Ein anderes Wort für Sabotage

Freitag, 14. November 2014

Fast täglich erfährt man, wie Menschen unter diesem Regulierungsterror, der sich Zeitmanagement nennt, leiden. Ich schrieb kürzlich darüber und nannte es »den Plan«. Im Kleinen, wie im Großen spielt er sich ab. Viele überspielen das. Merken es selber kaum. Sie schauen nur immer auf die Uhr. Gehen im Geiste schon den nächsten Termin durch und gelten alles in allem trotzdem als ausgeglichene Menschen. »Agenda-Menschen« nannte Friedhelm Hengsbach diese Leute mal. Sie leiden mal bewusst, mal unbewusst im täglichen Dickicht der Ereignisabfolge ebenso, wie in der gesamten Lebensverplanung. Kinder leiden unter dieser Planungswütigkeit besonders. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der AOK ist nur ein weiteres Indiz dafür.

Schon der Tagesablauf von Kindern soll heute im optimalen Falle Struktur haben. Weil alles getaktet sein soll, schicken viele Eltern ihre Kinder schon vorzeitig in die Schule, wehren sich gegen die Zurückstellung und ordnen ihre Kinder schon frühzeitig dem Ernst des Lebens unter. Sie haben sich eben ihre Vorstellungen gemacht und wollen jetzt nicht aus dem Plan geraten. Frühe Einschulungen, so sagt die oben genannte Studie aber, führen häufiger zur Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Nicht etwa, weil diese jungen Schüler wirklich eine »psychische Störung« mit diesem Namen hätten, sondern lediglich, weil sie noch zu verspielt sind, noch nicht schulreif. Eltern wie Schulen gehen auf den Spieltrieb nicht ein. Der Zeitplan ist straff, für Spielereien bleiben da keine Zeitressourcen. Konventionen verlangten zudem funktionierende Kinder. Für Kindereien sichert auch die Politik keine Räume. Kindliches Spiel ist schließlich Sabotage am Mehrwert, an der Wertschöpfung, an der Ökonomie. Also wirft man den Spielkindern Ritalin in den Schlund, damit es ohne Störungen planvoll weitergehen kann.

Aus meiner langjährigen Karriere als Vater eines schulpflichtigen Kindes weiß ich, dass es bei Elternabenden immer in erster Linie darum geht, die Kinder untergebracht und eingeplant zu wissen. Wie und wo ist zweitrangig. Wie zum Beispiel der Ablauf von Ganztagsklassen geschieht, ist weniger wichtig, als dass es zu einem solchen Ganztagsklassenangebot überhaupt erst kommt. Der Plan macht die Vorgaben, er diktiert den Eltern, dass sie nicht über Qualität zu sprechen haben, sondern nur darüber, dass es überhaupt zur Planungssicherheit kommt.

Bei einem Treffen der Klassenelternbeiräte musste ich mich zum Beispiel mal anfeinden lassen. Es ging um eine Abstimmung, die der Rektor vornehmen wollte. Wäre eine Mehrheit für eine Ausweitung der Ganztagsklassen entstanden, hätte er beim Kultusministerium Gelder beantragen können. Ich war der einzige, der nach seinen Vorstellungen gefragt hat. Ich wollte wissen, ob er beabsichtige, die nächste Stufe des Ausbaus des Ganztagsangebotes auch noch zu nehmen. Das hätte weitere Gelder bedeutet und einen durchgehenden Unterricht bis in den späten Nachmittag hinein. Freizeit- und Spielangebote wären in einem solchen Modell nicht mehr vorgesehen. Ich nervte ihn und die anderen Eltern sichtlich. Aber ich wollte es genau wissen. Sie aber wollten abstimmen, sich nicht weiter mit Informationen aufhalten. Und so gaben sie ihm seine Mehrheit, ohne auch nur etwas erfragt zu haben.

