Keine Sache ostdeutschen Blutes

Montag, 17. Oktober 2016

Sturer Sachse:
Widukind.
Kommen wir doch, mit etwas zeitlichem Abstand, nochmal auf Dresden zurück. Auf den Reinheitstag, den man dort lautstark beging. Warum ausgerechnet die Ostdeutschen, hm? Viele viel klügere Leute als ich haben dazu Thesen verbreitet. Die beliebteste These war aber sinngemäß jene, dass Menschen, die im Sozialismus sozialisiert würden, einfach nie ordentlich entnazifiziert wurden. Im autoritären Osten habe man leider nur einen oberflächlichen Antifaschismus aufgestempelt bekommen. Ja, die DDR habe »die Köpfe der Menschen zerstört«, wie ein Polterer in einer Talkshow geiferte. Der war besonders dumm, aber es waren eben auch Gescheitere dabei. Aber kluge Leute verzapfen halt auch mal Unsinn. Sie tun es eigentlich sogar erstaunlich oft. Wie auch der allseits verehrte Herr Lammert, er erinnerte die Demonstranten von vor zwei Wochen an das Dresden gleich nach der Wende. Der Westen habe sich der Ruinen angenommen und so weiter und so fort. Sieger machen Geschichte und deuten sie aus. Wer aber solche Erklärungsansätze liefert, der verklärt und macht Ursachen unkenntlich. Und es ist wieder mal auffallend, wie die Mandatsträger dieses unseres materialistischen Zeitgeistes, so tun, als könnte man Dresden, Bautzen und Heidenau rein ohne Materialismus erklärbar machen, also ohne die materiellen Grundlagen, die eine halbwegs brauchbare Zufriedenheit zulassen.

Nun möchte ich nicht wie ein dogmatischer Marxist klingen, aber dass das Sein das Bewusstsein ausprägt, das haben ja selbst Kapitalisten irgendwann begriffen. Wer ständig knapsen muss, der hat andere Sorgen als Leute, die finanziell abgesichert sind. Wer Pfandflaschen sammelt, sieht die Welt nicht mit den Augen eines Anlegers. Wem als Niedriglöhner knapp über dem Existenzminimum Rücklagen fehlen, kultiviert eben seine Zahnlücken und nicht das Stückchen Land seiner Wahl. Abgehängte Bewusstseine gibt es in diesem Staat überall. Nicht nur im Osten. Dort aber findet man solche in höherer Konzentration. Und man findet sie dort über einen deutlich längeren Zeitraum genährt. Vor dem Sozialabbau hatten sie ja die Treuhand. Wie es ist, nach und nach Einbußen zu erleiden: Das macht im wesentlichen den Unterschied zwischen West- und Ostdeutschen aus.

Wenn man also von den Ostdeutschen spricht, die momentan ein gestörtes Verhältnis zu dieser Republik haben, dann nicht, weil sie Ostdeutsche sind, sondern weil sie als Bevölkerungsgruppe massiver mit schweren sozialen Einschnitten leben mussten. Mit der kaputten Frauenkirche zu Dresden hat das recht wenig zu tun. Da mag der Bundestagspräsident noch so oft die moralische Siegerkeule schwingen. Nein, es hat massiv mit dieser Berliner Bundesrepublik zu tun, die von Westen aus kommend, den Osten aufrollte und abwickelte und sich dabei die Treuhände rieb, weil es für manchen ein ganz gutes Geschäft war. Mancher kleine Hausbesitzer musste raus aus seiner Immobilie, weil es Westansprüche gab und weil die im Osten erworbenen Güter nicht anerkannt wurden. Vom massiven Arbeitsplatzabbau ganz zu schweigen. So setzte man in einem westlichen Überlegenheitsgefühl seinerzeit geltendes Ostrecht außer Kraft und gleich noch den sozialen Frieden fahrlässig aufs Spiel. Und wenn wir nun so tun, als sei die aktuelle Republikfeindlichkeit so ein Ding des Augenblicks, dann sollte man sich schon mal bewusst machen, wann die Grundhaltung zu dieser Ablehnung denn tatsächlich erwirkt wurde.

Eine andere These habe ich irgendwo in einem Clip gesehen. Da behauptete ein Soziologe, dass die Sachsen halt stets ein aufmüpfiges Volk gewesen seien. Er kam nicht mit Widukind um die Ecke. Ich hatte aber darauf gewartet, denn das Konstrukt seiner Erklärung war darauf angelegt, die Sachsen zu einem Rebellenvolk zu machen, das nun seit vierzig Generationen oder mehr hitzig gewesen sei. Stattdessen war er der Ansicht, dass der Stolz auf die friedliche Revolution, die zur Wende führte, immer noch im Sachsen stecke, weswegen er - irrationalerweise, wie der Soziologe betonte - jetzt einfach weitermache. Da fragte ich mich sofort, vor allem im Hinblick auf diverse Ergebnisse bei Landtagswahlen, ob wohl eher Mecklenburger oder Vorpommern sächsische Wurzeln haben. Der Sachse schnackselt halt gerne. Vor allem an der Ostsee.

Ob jetzt Lammert oder dieser Soziologe: Hier liegt ein Irrtum vor, der sich mit jeder neuerlichen Wiederholung nur selbstbestätigt und so zu einer allgemeinen Wahrheit ganz ohne Wahrheitskern wird. Die ganze Angelegenheit ist doch keine Sache ostdeutschen Blutes. Diese Leute hassen doch nicht so, weil sie Ossis sind. Nicht weil sie Widukinds Erben sind oder weil sie bei den jungen Pionieren waren. Wer das so versucht begreifbar zu machen, der kriegt es nicht zu greifen. Das sind mehr oder weniger hegelianische Kopfgeburten, die bekanntlich erst Marx auf die Füße bugsierte und auf eine materielle Grundlage stellte. Es ist der skandalöse Versuch aus der sozialen Frage eine »ethnische« Frage, eine Herkunftsfrage zu machen. Ein Scheingefecht, um sich der Abgehängten nicht kümmern zu müssen.

3 Kommentare:

Franderich 17. Oktober 2016 um 14:06  

Bitte nicht immer wieder die historischen Sachsen, die im Nordwesten des heutigen Deutschlands lebten, mit den Bewohnern des Freistaats Sachsen im Osten verwechseln!
Widukind gehört zu den "sturmfesten und erdverwachsenen" NIEDERsachsen!

Saziol 17. Oktober 2016 um 15:20  

Und das, obwohl wir ein Vielfaches in den Osten reingesteckt haben als in irgendeine Bankenrettung...

"Für die Gesamtkosten (Stand 2014) der deutschen Einheit einschließlich der Sozialtransfers liegen die Schätzungen zwischen 1,3 und 2,0 Billionen Euro, jährlich um etwa 100 Milliarden Euro steigend."

https://de.wikipedia.org/wiki/Kosten_der_deutschen_Einheit

dlog 17. Oktober 2016 um 16:46  

@Saziol, mit "wir" sind wohl die Steuerzahler gemeint. Und nicht so mancher westliche Unternehmer, der sich an der Wiedervereinigung eine goldene Nase verdient hat.

  © Free Blogger Templates Columnus by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP