Ein Männlein steht im Walde

Mittwoch, 2. Juli 2014

Die letzten, die Gesellschaft nach »den Wald« organisieren wollten, das waren die Nazis. Neulich verwies mich jemand auf einen schon einige Wochen alten Mitschnitt von einer der langatmigen Reden Jebsens. Und siehe da, er will den Wald als Vorbild nehmen. Auch weil im Wald diese lästige Demokratie nicht so ausgeprägt ist.

Ein Ausschnitt aus dem nationalsozialistischen Propagandafilm »Das Erbe«: Eine junge Frau sagt, dass es eigentlich grausam sei, Tiere zu fangen um sie auf Leben und Tod kämpfen zu lassen. »Im Walde hätten beide so ruhig weiterleben können.« Ein »Gelehrter« tritt auf: »Aber liebes Fräulein Volkmann, ein ruhiges Leben ist da nirgends in der Natur zu finden.« Und dann erklärt er lang und breit, dass das auch gut so ist, denn so würde das Schwache ausgemerzt. Jetzt hört euch mal an, was dieser Jebsen so über den Wald und seine Organisation des Zusammenlebens sagt. Bei etwa einer Stunde zweiundzwanzig Minuten geht es los.

Ich gebe zu, von der Schwäche, die vergeht, sagt er wenig. Er nennt nur die Demokratie schwach. Aber er sieht den Menschen wie die Sozialdarwinisten von damals: Als entartetes Tier, das dringend wieder »natürlicher« leben müsste. Zurück in den Wald, dann klappt es auch wieder mit der Gesellschaft. In etwa so haben die Nationalsozialisten es auch betrachtet und stützten sich auf allerlei Romantizismen vom Wald, die der Mensch in seiner kulturellen Evolution konstruiert hat.

Spontan denke ich bei »Renaturisierung« an Thoreau, der auch so ein naturergriffener Charakter war. Lange glaubte er, das authentische Leben des Menschen könne nur der Wald hervorbringen. Eines seiner Werke heißt dann eben auch »Walden« und gehört noch heute zu den klassischen Werken der amerikanischen Literatur. Aber eines Tages stieg er naturbeseelt den Mount Ktaadn hoch. Dort traf er auf Kargheit und Ödnis und kam körperlich an seine Grenzen. Er merkte, dass er als Mensch in der Natur fremd ist, auf sich alleine gestellt. Von wundersamer Einheit zwischen Mensch und Natur keine Spur mehr. Ihm wurde klar, dass er eben kein Stück stinknormaler Natur in der Natur ist, sondern von ihr isoliert. Der Soziologe Helmuth Plessner sprach später von der »natürlichen Künstlichkeit« des Menschen, die ein »anthropologisches Gesetz« sei. Ebenso wie die »vermittelte Unmittelbarkeit«, die wohl die Abstraktion des menschlichen Daseins am besten beschreibt. Der Existenzialismus orientierte sich in etwa in dieselbe Richtung und verlieh dem Menschen einen besonderen Status als Wesen, das sein könne, was immer es sein wolle. Die Natur gibt dem Menschen keinen festen Platz vor.

Warum ich jetzt abschweife? Weil ich damit ausdrücken will, wie reaktionär und gestrig Jebsen sich gibt. Wir waren als Menschheit ja schon mal weiter. Jebsen sagt, dass wir abstrakt lebten. Ja, das stimmt. Aber das tun wir nicht, weil die Welt heute so kompliziert ist, sondern weil dieser abstrakte Zustand immer schon menschlich war. Und genau deswegen ist der Wald kein geeignetes Beispiel für eine menschliche Gesellschaft. Der Mensch hat eigene Spielregeln, vereinfacht gesagt, weil er sich selbst im Spiegel erkennen kann. Aber er legt davon unbeeindruckt einfach los. Dies »Männlein steht im Walde«, hat aber leider verpasst, »ganz still und stumm« zu sein.

