Geh denken!

Mittwoch, 8. Juni 2016

Armenisches Flüchtlingslager, 1919
Für den Bundestag sind die Armenier jetzt ein Volk, das durch einen Genozid dezimiert wurde. Das ist keine schlechte Entwicklung. Für eine Mehrheit desselben Bundestages sind die Syrer hingegen ein Volk, vor dem man sich wehren muss, wenn es in zu großer Zahl zu uns kommt. Wenn notwendig mit Gewalt. Dessen Dezimierung hin oder her. Nicht ausgeschlossen, dass eine der nachfolgenden Generationen in vielen Jahren beschließen wird, die Ignoranz gegen syrische Bürgerkriegsflüchtlinge auch zu einem Gedenken zu führen. Um immer daran zu erinnern, was für gravierende Fehler geschehen, wenn man nicht zu jeder Zeit die Augen offen hält. Um daran zu erinnern, dass man den Anfängen wehren müsste. Heute die Armenier, später die Syrer. Immer zu spät, immer erst, wenn das Sujet lange verrottet in der Konkursmasse menschlicher Geschichtsschreibung. Nie zu rechten Zeit. Armenisches Leid, das als roter Faden in das aktuell syrische mündet, ist nicht vorgesehen. Der Bundestag macht es mal so und mal so. Grundsätzliche Prinzipien sind ausverkauft. Außerdem ist Konklusion ganz offenbar nicht die Stärke einer Kultur, die sich dem Andenken verschreibt, aber die daraus gezogenen Lehren nicht gebraucht, um sie in der Gegenwart zu einer Haltung zu deklarieren. Aus Geschichte lernen? Schön wäre es ...

Es ging bei jener Resolution der letzten Woche nicht so sehr um Handfestes. Bloß mehr oder weniger um Moralisches. Um einen Akt der Anerkennung, Anteilnahme und der Wahrung des Gedächtnisses. (Lassen wir mal den symbolpolitischen Gehalt weg, der da wäre, dass man diese Resolution als emanzipative Spiegelfechterei gegen den türkischen Präsidenten missbrauchte.) Niemand sollte mehr vom Völkermord an den Armeniern reden können, wie von einem kleinen Unfall am Rande der türkischen Geschichte, der dummerweise geschehen ist, aber eigentlich nicht ganz so wild war. Es ging um die Schaffung von Respekt vor den Gefühlen solcher Familien, die davon betroffen waren - und noch sind. Sie sollten keine nicht anerkannten Opfer des Zwanzigsten Jahrhunderts mehr sein. Die Initiative ist zu begrüßen, auch wenn sie nur ein symbolpolitisches Ansinnen darstellt. Denn die Theorie meint ja, dass solche Akte dazu da sind, den gegenwärtigen Alltag demutsvoller zu begehen. Wer das begangene Unrecht an Hunderttausenden im Herzen trägt, der wird auch im Jetzt leichter mal reflektieren und die Dynamiken der gegenwärtigen Ereignisse nicht streitlos hinnehmen wie jemand, dem das Leben keine Wahl mehr lässt. Wer weiß, was Juden, Armeniern und anderen Völkerschaften angetan wurde, der wird die Aufwiegelung gegen Volksgruppen nicht als dummen Streich akzeptieren, sondern sich immer auch bewusst sein, dass da Stimmung gemacht wird, die in solche Exzesse führen kann, wenn man nicht die Kurve kriegt, wenn man nicht aufsteht und sich in den Weg stellt.

Durch ein Andenken soll man ferner daran denken, wie es dazu kam und wo es endete. Denken wir an die viele Juden, die flüchten wollten, die aber kaum Ausreisemöglichkeiten erhielten und so in einem Deutschland harren mussten, in dem sie zunächst der Ausgrenzung und später der Verfolgung ausgesetzt waren, dann müsste man doch kapieren, wie brutal es sich ausformen kann. Die internationale Staatengemeinschaft hatte damals kläglich versagt, weil sie alle miteinander die Grenzen so dicht machten wie ihren Zugang zu Mitgefühl und Empathie. Wer daran denkt, der muss zwangsläufig zur Ansicht kommen, dass Flucht ein Ausweg sein kann und nicht etwa ein Verbrechen und Sozialschmarotzerei. Jedenfalls sollte man durch das Andenken wissen, dass Grenzschließungen keine Option sind, wenn man es mit dem Respekt vor dem menschlichen Leben ernst meint.

