Wie der junge Markus bei Herrn Kracht in die Lehre ging

Freitag, 31. Januar 2014

Kurz bevor Lanz bei RTL anfing, wurde dort eine heute fast legendäre Talkshow eingestellt, die dem heutigen Sendeformat Lanz nicht unähnlich war. Wie Lanzens Format war sie nicht rein politisch gebunden, widmete sich auch gesellschaftlichen Themen und lebte von regelmäßigen Eklats. Der damalige Moderator hat sichtlich auf Lanz abgefärbt. Sein ganzer Stil ist von diesem Großmeister der Provo-Moderation geprägt. Er hat Lanz beruflich sozialisiert und war übertrieben gesagt so eine Art Mentor für ihn. Die Rede ist von Olaf Kracht und seiner Sendung, die sich Explosiv - Der heiße Stuhl nannte.

Tatsächlich erinnert Lanz' Frage- und Moderationsstil erstaunlich an jenen Herrn Kracht. Auch dann, wenn er nicht gerade unliebsame Politiker penetriert. Das strikte Dazwischenreden ist auch dann der Fall, wenn er nicht "auf Touren kommt". Zwischenfragen, bevor der Sprechende fertig ist mit seinen Ausführungen, musste nicht nur Wagenknecht erdulden. Bei ihr war es nur besonders virtuos.

Um genauer zu sein, war das, was Olaf Kracht zwischen 1989 und 1994 leistete, gar nicht Moderation. Denn moderat, zwischen Gesprächsteilnehmern vermittelnd, trat er nicht auf. Sein Ziel war es, die Diskussion immer wieder auf die Spitze zu treiben, Streit zu entfachen und "es laut werden zu lassen". Der Erkenntnisgewinn war dabei eher zweitranging. Primär ging es darum, dass sich die Teilnehmer fetzten und dass das Publikum an den Bildschirmen in eine emotionale Achterbahnfahrt aus Wut, Spott und Überlegenheitsgefühl gerät. Hierzu musste der Leiter der Sendung auch Mittel anwenden, die eben nicht als klassische Moderation anzusehen sind. Michael Klemm weist in einer Arbeit über Der heiße Stuhl und Einspruch! darauf hin, dass die Strategie der Moderatoren darauf abziele, das "Image des Gastes anzugreifen (...) Indem er über dessen Arbeit spottet (...) und sie abwertet (...), dessen Glaubwürdigkeit und Integrität anzweifelt."

Klemm sieht diese "positive Selbstdarstellung des Moderators" als wesentlichen Bestandteil dieses Formats an, das man als Confrontainment bezeichnen könnte. Kracht hat in seiner Sendung unterschwellig und "stets in ironischem Ton" angedeutet, dass bestimmte Gäste in ihrem Lebenswandel unsolide seien. Das erreichte er mit provokanten Zwischenrufen und Unterbrechungen - und damit, den Gesprächspartner gar nicht richtig argumentieren zu lassen. Kracht sah sich als Provokateur, der die Diskussion als eine Art advocatus diaboli führe und so den Streit nähre.

Man hätte sich das Gespräch zwischen Lanz, Jörges und Wagenknecht auch in die Szenerie von Der heiße Stuhl vorstellen können. Lanz als Kracht, Wagenknecht als Person auf dem Stuhl und Jörges als der Pulk wahllos brüllender Aggressivlinge. Was die Rolle Lanzens betrifft, scheint das aber kein Zufall zu sein.

Spekulieren wir doch mal darüber, wie gierig der junge Lanz ins Fernsehen wollte und wie er sich bei den Trendsettern jener Dekade abschaute, wie man polarisiert und wie man "neu und modern talkt". Das musste man können, wollte man für das private TV interessant sein. Dieser unflätige und freche Moderationstypus, der ins Wort fiel und seine Gäste lächerlich machte, der spekulative Behauptungen aufstellte und die Zornesröte in den Gesichtern der Gesprächsteilnehmer als höchste Auszeichnung für sich in Anspruch nahm und der seine vollendete Perversion in Der heiße Stuhl gefunden hatte, beeinflusste Lanz ganz offenbar sehr stark.

