Der Tag, an dem ich die Vorzüge eines Doktorenlebens genoss

Samstag, 1. Februar 2014

Schon wieder so ein Doktor, der keiner war. Gut, andere Doktoren waren gar keine. Der Scheuer wurde wenigstens nur als Doktorchen geoutet. Mit Titeln, die man einfach mal voranstellt, haben schon ganz andere Erfahrung gemacht.

Als ich vor Jahren einen Facharzttermin wahrnahm, verlangte man von mir, dass ich einen Fragebogen ausfüllen sollte. Alle neuen Patienten müssten das tun. Hierzu händigte man mir ein Klemmbrett mit einem Formular darauf und einen Kugelschreiber aus und wies mich ins Wartezimmer. Das war gerammelt voll. Die Leute rennen immer gerade dann zum Arzt, wenn ich hin muss. Ich füllte das Teil aus, legte das Brett hierzu auf meine Knie und legte los. Meine Schrift litt darunter. Sie sah aus wie das Geschmiere eines lustlosen Apothekers. Als ich es vollendet hatte, gab ich es am Schalter ab und richtete mich auf Stunden ein, die ich mit Bild der Frau und einem Ärzteblatt erträglich gestalten wollte. Ich hatte es mir gerade so richtig ungemütlich gemacht, da schreckte ich auf.

Denn nach nur zehn Minuten lugte die Arzthelferin in den Wartebereich und bat einen Dr. Lapuente ins Sprechzimmer. Ich stand auf und folgte ihr. Erstaunlich, wie schnell man sich an so einen Titel gewöhnt. Ich musste nicht mal überlegen, ob denn im Wartezimmer einer saß, der zufällig Lapuente hieß. Nee, ich machte keine Anstalten und ergriff meine Chance und fügte mich übergangslos in die Rolle eines Akademikers ein.

Die Ärztin war freundlich. Na, Dr. Lapuente, wie kann ich Ihnen helfen? Ich stellte nichts klar. Es gefiel mir. Nicht der Titel selbst. Aber diese Vorzugsbehandlung, die es offenbar in Doktorenleben so gab, gegen die wehrte ich mich nicht. Als De Lapuente war es immer anders, war man eben nur ein Kassenpatient. Gut, der war ich als Dr. Lapuente auch, aber halt auf höherem Niveau. Das ging dann auch das ganze Gespräch lang so. Ich wurde andauernd mit Namen und Titel angeredet. So viel persönliche Ansprache kennt ein Typ wie ich sonst nicht. Dr. Lapuente hier, Dr. Lapuente dort, Dr. Lapuente ist Ihr Stuhlgang normal? - Er ist fest und stinkt, alles in Ordnung, vielen Dank Frau Doktor.

Am Ende kam heraus, dass ich bei der netten Ärztin völlig falsch war. Meine Unpässlichkeit passte wohl besser ins Beuteschema eines anderen Facharztes. Wenigstens ist das jetzt von der Seite meines Fachgebietes abgeklärt, Herr Dr. Lapuente, sagte sie am Ende und drückte mir herzlich die Hand. Ja, vielen Dank auch, liebe Frau Doktor, antwortete ich und bemühte mich um ein wenig akademische Konzilianz. Fast wollte ich Frau Kollegin sagen, aber Doktor ist ja nicht gleich Doktor. Bis heute wissen die Leute in dieser Arztpraxis nicht, dass sie einem falschen Doktor aufgesessen sind.

Was ich mit der Geschichte sagen will? Hm, ich weiß nicht so genau. Muss man immer Hintergedanken haben? Doch wenn ich genauer darüber nachdenke, dann habe ich das vielleicht nur erzählt, um nicht irgendwann mal als Blender entlarvt zu werden. Nicht, dass irgendwann eine dieser Schreckschrauben, die bei der Ärztin am Empfang arbeiteten, mich auf einem Plakat sieht und der Bildzeitung steckt: Dieser Mann war ein falscher Doktor! Von diesem Vorwurf bis zur Schlagzeile Er hat mich befummelt! ist es dann nicht mehr sehr weit.

Na ja, gut, noch was fällt mir als Grund ein, warum ich das erzähle: Man sieht also, wie nett man behandelt wird, wenn man sich mit einem hübschen Titel ziert. Dass der gegelte Landadlige oder dieser Scheuer nicht darauf verzichten wollten, kann man aus dieser Perspektive sogar fast verstehen. In einem Land, in dem man nur was gilt, wenn man ein Statussymbol aufweisen kann, also entweder Geld hat, einen Schlips oder einen Titel, muss man mit Tricksern und Betrügern rechnen. In gewisser Weise ist diese Mentalität der Leute mitschuldig daran, dass es solche Blender gibt.

