans Herz legen will, gilt ja im kleineren Maßstab auch für Schüler. Mit denen macht man es doch ganz ähnlich. Man lässt sie alleine mit möglichen Informationen. Ist ja keiner mehr da. Lehrerstellen werden nicht besetzt, die Klassen sind groß, die Schüler allein in der Masse. Man kürzt an allen Ecken die Gelder, das schulische Personal brennt mental aus, Burnout als Berufsrisiko - mit so einem Risiko ist wiederum keiner alleine im Lande! -, aber man sagt den Eltern: »Ihre Kind könnte wissen, wenn es wollte. Können Sie sich Nachhilfe leisten? Nein? Oh ... schade eigentlich.« So läuft das posthumanistische Bildungsideal ab, da hast du einen Text, kannst ihn dir ja durchlesen, dann weißt du wieder ein bisschen mehr. Eigenverantwortung halt. Vermittlung ist da nicht mehr; es ist das Gegenteil davon, es ist genau die Attitüde, die Bollmann an den Tag legt. Da lies und weiß und wenn du es nicht liest: Hey, du hattest deine Chance ...

Nie war es so einfach sich zu bilden. Das hat der wirklich wörtlich so geschrieben. Hat der Mann auch nur einen blassen Schimmer, was Bildung bedeutet und wie sie Früchte abwirft? Informationen sind nicht gleich Wissen. Dass es im Internet Wissensangebote gibt, das ist ja eine gute, gar nicht zu unterschätzende Entwicklung. Wenn man jetzt noch die tägliche Verblödungsmaschinerie abstellen würde ... Infos im Net, das bedeutet mitnichten, dass die Bildungsrepublik eigentlich Realität ist, man müsste sich bloß aufrappeln. Bildung bedeutet Anleitung, Erklärung, Vermittlung, Dialog und im Optimalfall sogar Begeisterung. Begriffe, die im schulischen Alltag wegrationalisiert werden. Wenn man allerdings begeistert, dann machen Bildungshungrige vielleicht auch noch was im Alleingang hinterher. Dazu kommt, dass Studien keine Bildungsgrundlagen sind, wie Bollmann das darlegt. Studien sind zunächst nur Studien, man muss wissen, wer sie wofür und wie erhebt. Das muss man bei einem Aufsatz eines Historikers freilich auch in Erfahrung bringen. Besser ist das, denn dessen politische Haltung prägt ja das Geschichtsbild, das er vermittelt. Wer sich allerdings nur Studienergebnisse aneignet, der ist doch nicht gleich ein Bildungsbürger. Zur Bildung gehört dann doch ein bisschen mehr.

Ganztagsschulen sind ja in vielen Gegenden stark ausgebaut worden. Arbeitende Eltern sollten beruhigt werden, indem sie wissen, dass ihre Schützlinge in der Schule aufgehoben sind. Tatsächlich sind die nachmittäglichen Betreuungsangebote oft nichts weiter, als schlecht organisierte Aufbewahrungsstätten für Kinder, die noch nicht nach Hause sollen. Schulische Förderung findet kaum statt. Manchmal sitzt ein Lehrer mit im Raum, wenn die Kinder ihre Hausaufgaben machen. Danach heißt es sich selbst beschäftigen. So ähnlich ist das mit dem von Bollmann publizierten Bildungsprinzip. Die Deutschen, so behauptet er ja, könnten durch die Schule des Internets gehen, müssten sich aber bitte selbst damit beschäftigen. Wenn sie es nicht tun: Dummköpfe! Nicht lernfähig!