Wer im Privatfernsehen und vor allem bei RTL in jenen Jahren Fuß fassen wollte, der musste frech und arrogant sein, durfte nicht an all den überkommenen Anstandsregeln im zwischenmenschlichen Dialog kranken. Förderlicher war da ein ausgeprägter Narzissmus, den man mit unverschämter Überheblichkeit paaren können sollte. Das waren die Neunziger! Da war man wer, wenn man sich nur so benahm, als ob man wer war. Das ging besonders gut, wenn man seine Mitmenschen behandelte, als seien sie nichts. Mit dieser Attitüde betrieb man Fernsehen. Man kalkulierte den Tabubruch. Hier waren schon all die gescripteten "Tabubrüche" angelegt, die heute das Programm bei RTL bestimmen. Der homo nonagesimus glaubte jedenfalls in jenen Jahren einen ganz neuen Stil entworfen zu haben. Andere entlarvten den einfach nur als selbstgefälliges Rowdytum.

Lanz steckt so gesehen immer noch in dieser Krawallo-Kultur der Neunzigerjahre fest, für die RTL von jeher eine Art rot-gelb-blaues Konservenglas war. Er pflegt einen aus der Mode gekommenen Stil, der dem Zeitgeist entstammt, in dem er noch ein Twen war. Er ist ein Confrontainer alter Schule. Natürlich nicht mehr ganz so direkt und durchschaubar wie die Meister der Gilde damals. Aber dieses Ideal blitzt bei ihm immer wieder durch. Dass er zum Beispiel nicht mal auf die Idee kam, Jörges infantiles Geschrei zu deeskalieren, hängt auch mit diesem ganz besonderen Verständnis von "Moderation" zusammen. Denn als er sich abschaute, wie man bei RTL Talk macht, da waren alle Gesprächsteilnehmer als Rüpel eingeplant. Und Rüpel weisen sich nicht gegenseitig in die Schranken. Sie geben dem Affen Zucker und setzen immer noch einen drauf.

Wie gesagt, als Lanz bei RTL landete, war Krachts Format schon wieder aus dem Programm verschwunden. Aber dieser Stil aus ruppigen Zynismus, provokanter Arroganz und yuppiesken Zügen schlug immer mal wieder durch. Allerdings polarisierte diese Form von Talk niemals mehr in dem Maße. Bis neulich eben, als das Confrontainment kurzzeitig ein Revival erlebte und die Öffentlichkeit so tat, als habe es derartige Entgleisungen noch nie gegeben. Hat sie Olaf Kracht vergessen? So lange ist das nun auch nicht her.

Als Markus Lanz beim ZDF landete, da geriet auch Der heiße Stuhl und sein Vermächtnis, diese Moderation auf Grundlage der Provokation und Eskalation, in den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ein Lapsus oder ein schlechter Tag, wie das ZDF oder einige Freunde Lanzens Verhalten entschuldigten, war das nicht. Eher ein Bekenntnis zu dem Talkstil, den er sich seinerzeit abgeschaut hat und der bei RTL als seriös galt. Der Mann steckt noch immer in den ach so coolen und fetzigen Neunzigern fest, in denen man über alles laut und krachend talken wollte.


13 Kommentare:

Paul Herzog 31. Januar 2014 um 08:34  

Ich glaube es war der ehemalige Box-Promoter Don King, der über Mike Tyson sinngemäß sagte: "Man kann einen Boxer aus der Gosse holen, die Gosse aber nicht aus dem Boxer."

Passt irgendwie auf den Lanz ;-)

Anonym 31. Januar 2014 um 08:35  

ANMERKER MEINT:

Superrecherche, Roberto, chapeau!

MEINT ANMERKER

maguscarolus 31. Januar 2014 um 09:34  

Neunziger Jahre hin oder her! Diese Art des "Diskurses", wie er sich in der fraglichen Sendung mit Wagenknecht ausdrückt, scheint den "herrschenden Interessen" doch offenbar ein geeignetes Mittel zu sein, um unliebsame politische und wirtschaftliche Akteure zu demontieren, ihre Wirkungsmöglichkeiten zu behindern oder sie persönlich mehr oder weniger infam zu denunzieren.

Solche "journalistische Methoden" haben konservative Medien-Mogule und ihre Vollstrecker weltweit schon immer brillant beherrscht. Da ist dieser Lanz nur ein ganz kleines Licht.

Allerdings wird diese Art von "Gesprächen" vor einem vertrottelten Klatsch-Publikum sicher nicht deshalb an Beliebtheit bei den überwiegend ebenso vertrottelten Zuschauern verlieren, nur weil sich eine Welle der Empörung im Internet bewegt hat.

