Wir waren die, die Kirsten eine schlimme Kindheit bereiteten

Samstag, 19. April 2014

»Na klar, die Kinder heute sind viel brutaler«, stellte er wieder mal fest. »Auf den Pausenhöfen geht es zu wie im Krieg. Die Kinder machen sich heute alle gegenseitig fertig. Das gab es bei uns früher noch nicht«.
   Dauernd liegt er mir mit solchen Weisheiten in den Ohren. Das geht mir auf die Nerven.
»Haste vergessen, wie es bei euch war?«, fragte ich ihn und fügte hinzu: »Hey, bei uns hättest du nicht Mäuschen sein dürfen. Wir waren richtige Schweine.«
   Kinder waren immer erbarmungslos. Das ist eine der wenigen Konstanten in der Welt. Und dann dachte ich an Kirsten.

Sie zogen sie an den Haaren, rissen an ihrem Pullover, entwendeten ihr die Brille, warfen ihr Federmäppchen quer durchs Zimmer. Immer wenn unsere debile Lehrerin den Raum verließ, stürzten sie sich auf sie. Mit leisem Gebrüll. Bereit alles an Niedertracht zu geben, was in ihnen steckte. Sie heulte leise vor sich hin, hielt aus, muckte nie auf, wischte sich die Tränen von den Wangen. Ich habe das Mädchen keine drei Sätze sprechen hören - und das in vier Schuljahren. Das war nicht Mobbing, das war die systematische Zerstörung einer Kindheit. Jede freie Minute ohne Aufsicht der Lehrkraft, war nicht eine gewonnene Minute, wie bei uns anderen Kindern. Bei ihr war es eine weitere Zeiteinheit ihres Martyriums. Mir tut dieser Anblick heute noch in der Seele weh.

Kirsten stammte offenbar aus schwierigem Elternhaus. Sie war nicht sehr modisch angezogen. Die Brille war bieder. Die Haare strähnig. Einzelgängerin. Keine Schönheit. Aber wer ist das schon? Wenn man schöne Menschen näher kennenlernt, werden auch sie häufig hässlich. Nach vielen Jahren der Qual war sie plötzlich weg. Keiner wusste wohin. Sie erschien nicht mehr im Unterricht. Auch Nachfragen bei der Lehrerin halfen nichts. Ich denke noch oft an sie. Lebt sie noch? Leidet sie noch heute darunter?

Auch ich war so eine Bestie. Nur ein bisschen anders. Aber nicht besser. Ich war nämlich keiner der aktiven Schweine. Ich habe lediglich still teilgenommen. Wenn die Lehrerin wieder zu ihren Beruhigungspillen ins Lehrerzimmer lief, dann stieg auch für mich die Spannung. Es war, als sehe man dabei zu, wie einer Fliege langsam die Beine ausgerissen werden. Oder als ob man eine Maus rektal mit einem Strohhalm aufbläst. Wie lange macht sie es noch? Kann sie mit zwei Beinen fliegen oder mit zerrissenem Darm laufen? Kann sie mit einem Flügel gehen oder atmet sie noch, wenn es sie zerrissen hat? Die Grausamkeit, mit der sie über sie kamen, sie verspotteten und schlugen, ihr den Schwamm ins Gesicht drückten und sich ihre Tränen mit Resten von Kreide und Wischwasser mischten, erregte uns Kinder allesamt. Wir waren Schweine.

Ich stand nicht auf und gebot Einhalt. Wer war ich denn, mir das zuzutrauen? Am Ende hätten sie mir so zugesetzt. Dem Fettsack und Ausländerkind. Nee, dann lieber lauthals lachen, klatschen, Freude haben und das Mitleid, das auch in Kindern erblüht, mit aller Gewalt unterdücken. Mitläufer sein. Gewissenlos und ignorant. Hohn und Spott als Komplizenschaft. Sie hat es bestimmt verdient. Bestimmt. Ganz bestimmt. Aber der Zweifel blieb stiller Begleiter dieser Faszination des Quälens. Nur nicht weich werden und weiterhin lachen. Mein Vater hätte sich meiner geschämt. Wie schon sein Vater sich für ihn?

