Die Vollbeschäftigung mit der Vollbeschäftigung

Mittwoch, 26. November 2014

Für den Brockhaus liegt »Vollbeschäftigung« vor, »wenn alle für eine Beschäftigung geeigneten Personen ohne längere Wartezeit einen Arbeitsplatz zum bestehenden Lohnniveau finden können«. Der Vorsitzende der Bundesagentur für Arbeit sagte letzte Woche in einem Interview, dass sich Deutschland »langfristig der Vollbeschäftigung« nähere. Das was er meint, hat mit dieser klassischen Vollbeschäftigung per definitionem nichts zu tun.

Schon eine kuriose Vollbeschäftigung, der wir uns da nähern. 7,9 Millionen von 42,7 Millionen Erwerbspersonen arbeiten im Niedriglohnsektor. Mehr als 1,3 Millionen dieses Prekariats füllt weiterhin Antragsformulare des Jobcenter aus, um mit ergänzendem Arbeitslosengeld aufstocken zu können. Tendenz steigend. Sozialisierte Personalkosten liegen voll im Trend. Trotzdem findet dieser Personenkreis in der Arbeitslosenstatistik nicht statt. Weder die Aufstocker, noch die anderen Beschäftigten, die entweder nicht aufstocken wollen oder keinen Anspruch darauf haben, aber deshalb noch lange nicht im Wohlstand baden.

Weitere Gruppen, die nicht in der Statistik auftauchen und somit den Weg frei für eine etwaige Vollbeschäftigung schaffen, sind unter anderem kranke Arbeitslose. Konkrete Zahlen zu denen gibt es nicht. Man weiß nur, dass Arbeitslosigkeit ursächliche Auswirkungen auf die Entwicklung schwerer Krankheiten hat. Menschen, die in sogenannten »Ein-Euro-Jobs« ausharren und Personen ab dem 58. Lebensjahr fallen auch heraus. Zusätzlich streicht die Arbeitsagentur alle aus der Statistik, »die eine Vermittlung erschweren, weil sie ihre Pflichten bei der Jobsuche nicht erfüllen«. Für den September 2014 bezifferte die Arbeitsagentur diese verschiedenen Personenkreise auf annähernd eine Million Menschen.

Von den 42,7 Millionen möglichen Erwerbspersonen arbeiten lediglich 30,3 Millionen sozialversicherungspflichtig. Viele derer, die ohne Sozialversicherungsschutz arbeiten, würden gerne mehr als nur jobben. Auf die offizielle Arbeitslosenzahl von 2,7 Millionen kamen im Oktober 517.000 gemeldete Stellen. Wie man da die nach dem Brockhaus definierte Vollbeschäftigung ermöglichen will, wie man also »ohne längere Wartezeit einen Arbeitsplatz zum bestehenden Lohnniveau finden« könne, bleibt so mehr als fraglich. Man sollte Zeit zum Warten mitbringen. Überhaupt ist das so eine Sache mit dem Lohnniveau. Die Boomsparte auf dem Arbeitsmarkt ist der Niedriglohnsektor. Geringfügige Beschäftigungen ersetzen immer öfter Normalarbeitsverhältnisse. Leiharbeit schwillt zu einem Millionenmarkt an. All das drosselt das Lohnniveau und so könnte man Weise beipflichtend attestieren, dass er definitionsgemäß eine tatsächliche Vollbeschäftigung meint, denn wenn einer Arbeit findet, dann eben eine, die diesem Lohnniveau im Abschwung zupass komme.

Doch dieser Niedriglohnsektor ist ein separierter Raum, eine künstliche Billiglohnblase, die politisch immer weiter aufgepumpt wird und mit dem noch existierenden Lohnniveau gar nichts zu tun hat. Er senkt zwar das allgemeine nachhaltig, aber wer heute eine Beschäftigung in ihm findet, tritt keine Stelle »zum bestehenden Lohnniveau« an. Er liegt noch weit unter dem Wert, der einst erkämpft wurde und den es außerhalb des Niedriglohnrahmens ja noch immer gibt. Wenn auch nicht mehr so üppig. Vollbeschäftigung, die Weise in diesem Sinne des Lohndumpings meint, bedeutet heute, dass jemand »mit mehr oder weniger längeren Wartezeiten einen Arbeitsplatz zur Absenkung des allgemeinen Lohnniveaues erhält«. Dass man eine Stelle findet, die das Niveau der persönlichen Not des gerade noch Arbeitslosen lindert, ist für viele Menschen gar nicht mehr geboten. Man kommt vom Regen in die Traufe.

Vollbeschäftigung also? Wie gesagt, der Mann heißt nur Weise. Er ist es nicht. Er ist aber bestimmt voll beschäftigt. Beschäftigt, die Situation als ausgezeichnete Ausgangslage zu stilisieren. Ja, die einzigen, die heute noch voll beschäftigt sind, das sind die Blender und Beschöniger. Die haben viel zu tun. Deren Vollbeschäftigung ist eindeutig gesichert. Ohne Kniffe und Niedriglohn. Ihre Vollbeschäftigung ist echt.

