Erst wenn wieder Linke Gauck beschimpfen

Mittwoch, 6. Juli 2016

Natürlich habe ich Joachim Gauck gegönnt, dass er bei einem seiner Auftritte beschimpft wurde. Aber doch nicht von diesen Leuten! Er war und ist auch nicht mein Präsident. Nie gewesen. Als Linker konnte ich nie nicht anders, als diesen Mann und seine neoliberalen Predigten ablehnen. Der treue Leser weiß, dass ich diesen Bundespräsidenten seit Beginn seiner Amtszeit verabscheute. Er war, ganz so wie Albrecht Müller damals seine kleine Streitschrift nannte, »der falsche Präsident«. Jedenfalls für diese Zeit. Dass er nun aber von diesen Bürgern dieser frivolen Rechtsruck-Kultur beschimpft wird, das zeigt leider auf, wie es mit der Deutungshoheit im Lande bestellt ist. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, damit es wieder linke Kehlen sind, die diesen Mann mit Buh-Rufen zum Pfeffer wünschen. Erst wenn wieder Linke den Bundespräsidenten beschimpfen, hat dieses Land noch eine Chance auf eine Zukunft im sozialen Ausgleich.

Vieles von dem, was diese Bürger voller Sorgen da tun, hat man links der Mitte vorher schon als Thematik erfasst. Dass die Qualitätsmedien nämlich ihrem Bildungsauftrag nicht nur nicht gerecht werden, sondern ihn gleichwohl ausnutzen, um lukrativen Kampagnenjournalismus zu betreiben, war links schon seit Jahren Sache. Nun also hat die Rechte sich desselben Themas angenommen und nennt diesen Themenkomplex ganz schlicht »Lügenpresse« und so ist man zwar als Linker versucht, dieser Einschätzung einer lügenden Presse beizupflichten, ohne damit aber letztlich dasselbe zu meinen. Denn die Lügenpresse ist ganz anders geartet, tangiert nicht diesselben Vorwürfe wie linke Medienkritik. Letzterer ging es in all den Jahren um die Verquickung von Journalismus mit Wirtschaftsinteressen. Den Leuten, die »Lügenpresse, Lügenpresse!« skandieren, ist es jedoch viel mehr ein Anliegen, die Auswüchse einer großen Weltverschwörung zu sehen, die im Körper einer Dunya Hayali über den Äther flimmert.

Dasselbe ist es ja beim Thema Sozialstaatlichkeit. Die sorgengeplagten Bürger wollen einen Staat, der auffängt, eben keinen schlanken Staat. Ihr politischer Arm, die Altersnativen, sind da ein wenig gegenteiliger Ansicht, aber das muss ja jetzt nicht kümmern. Die Sozialstaatlichkeit, die diese Leute befürworten ist allerdings eine ethnische Solidargemeinschaft. Keine ethische. Eine Ethno-Sozialromantik, die den Deutschen absichert, den türkischen Arbeitnehmer aber eine Rückreise ins Land seiner Väter und Mütter ans Herz legt, falls er dann doch mal den Arbeitsplatz verliert. Einzahlen darf er natürlich bis dahin. Aus Dankbarkeit, sich hier ein Leben aufgebaut haben zu dürfen. Joe Bageant skizzierte vor einigen Jahren, wie die rechte Tea Party dazu überging, linke Demonstrationskultur für sich in Anspruch zu nehmen, bunte Happenings und lustige Stimmung um ihre drakonische Reaktion zu bemänteln. In etwa so ist es auch in Falle der »Medienkritik«, der »Sozialstaatlichkeit« und der Ablehnung von gewissen Polikern von rechter Seite. Man hat das ehemals linke Unwohlsein in der Mediokratie aufgegriffen, es aber natürlich von hinten her aufgezäumt und mit rechten Affekten versehen.