Jedes Jahr berufen wir uns auf die Ereignisse von damals, lassen es in Ausrufen wie »Nie wieder!« gipfeln und trotzdem schauten wir dabei zu, wie die Gesellschaft sich immer mehr in rassistische Selbstschutzbehauptungen verstieg. Wir gedachten des Holocaust und Sarrazin war der Held von Leuten, die es nicht juckte, dass da jemand von jüdischen Genen schrieb wie von einer verifizierten Annahme, die in jedem besseren Biologiebuch stehe. Wir schicken jetzt seit Generationen unsere Kinder auf Schulausflügen nach Dachau und guckten desinteressiert dabei zu, als man Moslems zur Stammzelle der Gewaltbereitschaft erklärte, sie kriminalisierte und pathologisierte. Bürgerwehren, Sorgenbürger, Montagsdemonstranten und rechte Gesinnungsträger, die sich als Partei organisieren, kommen über ein Land, das seit so vielen Jahren andenkt. Und genau das ist das Problem. Andenken sind zwar gut, eine moralisch furiose Sache, aber halt wertlos, wenn sie einstudiert und ritualisiert sind, wenn man sie als Mantra absondert und nicht verinnerlicht. Sie sind als Symbol unverzichtbar, aber wirken je weniger in den politischen Alltag hinein desto zeremonieller sie sich im Gedächtnis einer Nation verankert haben.

Besonders gut erkennt man das dieser Tage, da der Bundestag die Armenier als Volk anerkennt, dass verfolgt und getötet wurde, er aber gleichzeitig in Zurückhaltung erstarrt, wenn es um ein aktuelles Volk geht, das vor Verfolgung und Tod flüchtet. Was sind Andenken wert, wenn sie nicht dazu dienen, der Gegenwart eine Leitlinie an die Hand zu geben? Symbole wieder mal. Immer wieder Symbole. Man spricht viel von historischen Verantwortungen und meint genau das: Die Verantwortung ist historisch und irgendwo in einem Geschichtsbuch vergraben. Sie ist alt und letztlich vergangen. Nichts mehr für heute, eine Verpflichtung von gestern. Leider gilt das nun seit Jahren. Auschwitz gedenken und NSU-Prozesse verschleppen, an Novemberpogrome erinnern und heutige Flüchtlinge durch die Bank kriminalisieren. Gedenken? Geh denken!

11 Kommentare:

Anonym 8. Juni 2016 um 10:08  

mal ganz offen: wen von der Bevölkerung interessiert die Sache mit den Armeniern?
Genau genommen so gut wie keinen. Wenn es sonst keine Probleme in der Quasselbude gibt.

Anonym 8. Juni 2016 um 21:44  

Es geht hier wohl eher um das Prinzip, Das Sein oder das Gewesene nicht ins Bewusstsein vordringen zu lassen aber angeblich dafür zu stehen und nicht nur dass, sondern auch das eigene Bewusstsein gezielt dahin auszulagern wohin der Blick in die Vergangenheit streift.

Denn natürlich interessiert die Sache mit den Armeniern heute niemanden mehr, nur halt leider nicht nur die Sache sondern nichts auf der Metaebene und es ändert auch nichts daran wenn man plakativ so tut als ob.

Gunnar Wilhelmi 9. Juni 2016 um 07:38  

Na da bin ich mal gespannt, ob die Hereros auch noch irgendwann mal zu ihrem Recht kommen.

Oberham 9. Juni 2016 um 09:23  

Wir bauen immer wieder die gleichen Strukturen auf.
Nach jeder "Flut", kommt es wieder und wieder hoch.
Warum?
Nach nunmehr knapp fünf Dekaden unter uns, nehme ich mir die Freiheit, uns alle zu "Unaffen" zu erklären, sprich, wir sind keinesfalls lernfähig, was die Kontrolle unserer Triebhaftigkeit betrifft.
Wir sind einzig lernfähig, was die Mittel betrifft, die wir einsetzen, um unsere destruktiven Triebe wirken zu lassen.
Der einzelne Mensch mag erkennen, dass die Gesellschaft eine zerstörerisch wirkende ist, eine zutiefst gespaltene und oft mörderische, selbst gegen die eigene Art.
So nenne ich den Menschen "Unaffen", da es den Homo sapiens im Grunde nie gab.
Wir sind nicht vernunftbegabt, wir sind lediglich mehr oder weniger talentiert, in der Horde einen besseren Status zu erlangen, was uns mehr Beute einbringt.
Die große Mehrheit ist eine selbstlose Schar geführter Nutzgenossen, die praktisch täglich nach Anweisung agiert - entweder durch direkte Kommandos oder durch permanente Konditionierung veschiedener Art geleitet.