Ich vermisse meinen Doktortitel manchmal. Nur eine Stunde hatte ich ihn. Aber es war eine gute Stunde. Danach wurde ich nur noch einmal so gut behandelt. Das war, als ich bei einem Juwelier Batterien für meine Armbanduhr kaufen wollte und, weil ich schon mal da war, ein wenig die Auslage bewunderte. Da trat die Verkäuferin heran, deutete auf eine Uhr und meinte, dass dieses Modell von Cartier stark reduziert sei. Es kostete aber immer noch gut nen Tausender. Ich antwortete nur, dass Geld keine Rolle spiele und lächelte beschämt. Sie aber hatte meinen Armutszynismus mit einer dicken Geldbörse verwechselt und beriet mich vorzüglich.


12 Kommentare:

Anonym 1. Februar 2014 um 13:44  

>>In gewisser Weise ist diese Mentalität der Leute mitschuldig daran, dass es solche Blender gibt.<<

Roberto, so ist es. Ich kann allerdings von einer bevorzugten Behandlung wenig merken. Was den zitierten Satz betrifft, trifft er auch aufs Doping zu. Ich hab mal von 1997 bis 2000 die Tour de France am TV verfolgt.Doe Kommentatoren beachteten nur die Gewinner. Kein Wunder, dass man da dopen muss, um beachtet zu werden.

Anonym 1. Februar 2014 um 15:19  

Wie unterschiedlich man so behandelt wird merke ich bei meiner Arbeit immer wieder.
Ich bin Tischler, allerdings ist mein Arbeitgeber zugleich auch Bestatter und ich gehöre zu den Arbeitern, die auch mal bei den Beerdigungen aushelfen. Hierzu besitze ich einen maßgeschneiderten schwarzen Anzug, den mir mein Chef finanziert hat.
Er will ja das seine Leute anständig aussehen und ich muss sagen unsere Anzüge sehen echt edel aus.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich ich bedient werden, je nachdem, ob ich nach der Arbeit noch meinen Anzug trage oder den Blaumann, wenn ich noch mal irgendwo hin muss.
Ich muss aber auch gestehen, es gefällt mir in diesem edlen Zwirn durch die Gegend zu stolzieren und mal so richtig nach Kohle auf dem Konto auszusehen.

Anonym 1. Februar 2014 um 15:38  

"Es gefiel mir." Mir wäre es peinlich gewesen. Doch davon lese ich nichts.

Roberto De Lapuente 1. Februar 2014 um 16:00  

Junge, wenn du etwas nicht liest, was du aber gerne lesen würdest, dann musst du es eben selbst schreiben. Nur wer liest den Scheiß dann?

Hartmut B. 1. Februar 2014 um 16:20  

Das kann ich sehr gut nachvollziehen.....
über ca 7 J. war ich Privatpatient.....
danach nur noch Kassenpatient....

die Behandlungen sind dermaßen unterschiedlich , das ist unglaublich......
ich kann und möchte das jetzt hier in epischer Breite nicht erklären....

nur zu Deiner Schilderung noch ein Gedankengang --- ich vermute , da Du mit De Lapuente unterschrieben hast , daß das De mit Dr. gleichgesetzt worden ist.......
geht ja auch aus Deinem Artikel hervor.......

Das Entscheidende für jeden Menschen in dieser Welt ist halt sein Ruf........

Lutz Hausstein 1. Februar 2014 um 17:41  

Schkandal!

Nun müssen wir wohl ein Verfahren zur Entziehung des versehentlich verliehenen Doktortitels vor dem Bürotisch der Mitarbeiterin des Arztes anstrengen. Ein langwieriges Verfahren ist jedoch aufgrund der nicht vorhandenen Doktorarbeit nicht zu erwarten. Da dieser Titel allerdings in der Datenbank des Arztes gespeichert ist, muss dessen Festplatte komplett gelöscht werden.

:-)

Anonym 1. Februar 2014 um 17:42  

Es liegt aber auch an einem selber. Die Doktor-Anrede oder der Anzug stehen für Leistung und Erfolg. Und niemand, selbst die kritischen Geister hier, kann sich anscheinend davon befreien. Roberto erzählt eigentlich nur, dass er auf diese Weise angesprochen, aber nicht inwiefern er besser behandelt wurde. Deswegen ist es vielleicht auch illusorisch anzunehmen, ein Doktor oder Anzugträger könnten irgendwann einmal bescheiden oder gehemmt durchs Leben gehen. Schade eigentlich!