9 Kommentare:

Anonym 26. November 2014 um 08:11  

Ich denke, wir nähern uns langfristig eher dem gesellschaftlichen Kollaps!

Peinhart 26. November 2014 um 10:08  

Was bei der Diskussion um 'Vollbeschäftigung' und 'Arbeit schaffen' erstaunlicherweise so gut wie immer fehlt ist der doch eigentlich zu erwartende Hinweis auf die zusätzlichen Bedürfnisse, die mit dieser wie 'selbstverständlich' zu schaffenden Beschäftigung befriedigt werden sollen. Stehen die Leute denn vor leeren Regalen, oder haben wir nicht genug Shampoo-Sorten?

Eher zutreffend ist doch wohl, dass wir von allem zuviel haben - zuviel Arbeit, die 'Beschäftigung' sucht, zuviel Waren, die 'Absatz' sucht und uns im Werbe-Dauerbombardement schmackhaft gemacht werden müssen und nicht zuletzt auch viel zuviel Kapital, das nach 'Anlage' sucht. Und obwohl unsere Gesellschaft auf allen diesen Ebenen Überfluss produziert, geht es einem zunehmenden Teil der Menschen zunehmend schlechter, nicht nur auf der materiellen, sondern auch der psychosozialen Ebene. Gleichzeitig wissen 'wir' seit Jahrzehnten, dass unser Konsumniveau längst viel zu hoch ist, um von disem Planeten noch verkraftet werden zu können, dass wir uns zahlreichen ökologischen Katastrophen nähern.

Was also soll uns 'Vollbeschäftigung', was eine Kritik dieses Mythos, die darauf nicht eingeht, die im Gegenteil nur seine Wiederherstellung anzumahnen scheint...?

'Zuviel war nicht genug' - bekanntlich Volker Pispers' Vorschlag für die Grabinschrift des Kapitalismus, einer selbstreferentiellen Arbeitswut, die den eigentlichen Zweck der Arbeit, die Befriedigung von Bedürfnissen, längst komplett aus den Augen verloren hat.

ulli 26. November 2014 um 10:20  

Zumal diese Gurken in keiner Weise die Chancen sehen, die in der hohen Produktivität und der Tatsache liegen, dass immer weniger Arbeitskraft benötigt wird. Das heutige Arbeitsethos ist ja überhaupt erst mit der Neuzeit und dem Kapitalismus entstanden, zuvor war galt die Muse als schönste und erstrebenswerte Lebensweise. Heute, wo keiner mehr sein ganzes Leben schuften müsste, halten diese Leute ein Arbeitsethos hoch, das schier Amok läuft. Die Grenzen des Wachstums sind in jeder Hinsicht erreicht: Anstatt Wegwerfprodukte herzustellen (oder gar Dinge, die wirklich keiner braucht), könnte man Waren produzieren, die mindestens 10 Jahre halten. Weniger Produktion wäre besser für die Menschen, die Umwelt, für alle. Und anstatt die Menschen in einen Arbeitsmarkt zu prügeln, der sie gar nicht braucht, könnte man sie über ihre Zeit selbst bestimmen lassen. Die Chancen für ein besseres Leben liegen sozusagen auf der Straße. (Aber erkläre das mal einer diesen Sozialtechnokraten und Karrieristen von der SPD).

nightowl 26. November 2014 um 15:24  

Zahlen gibt es schon, man muß sie sich nur zusammensuchen. Ich kopiere mal aus meinem Kommentar im "Sozialticker" (18.11.):

"...
Zahl der offenen Stellen Oktober 2014: 517.432
Zahl der Arbeitslosen Oktober 2014: rund 2 730 000

Bei den Arbeitslosenzahlen sind diejenigen in sog. “Maßnahmen”. die derzeit arbeitsunfähig krank Geschriebenen und die sog. “Aufstocker” NICHT mitgerechnet.
Offiziell beträgt die Zahl der Hartz-IV-Empfänger nämlich 7,5% der Bevölkerung.
(Zahlen aus Statista, Statistik-Portal)

Das sind bei 80,5 Mio.Einwohnern (Quelle: destatis) in D 6 037 500 sprich: Sechs Millionen siebenunddreißigtausendfünfhundert.

Wie sollen die alle Arbeit finden, bei nur knapp mehr als fünfhunderttausend Stellen?
Dieses Verhältnis ist übrigens die letzten Jahre über ziemlich gleich geblieben. ..."

Was fehlt, ist eine VISION, wie "der Markt" und "die Wirtschaft" jenseits der Ausplünderung unseres Planeten und der abhängig Beschäftigten aussehen könnte.
Wenn, wie ich einst gelesen habe. ein wesentliches Merkmal der (Zwangs)Neurose darin besteht, ein "Immer-Mehr der falschen Lösung des Problems" anzuwenden, so leben wir im Zeitalter einer kollektiven Neurose.

