Die Offenbarungen des Krieges

Mittwoch, 13. August 2014

Nein, man kann im Grunde nichts über die Kriegs- und Krisenherde schreiben, die sich derzeit global auftun. Nichts über die Ukraine, den Nordirak oder den Gazastreifen. Wie will man als kleiner Blogger, der nicht über die nötigen Quellen und Kanäle verfügt, besser machen, was beim großen Journalismus, der viel weitreichendere Mittel besitzt, schon nicht richtig klappt? Der berichtet zwar ohne Unterlass, schmückt aber seine Nachrichten immer häufiger mit Floskeln wie »offenbar«, »mutmaßlich«, »nach Berichten« oder »angeblich sollen« aus. Nichts Genaues weiß man nicht. Aber erzählt wird es trotzdem.

So wie Freitagfrüh, als die Mehrzahl der Medien erklärte, dass die Hamas offenbar die Waffenruhe gebrochen habe. Nach Berichten der israelischen Armee seien zwei Raketen abgefeuert worden. (Der Bericht war ein Tweet eines Sprechers der israelischen Streitkräfte.) Angeblich soll aber nach ersten Angaben niemand verletzt worden sein.

Ständig diese einschränkenden, diese entkräftenden Zusätze. Aber das ist im Krieg normal. In ihm ist die Wahrheit die erste Geschädigte. Die Frage aber ist viel mehr, wie man über dergleichen berichten kann, ohne gleich in einen »Offenbar-Journalismus« zu verfallen, in eine Berichterstattung, die zwischen Spekulation und wahrem Sachverhalt nicht mehr unterscheidet, weil plötzlich auch wahr ist, was spekuliert werden kann? Berichterstatter, die heute den Einmarsch russischer Verbände für eine Frage der Zeit halten und morgen erklären, dass ein etwaiger Einmarsch nicht zu erwarten sei, kann man irgendwann auch nicht mehr ernstnehmen. Wer Auspizien betreibt, wo er beglaubigte Informationen weiterreichen soll, muss mit Einbußen an entgegengebrachtem Respekt wohl leben.

Klar, diese Sprache des Offenbaren ist weitaus sympathischer, als all diese tönenden Wochenschau-Stimmen von früher, die ohne einen Anflug von Zweifel die Situationen an der Front vollumfänglich erfasst zu haben schienen. Man will eben nicht mehr so klingen wie diese lächerlichen Berichterstatter, die so klangen, als seien sie die Herren der Wahrheit und nichts als der Wahrheit. So funktionierte Propaganda eben damals. Ein Mindestmaß an Skeptizismus ist allerdings schon notwendig. Aber wie vermittelt man seine skeptische Haltung so, dass die Konsumenten sie auch begreifen und vor allem, dass sich Offenbar-Meldungen nicht verselbständigen und plötzlich zu Ereignissen werden, die wirklich so geschehen sind, nicht weil sie geschehen sind, sondern weil die ganze Welt davon spricht?

Denn dass die Hamas nach Berichten offenbar die Waffenruhe gebrochen habe, das war nur eine kurze Weile offenbar und vermutlich. Etwas später war es schon in die Wahrheit übergegangen. Also schenkte man sich skeptische Zusätze und sagte, dass die Hamas die Waffenruhe gebrochen habe. Punkt. Was oft genug wiederholt wird, wird zur Wahrheit. Aus den sadistischen preußischen Offizieren, die in den alliierten Medien des Ersten Weltkrieges vorkamen und denen man unterstellte, sie töteten Kinder mit bloßer Hand und vergewaltigten Frauen bevor sie sie erstechen, wurden nach diesem Muster zum Beispiel Figuren für die Nickelodeons und letztlich Wahrheiten, an denen man nicht mehr zweifelte.
 