Nicht umsonst vergleichen wir uns auch oft mit Ameisen. Tja, wir sind Tiere, keinesfalls "höher" entwickelte, wohl eher eine fatale Abart, ein Zweig, dem viele Arten zum Opfer fielen und noch fallen werden.

Der Einzelne hat kaum eine Wahl, er muss entweder als "Solitär" versuchen sich dem allgemeinem Mordbetrieb zu entziehen und autark zu überleben, oder er schaltet auf den, in der Gruppe "überlebensnotwendigen" Ignoranzmodus, den auch derjenige, der seinen Lebensunterhalt mit der Formulierung der Realität und der Anklage des Wahnsinns bestreitet, bleibt im System verhaftet. Er wirkt mit, man könnte sagen, als eine Art Gewissensregulator, in dem Sinne, man wisse ja wie schlimm alles laufe, was man erkannt habe, könnte man auch zum Besseren wenden - wenn nicht jetzt, dann vielleicht doch in der Zukunft.

Der obige Beitrag ist ein Musterbeispiel dafür, doch ich persönlich kann keine Hoffnung mehr generieren, mein Ignoranzmodus versagt mit jedem Tag mehr, ich flüchte ich ins eremitische Dasein, so wenigstens meine schlimmsten Teilhabeakte vermeidend, aber eben wie wir alle, nur ein Mensch - glücklich jene, die ihre Sonnenseite gefunden haben und dabei vergessen, welche Schatten sie werfen.

Nur das menschliche Glück ist eine fatale Angelegenheit.

Anonym 9. Juni 2016 um 09:25  

"Die Geschichte lehrt, dass die Geschichte den Menschen nichts lehrt." Gandhi
Es ist traurig, aber nicht zu ändern.
Und deshalb wird geschehen, was in der Offenbarung des Johannes für das Ende prophezeit wird: Die Bösen mögen weiterhin sündigen, die Guten weiterhin Gutes tun. Aber sehet, ich komme bald! Und ich werde jedem nach seinen Werken vergelten.

margarete52 9. Juni 2016 um 11:51  

Danke Roberto De Lapuente für diese Worte. Sie sprechen mir direkt aus der Seele. Die gleichen Leute, die jetzt jubilieren, weil man den Völkermord an den Armeniern endlich Völkermord nennen darf, finden es völlig richtig, dass wir uns gegen die Flüchtlinge aus Kriegsgebieten abschotten, weil es sich dabei um Menschen muslimischen Glaubens handelt. Und das mit Hilfe genau derjenigen, die den Völkermord an den Armeniern begangen haben. Wie zynisch kann eine Gesellschaft noch werden?

ert_ertrus 9. Juni 2016 um 13:02  

Liebe Anonymi, mich interessiert diese Angelegenheit schon (auch als Nichtarmenier, dessen Vorfahren beim Aghet zu Grunde gingen). Ebenso könnte man die Ausrottung der indigenen Bevölkerung aller Amerikas als verstaubte Akte ablegen wollen.

Nein, es geht um ein anderes Prinzip: alles geschehene Unheil im Namen von Genozid,
kultureller Zwangsanpassung und dem Recht des vermeintlich auch moralisch Stärkeren
als Gräuel kenntlich zu machen und Strategien zu entwickeln, wie dies in alle Ewigkeit
vermieden werden kann. Natürlich gehört dazu auch die Bloßstellung des Turbokapitalismus als Genozid mit scheinbar subtileren Mittel. Ein russisches Sprichwort besagt: »Ein Krieg ist erst dann zu Ende, wenn der letzte (Kriegs-)Tote begraben wurde.«

H. Ewerth 9. Juni 2016 um 16:46  

Wunderbarer Artikel. Aber wie man hier sieht, weil selber (noch) nicht betroffen, interessieren sich die wenigsten dafür. Und meinen Vorschreibern, es geht nur darum dass sich so etwas nicht wiederholt. Um genau das geht es, dass auch deutsche Offiziere dabei waren. Wehret den Anfängen. Hätte man das in Deutschland ernst genommen, müssten wir nicht alleine schon wieder seit dem Mauerfall mehr als 160 Opfer dieser menschenverachtenden Ideologie beklagen. Und wenn es auch niemand anderes interessiert, die Opfer und deren Familien interessiert es mit Sicherheit, wie es möglich ist, in einem Land mit der Geschichte, dass sich solche Taten wiederholen?