Der Soziologe Peter Ullrich sagte neulich in einem Interview, dass es vielen Leuten, die zur Montagsdemo laufen, mehr so um den »Ausdruck eines massiven Unbehagens« gehe. Und ich nehme an, Jebsen fühlt sich auch selbst unbehaglich. Daher schweift er so ab, geht in den Wald, wo es doch notwendig wäre, in medias res zu gehen. Daher seine Demokratieverdrossenheit, die er mit wäldlicher Idylle wegwischt, als habe das Führerprinzip mehr für die Menschheit geleistet, als es das Prinzip politischer Partizipation jemals könnte.

Ich kann gut nachvollziehen, dass Unbehagen über unser aller Köpfe schwebt. Selbst geht es mir oft ganz genauso und ich kann dann manchmal nicht mal genau sagen, warum ich so besorgt bin. Das System? Klar. Das auch. Aber was genau am System? Und will ich einen Systemwechsel mit Typen, die die Demokratie für überbewertet halten?

Für mich ist dieses Phänomen des Zeitgeists kaum zu fassen. Ja, ich glaube, ich stehe im Wald. Wie können gerade Menschen, die sich jahrelang als links erachteten und für »Die Linke« eintraten, einem solchen Sozialdarwinismus erliegen? Klar, die Friedensbewegung ist nicht Jebsen und andersherum. Aber es gibt ja ausdrücklich viele Leute, die nur dorthin marschieren, weil sie wissen, wer dort seiert. Wie kann man sich intellektuell nur so gehenlassen?


11 Kommentare:

kevin_sondermueller 2. Juli 2014 um 08:46  

»Zurück zum Beton, zurück zum
Beton, zurück zur U-Bahn, zurück
zum Beton« – ganz im Sinne des
alten Punk-Klassikers von S.Y.P.H.: ich möchte kein Scheiß-Tier in Jebsens Wald sein oder werden. Immer diese kulturevasiven
Naturidylle-Dystopien …

Anonym 2. Juli 2014 um 10:01  

Seine Ansicht über die Bedeutungslosigkeit über rechts und links in allen Ehren - aber eines, was er nicht kapiert, mit den Rechten wird es keinen Frieden geben.
Du wirst ein paar opportunistisch geneigte Mitläufer von anderen Ansichten überzeugt kriegen, aber du wirst mit dem militanten Kern keinen Frieden bekommen. Selbst wenn diese die selben Taten begehen wie du.

Und zum Wald: Bevor man etwas verherrlicht, sollte man es eingehend studieren.
Tiere führen keinen Krieg, aber sie fressen einander einzeln. Tiere jagen im Rudel, Tiere kennen Hierarchie. Manch eine Spezies kennt etwas davon nicht, weil es sich in ihrer Evolution nicht ergeben hat.
Vor allen Dingen kennen Tiere Territorialansprüche - was auch zu Kämpfen mit anderen Tieren führt, selbst in der eigenen Spezies.

Wenn man es sich genauer ansieht, dürfte man feststellen, dass menschliche Gesellschaft davon nicht allzu weit entfernt ist.
Menschen leben bereits in der Natur. Auch wenn sie sich in einer künstlichen Umgebung aufhalten, ändert das nichts an dem, was sie aus der Natur mitgenommen haben.

Siewurdengelesen 2. Juli 2014 um 16:50  

Ein echter Vollchecker - mehr fällt mir nicht ein zu Jebsen.

Roberto De Lapuente 2. Juli 2014 um 17:12  

Mir begegnet bei Facebook ja mehrfach die Bezeichnung "Intellektueller" für seine Person. Ich muss sagen, da zieht es mir die Schuhe aus.

Anonym 2. Juli 2014 um 18:28  

Alexandra Bader

Ich hab bei manchem rund um die Montagsdemos auch kein so gutes Gefühl - kann aber die deutschen nicht beurteilen, weil ich da Videos etc. kenne (und eher mit denen in Kontakt sind, die politisch agieren). In Wien werden sie zu Selbstbeweihräucherung von Selbstdarstellern, das hätte mit "Wald" wohl auch nur dann zu tun, wenn man "sozialdarwinistisch" denkt (so von wegen: lauter Hirsche, die mit ihren Geweihen protzen :-). Es kann aber beides sein: Menschen tut es ganz gut, in der Natur zu sein, ABER das kann politische Analyse nicht verhindern, und die braucht man gerade jetzt. Dh Wald zum Kraft Tanken, aber nicht als Orientierungspunkt oder Vorbild....

www.ceiberweiber.at (einiges zu NATO, NSA und Co.)

