Ach, die rubbeln sich nur einen!

Freitag, 8. Juli 2016

Frohen Ramadan wünschte sie alle Moslems. Dazu eine Sure, irgendwas vom Allerbarmer. Die Frau ist Linke, in einem Ortsverband organisiert. Für sie mögen diese Glückwünsche ein Zeichen sein. Gegen den Fremdenhass und die AfD und so. Also postete sie das bei Facebook. An mehreren Tagen, wie ich nachher entdeckte. Stets ein warmer Wunsch und eine Sure. Das kann man machen, aber irgendwas störte mich dabei. Was, wusste ich noch nicht so genau. Genauso wie bei diesem Artikel neulich in einem alternativen Blatt. Da lobte man ein afrikanisches Straßenfest. Die Schwarzen tanzten und boten Gerichte feil. Die Besucher kosteten die Folklore aus. Alles habe bestens geklappt. Und man hätte nun auch gesehen, wie reibungslos das Zusammenleben funktionieren könne, wenn nur alle es wollten. Überhaupt erwiesen sich die Afrikaner als ausgesprochen liebenswerte Menschen. Übrigens die Syrer von gegenüber seien auch nett. Auch bei dem Geschwafel fühlte ich mich unwohl, als ob jetzt jeder von einem Menschen mit linker politischen Vorstellung erwartete, dass er auf Tuchfühlung zu gehen habe. Will ich aber nicht müssen. Ja, muss ich auch nicht müssen. Überhaupt, dieses Anbiedern hat für mich auch nichts mit Respekt zu tun. Es ist alles nur mehr oder weniger fürs Ego.

Und dann noch das ganze Tamtam mit dem Boateng und seiner unaufhörlichen Nachbarschaft. Herr Nachbar hier, Herr Nachbar dort, Herr Nachbar klärt auf der Linie und wie irre vernachbarschaftlichen sie sich mit dem Kerl. Plötzlich will jeder den Deutschen mit dunklen Teint als Nachbarn haben, als sei jemand ausgerechnet dann ein besonders begehrter Mann von obendrüber, nur weil er ein bisschen afrikanischer aussieht als andere. Was sind wir tolerant und gut und weltoffen, nicht wahr!

Vor einigen Wochen entdeckte ich einen hübschen Text von Micky Beisenherz. Kuschelrassismus nannte er darin dieses Phänomen. Solidarisierung erfolge nicht, weil man es als inneren Reichsparteitag oder wahlweise inneren Nürnberger Prozess spürt, sondern als egozentrische Botschaft. Indem man sich als exemplarisch tolerant und unverklemmt positioniert, grenzt man sich von all diesen Trotteln ab, die heute so laut schreien wie nie zuvor oder wie eben vor vielen Jahren auf eben jenem Reichtsparteitag. Nun gut, der äußeren Variante davon natürlich. Spätestens seit dem äußeren Nürnberger Prozess wurden sie verschwiegener. Bis neulich. Tja, vor Jahren mussten sich Nazis im Untergrund bewegen und heimlich dönermorden. Subunkultur war mal, heute bekennt man wieder laut, was damals still bestellt wurde. Einer der Mörder hieß dann passenderweise Mundlos. Und exakt so geben sich die Maulhelden heute nicht mehr. Dagegen muss man was tun. Also macht man es kuschelrassisch.

Das was Beisenherz vom Stapel ließ, ist es auch, was ich in mir als ablehnenden Affekt bemerke, wenn ich diese Boatengismen und dieses sich Anbiedern an die Fastenzeit oder andere Phänomene dieses Kalibers verfolge. Mir stösst diese Tour zunächst auf, weil ich dahinter aufgeblähte Egos spüre, die sich mittels Kuscheleien als moralisch bessere Menschen aufhübschen. Es tut ja so verdammt gut, ein besserer Mensch zu sein als die schlechteren. Man netzwerkt sich tolerant und weitherzig, was bin ich nicht für eine hervorragende Person, seht nur her, wie gut sich das anfühlt. Aber Grundgehalt hat diese Haltung nicht. Sie ist so eine Form negativer Dialektik, ein Liberalismus, der sich nicht aus Denken rekrutiert, sondern als Gegenformation zum Gedankenlosen; man künstelt Weltoffenheit, besonders nur deshalb, um im eigenen Inneren eine schöne Wärme zu verspüren, eine Wärme, die einen als moralisches Subjekt besserstellt und damit einem Akt innerer ethischer Selbstbefriedigung gleichkommt. Politisch gewichtig ist dieses Aufkommen moderner Onane aber sicher nicht. Die rubbeln sich nur einen darauf, als tolerante Deutsche angeguckt zu werden.