Als man vor einigen Jahren besonders heiß über Bildungsreformen im Lande diskutierte, da hatte man auch stets den Eindruck, dass die vom Neoliberalismus gefangenen Konservativen immer auch Einfluß auf die schulischen Lerninhalte erlangen wollten. Ökonomie sollte man den Kleinen zum Beispiel beibringen. Natürlich nicht irgendeine Ökonomie - die Ökonomie. The one and only. Die freie Marktwirtschaft und wie richtig ihre Anschauungen sind. Man wollte die unsichtbare Hand für die Schüler sichtbar machen. Anders gesagt, man wollte soziales Denken in die Unsichtbarkeit überführen. Bollmanns Artikel gleicht diesen Bestrebungen. Ihm geht es doch gar nicht um Bildung, wie er den Begriff gebraucht legt ja eher nahe, dass er keine Ahnung von der Materie hat. Er will sich nur auskotzen, dass die Menschen nicht ticken, wie er es gerne hätte: Sie seien gefährlich ignorant und schirmten sich ab. Echt scheiße, das er keinen Einfluss auf die Menschen hat.

Dabei hatte seine Zeitung nachhaltig Einfluss auf die Leute. Als Teil der Bullshitindustrie hat auch sie die Leute so mürbe gemacht, dass sie nun verdrossen sind und keinem mehr Glauben schenken. Sie vertrauen niemanden mehr, weil sie gelernt haben, dass im neoliberalen System Wahrheiten huren. Heute ist wahr, was gestern Lüge war und woran sich morgen keiner mehr erinnert. Gestern hat dieselbe Zeitung für die Bollmann schreibt noch Oxfam für betriebene Einseitigkeit kritisiert, einige Zeit später soll man Oxfam-Studien studieren, um was zu lernen. Das ist es eben: Selektives Bilden, darauf wollten diese Damen und Herren Reformer immer hinaus. Es war nie eine Bildungsoffensive beabsichtigt. Von einer Bildungsdefensive, davon feuchtträumt der deutsche Konservatismus nach wie vor.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 4. Oktober 2016

»Weshalb hat das vom Westen jahrzehntelang erstrebte Absterben der Diktaturen von Politbürokratien nicht wie erhofft zu einem anhaltenden Aufblühen der Demokratie geführt? Warum wird, wo die östliche Unfreiheit besiegt ist, die eigene Freiheit abgebaut? Weshalb hat der sang- und klanglose Abgang des hochgerüsteten Militärbündnisses Warschauer Pakt, einst Hauptfeind der NATO, uns nicht eine traumhafte Friedensordnung beschert? Das Wettrüsten im Kalten Krieg hatte drei Billionen Dollar verschlungen - warum konnten die nunmehr eingesparten Mittel nicht den Lebensstandard und das Selbstwertgefühl der Dritten Welt aufrüsten und so dem Terrorismus den Boden entziehen? Weshalb ist nicht wenigstens zu Hause, was naheliegend gewesen wäre, nie gekannter Wohlstand ausgebrochen? Und warum zerfetzt es inzwischen gerade die Sozialdemokratie, wo sie sich doch eben noch im Kommunisten-Untergang gesonnt hat? Kurz: Warum kann der Sieger mit seinem Sieg nichts anfangen?«

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Zum Tag der deutschen Reinheit

Montag, 3. Oktober 2016

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1110-018 / Oberst, Klaus / CC-BY-SA 3.0
Ein Jahr ist es nun her, dass sich die Einheit ein Vierteljahrhundert jährte. Wasn Fest das war in Frankfurt. Gute Stimmung, der Optimismus war Deutscher an jenem Wochenende. Gelungen sei die Einheit, hatte man seinerzeit wieder mal selbstzufrieden festgestellt. Das konnte man ob der Laune auch annehmen. Schon in den Jahren zuvor stellte man fest: Es läuft. Niemand hatte die Absicht über Trauer zu berichten. Obschon viele junge Menschen aus dem Osten blühende Landschaften nur durch Abwanderung kennenlernen durften, könne man trotzdem von einer gelungenen Vereinigung sprechen, las, hörte, sah man allerorten. Oh ja, die Deutschen seien wieder ein glückliches Volk. Als hätten sie vorher nur geweint und keinerlei Freude im Leben gehabt. Es gab freilich noch so allerlei Blablabla weiter, Sonn- und Feiertagsreden halt, positiv und nicht zu anspruchsvoll, der Bürger sitzt gerne in der Sonne. Ein Blick auf Deutschlands Straßen und Urnen in den letzten Monaten jedoch und dann nochmal kurz reflektiert: Hat dieses wiedervereinigte Deutschland im letzten Vierteljahrhundert wirklich alles so richtig gemacht?