Anonym 1. Februar 2014 um 18:55  

Ein kleiner Hinweis noch zum Unterschied Blaumann - Anzug: Gottfried Kellers Erzählung KLEIDER MACHEN LEUTE.

Ich habe übrigens als Dr. auf der documenta 1987 für einen Künstler als Aufbauhelfer gearbeitet - überwiegend im Blaumann. Es gab 'ne Menge Leute, vor allem aus der Kunsthochschule, die meinten, sie müssten mich von oben herab behandeln.

humunculus 2. Februar 2014 um 01:59  

Zu den Ungerechtigkeiten der Welt gehört der Umstand, dass einige mehr zu sagen haben als andere. Ein Kanzler hat mehr zu sagen als ein Minister, ein Professor mehr als seine Studenten, und wer über einen Platz in einer Zeitung verfügt oder ein Blog führt, kann sich eher Gehör verschaffen als Leute, die das nicht tun. Das ist für alle, die von einer Gesellschaft der Gleichen träumen, schwer erträglich.

Gerd Hellmood 2. Februar 2014 um 09:13  

Dieser Titel dokumentiert, dass zu irgendeinem Zeitpunkt in der Vergangenheit eine gewisse intellektuelle Leistung, meist kontextuell durch Zitatensammlung und korrektem Quellennachweis, erbracht worden ist. Einer dem wachen Verstand nicht nachvollziehbaren allgemeinen Konvention zufolge, ist dem Titel implizid, dass dieses intellektuelle Leistungsvermögen stringent vorhanden sei. Auch einem Doktor, der sich die Mühe des Denkens nicht mehr macht sondern meint oder mutmasst, wird der Verhältnisblödsinn, den er schlimmstenfalls absondert, von der Glaubensgemeinschaft der "Ungeweihten" fatalerweise abgenommen. Man beachte nur den Fall Mollath. Dass Kraftfahrzeuge in regelmässigen Zeitabständen auf ihre Verkehrstauglichkeit hin geprüft werden, gilt als selbstverständliche Notwendigkeit. Warum also nicht auch einen TÜV für Akademiker?

flavo 3. Februar 2014 um 08:25  

Zweifellos ein amüsantes Ereignis. In der Tat ist es höchst interessant die Momente genaustens zu beobachten, wenn man im Zuge eines Gesprächs beim gegenüber durch die Ausweisung eines eigenen Titels die Optik modifiziert. Ich glaube im Film Terminator gibt es ein paar solche Momente: Als der Roboter in dem Film einen neuen Schwall Informationen verechnen muss und die Situation neu einschätzen muss und in Rechnerstarre steht. Seltsam genug, dass es bei Menschen nicht anders geschieht. Ärzte sind oft besonders anfällig für solche Skripte. Offenbar bekommen sie es gelehrt oder es resultiert aus der Standesgemäßheit eines Arztes. Der Standeshabitus eines Arztes legt es offenbar in den Kopf, dass die Patientenschaft nebst Geundheit-Krankheit auch hinsichtlich der Titularien untersucht wird. Im Krankhaitsfall führt der Vorgang zum Medikament, im Dr.fall zur Freundlichkeit. Grämig: was arbeiten sie denn? Ach, so, aha, Rülps rülps, hrmnhrmmmhm, ach so, aha, ja dann, hmmrrhmmh, schauen Sie, ich erkläre es ihnen genauer, es ist so...falls sie Fragen haben, melden sie sich gerne. Rufen sie einfach an.
Man kennt ähnliche Vorgehensweisen natürlich auch von anderen traditionell der niederen Oberschicht oder höheren Mittelschicht zuzurechnenden Berufsbildern: Akademien aller Art, der ganze Kunstsektor vollends, Kanzleien aller Art vornehmlich des Rechts, Religionsnomenklaturen, Landgutsfamilien usw. So Frau, ähm, Frau, Müller, oh! Frau Magister Müller, verzeihen sie. Es kann genussreich, die Optiken anzureizen und sodann aus der Implizitheit herauszuholen. Man kann es fallweise richtig dosieren: hat es sich in dir nun genug verfestigt, dass ich ein ungelernter Hilfsarbeiter bin. Bin ich ein Statist der Situation? Die beste Gelegenehit also, die Vorstellung zu zerwirbeln. Natürlich ist dieser Klassismus generell äußerst verletzend.

Friederike 3. Februar 2014 um 09:13  

Und das Schönste ist doch, daß Politiker uns immer wieder vor einer drohenden zwei-Klassen-Medizin warnen. Alles, nur das nicht!!

Schöne Geschichte, danke!

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