Merkel und Jebsen und die »Good Vibrations«

Samstag, 26. April 2014

»Die Kanzlerin hält Reden weitgehend frei von Ideen, selbst frei von Einfällen«, schreibt Roger Willemsen in seinem Buch »Das hohe Haus. Ein Jahr im Parlament« aus seinen eigenen Beobachtungen heraus. Außerdem würde sie in Reden »bloß scheinbar den Sprechverkehr aufrecht« erhalten und das Kommunikationsmodell sabotieren. Anders gesagt: Sie redet viel, sagt aber nichts. Bleibt immer abstrakt, leicht spekulativ und unanschaulich. Sie laviert zwischen Einsilbigkeit und aphoristischer Verklausulierung und kommt irgendwie nie richtig auf den Punkt. Benutzt unambitioniert Satzbausteine und sediert durch Wiederholung abgedroschener Gemeinplätze. Sie ist eine rhetorische Narkoseärztin, die sprachliche Versatzstücke und zurechtgelegte Worthülsen als Sedativum verabreicht.

Als Kanzlerin kann sie sich nicht völlig von der Tagespolitik fernhalten - aber sie kann sie so abhandeln, dass sie nicht mehr wie Tagespolitik klingt, sich also nicht mehr verbindlich und konkret anhört. Durch Schwammigkeit erreicht man diese Sublimierung, um ja »nicht zu gegenwärtig, sondern repräsentativ und für die Ewigkeit« zu sein. In so einen Stil versteigt sie sich regelmäßig.

Ich habe vor einiger Zeit eine Rede dieses Ken Jebsen gehört. Er muss in einem Seminar gewesen sein, das die Kanzlerin leitete. Raute macht er keine. Aber er kommt ungefähr so auf den Punkt, wie sie es tut. Gut, reden kann er. Aber gleich so viel, so lang? Und so leer? Er klingt weitaus esoterischer als Merkel. Wobei mir durch Jebsen erst klar wurde, wie esoterisch die Ansprachen von Merkel tatsächlich sind. Sie verbrämt mit repetierten Durchhalteparolen - er mit Redefluss, der verschleiert, dass er nicht genau weiß, was ihm eigentlich so am System stinkt. Ein wenig eingedickte Kritik an »der Fed« macht ja noch keine Opposition. Und das Gerede von »innerer Einstellung« gleicht dem »Wir wollen gestärkt aus der Krise hervorgehen« der Kanzlerin. Beides meint: »Gebt uns positive Schwingungen. I'm picking up good vibrations / she's giving me excitations ...« 

Die Menschen in Deutschland scheinen eine Vorliebe für politische Redner zu haben, die sich nicht die Blöße geben, auch noch etwas mit Tiefgang zu sagen. Adorno schrieb ich der »Minima Moralia«, dass »der vage Ausdruck dem, der ihn vernimmt, [erlaubt,] das ungefähr sich vorzustellen, was ihm genehm ist und was er ohnehin meint.« Genau diese Taktik, den Leuten die Freiheit zu lassen, genau das zu meinen, was ihnen sowieso schon schwante, wenden Merkel und Jebsen an. Und darauf beruht noch jede gut gemachte Esoterik. Sie muss Interpretationsspielräume lassen.

Womöglich auch deshalb votieren in diesem Land die einen für Merkel und die anderen laufen zu Leuten wie Jebsen über. Jede Klientel hat ihre Dampfplauderer: Der Neoliberale und der, der unbedingt gegen die Neoliberalen was machen möchte. Ist das die die Folge aus 9 und bald schon 12 Jahren Merkel? Alle reden nur noch merkelistisch, ziehen Floskeln in die Länge, sedieren durch Ausdruckslosigkeit und seichte Allgemeinplätze und durchsetzen diese Satzkonstrukte mit einem Subtext der sagt: Gute Schwingungen, innere Einstellung und solcher Eso-Tand vom »Alles kann gut werden; passt nur auf euch auf« . Willemsen fragt sich, ob das nicht der »Stil dieser Zeit« sei. Vielleicht ist es aber andersherum. Vielleicht ist es einfach nur die Kanzlerin, die ihre Zeit ungefähr so prägt, wie die Prüderie der Victoria ein ganzes Zeitalter der Spießigkeit ihren Namen gab.

Jedenfalls gelingt es diesem Mann fast schon, die Substanzlosigkeit der Kanzlerin wie etwas hinzustellen, was es gar nicht ist: Nämlich Inhalt. Denn neben ihm sieht sie aus wie die Weisheit vom Lande, wie eine Pedantin der Wahrheitsfindung. Dazu gehört echt was! Denn jeder Vortrag in der Volkshochschule ist inhaltsreicher als das, was Merkel in Bundestag so absondert. Und wenn Jebsen die Alternative zum »System Merkel« sein soll: Na, vielen Dank, dann ist mir das System am Ende doch lieber. Da weiß man wenigstens, was man nicht hat.