Das sollte ich dem Kerl mal erzählen, wenn er wieder von den heutigen Kindern spricht, als wären die das defekte Endglied in einer Kette ansonsten anständiger Generationen. Klar, Fäuste haben wir ihr nicht in den Magen gerammt. Wir waren brutaler. Haben ihr systematisch ihre Würde genommen. Die Kindheit. Die gute alte Zeit von damals. Sie war in ihrer Gegenwart auch ganz schön fies und dunkel. Es tut mir leid, Kirsten.

Wenn ich so zurückdenke, sehe ich mich dabei, wie ich mir den Schwamm, mit dem diese Miststücke des Mädchens Gesicht wischten, schnappe -  und ihn den Peinigern ins Gesicht drücke, bis er ihnen zum Arsch wieder rauskommt. Das sind ganz sicher Phantasien auf Grundlage von Gewissensbissen. Und wer steckt mir den Schwamm in die Fresse? Ich sehe mich ferner in der Schulbank sitzen und Kreidereste von Stirn und Nase kratzen. Die Lehrerin kommt zurück ins Zimmer, sieht es, wie sie es bei Kirsten immer gesehen haben muss, und fährt ohne darauf einzugehen mit dem Unterricht fort. Lehrer waren damals auch schon gerne ignorante Ichlinge.


26 Kommentare:

Anonym 19. April 2014 um 11:07  

Meine Schulzeit als Behinderter in den '70ern und '80ern war eine Gute. Sticheleien gab es sporadisch von Einzelnen, aber sie waren nicht mehrheitsfähig, es formierte sich nie eine Gruppe diesbezüglich. Sozial war diese Zeit aller Ehren wert. Die Misanthropie "Kinder waren immer erbarmungslos" mag ich nicht teilen. Die Lehrer hatten Autorität, die sie zum Guten einsetzten.
Bei meiner Schwester zehn Jahre später war es schon anders. Die Elternlobby war stärker und unverschämter, die Lehrer hatten weniger Autorität, trauten sich nicht mehr durchzugreifen, wenn eine Gruppe von Eltern verbündet auftrat. Die Gemobbte musste die Schule verlassen.

piet 19. April 2014 um 12:28  

So war das, es gab viele Kerstins. Traurig aber wahr.

L´Andratté 19. April 2014 um 13:04  

Sehr guter Text, danke, da fängt alles an, da wird für´s Leben gelernt. Deswegen sind die Kinder auch keine Schweine, sie testen halt alles aus, was in ihrer Macht liegt, und *brauchen* dann das richtige Feedback darauf - um die Normen zu lernen die sie ansonsten erst ahnen.
Und keine Antwort ist halt immer auch eine Antwort...

Anonym 19. April 2014 um 13:13  

Meine Schulzeit - 1957 bis 1966 - war auch nicht besser.

In den Pausen wurden Erstklässler von Drittklässlern verhauen, einem Mädchen auf der Mädchen-Toilette von hinten von zwei Jungen mit einem Turnschuh - Gehirnerschütterung -

Einem schwächeren Jungen wurde vor Beginn der ersten Stunde angedroht, in der großen Pause wirst du wieder verhauen ... der traute sich dann nicht raus und suchte beim Lehrer Hilfe - ohne Erfolg - nach der Pause wurde der Junge als Petze hingestellt - vom Lehrer.

Wer sich heutzutage über die Jugend aufregt, bei dem ist nur viel Gras über die Erinnerungen gewachsen. da braucht es dann eine Kamelherde die das Gras wieder runterfrisst.