Natürlich kann man, wie diese aufgebrachte Menge aus Sachsen, einen Groll gegen diesen Bundespräsidenten hegen. Genauer gesagt, wäre es eher viel verwunderlicher, wenn man ihm gegenüber keine ablehnenden Gedanken pflegte. Die Frage ist aber letztlich auch hier, welche Art von Ablehnung das ist. Die, die dessen neoliberales Pfaffentum kritisiert, seine moralische Attitüde, die zum Beispiel Managern als warmen Ratschlag Mäßigung mit auf dem Weg gibt, ohne die strukturelle Habgier des Systems auch nur in einem Nebensatz zu erwähnen? Oder richtet sich die Wut gegen dessen Kriegstreiberei und die Doppelmoral, wonach heutige Protestbewegungen in seinen Augen einfach nur dumm seien, während er sich als der führende Kopf der Bürgerrechtsbewegung in Ostdeutschland hofieren lässt? Ein Kopf übrigens, der er nie war, dessen Vorzüge er aber gerne in Anspruch nimmt. Oder ist es einfach nur dieser plumpe Hass auf einen Mann, den man als Kopf eines Regimes ablehnt, einer Gruppe von Volksverrätern, die den Multikulturalismus als Waffe gegen das Deutsche verwenden? Pfeift man den Mann aus, weil er ein Judenpräsident in einer Judenrepublik ist, der das Auschwitzer Märchen erzählt?

Man kann in vielen Dingen zur selben Reaktion kommen, ohne denselben Ansatz zu haben. Fast täglich spürt man dieses Dilemma jetzt und manchmal fällt es schwer, die Falle zu wittern. Viel zu schnell stolpert man, weil man das Resultat ja teilt, aber dabei vergisst mal draufzuschauen, wie man zu so einem Resultat kommt. Dann spürt man, wie man sich die Hände reibt, weil sie den Gauck auspfeifen und niederschreien und merkt im selben Augenblick, dass man diesen Mann, den man ablehnt, trotzdem in Schutz nehmen muss von diesen irrlichternden Hassbürgern. Sie mögen den Präses weghaben wollen wie man selbst, aber wenn man bei Sinnen bleibt, dann muss man sich sagen: Nicht unter diesen Aspekten, nicht weil er angeblich jüdische Politik predigt oder so einen Unsinn.

Für den Bundespräsidenten selbst sind nicht die Eliten das Problem, wie er neulich feststellte, sondern es liege am Volk. Gut, diese plärrenden Sebnitzer, die fühlten sich echt problematisch an. Andererseits waren es die Eliten, die sie zu einem Problemfall machten mit ihrer ewigen Verzichtspolitik.

Worauf es jetzt hinzuwirken gilt, das ist ein Paradigmenwechsel. Eine linke Deutungshoheit muss möglich sein. Darauf muss politisch hingewirkt werden. Wenn ein Bundespräsident wieder ausgebuht wird, weil er den Katechismus des Neoliberalismus unter die Leute bringt, wenn man seine Kriegsrhetorik zum Gegenstand von Pfiffen und Stinkefingern macht, wenn seine Heuchelei dazu führt, dass sie ihm einen unwürdigen Empfang bereiten, dann ist das schon mal ein guter Anfang für einen Linksrutsch. Erst wenn wieder Linke einen wie diesen Gauck beschimpfen, dann hat dieses Land wieder eine Chance, sich von dem Teil des Volkes zu befreien, das sich tatsächlich wie ein Problem aufführt.

5 Kommentare:

Anonym 7. Juli 2016 um 00:48  

Spalter. Linke dürfen Gauck scheiße finden. Wenn die Rechten ihn scheiße finden, dann stimmt was nicht. Scheiße bleibt Scheiße. Wer heute noch in Schemata wie Links und Rechts denkt, wer eine Linke bzw. Rechte Mehrheit braucht damit sich was andern kann, anstatt sich mit dem vermeintlichen Feind gegen den wahren Feind zu stellen der wird niemals irgendwas andern.

Anonym 7. Juli 2016 um 06:26  

Nicht mein Präsident.
Nicht meine Kanzlerin.

Roberto De Lapuente 7. Juli 2016 um 09:07  

Lechts und rinks, schon klar, nächtlicher Anonymus. Solche wie dich kennt man in diesen Zeiten zur Genüge.

ert_ertrus 7. Juli 2016 um 19:17  

Persönlich wünsch ich mir, dass dieser Pfaffe der letzte BuPrä ever gewesen ist.
Das Amt ist obsolet, schlicht ein Monarchenersatz für schlichte Gemüter, die sich von der Demokratie überfordert fühlen und irgend ein Alphatier über sich hocken sehen wollen.

Bernhard Köhler 10. Juli 2016 um 17:25  

Danke für diesen Text. Er hat mir erst klargemacht, was der Grund meines Unbehagens ob der Freude über das Ausgebuhtwerden von Gauck war.

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