In Vielfalt einfältig

Dienstag, 23. Juni 2015

»In Vielfalt geeint« war mal so eine Losung, mit der man Europa umschrieb. Aber vielfältig sollten daran vielleicht nur Landschaften oder Nationalgerichte sein. Die politische Leitlinie hingegen nicht. Auf diesem Gebiet herrschte und herrscht Einfalt. Das kann man dieser Tage blendend sehen.

Im Jahre 2000 sollte ein Europamotto her. Vorschläge gab es einige. In die Endrunde schafften es verschiedene. Zum Beispiel: »Unsere Unterschiede sind unsere Stärke«, »Einheit in Vielfalt« oder »Alle verschieden, alle Europäer«. »In Vielfalt geeint« hat dann den Zuschlag bekommen. Und man merkt schon, in welche Richtung die Parole gehen sollte. Der gelebte Pluralismus im Bund der kontinentalen Staaten sollte unterstrichen werden. Das suggerierte Variationsbreite, Buntheit und Fülle. Die Europäische Union erklärt, dass das eine »Bereicherung für den Kontinent [darstelle]«. Die europäische Identität sei vielschichtig, farbig und habe viele Facetten. Das klingt gut, nach Liberalismus und einem Bekenntnis zu Alternativen, Mannigfaltigkeit und Wahlmöglichkeiten. Die aktuellen Geschehnisse um Griechenland und seine Regierung zeigen jetzt eindrücklich, wo dieses Credo zur Verschiedenartigkeit aufhört. Der politische Kurs innerhalb eines Mitgliedslandes gehört jedenfalls nicht auf die Liste der Vielfalt in dieser kontinentalen Union.

Es geht einzig und alleine um Kulturen, Traditionen und Sprachen (wobei das in Berlin schon mal anders gesehen wurde, als es hieß, dass man wieder Deutsch in Europa spreche), um Trachten, Nationalgerichte und Folklore. Aber dass Vielfalt auch heißen könnte, die Leitlinie der neoliberalen Politik zu verlassen, davon will man innerhalb der Europäischen Union nichts wissen. Nationale Regierungen, die abgleiten vom Kurs, haben keinen Anspruch darauf, sich auf die Vielfalt politischer Grundrichtungen zu berufen. Hier haben sie einfältig zu sein. Sind sie es nicht, droht ihnen der Rauswurf, verbannt man sie aus diesem Europa, das so stolz ist auf seine Verschiedenartigkeit. Eine linke Regierung ist aber so verschieden, dass man den europäischen Grundgedanken aufgibt und den ganzen Rest der ehemaligen Grundidee lächerlich macht.

Dort wo man in Vielfalt vereint ist, herrscht eigentlich nichts anderes wie Alternativlosigkeit. Grauer Alltag und Einheitsbrei. Dieses real existierende Europa ist politisch und ökonomisch gesehen für die Einfalt. Aber »In Vielfalt geeint« ist ein tolles Leitmotiv, eine PR, die den Menschen Europa zugänglich macht. Man muss dieses Motto also hegen und pflegen. Nur darf man es nicht als Versprechen sehen. So wie jeder Werbejingle Dinge in Aussicht stellt, mit denen man nicht rechnen sollte, so wie kein Gnom ein Womanizer wird, wenn er sich Axe in die Achselhöhlen schmiert, so ist auch diese Parole nur bedingt auch so gemeint. Wie vielfältig Europa ist, sieht man dieser Tage an dem Einsatz der Einfältigen, die Griechenland auf Linie zu bringen versuchen. Vielfältig ist hierbei nur die Niedertracht und das Maß an Boshaftigkeit. Sie sind in Vielfalt vereint, die politische Einfalt wiederherzustellen.

8 Kommentare:

Anonym 23. Juni 2015 um 07:08  

"[...]Dort wo man in Vielfalt vereint ist, herrscht eigentlich nichts anderes wie Alternativlosigkeit. Grauer Alltag und Einheitsbrei[...]"

Woher kenne ich das nur? Eine Ironie der Geschichte, damals bei Honecker & seinen Vorgängern - im real existierenden Sozialismus - war es auch nicht anders als heute bei der EU bzw. Merkel-Deutschland.

Man sprach es zwar nicht aus, aber es war die gleiche Alternativlosigkeit, der selbe Einheitsbrei und Graue Alltag im real existierenden autoritären Kommunismus wie im neoliberalen Kapitalismus - d.h. in Nordkorea ist es ja heute noch so nur eben mit kommunistischem Vorzeichen statt dem der Neoliberaliban Deutschlands.

Wie bereits erwähnt, eine Ironie der Geschichte, d.h. Geschichte wiederholt sich eben doch nur diesmal als Farce....

Amüsierte Grüße
Bernie

Anonym 23. Juni 2015 um 10:41  

Wunderbar auf den Punkt. Danke, Roberto.

Gruss,
Garfield

Lutz Hausstein 23. Juni 2015 um 11:06  

Wie nach außen (Europa) - so auch nach innen.

Man nehme einen (eigentlich) positiven Begriff und befülle ihn mit einem völlig entgegengesetzten Inhalt, um dann eben dies unter dem Schlagwort zu fordern. Man sage "Integration" und erhebe danach Forderungen, die allesamt unter "Assimilation" laufen. Und diese Einfalt verkaufe man dann der Öffentlichkeit als Vielfalt.

Anonym 23. Juni 2015 um 11:57  

Wie wäre es mit: Europa ist verschieden...das wäre so schön doppeldeutig.

Anonym 23. Juni 2015 um 12:54  

Das hinter der Idee der Europäischen Union auch eine wirtschaftspolitische Einheit bzw. Vereinheitlichung steht, kann eigentlich nicht verwundern. Das es sich hierbei um einen knallharten, neoliberalen Kurs handelt, muss natürlich kritisiert werden.

Anonym 23. Juni 2015 um 14:13  

Das Bild von den Umpalumpas neben den Text ist einfach nur super treffend.

Stefan Becker 23. Juni 2015 um 15:50  

Irgendwie musste man Europa ja unter die deutsche Knute bekommen, einerseits mit den von dir beschriebenen Euphemismen, andererseits mit jahrelanger Lohnzurückhaltung.
Es ist uns gelungen. Am deutschen Wesen wird Europa zerbrechen

Anonym 23. Juni 2015 um 21:27  

Politisch vielfältig (Presse, Politik, Wirtschaft) vereint, die wirtschaftspolitische Einfalt der Ausgebeuteten im Sinne der Machthaber wieder herzustellen und aufrecht zu erhalten.
Heute wird nicht gegen den Finanzjuden gestürmt, sondern als Sündenbock der einfache Grieche zu Tode gehetzt. Man hat schließlich aus der Geschichte gelernt und weiß, wie Propaganda funktioniert.

http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jun/23/griechenland-eurozone-deutschen-einheitswahrung

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