Braman 19. April 2014 um 16:28  

Aus meiner Schulzeit, 1953 bis 1963, kann ich derartiges eigentlich nicht berichten. ährend dieser zeit war ich in 5 verschiedenen Schulen und zwei Schularten.
Es hat natürlich die Rangkänpfe gegeben, die Rangeleien und ab und zu auch mal kleinere Prügeleien, mehr aber auch nicht.
Ein (organisiertes) Mobbing gegen eine einzelne Person, in meiner Erinnerung gab es sowas nicht.
Allerdings waren alle Schulen die ich besucht habe, in Orten zwischen ca. 1 000 und 20 000 Einwohnern. Vielleicht liegt das daran.
Oder, da ich immer zur 'Oberschicht' in der jeweiligen Klasse gehörte, hab ichs schlicht nicht gemerkt??

MfG: M.B.

Anonym 19. April 2014 um 20:02  

@Roberto J. De Lapuente

„Leidet sie noch heute darunter?“

Ja!
Ich wurde auf der Hauptschule auch auf diese Art systematisch fertig gemacht und ich leide auch heute, 20 Jahre später, darunter.
Das trägt man ein Leben lang mit sich herum!
Dieses Misstrauen jedem Menschen gegenüber, auch jenen, die man für seine Freunde hielt, da auch sie mitmachten.
Den Hass gegenüber allen Menschen, zu denen man keine funktionierende Beziehung mehr aufbauen kann.
Die Einsamkeit, wenn man jeden Abend alleine einschläft.
Die Misanthropie, weil man erkannt hat, das Menschen nun mal so sind.
Das kaputte Selbstwertgefühl, das einen hindert, irgendwie beruflich weiterzukommen.
Vor allem aber den Selbsthass, weil man das mit sich hat machen lassen.

Aber immerhin, du siehst ein, dass du ein Schwein warst, da habe ich schon andere erlebt.

P.S. Grandioser Satz übrigens:
“Das sollte ich dem Kerl mal erzählen, wenn er wieder von den heutigen Kindern spricht, als wären die das defekte Endglied in einer Kette ansonsten anständiger Generationen.“

Anonym 20. April 2014 um 07:22  

Ja, auch ich (Jahrgang 84) kenne das aus meiner Schulzeit. Da gab es eine Christin, ein Christian, eine Aileen und ein paar mehr dessen Namen ich mitlerweile vergessen habe ... in der Grundschule, Realschule und Gymnasium. Es waren immer die Schwächsten, die "etwas anderen".

Und wie auch hier geschildert, war ich ein stiller Teilhaber. Lieber nichts tun, als selbst an deren Stelle stehen. So sah die Welt aus - und wennd as Opfer mal nicht da war, war man selbst dran.

Ich kenne beide Seiten. Und gehörte trotzdem immer zu den, die versuchten sich zu solidarisieren, die auch die Opfer als Menschen sahen - vielleicht gerade deswegen, weil man wusste wie es ist.

Kinder sind Grausam.
Und manch ein Erwachsener ist immer noch, wie er als Kind war. Der Mensch lernt nur schwer dazu ...

maguscarolus 20. April 2014 um 09:25  

Ich preise mich glücklich, in den ersten Nachkriegsjahrzehnten Schule und Uni besucht zu haben, denn solche Exzesse wie die hier beschriebenen habe ich glücklicherweise nie erleben müssen. Ich erinnere eher solidarische Klassengemeinschaften und ein eher lehrerzentriertes "Feindbild". Zwar gab es Hänseleien aber nie solche regelrechte Vernichtungsorgien gegen wehrlose Opfer.
Damit verteidige ich nicht ein "früher war alles besser" sondern zitiere nur meine persönliche Erfahrung.
Lag es vielleicht daran, dass alle weniger hatten und auch die Wohlhabenden in meinem Umfeld ihre Kinder nicht so ausgestattet haben, dass sie die Bodenhaftung verlieren mussten?

nebelwind 20. April 2014 um 12:36  

Mir geht es wie braman und maguscarolus: Solche Exzesse gab es bei uns nicht. In unserer Klasse hatten wir ein Mädchen, das als "die Dicke" galt, und sie war sofort meine Freundin. Ich fand nämlich die Außenseiter schon immer interessanter als den Mainstream. Allerdings, keiner hat die Dicke fertiggemacht, sie wurde nur etwas belächelt und von Einigen schlicht ignoriert. Und verglichen mit den heutigen Übergewichtigen war es bei ihr doch eher moderat. Alles relativ. Wir waren durchweg eher mager zu jener Zeit.