Eine zufriedenstellende publizistische Lösung dieses Dilemmas wird es nicht geben. Im Krieg ist der Berichterstatter immer jemand, der etwas erzählen soll, wovon er nur randständig etwas wissen kann. So richtig im Geschehen ist er natürlich nicht. Niemand weiß in einem solchen Szenario ganz genau, was gerade vor sich geht. Objektivität schwindet, wenn man um sein Leben rennt. Und in Zeiten, da Medien und Militär eine Synthese eingegangen sind, wird der Berichterstatter ohnehin nur zum Abnehmer militärischer Informationen und letztlich auch zum Instrument militärischer Interessen.

Aber was spricht denn eigentlich dagegen, einen Tweet eines Militärs einfach mal zu ignorieren? Man muss doch nicht gleich Meldungen mit »offenbar«, »nach Berichten« oder »angeblich sollen« um sich werfen. Einfach mal zurücklegen, abwarten was kommt, auf Bestätigung warten und sich von mehreren Quellen bestätigen lassen. Und dann abwägen und sich fragen, ob die Quellen seriös sind, Eigeninteressen haben und dergleichen mehr. Dann schleicht sich am Ende vielleicht doch noch manche Falschmeldung ein. Ganz sicher ist man da nie. Aber man minimiert diese Fülle an informativer Uninformiertheit, die seit Wochen und Monaten den Medienbetrieb bestimmt.

Das ist der Grund, warum ich zu all diesen Kriegsgeschehen nichts schreiben will. Einer sagte mir: »Warum schreibst du kaum was zur Ukraine und zu Russland?« Ich antwortete nur: »Weil sich mir der Kopf dreht und ich nicht weiß, worauf ich meine Meinung bauen soll. Überall dieses Durcheinander an Meldungen, ich kann nicht unterscheiden, was Meldung, Propaganda oder einfach nur Dramatisierung ist.«

Ich kann darüber schreiben, was diese Kriege aus unserer Gesellschaft machen, denn in ihr stecke ich tief drin. Aber was genau geschieht, wer wo bombardiert und wer angefangen hat, das kann ich unmöglich wissen, es sei denn, ich glaube irgendwelchen Tweets. Manchmal sollte man, wenn man keine Ahnung hat, einfach nur die Finger stillhalten.

8 Kommentare:

Anonym 13. August 2014 um 07:18  

Das ist eine weise Selbstbeschränkung - nicht viele Autoren üben solcherlei Disziplin. Meine Hochachtung!

Anonym 13. August 2014 um 10:42  

Der Text ist letztlich ein Plädoyer für "Embedded Journalism". Ich weiß nicht, ob man das besser finden soll...

Ansonsten empfiehlt jeder Persönlichkeitsratgeber, den täglichen Medienkonsum zum Tagesgeschehen weitestgehend zu reduzieren, weil dieses mediale Rauschen so gut wie keine Informationen enthält, die man sofort braucht. Es reicht völlig, sich in größeren Abständen einen Überblick zu verschaffen.
Meiner Meinung ist das der beste Ratschlag an die heutige Mediengesellschaft.

Ernst Otte, Hamburg 13. August 2014 um 13:32  

Bravo! Ich fände es sehr gut, manche Blog- und Zeitungsschreiber würden diese Zeilen aufmerksam lesen, etliche Desinformationen, Halbwahrheiten, Wichtigtuereien würden vielleicht unterbleiben, von anderen gefährlicheren Nutzungsmöglichkeiten ganz zu schweigen.

Anonym 13. August 2014 um 16:55  

»Weil sich mir der Kopf dreht und ich nicht weiß, worauf ich meine Meinung bauen soll. Überall dieses Durcheinander an Meldungen, ich kann nicht unterscheiden, was Meldung, Propaganda oder einfach nur Dramatisierung ist.«

Melde gehorsamst:

Hinter der Meldung stehen Interessen, die Macht, der Hegemon, das Böse.

Das Böse bedient sich der Propaganda, die simplifiziert und dramatisiert, die lügt.

Die Lüge aber ist die größte Verbündete des Krieges.

