#Aufschrei der Dummheit

Mittwoch, 12. März 2014

Quelle: mimikama.at
Bis vor kurzem gab es bei Facebook eine Seite, die sich »Wir suchen dich« nannte. Angeblich eine »Facebookgemeinschaft, die Personen hilft« und die vorgibt »gemeinsam nach vermissten Personen« zu suchen. Von einer Suche nach Personen konnte aber keine Rede sein. Der oder die Betreiber posteten Fotos von Gewaltakten und stellten dazu provokative Fragen. Unter dem Foto eines toten Mannes, der mit Messerstichen übersät ist, kann man lesen: »Das ist mit einem Kinderschänder in Südamerika passiert und soll auch so üblich sein. Was sagt Ihr dazu? Richtig oder Falsch?« Die Reaktionen, die damit geerntet werden, sind leicht zu kalkulieren und wohl auch so gewollt. Wie Motten, die das Licht ansteuern, ebnen sich selbstlose Weltverbesserer und Kinderschützer ihren Weg in die Kommentarspalten und offenbaren, wie dünn und teilweise schon abgeblättert der Lack der rechtsstaatlichen Zivilisation schon ist.

Einerseits hat man es mit fadenscheinigen Betreibern zu tun, die ihr Menschenbild mit süffisanten Fragen in die Welt hinausposten. Und andererseits mit Lesern und Usern, die wie geile Rammler jedes Loch bespringen, aus dem so eine faschistoide Weltsicht hervorsuppt. In diesem Fall sind das auch Leute, die in meiner »Freundesliste« stehen, die mich mal geliked haben, weil ich einen für sie hübschen Text zur Arbeitsmarktsituation, zum Sozialabbau der Regierung oder vielleicht etwas Kapitalismuskritisches geschrieben habe. Dennoch sind dieselben Leute für diese rechtslastige Emotionalisierung juristischer Fragen zu haben und geben sich als Freunde nicht nur meiner Facebook-Präsenz, sondern eben auch als solche der Lynchjustiz zu erkennen.

Diese Seite scheint es mittlerweile nicht mehr zu geben. Hin und wieder reagiert Facebook dann doch und löscht solche menschenverachtenden Seiten. Aber das Problem ist trotzdem nicht aus der Welt. Manchmal hat man nämlich den Eindruck, dass es ausgerechnet solche Seiten der kalkulierten Misantrophie sind, die regeren Zulauf im Internet finden, als aufgeklärtere Projekte. Rechte Blogs und Foren boomen, das Social Media ist das Forum des dazugehörigen Mobs und noch nutzt die Politik das Internet nur für Wahlkampf- und Propagandazwecke. Hoffentlich kommt sie nie auf die Idee, das Social Media als eine Art Abbild des Wählerwillens anzuerkennen. Denn dort scheint die politische Rechte, von jeher nahe am Stammtisch und an billigen Affekten, die Deutungshoheit schon lange errungen zu haben. Die Idee der Freiheit, die man dem Internet und dem Social Media anheftete, kehrt sich täglich mehr ins Gegenteil. Nicht nur wegen der NSA.


4 Kommentare:

Erik Sanger 12. März 2014 um 11:46  

Solche Lynchmobs sind in vielen Weltgegenden, vor allem Afrika, Indien, z.T. auch Südamerika nahezu an der Tagesordnung. Da genügt der VERDACHT, z.B. ein paar Kartoffeln geklaut zu haben, um von einer rasenden Menge totgeschlagen zu werden. Manche werden aufgehängt, oder verbrannt. Und das völlig unabhängig davon ob sie schuldig sind oder nicht. Hier wird oft behauptet das es sich um "Kinderschänder" handeln würde, nur ist das in vielen dieser Länder ohnehin legal oder zumindest geduldet. Für Diebstahl hat man schlimmere Strafen zu fürchten. Auch der Vorwurf der Hexerei ist in vielen Weltgegenden ein sicheres Todesurteil.

Das scheint die menschliche Natur zu sein. Das Netz ist voll von solchen Fotos und Videos. Ich kritisiere das nicht einmal. Im Gegenteil: manchmal wünschte ich mir das mehr Menschen das sehen würden. Sehen, zu was andere Menschen fähig sind. Das könnte das Welt- und Menschenbild mancher Zeitgenossen vom Kopf wieder zurück auf die Füße stellen.

Ich hatte lange geglaubt das zumindest Europa sich weiter entwickelt hat, aber seit WK2 bin ich mir auch da nicht mehr so sicher. Ich denke langsam eher das es ein Ausblick auf unsere Zukunft ist. Die Zivilisationsdecke ist verflucht dünn!

Anonym 12. März 2014 um 15:04  

Sehr geehrter Roberto,

die - wie Du es nennst - "rechtslastige Emotionalisierung juristischer Fragen" - wird auch hier in Brasilien mehr und mehr zu einem Problem. Stichwort Facebook: Seiten "kalkulierter Misanthropie" erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Zu diesem Thema hat übrigens das "Laboratório de Estudos sobre Imagem e Cibercultura (Labic)" (Universidade Federal do Espírito Santo) eine Untersuchung durchgeführt, deren Ergebnisse in folgendem Artikel kommentiert werden. (Dachte mir, es ist der Erwähnung wert - Spanisch und Portugiesisch sind sich ja nicht gaaanz so fremd).

http://outraspalavras.net/brasil/facebook-um-mapa-das-redes-de-odio/

Mit besten Grüssen

brandubh 12. März 2014 um 19:11  

Das ist nichts Neues. Der Spruch "Rübe ab" hatte auch in den frühen Nachkriegsjahren schon wieder Konjunktur.

Reinhardt 15. März 2014 um 12:17  

An der Bezeichnung "Rechtsstaat" kommen mir gelegentlich zweifel, nicht nur im hinblick auf solche Bilder und die Seiten die sie veröffentlichen.

Feststeht für mich auf jedenfall das die "Todesstrafe" oder was auch immer der Mob als Strafe für Kapitalverbrechen fordert, keine Option sind. Von Lynchjustiz ganz zu schweigen.

Wenn eine Gesellschaft den Anspruch hat aufgeklärt und zivilisiert zu sein, sollte sie nicht auf ein so archaisches Instrument wie die Bestrafung durch Tötung zurückgreifen.

Ich denke wenn wir den Mörder ermorden stellen wir uns doch letzten endes auf die selbe Stufe.

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