Als er mich nach getaner Abstimmung fragte, weshalb ich dem Vorhaben keine Ja-Stimme verlieh, legte ich ihm dar, dass das nicht meine Vorstellung von Kindheit sei. Wir reden ja nicht von kleinen Kindern, die man dauerüberwachen müsste, sondern von Teenagern, die auch mal Freiheit genießen sollten. Rausgehen, ein bisschen selbstbestimmt sein. Das hat Kindern vor einem Vierteljahrhundert auch nicht geschadet. Heute tun wir gerade so, als seien unbetreute Phasen einer Kindheit irgendwie eine Gefahr für die geistige und moralische Entwicklung. Er nickte und akzeptierte meine Einwände. Seine Mehrheit hatte er ja schon. Er konnte deswegen großzügig auftreten. Die Eltern keiften mich aber an. Sie wurden wütend. Gifteten. Sie konnten nicht akzeptieren, dass da einer etwas gegen die Verplanung von Kindern hatte.

Dass diese Leute natürlich auch unter Zugzwang litten, weil sie ihre Kinder untergebracht haben müssen, während sie ihrem Tagwerk nachgehen, kann ich rein von den Sachzwängen aus betrachtet ja nachvollziehen. Wobei da immer auch Hysterie dabei ist. Teenager können auch mal auf sich alleine gestellt sein. Dass sie aber einem, der ihren Zugzwang grundsätzlich hinterfragt und nicht für angebracht hält, als den Überbringer schlechter Nachrichten »lynchen« wollen, ist etwas anderes. Ich habe sie doch nicht in die Lage gebracht. Bin doch unschuldig. Wir alle haben es so weit kommen lassen; wir alle als beschleunigte und auch hysterische Gesellschaft.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass man sich der Diktatur des Schemas und des Plans unterworfen hat? Das war doch nicht immer so, dass das alltägliche Leben nach einer Skizze gelebt wurde. Ganz zu schweigen von der Frage, ob es so besonders gut ist, lückenlos ausgebucht zu sein. Wo bleibt denn da Kreativität und Selbstbestimmung? Was für Kinder ziehen wir da heran, denen dieser Drang nach Auslauf genommen wird?

Ich finde es witzig, wenn mir Leute, die zur Verschwörungstheorie neigen sagen, dass es da einen großen Plan des Kapitals gäbe, die Menschheit an Fäden zu nehmen. Daran glaube ich nicht. Interessen sollte man nicht mit Plänen verwechseln. Der Plan ist eine ganz andere Sache. Er ist nicht Ausbeutung von oben, sondern die in Kauf genommene Selbstausbeutung der Ressource Mensch. Die Eile, das Kalkül, der Trott des Schemas.

Vielleicht ist das momentan nicht aufzuhalten. Der Zeitgeist ist so, kann sich aber wandeln. Meine Hoffnung ist daher, dass die Kinder, die in diesem Klima heranwachsen, sich als Erwachsene Gedanken machen werden über das Treiben der Alten. Und dann sagen sie »Halt!« und »Gemach!« und denken um. Warum sollte die Beschleunigung nicht auch wieder entschleunigt werden können, wenn es nur genug Menschen wollten? Und dann klagen sie gegen Ärzte, Eltern und eine Gesellschaft, die ihnen Ritalin verabreicht haben, wo sie einfach nur kindliche Freiheit gebraucht hätten. Wenn der Richter selbst so ein Kind war, stehen die Chancen nicht mal schlecht.

9 Kommentare:

Anonym 14. November 2014 um 11:55  

Das Problem ist ja, dass man woanders schon "weiter" ist in dieser Entwicklung und es nicht im mindesten zu einer Rebellion gekommen ist. Siehe z.B. die USA, wo das "career planning" ja quasi bereits im Grundschulalter anfängt. Ich denke wenn man die Blagen erst mal vor einer bestimmten Entwicklungsphase auf kompromisslosen Konkurrenzkampf gedrillt hat, ohne kritisches Denken zu implementieren, ist der Zug praktisch unwiederbringlich abgefahren.

epikur 14. November 2014 um 12:33  

Starker Text! Gefällt mir gut.

Das Verplanen und Ver-Strukturieren kommt m.E. mit vielen Sachverhalten zusammen, ja fördert und unterstützt es: extrem überlastete Lohnarbeits-Eltern, die stets flexibel und belastbar sein müssen, Helikopter-Muttis, die einem Super-Ideal von perfekten Eltern hinter her rennen (aber eigentlich total ängstlich und verunsichert sind) sowie berechenbares und markt-effizientes Denken.