Aber ich muss sagen, dein Text hat mich total absorbiert, ich war beim Lesen ganz "weg". Toll geschrieben!

Menschenfreund 20. April 2014 um 19:53  

Lieber Herr de Lapuente,

ich wünsche Ihnen zu Ostern baldige Erlösung von Ihrem eigenen Gejammer in Form Ihres baldigen Ablebens.

In aller Sozialverträglichkeit,
Ihr Menschenfreund

Anonym 20. April 2014 um 21:12  

Ganz ehrlich, ich schreibe das sehr(!) ungern, aber angesichts des um sich greifenden "Das gab es bei uns nicht!" muss ich meine eigene Erfahrung loswerden. Es sind zuverlässig immer jene, die selber die größten Schweine waren, die sich an so was später "nicht erinnern" können. Und das stimmt vermutlich sogar, die Verdrängung ist eben ein höchst effektiver Mechanismus. Bewerten sollen das andere...

Anonym 20. April 2014 um 23:28  

Vielen Dank für diesen reflektierten, ehrlichen Beitrag. So systematisches, langfristiges Mobbing habe ich in meiner eigenen Schulzeit, die nun auch schon eine Weile zurück liegt, nicht erlebt. Aber ich weiß von zwei Fällen (einer Mitschülerin, die wegen Mobbing auf unsere Schule wechselte, und den Sohn einer ehemaligen Kollegin meiner Mutter), wo es tatsächlich ähnlich drastisch ablief. Im Prinzip gab es das mit Sicherheit schon immer, es ist eine der ungünstigsten Weisen, wie sich eine Gruppendynamik entwickeln kann, und generell illustriert es das "dunkle" Potenzial einer Gruppensituation.

Grundsätzlich ist Mobbing mir aus der Schulzeit übrigens auch sehr vertraut (wenn auch glücklicherweise nicht in dieser Ausprägung). Wie Anonym (20. April 2014 07:22) kenne ich beide Seiten. Ich war auch Außenseiter, stand oft "am Rande" und hatte über weite Teile meiner Schulzeit das Gefühl, aufpassen zu müssen, nicht selbst völlig "außen vor" zu stehen. Bei unfairem Verhalten anderen gegenüber schwieg ich zumeist aus, schon aus dem Wissen heraus, selbst keine starke Position zu haben und schnell an ihrer Stelle sein zu können. Noch in der Oberstufe machte ich dann - in einem meiner Leistungskurse - tatsächlich eine üble Mobbingerfahrung, die mir beinahe vieles kaputt gemacht hätte.

In allen Mobbingfällen, von denen ich weiß (aus persönlicher Erfahrung oder von Bekannten) haben die Lehrer übrigens nicht wirklich dazu beigetragen, die Situation zu "entschärfen". Wenn sie es überhaupt bemerkten, kam es meist zu einer "Diskussion" mit der Klasse, deren Ergebnis dann normalerweise war, dass beide Seiten dazu beigetragen hätten, die Mobber und der betroffene Schüler. Das mag Lehrern als fair und ausgewogen erschienen sein, ist in Wahrheit aber das genaue Gegenteil. Denn es schiebt dem Opfer eine Mitschuld zu, mit dem es im Unterschied zu den Tätern und Zuschauern, die ja lediglich als Gruppe beschuldigt werden, ganz allein dasteht. Da wäre noch viel Aufklärung wichtig - schon in der Lehrerausbildung müsste das Thema zentral sein.