Vor was fürchteten sich die europäischen Nachbarn, als die beiden Deutschländer aufhörten gegeneinander zu mauern? Die hatten nämlich tatsächlich Ängste. Die Polen ganz speziell. Da ging es um Oder und Neiße und diesen Koloss, der sich inmitten Europas andeutete. Wie Bismarck vor ihm, so musste auch Kohl erklären: Wir sind saturiert. Keine Angst, wir sind dann zwar groß, aber das steigt uns nicht zu Kopf. Die Briten und Franzosen hegten ähnliche Ängste. Eher so aus wirtschaftlicher Perspektive freilich. Kurz und gut, Europa fürchtete sich davor, dass die deutsche Einheit letztlich dazu führen könnte, dass die Deutschen ihre Einheit mal wieder mit Reinheit verwechseln könnten. Vereinigung mit zwei R schreiben würden. Was sie anfangs ja auch taten, Szenenapplaus von Anwohnern und Polizisten in Lichtenhagen und türkische Familien in Flammen im westlichen Teil der Republik inklusive. Dann ging der Spuk in den Untergrund. Und heute feiern wir erstmals ganz ungeniert mit einem R vor dem Bekenntnis und mit Parteien, die dieses neue Selbstbewusstsein ganz ungeniert zur Schau tragen.

Einheit ohne Reinheit scheint vielen Menschen gar nichts zu bedeuten. Globalisierte Welt und Internationalisierung hin oder her, man wünscht sich das reinlich Vaterland. Gesäubert von Fremden. Und dafür gibt es Massenmandate. In den letzten Jahren hat man sich stets pünktlich zum 3. Oktober was vorgemacht, sich eingeredet, dass der Prozess jetzt so gut wie abgeschlossen sei, man ein neues, weltoffenes Deutschland installiert habe. Die soziale Unausgewogenheit war an solchen Tagen nie Thema. Ich erinnere mich an den fünfzehnten oder vielleicht auch erst an den zwanzigsten Jahrestag, man hatte eine Gruppe alter Ex-SED-Greise vor einem Mikrofon positioniert, wohl bedeutende Männer seinerzeit, ich kannte keinen. Sie wirkten grau und unscheinbar, Mauerblümchen eben. Ob sie denn zufrieden seien mit der Einheit, fragte sie ein Reporter in sichtlicher Feierlaune. Einer von den Grauen antwortete, er sehe immer noch zu viel soziale Disharmonien, insofern ist die Einheit keine absolute Erfolgsgeschichte. Der Fragesteller guckte pikiert drein, zog ihm das Mikrofon weg und machte weiter im fröhlichen Programm. Aber so belanglos wie der alte Herr auch wirkte, er ging in medias res und das Jahre vor Pegida und Kollegen.

Es hat dann also doch ein Vierteljahrhundert gedauert, bis dem letzten Optimisten und Propagandisten klar geworden ist, dass die Wiedervereinigung wenn nicht gescheitert, so doch ein Vakuum hat entstehen lassen. Ach? Das ist denen noch immer nicht klar? Mensch, die Einsicht ist doch keine Gleichung, die man diffizil ausloten müsste, sie wäre so einfach zu erlangen. Nun gut, sie liegt zwar nicht auf der Straße, wie man es so schön sprichwörtlich sagt, aber dort spielt sie sich ab. Man muss halt mal hinschauen. Am besten kurz bevor man zur jährlichen Feierrede anhebt, in denen man den Deutschen mal wieder einzureden versucht, das launigste Volk überhaupt zu sein.