Ich kenne reichlich Eltern, welche die Wochentage ihrer Kleinkinder, mit Sport- und Förderangeboten vollstopfen. Einfach mal so auf dem Spielplatz toben, Fahrrad fahren oder sich mit Spielzeug kreativ entfalten? Dafür bleibt kaum Zeit. Ist ja "verschwendete Zeit", so die Mentalität. Dabei ist gerade das freie Entfalten nicht nur für die Entwicklung und Stärkung des Selbstbewusstsein der Kinder so wichtig, sondern auch für die Entstehung eigener Ideen, Gedanken und für die Förderung der Kreativität verantwortlich.

Aber selbstbestimmte Kinder könnten ja zu kritischen, hinterfragenden Erwachsenen werden. Und wer will/braucht das heute noch? Gefordert sind Funktionsroboter, die den Mund nur aufmachen, wenn sie gefragt werden.

Der Duderich 14. November 2014 um 14:17  

Sehr schöner Text wider dem Zeitgeist.

diapir 14. November 2014 um 16:39  

Vielen Dank für den Text. Ich selbst war mit 9 Schlüsselkind und das Essen stand zum Aufwärmen auf Herd. Wir haben natürlich viel Mist gemacht. Aber das ist das, was für mich die Kindheit ausgemacht hat. Hoffentlich finden wir ein gutes Mittelmaß, wenn es mal so weit ist.

Peinhart 14. November 2014 um 16:46  

Es stimmt, das Kapital hat keinen Plan. Es hat aber auch, nimmt man es als den 'prozessierenden Widerspruch', den es laut einem gewissen Marx nunmal darstellt, keine Interessen. Die können, ebenso wie Pläne, höchstens die Vertreter desselben haben, seine 'Charaktermasken'. Was es als Prozess aber sehr wohl hat, ist eine Entwicklung, die der Logik der sich säkular verschärfenden Widersprüchlichkeit der ganzen Veranstaltung gehorcht und die man gemeinhin auch gern als 'Sachzwänge' zu bezeichnen pflegt. Die sich verschärfende Ausbeutung, auch in der Form der Selbstausbeutung, ist so einer. Und das kann, das Kapital weiterhin vorausgesetzt, auch nicht einfach 'in Kauf genommen' werden oder auch nicht. Die Vorstellung, man könne aus dieser Verschärfung, das Kapital wiederum weiterhin vorausgesetzt, auch einfach so mal wieder aussteigen, wenn man als Gesellschaft irgendwie zur Vernunft gekommen wäre, scheint mir seltsam naiv. Wenn man einen Gott hat, muss man ihm auch dienen. Und das was hier zu recht kritisiert wird ist eben nur die aktuell notwendige Form des Gottesdienstes. Und daran können weder Hohepriester noch Gemeinde etwas ändern - es sei denn, sie schafften ihn ab.

Anonym 15. November 2014 um 13:15  

"Meine Hoffnung ist daher, dass die Kinder, die in diesem Klima heranwachsen, sich als Erwachsene Gedanken machen werden über das Treiben der Alten."

Ist der Zug einmal abgefahren, wird es keine Entschleunigung mehr geben, einfach aus dem Grund da die Menschen dann noch weniger Zeit haben werden darüber nachzudenken ob das so wie sie Leben überhaupt richtig oder falsch ist. Denn, was ist den richtig oder falsch, dass was man über Jahre gelernt hat oder das was man empfindet? Und; Ist das was man (als falsch)empfindet gesellschaftlich akzeptiert? Da wünsche ich den zukünftigen Psychiatern viel Erfolg.

nightowl 15. November 2014 um 17:13  

Es gäbe so viel anzumerken zu diesem schönen, nachdenklichen Beitrag.
Ich versuche, mich kurz zu fassen und nur drei Hauptgedanken auszuführen:
Zitat:
"...Sie aber wollten abstimmen, sich nicht weiter mit Informationen aufhalten. Und so gaben sie ihm seine Mehrheit, ohne auch nur etwas erfragt zu haben...."
So geschieht es nicht nur auf Elternabenden sondern auch auf (partei-)politischen Versammlungen; worauf sich die üblich Verdächtigen meist verlassen können und wodurch die Interessen jeden Klüngels gewahrt werden und bleiben.