Und ja, ich kann bestätigen, dass Mobbingerfahrungen in der Schulzeit einen ein Leben lang prägen können. Auch dann, wenn sie nicht so extrem waren wie in Robertos Beitrag geschildert. Übrigens kann ich mir durchaus vorstellen, dass es derartige Extremfälle heutzutage häufiger gibt - einfach, weil der Leistungs- und Konkurrenzdruck auch in Schulen stark gestiegen ist, und Kinder und Jugendliche sich daher mit größerer Wahrscheinlichkeit ein "Ventil" suchen.

pillo 21. April 2014 um 09:55  

Solche Dinge können wohl viele aus ihrer Schulzeit berichten. Ich wurde 1982 eingeschult und auch bei uns gab es einen, der all die Dresche und Gemeinheiten des Mobs (zu dem ich damals als "schweigende Mehrheit" auch irgendwie dazu zählte) zu spüren bekam.

Das Ganze spielte sich Anfang/Mitte der 80er Jahre in Dresden - also der DDR - ab. Innerhalb der Schule war der arme Kerl geschützt, denn unsere Lehrer wären sofort eigeschritten. Aber nach der Schule wartete die Horde schon hinter der nächsten Ecke bzw. den nächsten Büschen. So wurde der Heimweg für diesen Jungen nicht selten zu einer Tortur bzw. zu einer Hetzjagd.

Ja, heute schäme ich mich ob meiner damaligen Feigheit. Die Angst genauso verprügelt zu werden, ließ mich schweigen. Ich bin mir im Nachhinein ziemlich sicher, dass ich nicht der Einzige war, dem das so ging.

Heute bin ich sogar überzeugt davon, wenn nur ein oder zwei den Mut gehabt hätten, dem Außenseiter beizustehen, wäre dieses Mobbing schnell abgeebbt. Aber gut, dreißig Jahre später ist man immer viel schlauer.

Wichtig ist daher, für das hier und heute seine Lehren zu ziehen.

Roberto De Lapuente 21. April 2014 um 11:08  

Lieber Menschenfreund,

auch dir schöne Ostern und ein langes Leben. IP habe ich eben gefiltert.

Anonym 21. April 2014 um 13:42  

@Roberto J. de Lapuente

Danke für diesen Text.

Ich selbst war - als Hauptschüler in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts - auch schon mehrmals Mobbingopfer und kann nur bestätigen was du schreibst.

Übrigens Kinder können nicht nur in der Schulklasse grausam sein - es reicht schon der Schulweg bzw. Weg zur Bushaltestelle des Schulbusses:

Mir passierte in meiner Kindheit, dass ich immer auf diesen Wegen von einem "Rowdy" regelrecht abgepaßt wurde, der mich immer bedrohte, ja manchmal sogar schlägerte - als es mir zuviel wurde "petzte" ich es meiner Mutter, die seine Mutter zur Rede stellte - es hörte danach zwar auf, aber geblieben ist mir, dass ich auch heute noch - als längst erwachsener Mensch - an den Spätfolgen des damaligen Mobbings auf dem Schulweg leide.

Ich fahre die Straße immer vor, und laufe am ehemaligen Wohnhaus des Rowdys, und seiner Eltern, ungerne vorbei.

Da wohnen längst andere Menschen drin, aber ich gehe immer noch nicht gerne zu Fuß dran vorbei....Soll ich die mal Fragen was aus dem "Rowdy" und dessen Familie geworden ist?

Nein, doch lieber nicht....

...auch so eine Langzeitfolge von Mobbing, nur diesmal auf dem Weg zur Schule statt in der Klasse....

...ja, sowas soll es auch gegeben haben...

Allerdings muß ich - als positive Erfahrung - schildern, dass ich auch Klassen in der Hauptschule hatte, die durch einen Klassenzusammenhalt geglänzt haben, welchen ich so nie wieder erlebt habe - auf weiterführenden Schulen....ja, das gab es auch....

Gruß
Bernie

Anonym 21. April 2014 um 16:03  

@pillo: "Heute bin ich sogar überzeugt davon, wenn nur ein oder zwei den Mut gehabt hätten, dem Außenseiter beizustehen, wäre dieses Mobbing schnell abgeebbt."