Das klingt hart, aber etwas anderes kann ich darin nicht sehen. Nicht falsch verstehen, wer Ramadan pflegen will, bittesehr, der soll das tun. Meinen Segen hat er. Faste und sei glücklich. Aber ich sehe in so einem Verhalten, das zum Trotz gegen die Stimmen der Verblödung jetzt mit Glückwünschen aufläuft, wirklich gar nichts von politischen Format. Eigentlich im Gegenteil. Da fährt man nur auf der Befindlichkeitsschiene. Und mit Befindlichkeiten zu hantieren, das ist so eine Sache, wenn man politische Einschätzungen abgeben will. Man soll sie im Blick haben, aber nicht zur Grundsteinlegung einer Schlußfolgerung gebrauchen. Da sollte man stoischer sein. Und ignoranter.

Überhaupt ist die Ignoranz so ein Benehmen, dass viel zu schlecht wegkommt. Ihr Ruf ist ausgesprochen negativ, obgleich Ignoranz doch die Keimzelle einer halbwegs friedlichen Massengesellschaft ist. Man muss den Ramadan nicht feiern, kann ihn ignorieren und ihm damit außerhalb des eigenen Sichtfeldes alle Freiheiten zugestehen, die er benötigt. Viele sagen gemeinhin auch, dass Toleranz ein verlogenes Wort sei, weil damit im weitläufigeren Sinne gemeint sei, man müsse etwas ertragen. Und wer nur erträgt, der sei ja gewissermaßen immer noch leidend an der Sache, der müsse sich auf die Lippen beißen. Was ist daran bitteschön so schlecht? Toleranz reicht doch. Ich kann dem anderen alle Freiheiten lassen, muss aber deshalb nicht gleich Suren rezitieren. Ich bin solidarisch mit Muslimen, muss aber deshalb nicht der große Islamversteher sein. Einem Schwulen nichts Schlechtes zu wünschen, das ist doch schon liberal. Ihm nur das Beste zu wünschen, gelingt mir nur, wenn ich ihn persönlich kenne, nicht aber als Grundsätzlichkeit und schon gar nicht, als solidarischer Aufruf zur Gay Pride.

Man kann diese Gedanken falsch verstehen, wenn man will. Wie schnell ist man heute ein Nazi! Neulich fiel mir ein Buch vor die Füße, etwas über das jüdische Leben nach dem Krieg und der Shoa. Plötzlich entdeckten viele Deutsche eine unbegreifliche Liebe zum Judentum, alles was jüdisch war, galt in den Fünfzigerjahren in aufgeklärten Kreisen plötzlich als ausgesprochen interessant. Man war plötzlich philosemitisch, weil man überkompensierte. Als Gegenreaktion. Einige jüdische Stimmen aus jener Zeit kamen in dem Buch auch zu Wort. Dieser positive Antisemitismus, wie sie es nannten, ekelte viele Juden auch wieder an. Beisenherz hätte das Kuschelrassismus genannt und dasselbe damit ausgedrückt. Diese ablehnende Reaktion halte ich für nachvollziehbar. Ich sehe das nicht anders. Nein, Muslime sind keine besseren Menschen, auch wenn sie jetzt Opfer islamophober Idioten sind. Boateng ist kein Botschafter des Multikulturalismus und bei den Syrern gibt es gute und sicher auch viele schlechte Charaktere.

