Eine Liebeserklärung an den letzten richtigen Sozi

Mittwoch, 8. April 2015

oder From Jan with Love.

Neulich im »Spiegel«. Fleischhauer mal wieder. Er schrieb eine tolle Einleitung zu seinem Text. Es ging um die Sozialdemokraten und deren Konturlosigkeit. Sie wüssten nicht, wie sie sich ein Profil verpassen könnten. Oder wollten es nicht. Beliebig seien sie geworden.

Dann schob er noch nach, dass Merkel kein Schicksal sei, das man nicht abstreifen könnte. Sieh einer an, dachte ich mir. Ein starker Satz für einen, der sonst eher schwache Phrasen drischt. Zurückgefunden auf die Spur wird er nicht haben, schoss es mir durch den Kopf. Dazu ist er zu verbohrt. Aber manchmal schreiben die falschen Leute auch richtige Sachen. Über zwei, drei Absätze wickelte er die Sozialdemokratie ab. Fatalistisch sei der Verein und selbstzufrieden. Wo sind die standhaften Sozis? Die Leute, die nicht danach strebten, eine »innere Unionsmitgliedschaft« einzugehen? Ich wollte Fleischhauer regelrecht zustimmen, denn dass es an Ecken und Kanten fehlt, das ist ja so zutreffend wie nur gerade was. Aber dann rutschte ich einen Absatz weiter und es lohnte sich nicht mehr, ein Wort des Lobes ausschütten zu wollen.

Einen Sozi gäbe es nämlich noch, behauptete Fleischhauer. Keinen geringeren als den Ober-Sozi selbst: Sigmar Gabriel. Wie der um Deutungshoheiten ringe und sich zum Beispiel für das Freihandelsabkommen aufreibe, das sei vorbildlich. Ja, so treten Sozialdemokraten auf, die es noch ernst meinen, die ihrer Partei ein Profil verleihen wollen. Gabriel ziehe sich nicht hinter Merkel zurück, sondern mache selbst Politik. Wie die guten alten Größen der Sozialdemokratie führe er den Laden und gebe ein Beispiel ab, wie man die Partei modern und zeitgemäß führen könne. Kurzum, Fleischhauer hat den guten Start mit einem Aufwisch verkackt.

Denn Gabriel ist nicht die Lösung des sozialdemokratische Problems. Er ist Teil desselbigen. Der Mann ist ein Postdemokrat, der schon mal ankündigt, dass seine Partei bei der nächsten Bundestagswahl als Juniorpartner an der Seite der Union steht. Wahlkampf lohne sich nämlich gar nicht mehr. Und nebenher unionisiert er fröhlich die letzten Reste sozialdemokratischer Atavismen weg. Regt TTIP und die damit drohende Aufhebung von Sozialstandards an und lässt sich dafür als Kämpfer für eine bessere Welt feiern. Der Mann wirbt nachhaltig dafür, irgendwann mal Ehrenmitglied der Union zu werden.

Aber Fleischhauer lobt ihn als großen Sozi. Genau deshalb. Weil einer, der die SPD völlig aufgibt und auflöst, natürlich Zuspruch braucht. Fleischhauer lobt nicht die Wehrhaftigkeit der Sozialdemokratie, sondern macht ihrem Abgesang eine Liebeserklärung und dem, der den finalen Stoss versetzt, zwinkert er kokett zu. Danke, lieber Sigi, du machst nen tollen Job - dein Jan.

3 Kommentare:

ulli 8. April 2015 um 10:12  

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass die SPD als Partei des Industriekapitalismus mit diesem auch untergeht. Sie bietet ja wahrhaft ein Bild des Grauens. Und man sieht in Griechenland und Spanien, dass Syriza und Podemos erst hoch kommen konnten, nachdem die klassische Sozialdemokratie abgeschmiert war. Wer wählt denn die SPD noch? Nach meinem Eindruck vor allem Rentner und Pensionäre aus dem öffentlichen Dienst (von denen nicht wenige der irren Fantasie anhängen, Willy Brandts Geist würde eines Tages wieder aus seinem Grab hervorkommen und die Dinge zum Guten wenden). Das aktive Personal der SPD besteht demgegenüber aus mehr oder weniger skrupellosen Karrieristen, die nichts mehr zu hassen scheinen als das Milieu, aus dem sie selbst herstammen.

Was soll man mit der SPD? In einer Gesellschaft, die die Grenzen des Wachstums längst erreicht hat, setzt sie auf ewiges Wachstum und unendlichen Profit. In einer Gesellschaft, die im Jahr 2 bis 3% wächst, setzt sie auf Unternehmen, die mindestens 5% Rendite erwarten (Wo diese Rendite dann geräubert wird, kann man sich im Mittelmeerraum oder auch beim bei deutschen Prekariat ansehen.) Während der Entwicklungsstand der Produktivkräfte die menschliche Arbeit zusehens unnötig macht, setzt die SPD ungebrochen auf das Mantra der Vollbeschäftigung und den Spruch: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Aber es gibt halt immer weniger Arbeit. Mit der SPD wird es nichts mehr.

Stefan Becker 8. April 2015 um 19:05  

Die Folgen des Rechtsrucks in Deutschland lassen Gabriel als letzten Sozi erscheinen, aber Fleischhauer auch als Erzkonservativen mit faschistischer Tendenz

Anonym 9. April 2015 um 00:14  

@ ulli
hahahaha

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