Anonym 2. Juli 2014 um 22:02  

"Intellektueller" ist auch ein Schimpfwort, diese Abwertung hat selbst Jebsen nicht verdient.
Wodurch zeichnen sich denn hiesige "Intellektuelle" aus? Dass sie einst für Schröder waren und seither verschämt die Klappe halten. Wir hatten das hier schon mal erörtert...

Anonym 3. Juli 2014 um 07:04  

Anläßlich der regelmäßigen Naziaufmärsche in Dortmund hatte ich als Gegendemonstrant schon mehrfach die Gelegenheit, über die Köpfe der uns trennenden Einsatzhundertschaften den Reden der Jungfaschos zuzuhören.

So erinnern mich die propagandistische Lautstärke, die Betonung, die primitiven Beispiele, der Satzbau und die gesamte Form der Rhetorik Jebsens immer wieder an die der Neonazis.

5 Minuten hab ich es geschafft, mir das Video ab 1:20 anzusehen und anzu hören, dann lag mein Blutdruck im roten Bereich.

kevin_sondermueller 3. Juli 2014 um 07:28  

Lassen wir den Wald leben:
als Klimaregulator,
und als Holzlieferanten.

Ansonsten ists ein Auftrieb
hypertropher Pflanzen, die
mental mit uns nichts gemeinsam
haben. Auch wenn der Wald der deutsche Archetyp schlechthin sein soll …

Und ohne Jebsens funktioniert er eh besser!

Anonym 3. Juli 2014 um 09:28  

ANMERKER MEINT:

So ist es eben, wenn man diffusen Gefühlen die Oberhand lässt und das Rückkoppeln an den Verstand vergisst: Die unsortierte Gefühlsmengelage sorgt so für die Empfangsbereitschaft für abseitige Ideenabsonderungen, die wiederum von denen dankbar aufgenommen werden, die auch ihren Verstand nicht einschalten. Es bleibt dabei: An rationaler Aufklärung führt kein Weg vorbei und der daraus hoffentlich entstehende berechtigte Zorn, nich die Wut, macht uns fähig, erstens die Widersprüche unserer Zeit zu bekämpfen und zweitens das an demokratischen Errungenschaften zu bewahren, was bewahrens - und weiterentwickelnswert ist. So ist das halt mit der Sysiphosarbeit.

MEINT ANMERKER

Anonym 5. Juli 2014 um 10:33  

Der Wald und andere Naturräume sind gut und notwendig zur Besinnung, zum Perspektivwechsel, zum Auftanken und Erinnern. Daß nämlich jeder Mensch immer zur Natur dazugehört. Vom Mangel an dieser Rückkopplung werden die Menschen krank, geistig, moralisch und schließlich körperlich.

Die Demokratie sehe ich nach 50 Lebensjahren neuerdings als Illusion, jedenfalls in großem Maßstab. Die Menschen arbeiten zu viel und demokratisieren zu wenigund anders will die MMehrheit es auch gar nicht. Ich fürchte, statt einer zerstrittenen Führungsclique einen durchsetzungsfähigen Führer würden sehr sehr Viele insgeheim befürworten, können sie sich doch am Erfolg beteiligen, am Mißerfolg aber Nicht-Wissen beanspruchen

Anonym 5. Juli 2014 um 10:58  

Dass ausgerechnet einer, der soviel labert, das Labern in der Demokratie schlimm findet, finde ich dann schon wieder reichlich komisch. Es soll also nicht soviel gelabert werden, solange der Herr Jebsen noch labern darf? Damit wir endlich weiter kommen. Weiter wohin? Achso, in seinen romantisch verklärten Wald.

Na dann, viel Spass.

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