Nur 1.785 Euro brutto

Mittwoch, 18. Mai 2016

Das war ja wieder mal sensationell, was die Medien kürzlich über Middelhoff berichteten. Der Mann würde jetzt, als Teil seiner Strafe gewissermaßen, für eine Weile in einer Behindertenwerkstatt als Hilfskraft arbeiten. Mit dem Job könne er nämlich bei Haftantritt Freigänger bleiben. Uli H. aus M. las die Nachricht, klappte die Zeitung zu und biss sich umgehend in den Arsch. Wenn er das damals gewusst hätte. An der Meldung sensationalisierte man, dass Middelhoff jetzt für nur noch 1.785 Euro arbeite. Brutto. Und was brutto schon wenig ist, wird netto nicht mehr. So ein bitterlicher Absturz! Gut, das Geld kriegt er eh nicht, dieser Neuarme und Working Poor, weil er damit seine Privatinsolvenz finanziert. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um etwas anders: Man spricht von Strafe und geringem Einkommen und vermeldet eine Schlagzeile. Dabei sollte anderes Schlagzeilen machen.

Nämlich der Umstand, dass es in diesem Land des viel zu gut organisierten Niedriglohnsektors ganz viele gibt, die für 1.785 Euro Bruttolohn schuften müssen. In Vollzeit. Oft richtig schwer, mit körperlicher Abnutzung und nachhaltiger Schädigung und durch Verbrauch bedingten verfrühten Renteneintritt nebst Abzügen. Nicht selten arbeiten Menschen in diesem Land Tag für Tag auch für noch weniger Lohn. Und keine Zeitung käme auf die Idee, diese Unterbezahlung als Teil oder wenigstens Folge von Bestrafung zu betrachten. Nein, da ist es eben wie es ist. Ist es ja auch gewollt. Da gibt man denen ein Forum, die für weitere Lohnzurückhaltung werben und Streiks kriminalisieren. Klar, diese Leute fallen ja auch nicht so tief wie Middelhoff, haben nie mit Milliarden jongliert, nie eine Villa und einen Pool besessen. Was die Sache nicht besser, was die Sache eigentlich nur noch viel schlimmer macht.

Indirekt sagte man mit den Berichten von Middelhoffs Beschäftigung für kleines Geld, dass viele Menschen in Deutschland bestraft sind. Wie der Ex-Manager eben bestraft wurde und nun so einen Job tun muss. Sie sind aber nicht in dieser Weise bestraft, damit sie Freigang erhalten. Freien Auslauf haben sie. Und meiden ihn. Denn der Auslauf ist teuer, wenn man ihn dort macht, wo Angebote verführen könnten. Das soziale Leben, so künden seit vielen Jahren Soziologen, kommt ins Stottern, wenn man es sich nicht leisten kann. Man geht zur Arbeit und zurück in den heimischen Bunker, meidet Beschäftigungen, die ins Geld gehen könnten. Aber das ist Realität ohne Bestrafung, über die kaum noch einer spricht, für die kaum noch jemand Antworten parat hat. Ein Teil der Antworten könnten ja auch 0,1 Prozent der Bevölkerung verunsichern.

Denn wir müssten von Umverteilung sprechen. Von Partizipation und selbstbewussteren Gewerkschaften, vom Ende der Austerität im Arbeitsalltag, von höherer Besteuerung der Gewinne, von Arbeitsplatzschaffung und Vermögensabgaben. Lauter so Dinge, die man antworten müsste, wenn jemand 1.785 Euro Bruttolohn zu einer Strafe erklärte. Solange man dieses kleine Sümmchen aber nur als Aspekt der Bestrafung eines Krösus betrachtet, geht es noch. Damit kann man umgehen. Die Altenpflegerin aber, die soll nicht denken, dass sie damit gestraft wäre. Sonst käme sie auf dumme Ideen, wird widerspenstig. Nein, denen reden wir ein, dass das Jobwunder fruchtet. Nachhaltig. Tadellos. Und ohne Unterlass.

Dass der tiefe Fall des Middelhoff nur bewirkt, dass da einer aus den nett entlohnten Funktionseliten in stinknormale Sphären katapultiert wird, kommt uns Gesellschaft eingestellter Neiddebatten gar nicht mehr in den Sinn. Dass man damit letztlich indirekt zugab, dass die Mächtigen nur zu gerne strafen, wenn sie Menschen in niedrige Bezahlung einstellen, weil sie es selbst als Strafung betrachten, entzieht sich unserer Logik, die man über Jahre durch jegliches Abwiegeln von Umverteilungsfragen zersetzt hat. Armer Middelhoff, bedauern sie ihn dann ein bisschen, so ein Absturz, so wenig Lohn, den er noch nicht mal auf sein Konto kriegt. Dann klappen sie die Zeitung zu, nehmen das Tablett entgegen, das die Kassiererin von McDonalds an den Tisch bringt, weil der Chickenburger noch nicht fertig war und mosern. Wo das Essen bleibe, wie langsam die Frau laufe, wo man sich beschweren könne, man raunzt herum und mäkelt und lässt das Arschloch raushängen. Der Bruttolohn der Kassiererin beträgt nicht mal 1.500 Euro. Inklusive Zulagen. Selbst schuld, sie hätte ja was Anständiges lernen können. So jemand ist nicht gestraft, er gehört bestraft ...

5 Kommentare:

Mordred 18. Mai 2016 um 16:19  

in der tat nen schlechter witz.

Michael Speier 19. Mai 2016 um 07:40  

Öhm... 1.785 €uro und wenig? Das ist ja wohl wirklich ein schlechter Scherz! Das wäre umgerechnet 3491.16 DM, soviel habe ich mit meinen inzwischen 50 Jahren noch nie verdient!

habanero 19. Mai 2016 um 12:31  

Es gibt Solche und Solche. Aber mehr Solche als Solche.
Ein rechtmäßig wegen Untreue und Steuerhinterziehung Verurteilter bekommt noch vor Antritt seiner Strafe einen Job, um von Anfang an Freigänger zu sein. Wo ist die Strafe?
Arbeitslose suchen jahrelang händeringend nach einem Arbeitsplatz und bekommen keinen. Erst recht nicht eine Stelle als Hilfskraft mit einem so satten Salär.
Bin gespannt, ob unsere Kanzlerin diesem Herrn zum "Haftantritt" auch ihre Hochachtung zollt wie einem gewissen Herrn Hoeneß.

giovanni gruen 22. Mai 2016 um 13:15  

Arbeit ist in jeder Beziehung eine Strafe - das Manifestiert sich schon im Juristischen durch die Geldstrafe, die nichts anderes ist als Arbeit als Strafe durch eEntzug der "Wiedergutmachung"...

Anonym 22. Mai 2016 um 18:50  

Wo bleibt die Gewerkschaft und die Kirche die dies erkennt.

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