Sledgehammer 31. Januar 2014 um 10:41  

Das "Elend" hat ganz offensichtlich immer seine Entsprechung und giert nach/drängt auf Resozialisation/Revival.

Maxim 31. Januar 2014 um 12:42  

Der Witz ist ja, dass viele Leute das Fernsehen der Neunziger Jahre durchgängig positiv in Erinnerung haben und gerne dem heutigen Programm als qualitativ besser gegenüberstellen. Was sei da nicht alles großartiger gewesen, als MTV noch Musikvideos brachte und es noch nicht den ganzen Scripted-Reality Schwachsinn gab, aber über Gülle-Formate wie "Bärbel Schäfer" und "Schreinemakers Live" schweigt man lieber.

Anonym 31. Januar 2014 um 12:53  

Ja das waren noch Zeiten, als RTL noch unfreiwillig dazu stand, dass es unseriöses Fernsehen machte. Irgendwann nahm sich der Sender dann vor unbedingt seriös zu wirken, da störte der heiße Stuhl, obwohl die Grundprinzipien immer noch da sind: Menschen vorführen und demütigen, Selbstdarstellung der Moderatoren und eine Verachtung des eigenen Publikums.
Das alles ist noch da, hat sich aber hinter einer seriösen Maske versteckt.
Im Grunde folgte RTL da aber nur dem Zeitgeist, denn dieses Bedürfnis nach Seriosität verdeutlicht ein Grundbedürfnis der Menschen des neuen Jahrtausends: Im Grunde ist einem nichts wichtiger als dazuzugehören, gleichzeitig will man aber auch über der Masse stehen, wovon z.B. auch Facebook profitiert.
Das war das Schöne an den 90ern, da konnte man nicht nur die Idioten leichter erkennen, der Dresscode verriet auch die Gruppe, der man angehörte und wurde beibehalten. Meine Freunde und ich sind überall in unseren Metalkutten hingegangen, auch zu unserer Schulabschlussfeier. Allerdings wurden wir da schon von einigen komisch angeguckt.
Für die nachfolgenden Generationen ist es hingegen normal geworden, ihr Kleidung der jeweiligen Situation anzupassen oder einen Stil zu pflegen, der überall reinpasst.
Meine Freunde und ich konnte uns in jungen Jahren einreden, das wir ja den einzig wahren Musikgeschmack haben und sonst war uns alles egal, wir wollten nicht dazugehören, wir waren anders, das hat uns gereicht.
Als ich das vor Jahren mal meinem Neffen erzählte konnte er das nicht verstehen. Zitat: „Aber man muss doch dazugehören.“ Dieser Gedanke war einfach so tief in ihm drin.

Anonym 31. Januar 2014 um 14:03  

"Jörges als der Pulk wahllos brüllender Aggressivlinge"

Brüllend ja, aggressiv auch, aber absolut nicht wahllos. Ich war überrascht über das Fakten-Sperrfeuer, das er ablieferte - sehr gezielt, wenn auch freilich gefärbt von seiner Sicht.
Chapeau an Wagenknecht, dass sie sich nicht auf diesen Adrenalinpegel mit hochziehen ließ.

Jörges hatte übrigens direkt nach der Talkshow nochmal nachgetreten und ein Video über die "Methode Wagenknecht" veröffentlicht:
www.stern.de/politik/deutschland/2085007.html

Kracht ist ja nun schon 20 Jahre her, das ist mehr als eine Ewigkeit, daran erinnert sich natürlich kaum jemand mehr.
Oder wie sollten sich Bürger daran erinnern können, wenn sie schon nach Monaten viel größere Politskandale wieder vergessen haben?

Anonym 31. Januar 2014 um 17:25  

man gucke sich den lebenslauf von kracht auf wikipedia an: möglicherweise hat dieser repräsentativen charakter. journalismus als halbbildung, auf der basis einer abbrecherbildung.

Anonym 31. Januar 2014 um 20:42  

Der Ursprung des Gestus' von Lanz und Jörges ist nur ein Nebenschauplatz.
Nein, so macht man es sich mit der Einordnung von Jörges zu einfach.
Man darf sich sonst nicht empören, wenn Linke angekanzelt werden allein mit dem Hinweis, dass sie die Form nicht wahrten.
Nein, hätte er seinen Text ruhig vorgetragen, wäre der Vergleich mit einem "wahllosen aggressiven Pulk" nicht möglich gewesen.
Es muss daher um die Einordnung des Gesagten gehen.
Der Ursprung des Gestus' von Lanz und Jörges ist nur ein Nebenschauplatz.