12 Kommentare:

L´Andratté 26. April 2014 um 12:08  

Hallo!
Die Beitrag zu Merkel behandelt genau, was mich auch schon immer gewundert hat: wie, zum Geier, kommt die DAMIT durch? Ich mein, NICHTS zu sagen!
Erwischt mit der Hand in der Kasse und völlig schamlos.
Eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen.

Was den Jebsen angeht (ich kenn ihn nicht aber er scheint zur Zeit in vieler Munde), finde ich jedoch, daß ihm durch den Artikel eine übertriebene Bedeutung beigemessen wird. Á la "schlechte PR ist gute PR".

nebelwind 26. April 2014 um 13:08  

"Alle reden nur noch merkelistisch, ziehen Floskeln in die Länge, sedieren durch Ausdruckslosigkeit und seichte Allgemeinplätze..."

Na, du jedenfalls nicht! :-)

algore85 26. April 2014 um 15:16  



@Roberto

Du urteilst nach einer Rede auf einem öffentlichen Platz? Du weisst, Reden hält man um die Leute mitzureissen. Sie zu mobilisieren. Polemik und Vereinfachungen sind da an der Tagesordnung. Das liegt in der Natur des Adressaten und der Ort an dem dieser Text gelesen bzw. gehört wird. Das weiß jeder der gut schreiben kann. Du auch. Sonst würdest du nicht immer wieder so schön geschliffene Texte veröffentlichen.

So sehr ich deinen Blog zu schätzen weiß.

Du bist hier auf dem falschen Dampfer.

Ich wurde politisch von Noam Chomsky, Tariq Ali, Slavoj Zisek, Naomi Klein, Amy Goodman, Howard Zinn, Jean Ziegler, Jutta Dittfurth und viele andere linke Autoren geprägt. Hunderte Bücher gelesen.

Daher maße ich mir an, GUTEN INHALT erkennen zu können.

Und Ich habe selten so viel Inhalt. So viele Fakten und so viel Futter zur weitergehenden Lektüre gefunden wie in den Interviews und den Texten auf KENFM (Nein ich wurde nicht von denen bezahlt ;).

Allein durch das letzte Gespräch von Jebsen mit Deserteur Jürgen Rose habe ich viel über die Mechanismen und die Machtkämpfe innerhalb der Bundeswehr gelernt. ZWEI STUNDEN geht das Interview. 90 Prozent der Zeit redet ROSE. Nicht Jebsen.

Gleiches Bild mit den anderen Leuten: Stunden voller INHALT mit Willy Wimmer, Hartz 4 Gegner Ralph Boes und viele Andere.

Gleiches Bild bei den Texten und Videos von Jebsen persönlich auf seiner Website. INHALT.

Ich maße mir an falsche Propheten erkennen zu können.

Jebsen ist keiner.

http://kenfm.de/blog/category/sendungen/

Anonym 26. April 2014 um 17:10  

War Merkel nicht mal irgendwo für Agitation und Propaganda zuständig?
Spätenstens wenn man das weiß wundert einen nichts mehr an ihr.
Ein braver Systemsöldner.

Braman 26. April 2014 um 20:46  

Merkels 'Reden' sind doch nicht für den denkenden (kleineren) Teil der Zuhörer sindern für die 'Masse'.
Das Buch von Gustave Le Bon "Psychologie der Masse" gibt darüber sehr gut Auskunft. Schon so berühmte Staatsmänner wie Hitler und Göbbels haben diese Buch gelesen und daraus gelernt.
Also, Roberto, Deine Aufregung ist falsch am Platz.Merkel redet nicht für Dich oder mich. Sie weiss, das sie uns nichts zu bieten hat. Sie redet für ihre gegenwärtigen und zukünftigen Wähler.
Übrigens ein großer Fehler der 'Linken', die immer meinen sie müssten an den Verstand appellieren. Es hilft nicht, an etwas zu appellieren, was nicht existiert.

MfG: M.B.

Henning Kolf 27. April 2014 um 03:28  

Das hat Jebsen aber nicht verdient, mit den Wortabsonderungen der Kanzlerin verglichen zu werden. Schon deswegen weil er nicht nur für das Format Solodampfplauderei steht (wenn er das verbale Schnellfeuergewehr gibt, stößt mich das auch ab) sondern auch ein Format "....im Gespräch mit..." veröffentlicht, in dem die interviewten Gäste ausführlich zu Wort kommen und eben nicht zur Dampfplauderei gezwungen werden nach dem Motto "wie kann man den Weltfrieden bewahren, aber bitte in 60 Sekunden". Gibt es im öffentlich-rechtlichen Sektor kaum noch, allenfalls bei "Im Dialog" auf Phoenix...Jebsen ist durchaus mehr Journalist als viele andere.....Mag sein, dass unter den Interviewten auch die eine oder andere obskure Gestalt ist, aber das sind die im Mainstreamfernsehen Interviewten zum allergrößten Teil auch....