Ja, mit großer Wahrscheinlichkeit. Der Autismusexperte Tony Attwood spricht in diesem Video (http://www.youtube.com/watch?v=y8u7OPQcImg ) davon. Wichtig ist seiner Ansicht, dass nicht das Opfer sich ändern muss, sondern die Täter. Die richtige Strategie dazu ist nicht, mit dem Opfer oder den Tätern zu arbeiten, sondern mit der Mehrheit der anderen Kindern. Die Mehrheit der Kinder stark zu machen, Mobbing eben nicht zuzulassen ("It
s not okay! It's not funny! Stop it!"). *Das* ist die richtige Strategie, nicht nur, wenn das Opfer Autist ist. Und das findet noch immer viel zu selten statt.

maguscarolus 21. April 2014 um 16:09  

Ich bin von solchen dummen und offenbar grundlos hassgesteuerten Entgleisungen wie die von diesem "Menschenfreund" ganz platt.

Was für ein Abgrund an Ignoranz und Boshaftigkeit!

Roberto De Lapuente 21. April 2014 um 17:06  

Lieber Maguscarolus, das ist hier üblich. Ich lese das nicht alles, lasse es vorher lesen. Aber manchmal reicht man mir dann solche Statements doch, damit ich sehe, was sich so tut. Ich denke, wenn es mir kleinen Blogger so geht, dann kann man sich vorstellen, was andere so erleben. Seitdem ich die Montagsdemos angegriffen habe, ist es heftiger geworden.

Anonym 21. April 2014 um 20:37  

Ich war eine , die sich Mobbing mit Gewalt vom Hals schaffte in der Schulzeit. In solchen Fällen war Gewalt sehr wohl eine Lösung.

Anonym 21. April 2014 um 23:43  

"Lebt sie noch?"
Die Frage ist berechtigt. Zwei von denen an meiner Schule, die einen ähnlichen Status völliger Rechtlosigkeit genießen durften wie ich, haben sich später kosteneffizient suizidiert (offiziell wegen Drogen). (Ich hadere mit dem Leben seit der vierten Klasse. In der fünften hatte ich immer ein Taschenmesser dabei, um dem Leid ein Ende zu setzen, für den Fall, dass es noch schlimmer würde.)
Die Kosten der Sozialhilfe wegen Erwerbsunfähigkeit und Behandlungskosten mit Therapien, Pillen, Rehas usw. dürften für euch, liebe Täter, Dulder, Beifallsklatscher allein für mich zig Zehntausende betragen.
Ein Leben nenne ich das nicht, was ich daraus zu machen imstande war.
Bringt euren Kindern bei, die Sache richtig durchzuziehen, damit sie ihre Opfer richtig erledigen. Das wäre humaner und kommt euch billiger. Und wer hätte nicht gerne einen robusten, mitleidlosen, durchsetzungsfähigen KZ-Wächter-Typ als Lendenfrucht unter seinem Dach.
Sind doch auch selbst Schuld, wenn die sich nicht richtig wehren, nicht wahr?

Anonym 22. April 2014 um 12:15  

8 Jahre morgendliche Bauchschmerzen streift man selbst dann nicht ab, wenn man das ganze irgendwann selbst beendet hat.

Heute finde ich es nur schade, dass ich so wenig schöne Kindheitserinnerungen habe. Und es ist sehr schwer, nicht zu weinen, wenn es um das Thema Mobbing geht.

Danke für den Text.

Anonym 22. April 2014 um 12:38  

Ich werde später noch einmal meine Gedanken ausführlicher zu diesem Text niederschreiben. Zuerst möchte ich mich aber für diesen hervorragenden u. schonungslosen Post bedanken! Auch ich hatte mit Mobbing zu tun- und möchte mich keineswegs als reines "Opfer" darstellen. Mittlerweile habe ich das meiste überwunden, und es hat mich nie so schlimm getroffen wie Kirsten oder einige andere Poster und ihre Angehörige (Im Vergleich zu Kindern hält sich die Grausamkeit von Teenagern vielleicht in Grenzen, aber eine gute Erklärung ist das nicht). Aber diesen sinnlosen Hass kann ich mir noch immer nicht erklären. Und so bleibt ein bitteres Gefühl zurück...