Wahrheit und Wahrhaftigkeit bleiben auf der Strecke, von den Machthabern gemeuchelt.
Auch und gerade in westlichen Unwertegemeinschaften.

Es geht immer um Herrschaft,

um Vorherrschaft!

https://news.vice.com/

MichaMue 13. August 2014 um 16:58  

Newsticker....

Ukraine im Krieg mit Russland...

zumindest bei SPON

http://www.spiegel.de/politik/ausland/uno-zahl-der-toten-im-ukraine-krieg-in-zwei-wochen-verdoppelt-a-985915.html

"Genf - Zwischen dem 26. Juli und dem 10. August sind nach Angaben der Vereinten Nationen 2086 Menschen im ukrainisch-russischen Grenzkonflikt getötet worden. Damit hat sich die Zahl der Toten in nur zwei Wochen von 1129 nahezu verdoppelt. Dies meldet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf eine Anfrage bei der Uno."

So langsam hackt's bei denen wirklich. Ein "Hoch" auf die Bild der Intelektuellen....

Eigentlich wollte ich meine Kinder noch aufwachsen sehen, aber irgendwie kommen nur noch stumme Schreie, wenn ich so was lesen muss...

Anonym 13. August 2014 um 21:48  

DEr Witz ist, dass das Wort "offenbar" permenent in einer falschen Bedeutung verwendet wird, nämlich im Sinne von vermutlich. Aber eigentlich bedeutet es, dass etwas offensichtlich ist, also nicht nur vermutet

galeano 14. August 2014 um 05:43  

Als konsequenter solidarsozialistischer Kapitalismusgegner m u s s man sich m.E. zur gegenwärtigen verschleiernden Übelagerung des Krisendiskurses durch den Kriegsdiskurs äußern.
Basierend auf der wertkritischen Kaputtalismusanalyse von Kurz, Orttlieb , Scholz u.a. kann man immer auf die Krisen bedingte Kriegsaktivität hinweisen. Edward Bond schrieb , der Kaputtalismus sei am Ende immer Waffenproduktion. D.h. die nach der Mikrochiprevolution chronische Überproduktion des Konstanten Kapitals plus nicht mehr durch erweiterte Neueinstellungen kompensierbare
Elimination des variablen Kapitals(Lohnarbeiter), also absolute Mehrwertmassenschrumpfung chronifiziert Steigerung der Waffenproduktion um jeden Preis, weil d a noch Extraprofite erzielbar sind usw. Dazu bedarf es der Aufhetzung von kapitalistisch Überflüssiggemachten zum Kriegführen (Suniten, Isis, Israelis) und brachliegendem Finanzkapital aus "Grundrente"(Ölscheichs usw.)
.All diese Kriege jetzt daher letztlich illusionäre Krisenbewältigung. D a s z.B. können wir jederzeit in Kommentaren vortragen. Auch das offensichtlich noch in der Krise noch ökonomisch & militärisch überlegene & daher aggressiv zum Imperialismusausweg getriebene Mordatlanatikpack müssen wir scharf kritisieren ohne die ähnlich kaputte innere kapitalismuskrisenbedingte
Struktur des defensiven Rußland von unserer Kritik auszunehmen.Schluß erstmal, weil sonst zu lang.

Anonym 14. August 2014 um 14:34  

Von Textschreiber zu Textschreiber: Blind irgendwelche Meldungen zu übernehmen ist nicht mein Geschäft, weil man der Gefahr obliegt, Halbwahrheiten und Falschmeldungen zu verbreiten. Es zehrt am eigenen Anspruch, Beiträge löschen zu müssen, weil deren Inhalt nicht richtig ist. Somit zieht man, wenn man sich äußern will, das Pferd anders auf. Ein Text mit allgemeinerem Inhalt.
Er bleibt bestehen, selbst wenn sich eine Meldung als falsch heraus stellt.
Und wenn er nicht für diesen Konflikt zutrifft, so wird er es für einen anderen doch tun.

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