In Bautzen zum Beispiel, da marodieren Frauen und Männer nicht etwa deswegen, weil sie ein so schlechter Menschenschlag sind. Sie tun es, weil sie keine Perspektiven sehen, keine Möglichkeit aus diesem Dilemmakonglomerat aus Massenarbeitslosigkeit, Aufstockerei und Abwanderung herauszukommen. Die reden sich doch nur ein, auf Ausländer wütend zu sein. Sie sind es in Wirklichkeit vor allem auf Inländer, auf die Leute, die ihnen Teilhabe verwehren. Und auf deren Handlanger, Zeitarbeitsdisponenten und behördliche Arbeitsvermittler beispielsweise. Vielleicht wissen sie einfach nur nicht, auf wen sie eine Mordswut haben. Oder sie wollen es nicht wissen, denn das ist letztlich auch viel einfacher. Ein Syrer wehrt sich ja kaum, dem kann man eins in die Fresse geben; die Lobby des Sozialabbaus jedoch schlägt wild um sich und übt Rache.

Der Mob als Opfer also? Jedenfalls kann man sagen, dass sie Opfer waren, bevor sie zu Tätern wurden. Mit der irrationalen Umkehr der Rollen, vom Opfer zum Täter, haben sie vielleicht einfach nur phasenweise den Eindruck, sie seien Herr über ihre Lage und nicht höheren Mächten ausgeliefert. Aber dies ist natürlich eine laienhafte psychologische Deutung und insofern hier nicht relevant. Was man aber behaupten kann: Diese Leute sprechen von deutscher Reinheit, weil ihnen die deutsche Einheit nichts einbrachte. Nichts, was ihr Leben auf irgendeine Weise verbesserte.

Einheitstage waren stets nur Tage, an dem das, was man »die Nation« nennt, zusammenstand und so tat, als gäbe es so einen einheitlichen Block, vereinheitlichte Interessen, keine klassenspezifischen Bedürfnisse mehr. Aber in diesem Block fanden sich Unternehmer und Angestellte, Arbeitende und Arbeitslose - Gewinner und Verlierer also. Die Gewinner interpretierten natürlich, wie eigentlich immer und überall, was Einheit zu bedeuten hat. Im gesamten Jahr, das zwischen dem heutigen und dem letzten Einheitstag lag, hätten wir lernen können, das Deutschland nach der Einheit mal mit den Augen der Verlierer zu betrachten. Da hat sich durchaus was aufgestaut in all den Jahren, etwas, das noch verschärft wurde durch Sozialabbau und moralische Zeigefinger gegen die angeblichen Sozialschmarotzer. Wenn ihnen die Einheit schon nichts einbrachte, vielleicht ja das Geschrei um mehr Reinheit. Surrogat halt. Ersatz für fehlende Teilhabe. Die sozial gescheiterte Einheit, hier haben wir sie in drastischer Art und Weise. Tag für Tag neu und fortwährend brutal und abgestumpft.

Diese Einheit ohne sozio-ökonomische Teilhabe war immer nur eine Worthülse. An jedem dieser Festtage haben die Festredner das ignoriert und munter die Leistungen gelobt und die deutsche Erfolgsgeschichte erzählt wie ein kleines Märchen in einer ansonsten traurigen Welt. Es wird Zeit zuzugeben, dass die Einheit falsch angegangen wurde, als betriebliche Übernahme ohne Sozialplan. Austerität ist keine Tugend, mit der man vereint. Kosten-Nutzen-Rechnungen, die über menschliche Schicksale entscheiden, beseelen nicht einheitlich.

Und dann kommen eben mal Rattenfänger und wie von der Melodei entzückte Kinder laufen sie ihm nach und feiern zusammen einen Tag der deutschen Reinheit. Auch so eine Erzählung, die eine neue Einheit begründet. Exklusive Einheit eben. Zutritt nur für Auserwählte. Das passiert nämlich auf Dauer in Deutschland, wenn man eine breiten Masse den Zutritt willentlich verweigert. Man lehnt sich nicht gegen die Begründer der Misere auf, sondern gegen die andere Hälfte der Wehrlosen. Und wem nützt es? Schöner Feiertag und viel Freude beim Wir-haben-es-geschafft-Wichs. Guckt auf die Straße und in die Resultate von Landtagswahlen: Dann wisst ihr, diese einseitige Einheit, in der sich das westliche Wirtschaftskonzept als Sieger fühlte und so auftrat, als brauche es keine Rücksichten mehr nehmen, das schafft nichts. Es macht uns nur zu schaffen.

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