Die "Strukturierung des Tagesablaufes" ist auch ein beliebter Topos der Psychiater und Psdychotherapeuten - ganz im Fahrwasser der Agenda-Politik.
Also muß man nicht nur dafür sorgen, daß Arbeitslose dieser Strukturierung durch "Maßnahmen" wieder teilhaftig werden, nein: das Fehlen eines (nach DEREN normativen Vorstellungen) solchen verursacht Depressionen und andere seelische Störungen. Und diese Diagnose wird von den Betroffenen meist undifferenziert aufgegriffen. So wird eine subjektiv empfundene Besserung depressiver Beschwerden während der Teilnahme an Kursen, Praktika oder klinischen Therapien nicht etwa der verbesserten gesellschaftlichen Teilhabe zugeschrieben, sondern der (von außen erfolgten)zeitlichen Strukturierung.

Was mich an diesem Thema noch aufregt, ist der Anspruch der ständigen Verfügbarkeit und das Ausmaß der Zurichtung auf den Takt und die Anforderungen "des Arbeitslebens" i.e. der "Arbeitgeber" einerseits und deren völliger Freiheit von von Verantwortung und Verpflichtungen andererseits für das zugerichtete Volk.
Im Gegenteil: der arbeitgeberseitige Anteil an Sozialleistungen wird seit Jahren immer weiter heruntergefahren und die Konzerne sind höchstens ihren Aktionären verpflichtet (Stichwort: "Effizienz").
Da herrscht ein krasses Mißverhältnis. Ich kann nicht glauben, daß ein eventueller gesellschaftlicher Diskurs über Zeitmanagement etwas bewirken könnte, wenn die (kapitalistischen) Voraussetzungen nicht Gegenstand dieses Diskurses wären.

maguscarolus 16. November 2014 um 10:27  

Strukturierung der Zeit ist von Anbeginn aller Kultur ein Anspruch, der aus gesellschaftlicher Teilhabe resultiert. Ob durch den Lauf der Gestirne, den Wandel der Jahreszeiten, den Wechsel von Tag und Nacht, Aussaat und Ernte, Geburt und Tod, etc. etc.

Die anmaßende Inanspruchnahme dieses Begriffs durch die Herren der Produktionsmittel und die kriecherische Rechtfertigung durch die "Priester" des Kapitals (aka "Wissenschaftler, Gutachter, Wirtschaftsweise, etc.") ist das Zerstörerische an dem ganzen Betrieb. Damit wird alle Verantwortung dem Individuum aufgelastet, das eben nicht effizient und strukturiert genug sein Leben an die herrschenden Verhältnisse anpasst. Die Kritik an diesen Zuständen ist so alt wie die industrialisierte Wirtschaft, wird aber unter dem Einfluss der medialen Meinungsmache in unseren Zeiten immer leiser und ist mittlerweile kaum mehr als ein vielstimmiges verzweifeltes Gewisper.

Benedikt 20. November 2014 um 01:40  

Lieber Roberto,

ich lese deinen Blog nun seit vier Jahren ohne mich je zu Wort gemeldet zu haben. Ich melde mich auch hier nicht zu Wort, um große Kritik zu üben, sondern weil du ein Thema ansprichst, was mich derzeit sehr beschäftigt.

Auch ich halte nichts von der Verplanung von Kindern, muss aber feststellen, dass mein Sohn (12) seine Freiheiten nicht dafür nutzt, Mist zu bauen, draußen sich die Hörner abzustoßen oder einfach nur seinem körperlichen Spieltrieb zu folgen.

Ich habe einen langen Arbeitstag und komme selten vor 20 Uhr nach Hause. Und wenn ich nach Hause komme, stelle ich fest, dass er den ganzen Tag an seinem Computer spielt und sich seit Wochen nicht mit Freunden trifft (davor nur sporadische Treffen und immer driftete diese ab in gemeinsames Computer spielen).

Obwohl er auch einmal in der Woche Tennis im Verein spielt und zweimal in der Woche zum Taek-Won-Don geht (so viel zum Thema Planung), habe ich irgendwie das Gefühl, dass er etwas versäumt (oder nicht lernt). Dazu kommen die Gedankengänge, dass auf einer sinnvoll geführten Ganztagsschule er mehr soziale Kompetenz erlernen würde.

Ich weiß, dass du eigentlich nicht in der Branche der Psychologen und Sozialarbeiter arbeitest, aber da du das Thema anschneidest, würde mich deine Meinung und dein Rat interessieren.

Hochachtungsvoll,
Benedikt

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