Hartmut 22. April 2014 um 22:23  

Danke Roberto für den Artikel.

Ich bin ende der 50er u. Anfang der 60er aufgewachsen und habe in dieser Richtung, nicht ganz so brutal , sehr viel erlebt.
Hierzu nur eine ganz kleine Anekdote.
Ein Junge aus der Nachbarschaft, der 4 J. älter war als mein damaliger Freund hat ihn bei jeder Gelegenheit irgendwie vertrimmt.. - Bis mein Freund das seinem Vater erzählte, der sagte nur eins, wir hatten damals noch Winterstiefel mit Stahlstollen, "tritt ihm einmal richtich vors Schienbein.... die Sache war erledigt... und zwar für immer....

Anonym 22. April 2014 um 22:24  

Ich kann die Reue sehr gut nachvollziehen und Ich danke dir, lieber Robert, so ehrlich davon zu berichten.
Ich war selbst Teilopfer und Zeuge derartiger Vorkommnisse. Und Ich kenne niemanden, der es nicht ebenso war. Vielleicht ist der Begriff "Vorkommnis" schon allein deswegen unangebracht. Es hat ferner immense Bedeutung (Leistungen in der Schule, Spätfolgen etc.).
Reue empfinde Ich deswegen, weil Ich mir in beiden Situationen(Opfer und Zeuge) eine andere Reaktion meinerseits gewünscht hätte. "Nur wenigstens einmal aufstehen und Mut beweisen!" Selbst wenn es nichts zum Erfolg (zur Veränderung des Täters) beigetragen hätte.
Absurd sind m. E. Lösungsvorschläge, die den autoritären Lehrer wieder hochleben lassen wollen. Was nützt es denn, wenn man Bauchschmerzen(oder schlimmeres) nicht wegen eines Mitschülers, sondern wegen eines Lehrers hat.
Ich glaube wenn Ich mich wehre, signalisiere Ich den anderen, dass es sich auch lohnen würde mich zu unterstützen. Ein schwerer Schritt, keine Frage. Aber ein Kampf muss so oder so geführt werden. Entweder mit mir selbst oder mit dem wirklichen Täter!

Anonym 25. April 2014 um 08:53  

Ein interessanter Text. Ich betrachte diesen aus vier verschiedenen Perspektiven.

In der ersten Perspektive sind es die eigenen Schulerfahrungen. Ich kann dort nicht von einer Kerstin berichten. Aber nicht, weil es sie nicht gegeben hätte. Vielmehr sind mir diese Fälle nicht mehr so konkret in Erinnerung. Dies liegt nicht daran, dass ich einer der Täter war. Das gewiss nicht. Ich hatte eher die Opferrolle. Ich hatte andere Probleme, die den Blick für die anderen Schüler beeinträchtigten.

Eine Erfahrung kann ich dann doch berichten. In der sechsten Klasse stritten ein Mitschüler und ich in der Pause. Dieser Streit flammte im Unterricht wieder auf und es kam tatsächlich zur einer Prügelei zwischen uns. Die Lehrerin war völlig hilflos und rannte raus um sich Hilfe zu holen. Mit dem Mitschüler verstand ich mich später sehr gut. Er hatte Respekt vor mir (obwohl er einen Kopf größer war).

Die zweite Perspektive ist die eines Grundschülers, der zur Beobachtung mehrere Wochen in einer Klinik (kein Krankenhaus) lebte (70er Jahre). Der Flur mit den Schlafräumen wurde abends abgeschlossen und man war auf sich gestellt. Dann gingen die Bestrafungen mit einem Ledergürtel los. Einer der anderen Jungen hatte sich als Anführer seine Leute um sich geschart und jeden Abend wurde ein Opfer gesucht. Als ich dran war, habe ich aus Verzweiflung auf die Schmerzen gepfiffen und mir den Gürtel geschnappt und zurück geschlagen. Danach hatte ich Ruhe. Leider wurde ich später bei einem Neuen selbst zum Täter. Der hat sich aber auch gewehrt und ich erkannte meinen Fehler.