Anonym 26. November 2014 um 17:27  

ANMERKER MEINT:

Und was auch fehlt, und das ist symptomatisch,ist der Aufschrei des DGB und seiner Gewerkschaften, ob solcher Weis(s)macherei verbunden mit der Forderung nach Einführung der 30stundenWoche mit, selbstverständlich, Lohnausgleich!
Aber wer inzwischen auf Vollbeschäftigtenposten sitzt, wie die Gewetrkschaftsfuntkionäre, der bastelt natürlich nur an Symptomen rum, statt das Übel an der Wurzel zu packen.

MEINT ANMERKER

maguscarolus 26. November 2014 um 20:14  

Immer dann, wenn ich Worte des Eigenlobs höre, mit denen Regierungsoffizielle das ganze Elend als guten Erfolg beschönigen, fühle ich die Berührung einer vollkommen abgelösten Parallelwelt.
Niemand, wirklich niemand hat eine Antwort auf die eigentliche Frage:

Was soll mit jenen vielen Menschen geschehen, für die sich ganz einfach heute und morgen und in aller Zukunft keine Arbeit mehr finden lässt?

Rainer Wenk 26. November 2014 um 21:45  

Auch wenn es keine aktuelle Auswertung ist, dennoch ein Kurzüberblick für Gesamtdeutschland.

Mai 2014 Arbeitsmarktbericht BA S. 54
855.302 ALG I Empfänger
4.425.209 ALG II Empfänger
331.000 erwerbsfähige Nichtleistungsempfänger für Januar 2014 (S. 23)
Gesamt: 5 Millionen 280.511 erwerbsfähige ALG Empfänger / 5 Millionen 611.511 erwerbsfähige Betroffene

freie Stellen bei BA: 452.000 (S.12)
30% der Stellen auf der Jobbörse der BA sind dabei gar nicht existent.
Quellen:http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,403459,00.html
http://www.zeit.de/2011/09/Zeitarbeitsfirmen-Leiharbeiter
http://networkedblogs.com/k0nbA
"Die Unternehmen schreiben Stellen aus, die es so noch gar nicht gibt. Damit wollen sie den Markt sondieren und sehen, wer sich potenziell bewerben würde", sagt Fell. Einen Job hat er damit allerdings nicht bekommen.
http://www.welt.de/regionales/hamburg/article106261539/Fachkraeftemangel-Das-Problem-ist-die-Bezahlung.html
Also ging ich wieder bei Persona vorbei um mich auf diese Stelle zu bewerben. Man gab mir die Auskunft das diese Stellen zur Zeit nicht zu besetzen sind sondern das diese Stellen ausgeschrieben seien um Daten für den internen Bewerbertool zu bekommen.
http://www.zeitarbeiterblog.de/2010/02/meine-erfahrung-mit-persona-service/

freie Stellen Gesamtdeutschland: 1.075.400 (S.13) davon lediglich 699.100 sofort zu besetzen
Ungefähr 563.500 freie Stellen stehen somit in Gesamtdeutschland auf dem ersten Arbeitsmarkt zur sofortigen Verfügung. Teilzeit etc. ist in diesen Stellen mit berücksichtigt. Dem gegenüber stehen über 5,6 Millionen erwerbsfähige Betroffene/Arbeitsuchende aus dem Verfügungskreis der Jobcenter.
Als excel-Datei: http://doku.iab.de/arbeitsmarktdaten/2014/os1401.xls
http://www.iab.de/de/informationsservice/presse/presseinformationen/os1401.aspx

Im Jahr 2012 suchten aber bereits knapp 7 Millionen Menschen mehr Arbeit
https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2013/09/PD13_297_132.html

Gerd Bewersdorff 27. November 2014 um 09:42  

Sehr guter Artikel! Bravo!
Vollbeschäftigung gab es in der Geschichte Deutschlands so gut wie nie. Ansatzweise in den Jahren nach dem Krieg 1950 - 1960. Logisch, musste ja alles wieder aufgebaut werden. Danach stiegen die Zahlen kontinuierlich an.Getrickst wurde von den Verantwortlichen immer. Nach dem Motto: "Vertrau keiner Statistik, die Du nicht selbst gefällschst hast!"

H. Ewerth 27. November 2014 um 11:51  

Es wurde in den letzten Jahren ein alter zynischer Spruch wieder gepredigt: " Sozial ist was Arbeit schafft" In der NS Zeit hieß es: " Sozial ist wer Arbeit schafft." Nach der Definition wären Arbeitshäuser/Arbeitslager eine soziale Einrichtung? Dezentrale haben wir dank Hartz IV schon wieder, und das war und ist politisch gewollt.

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