Anonym 27. April 2014 um 09:16  

Ich denke man sollte fair sein und Jebsen nicht an seinen politischen Reden messen. Das ist schlicht nicht sein Sujet! Sicherlich ist es unklug von ihm, sich auf dieses Parkett zu begeben, aber das ist ein anderes Thema.

Fakt ist, ich mag ihn auch nicht besonders. Er ist ein eitler, arroganter Schnösel, etc. pp., wie Leute sich freiwillig eine politische Rede von ihm anhören können entgeht mir gänzlich.
ABER seine Interviews sind eben ZUM TEIL wirklich ausgesprochen sehenswert. So sehr, dass man sich fragt, warum die Gesprächspartner eigentlich ausgerechnet von so einer komischen Pfeife wie Jebsen interviewt werden müssen und was die "richtigen" Medienschaffenden in diesem Lande eigentlich beruflich machen. Siehe z.B. das sehr sehenswerte Interview mit Willy Wimmer.

Anonym 28. April 2014 um 11:43  

Hochmut? Vermutlich!

Von wem? Von Jebsen!

Aber von solchen Typen gibt es leider so viele wie Sand am Meer.

Rattenfänger von Hameln, das Vorbild. Gallionsfigur, für wen?

Wenn ich alle die betrachte, die sich als "Freunde" bezeichne. Zu viele "rechte Typen" dabei. Und wer nicht in der Lage ist, sich von solchen "Freunden" zu distanzieren ... NEIN DANKE.

Anonym 28. April 2014 um 12:48  

Lieber Roberto,

ich habe hier ja schon öfter Dein Loblied gesungen. Zumeist finde ich (auch wenn ich nur selten einen Kommentar dazu verfasse), dass Du wichtige Dinge perfekt formuliert auf den Punkt bringst. Deswegen gehört Dein Blog Tag für Tag zu meiner Lieblingslektüre.
Umso mehr enttäuscht mich Dein heutiger Beitrag.
Aus irgendwelchen, mir unerfindlichen Gründen scheint Ken-Jebsen-Bashing zur Zeit gewaltig en vogue zu sein, insbesondere bei denen, die sich für die einzigen, echten und wahren Linken halten. Ich habe das in den letzten Tagen mit immer höher gezogenen Augenbrauen zur Kenntnis genommen, sehe mich aber inzwischen doch gezwungen, dazu Stellung zu nehmen. Denn es erinnert mich allzu frappant an eine sehr bezeichnende Szene aus dem „Leben des Brian“:
Brian (der soeben Reg, dem Anführer eines kleinen Trupps antirömischer „Partisanen“, ein Tütchen Otternnasen verkauft hat) fragt schüchtern: „Seid Ihr von der judäischen Volksfront?“
Reg fährt empört auf: „Judäische Volksfront?! Quatsch! Wir sind die Volksfront von Judäa! Judäische Volksfront – phh! Schwächlinge!!“
Zum selber Anschauen: http://www.youtube.com/watch?v=6pwmffpugRo&list=PL390689D730A34F80
Dieser vorauseilende Gehorsam gegenüber dem „Divide et impera!“ der selbsternannten Eliten, diese selbstzerstörerische Spaltungstendenz linker Gruppen, dieser verblüffende Übereifer, einander um irgendwelcher abstrakter Grundsätze willen abzuwerten und bis aufs Blut zu bekämpfen, anstatt – wie es doch vernünftig wäre – zusammenzuhalten (im Falle der „Volksfront von Judäa“ und der „Judäischen Volksfront“ gegen die Römer, im Falle der deutschen Linken gegen die amerikahörigen GroKo-Politiker und deren „embeddete“ Medien, die womöglich gerade drauf und dran sind, mit ihrem Zündeln einen Nato-Krieg gegen Russland heraufzubeschwören), scheint mir, wie Monty Python treffend beobachtet und ironisch interpretiert haben, wirklich charakteristisch für das Versagen jeglicher linker Opposition zu sein.
Traurig? Nein, schlimmer noch: Erbärmlich. Insbesondere, wenn zu diesem Spiel gehört, einen integren Journalisten in die rechte Ecke zu stellen und mit Hilfe der Antisemitismuskeule mundtot zu machen. Offenbar gibt es nicht nur unter BLÖD-Lesern, sondern auch unter sogenannten Linken jede Menge, die lieber das Geschwätz anderer nachplappern, anstatt selbst ihr Gehirn zu benutzen…
Lieber Roberto, mir scheint, Du hast von Ken Jebsen bislang wenig gesehen, gehört oder gelesen. Zu wenig jedenfalls, um ein abschließendes Urteil über ihn fällen zu können. Ich halte ihn für einen der ganz, ganz wenigen deutschen Journalisten, die konsequent gegen den Mainstream schwimmen – und die die schwierige Kunst des Interviews wirklich souverän beherrschen.
Deine Idee, ihn ausgerechnet mit Merkel zu vergleichen, erscheint mir so abstrus, dass mir dazu beim besten Willen nichts einfällt. Wir sollten einfach den Mantel der Nächstenliebe darüber breiten. Punkt.
Wenn Du den Mut hast, Deine eigenen Vorurteile in Frage zu stellen, empfehle ich Dir seine Reihe „KenFM im Gespräch mit…“. Zum Beispiel mit Dr. Daniele Ganser:
http://www.youtube.com/watch?v=Jyj-ofBUILw
oder Willy Wimmer: http://www.youtube.com/watch?v=faL4zRUdQTA#t=10
oder Jürgen Rose:
http://www.youtube.com/watch?v=kuui4davJ-0
und etliche weitere, die Du dann schon selbst finden wirst. Ich halte Dich für klug und fair genug, anhand dessen Deine Meinung noch einmal zu überdenken. Denn genau das, so dachte ich bislang, zeichnet Dich aus.