Die dritte Perspektive ist die des Vaters von gemobbten Kindern. Es ist verflucht schwer, den Kinder beizubringen, sich solidarisch und hilfsbereit zu verhalten, wenn zwischendurch Ellenbogen gefragt sind. Es ist ebenfalls schwer, den Kindern beizubringen, wann diese Ellenbogen einzusetzen sind und wie man das richtig macht. Am schwersten aber ist es, ihnen beizubringen, stark zu sein, nicht die Opferrolle einzunehmen.

Die vierte und letzte Perspektive ist die berufliche. Wenn hier von den Folgekosten gesprochen worden, kann ich nur sagen: Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt. Ich bin im Bereich der Eingliederungshilfe tätig und ich weiß, wie viel es kostet, die Folgen der Opferrolle als Kind im Erwachsenenalter zu beheben oder zu mildern (von der Jugendhilfe ganz zu schweigen). Eine Freundin von mir hat leidenschaftlich für Schulsozialarbeiter gekämpft. Es wurde immer auf die Kosten verwiesen. Dies ist sinnloses Töpfedenken. Jeder gute Schulsozialarbeiter, der nur einen Fall für die Eingliederungshilfe pro Jahr verhindert, hat die Kosten für seine Arbeit bereits mehrfach wieder reingeholt.

Anonym 12. Mai 2014 um 23:27  

Es geschieht so selten, dass jemand dieses Thema mal anspricht. Auch ich war eine "Kirsten". Ungefähr zehn Jahre lang habe ich ungefähr alles erlebt, was Du hier beschreibst, und noch einiges mehr von der Sorte.

Bei mir kam hinzu, dass meine Mutter eine sadistische Freude daran hatte, zu hören, dass ich in der Schule gemobbt wurde. Mehr noch, sie hat behauptet, es läge daran, dass ich "genetisch gestört" sei und durch diese angebliche Störung die anderen angeblich zum Mobbing "zwinge" (völliger Unsinn - ich war Einser-Schülerin und auch sonst medizinisch völlig "normal"). Unnötig zu erwähnen, dass sie mir nie erlaubt hätte, wegen des Mobbings z. B. die Schule zu wechseln.

Ja, solche Eltern gibt es leider auch. Mit einer derart bösartigen Mutter ist es kein Wunder, wenn man in der Schule zum Mobbingopfer wird. Nicht etwa, weil man es verdient hätte, sondern weil man so ein unglaublich "leichtes Ziel" abgibt. Klein und körperlich schwach war ich allerdings noch dazu.

Irgendwie habe ich es trotzdem geschafft, zu einer nach außen hin halbwegs "normalen" Erwachsenen zu werden. Allerdings bin ich sehr einzelgängerisch, und leider werde ich auch an meinen Arbeitsstellen immer wieder zum Mobbingopfer - trotz - oder gerade wegen - meiner hohen Qualifikation.

Ich glaube nicht, dass man mich heute als "schwach" bezeichnen könnte. Die Hauptursache scheint mir eine ganz andere zu sein: Ich würde mich selber nie an Mobbing beteiligen und immer für das Opfer eintreten. Wer also innerhalb einer abgegrenzten Gruppe/Abteilung unbedingt eine Person fertigmachen will, die keine Unterstützung durch Dritte bekommen soll, muss fast zwangsläufig mit mir anfangen. Und das merken die meisten Mobber recht schnell.

Wenn das von Vorgesetzten betrieben wird, die Unterstützung von "ganz oben" haben, und dann möglicherweise noch von ein paar weiteren Kollegen, hat man fast keine Chance. Außer der freiwilligen Kündigung (mit den mitunter hässlichen finanziellen Folgen). Also auch nicht viel besser als damals in der Schule.

Luna

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