Im Übrigen was mir auch hier wieder in der Debatte in Deutschland zu kurz kommt, die Beteiligung deutscher Offiziere, bei dem Völkermord. Was mich auch stört, ausgerechnet Deutschland, dass sich bis heute schwer tut, mit seiner Vergangenheit, und ehemalige Kriegsverbrecher nicht ausgeliefert hat, und die Mehrheit nicht zur Rechenschaft zog und zieht, Das wie man heute wieder in Deutschland sehen, hören und lesen kann, kamen damals zu viele davon.

Gulliver 9. Juni 2016 um 18:57  

Klasse!, die Idee des Wortspiels "Gedenken und Geh denken". Und wie Sie im Text den Bogen spannen um letzten Endes die nunmehr mit dem Wortspiel veredelte Pfeilspitze abzufeuern.. Da möchte man nicht denken gehen. Wenn man das liest, geht es wie von sebst, man ist sozusagen schon mittendrin!
Mich jedenfalls hat Ihr Pfeil getroffen.

Die Ignoranz jedoch scheint wie ein undurchdringlicher Brustharnisch den man sich anlegt - nicht um zu glänzen - das denken ja nicht wenige: Der Brustharnisch der Ingnoranz ist matt & grau, die Mundwinkel gekrümmt, die Augen trostlos - leer.

"Wer nicht will der hat schon"(*) heißt es dann, und damit ist die die Sache oft beendet.
[Doch WAS hat diejenige Person?]
Irrtum!, Freunde. Hier fängt die Sache erst an. Nämlich diejenige des von Vorurteilen Getriebenen, der sich seinen Ängsten übergibt - tag ein, tag aus. Im Grunde wünscht sich niemand solch ein Leben, aber die Sache ward sprichwörtlich(*) abgeschlossen - und der Kunde einfach ausgeschlossen.
Das ist Ende, also Tod, nicht(!) Leben, und so könnte man die Hand Ihm reichen sodass die bösen Geister weichen..

Bei Ignoranz in Kombination mit Zorn, Hubris oder Hass wird selbst der Hobby-Apotheker blass - in diesen Fällen hilft nur der Weg zum Doktor. Und der hat hoffentlich die passenden Jäckchen in allen Größen da.

Anonym 10. Juni 2016 um 01:11  

Oberham, wenn du das als erwiesen und unveränderlich ansiehst, was du da sagst:
"Die große Mehrheit ist eine selbstlose Schar geführter Nutzgenossen, die praktisch täglich nach Anweisung agiert - entweder durch direkte Kommandos oder durch permanente Konditionierung veschiedener Art geleitet."

...dann haben die Rechtskonservativen ja Recht mit ihrer auf diesen Typ Mensch zugeschnittenen Politik, und wir können Verbesserungsbestrebungen einstellen.
Roberto, was sagst du dazu???

Oberham 13. Juni 2016 um 13:25  

@ Anonym - ich spreche nur für mich - ich bewundere alle, die noch Hoffnung in sich tragen, die noch glauben, positive Veränderung bewirken zu können, zumindest ein bisschen anstoßen zu können.
Meine Entscheidung habe ich ja beschrieben - ich habe sehr lange versucht andere "wachzurütteln" - ich habe kein Talent dazu - war immer nur lästig - und ich fürchte, jene die "gehört" werden, sind keine Weltverbesserer, sondern, eher Unterhalter, sie bilden für Gage das "gute Gewissen" des Bildungsbürgers, der gerne ins Theater geht, ins Kabarett, zu Vortragsreihen, Work-Shops, was es auch immer an "aufrüttelndem" Angebot so gibt.

Wäre ich Kabarettist und würde von der Bühne fordern, "so, jetzt heißt es aber mal nicht reden - sondern tun - ich spende meine heutige Gage zu 90%, ich bitte Sie jetzt sofort nochmal 50 Euro zu zücken - das Geld überweisen wir dem WFP - ist zwar keine optimale Verwendung, doch so kommt das Geld wirklich zu denen, die unmittelbar vom Hungertod bedroht sind!"

Das ist keine Veränderung - sich nicht - doch nicht mal die 50 Euro würden die Damen und Herren zücken - einige vielleicht, jene die vollstversorgt sind, jene die 50 Euro spüren, würden schon zucken und die geizigen sowieso.

Solange Geld noch eine Rolle spielt, solange kann man mit der Forderung spontan Geld für die Armen zu geben, den Wohlhabenden bloßstellen, den jeder der zögert ist ein konditionierter Nutzfuzzi - er kalkuliert, er sucht Vorwände, - warum sucht er dann den Vorwand, wenn er abgeben soll?

Freiwillig abgeben soll?

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