Die geschätzteste aller denkbaren Frauen, sie saß letztens am Frühstückstisch neben mir und sah von der Zeitung auf. Sie nerve dieses Getue von einigen Journalisten und Kommentatoren, die nur rein das gute Wesen »der anderen« thematisieren. Wie eindimensional kann man eigentlich sein? In letzter Konsequenz, so sagte sie, kotzen mich alle Menschen an. Wir lachten. Sie übertrieb, ich bin der Misanthrop in unserer Beziehung, aber sie traf für meinen Geschmack den richtigen Ton. Darin schlummerte nämlich eine Empfehlung: Toleriert alle durch gesunde Ignoranz, nur so schaffen wir das. Dann erzählte ich ihr vom Kuschelrassismus und von der Linken, die Suren als Mittel der Solidarität benutzte und wir schüttelten den Kopf. Dann lachten wir abermals. Wir aßen hier und andere fasteten. So what! Die Welt ist wie sie ist, jeder macht wie er will. Aber ich bitte darum, dass ich dazu keine Reden schwingen, nicht Fastenlob aussprechen muss, wo mir nicht danach ist. Solidarität geschieht nicht immer mit Statements. Den anderen machen zu lassen, ihn zu ignorieren und damit kundzutun, dass man seine Kreise nicht stören möchte, das reicht manchmal als solidarische Bezeugung schon völlig aus.

5 Kommentare:

Anonym 8. Juli 2016 um 07:46  

hmm , was soll man nur sagen, da hast du also einen Wikipedia Eintrag über das Wort Gutmensch geschrieben. Gleich mal im Text schon die Kritik abgefedert, " Wer's falsch verstehen will, bitte" inkl. vorweggenommener Nazikeule. Weißt du deine Grundhaltung verstehe ich und ich würde auch gerne so leben, aber so ist die Realität eben nicht. In meiner Lebenswirklichkeit tauchen Gutmenschen schon überwiegend leise auf weil die Schreier aus der anderen Ecke das Alltägliche dominieren. Sollen wir die machen lassen? Ging das irgendwann schon mal gut ? Oder muss man denen öffentlich auch mal was entgegensetzen? Ist es nicht gut, dass die auch wissen das die Grenzen verletzten wenn sie so reden wie sie es tun? Wie lieb wäre es mir , die Syrer in meiner Stadt könnten einfach ihr Ding machen, alle anderen ihr eigens und hier und da kreuzen sich dann die Wege und man geht mit einander um wie mit allen anderen auch. Aber nochmal so ist es nicht und so kann es so lange nicht sein wie sich Menschen trauen sie öffebntlich zu beschimpfen . So lange musss es eben auch Leute geben die öffentlich Gegenrede halten.

Umdenker 8. Juli 2016 um 14:48  

Danke, Danke und nochmals Danke. Wir sind ja nicht immer einer Meinung, aber das unterschreibe ich komplett, den es entspricht auch meiner Einstellung und ich kriege da auch jedesmal Unbehagen, wenn ich dieses "Überkompensieren" als Gegenreaktion sehe und die Beteiligten nicht einmal merken, dass sie damit nur ihr Ego befriedigen. So ist das halt, wenn man durch die Welt läuft und sich nicht mal gewahr seiner eigenen neurowissenschaftlichen Mechanismen (also wie das eigene Gehirn arbeitet) ist.

Was ich hier immer wieder sehe und wohl auch zum Thema "Kuschelrassismus" passt ist der explizite Hinweise unserer "Elite" alle Menschen unabhängig von Religion, Rasse, Hautfarbe, Nationalität, usw. (vor dem Gesetz/Staat) im Bezug auf Grundrechte (zumindest die Menschenrechte) gleich sind. Sie merken nicht einmal, dass eben explizit der Hinweis auf die Unterschiede auch eine Form von Rassismus ist. Klingt komisch, ist aber so. Denn wozu mache ich denn überhaupt den Hinweis auf die Unterschiede, wenn es keine Relevanz hat? Ist ein bisschen schwierig mit Worten zu erklären, aber ich empfehle hierzu die South Park Folge "Flaggenkrieg" (Staffel 4, Folge 8). Der Schluss erläutert ziemlich gut, wie ich das meine.