Liebe Grüße
Saby

Anonym 28. April 2014 um 15:22  

Um es einmal für alle Beteiligten auszudrücken: Ob Jebsen oder nicht, oder diese Dame, die sich Merkel nennt - eine Opposition, die nicht ein bisschen darauf achtet, wer sich unter ihrem Dach versammelt, läuft Gefahr, dass sich das Ganze in die völlig falsche Richtung zu entwickeln droht.
Übereifer kann zwar darin münden wie es zu Zeiten der Jakobinerdiktatur in Frankreich gelaufen ist, aber gar nicht darauf zu achten endet im anderen Extrem, dass Kräfte die Kontrolle übernehmen, deren Hochkommen von Beginn an gar nicht erwünscht war.
Die von Beginn an vielleicht noch nicht einmal den wesentlichen Beitrag zur Opposition geleistet haben.
Eine solche Opposition / Bewegung läuft somit auch immer in höchster Gefahr, sich vor dem Erreichen der gewünschten Änderung untereinander in tausend Stücken zu zerfetzen.
Eine Armee ist nur eine Volkarmee, wenn sie annähernd auf dem selben Konsens arbeitet - nicht aber, wenn ihre einzige Gemeinsamkeit lediglich der selbe Feind ist.
Ist dieser Feind beseitigt, beginnen sich die übrigen Gruppen untereinander um die Vorherrschaft zu bekämpfen.

Für solcherlei Vorgänge ist Deutschland historisch in höchstem Maße gefährdet - noch dazu, dass Teile der Opposition, wenn sie zu denen gehören, die sich mit den Herrschern noch hinstellen und ihre Veränderung aushandeln wollen, die ganze Grundidee an sich überhaupt gefährden.

Dies sollte man sich vor Augen halten.

Anonym 28. April 2014 um 17:17  

JEPSEN ist gefährlich. Er ist der Sarrazin des Antisemitismus. RBB wusste schon warum.

Anonym 1. Mai 2014 um 22:27  

Kann mich Saby da nur anschließen, Ken Jebsen sollte man noch mal neu beurteilen. Zudem finde ich, dass dieser Beitrag von dir Roberto in die Richtung Personenkult und Personifizierung geht. Genau das ist gefährlich! Von Merkels medialer Weichspülerei wird viel zu oft auf ihre Politik geschlossen, das verhindert eine Analyse und verstellt den Blick. Man muss schon gezielt graben, um etwas über die Machtpolitik von EU und Russland zu lesen unter all dem "Merkel fordert" und "Putin provoziert" Geschwurbel. Unsere Leitmedien einschließlich Tagesschau brauchen nur noch einen Namen in der Meldung und schon kommt es zu Beißreflexen. Von Ken Jebsen kann man halten, was man will - bestimmte Formate von ihm erfüllten den Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen si viel besser als sie es selber können, dass es schon weh tut. Schlimmer als Nichts zu sagen sind immer noch unterschwellige Botschaften in scheinbar neutraler Berichterstattung. Das fängt bei kleinen Begrifflichkeiten an... Regierung, Regime, Terroristen, Separatisten, Militärberater. Ganz edel auch der Begriff Regimekritiker, welchen der Kriminelle Chodorkowsky verpasst bekommt. Also nochmal, ich wünsche mir Jebsens Inhalte auch im Mainstream.

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