Naja und dann gibts da noch das naturwissenschaftliche Paradoxon. Seit den ca. 70er Jahren sind sich eigentlich >95% der Anthropologen und Biologen einig, dass es keine unterschiedlichen menschlichen Rassen gibt. Es existiert nur der Homo sapiens sapiens und unsere genetische Vielfalt ist sogar im Vergleich zu anderen Tieren sehr gering (was auch nicht unbedingt gut ist). Wieso wurde aber dann der Begriff "Rasse" in Art. 3, Abs. 3 des GG nicht entsprechend diesen Erkenntnissen rausgeworfen? Wurde scheinbar auch schon von einigen Basispolitikern oder Organisationen thematisiert: http://www.migazin.de/2010/04/15/streichung-des-begriffs-%E2%80%9Erasse%E2%80%9C-aus-dem-grundgesetz/ oder http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/themen/schutz-vor-rassismus/begriff-rasse/

Anonym 9. Juli 2016 um 17:27  

Muslime sind keine Zootiere, die man nun in irgendeiner Weise besonds beachten, und bekuscheln müsste, mehr als den Rest der Menschheit. Die kommen und kamen ganz gut allein zurecht, hier und weltweit.

Oder man müsste dann , wie diese Tante auf Facebook eben, bitte auch täglich - und inklusive natürlich der jeweils entsprechenden Poesie, Anweisungen und Regeln - fromme Grüße an alle Christen (mit ihren verschiedenen Unter-Abteilungen), alle Juden, Buddhisten, Hindus, alle asiatischen, afrikanischen, ozeanischen Religionen & Glaubensrichtungen und meinetwegen auch die vom Mond mit einbeziehen.

Viel hätte man zu tun: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Religionen_und_Weltanschauungen

Vielleicht gar keine schlechte Idee, denn so könnte man Respekt und Verständnis für ALLE bekunden, ohne eine bestimmte Gruppe, durch einseitige, fast kindische Aufmerksamkeit, wie hier geschehen, fast zu beleidigen und auf jeden Fall herab zu stufen.
Das erfordert jedoch ein gewisses Bewusstsein und sehr viel Sensibilität...

Anonym 11. Juli 2016 um 10:35  

@Anonym, 09.07.2016, 17:27

Ich hätte da noch eine bessere Idee. Wir führen wenigstens EINEN Feiertag einer jeden Religion bei uns als nationalen Feiertag ein. Dann bricht der ewige Urlaub an. Denn es kann ja kaum stimmen, dass nur Christentum und Islam zu Deutschland gehören und der Bhuddismus nicht.

Cora Klippert 11. Juli 2016 um 18:50  

Das, was ad sinistram als Kuschelrassismus empfindet, würde ich "Instrumentalisierung" anderer Kulturen nennen. Die Solidarität mit Flüchtlingen, dem Islam und dem Buddhismus dient manchen Menschen dazu, die eigene Gruppenzugehörigkeit zu demonstrieren und sich von anderen abzugrenzen. Diesen Gedanken hatte ad sinistram auch formuliert, aber ich möchte ihn herausheben. Rechte Kleinbürger betonen ihre christlich-jüdischen-Wurzeln auch wenn seit Weihnachten keine Kirche mehr von innen gesehen haben oder überhaupt nicht an Gott glauben. Und das liberale Bildungsbürgertum benutzt Muslime, Flüchtlinge und Bioläden. Daher auch der ganze Spott über die Bio-Käufer: es ist nicht, weil Tieren geholfen wird oder weil Sojamilch nach Sägemehl schmeckt, sondern es ist, weil man den Besuch des Bioladens als Klassen-Theater empfinden kann. Schwarze, Muslime, Flüchtlinge werden also mitunter benutzt, das Mitgefühl des liberalen Establischments ist gar nicht aufrichtig. Das bewirkt auch bei mir ein schlechtes Gefühl.

Ich möchte jetzt noch einschränken, das ich nicht jedes bürgerliche Engagement schlecht finde. Es gibt sicher auch Neugier und echtes Mitgefühl mit diskriminierten oder schwachen Minderheiten oder mit gequälten Schweinen. Im Bioladen ist es technisch gesehen sogar egal, mit welcher Moral ins Regal gegriffen wird.

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