Joachim Wieck 2. Februar 2014 um 14:08  

Alles schön und gut, es erklärt aber nicht, warum dieser Pöbeljournalistmus vorzugsweise Linke trifft, während Merkels nicht nur im ZDF untertänig hofiert werden.

Karl Harlach 2. Februar 2014 um 15:32  

Der im Artikel dargestellte Hintergrund scheint mir sehr aufschlussreich, um zu verstehen, wie Lanz zu seinem "Moderationsstil" gekommen ist, und wieso er offenbar selbst glaubt, das müsse so sein und sei so richtig.

Die Sache hat aber auch eine allgemein bedeutsame Dimension:

Dieser Krawall-Stil und überhaupt das niedrige Niveau vieler Sendungen wurde und wird ja gerne damit gerechtfertigt, das Publikum wolle es nicht anders, es wolle nicht irgendwelchen komplizierten Argumentationen folgen, sondern lieber Leute sehen, die einander anschreien, beleidigen oder bloßstellen. Nun protestieren aber zahlreiche Zuschauer in einer Petition gerade gegen diesen Krawall-Stil und fordern eine seriöse Diskussion ein. Unsere seriösen Leitmedien, wie die SZ oder die Zeit, könnten nun erfreut feststellen, dass das Fernsehpublikum offenbar doch nicht der kritiklose primitive Pöbel ist, für den man es immer gehalten hat. Und sie könnten die Petition zum Anlass nehmen, einmal generell über den Diskussionsstil solcher Sendungen nachzudenken, für den Lanz ja nur ein besonders krasses Beispiel ist. Darüber, dass das, was hier praktiziert und vorgelebt wird, keine Kultur des zivilisierten politischen Streits ist, in dem auch Kritik und Dissens, selbst in grundsätzlichen Fragen, ihren Platz haben und sogar erwünscht sind, sondern dass hier, trotz all dem Parteiengezänk, ein bleierner Konsens über allem lastet und notfalls mit Zähnen und Klauen verteidigt wird. Von all dem wollen diese Medien aber nichts wissen. Stattdessen machen sie geschlossen Front gegen die Unterstützer der Petition und stellen sie als einen wildgewordenen Mob dar, der sich in eine pogromartige Hetze gegen einen etwas überforderten Moderator hineinsteigert. Das lässt tief blicken. Die "seriösen" Medien sind nämlich selbst Teil dieses bleiernen Konsenses und sind sehr daran interessiert, dass dieser Konsens aufrechterhalten wird. Aber Ereignisse wie diese Petition wecken in ihnen die düstere Ahnung, dass sie mit ihrem Konsens zunehmend alleine dastehen.

Olaf Kracht 24. Oktober 2014 um 23:08  

Ein sehr schöner Artikel, Roberto! Schade, dass ich erst jetzt darauf gestossen bin. Tatsächlich habe ich auch Markus Lanz erst vor kurzem persönlich kennen gelernt. Ein sehr netter Kerl, der ganz genau und ebenso wie ich weiss, dass TV immer auch emotional ist und gern auch zielgerichtet provokant sein soll. Passiert leider immer seltener.
Der bescheuerte Kommentar über Wikipedia-Einträge und angebliche journalistische Halbbildung scheint allerdings ernst gemeint zu sein. Da kann ich dann nur abwinken.
Olaf Kracht

Roberto De Lapuente 26. Oktober 2014 um 09:00  

Danke, Olaf. Werbung für Lanz musst Du aber nicht machen. Die Leute mögen ihn nicht. Ich auch nicht. Was ja auch ok sein sollte. Dass Du es schade findest, dass TV immer weniger provokant ist, sehe ich nicht so. Einerseits, weil es eben in bestimmten tatsächlich provozierend geblieben ist (siehe Debatten zu Ausländern, Moslems, Arbeitslosen) und andererseits, weil ich denke, dass man mit dieser (ich nenne sie mal) RTL-Masche keine Erkenntnisse erzielen kann.
Nun könntest Du ja sagen, dass Erkenntnisse nicht die Sache sei, die das Fernsehen interessiert. Und damit hättest Du wahrscheinlich recht. Ich bin aber altmodisch genug, um weiterhin an einen Bildungsauftrag zu glauben.
Provokation und Polemik sind aber, und da gehe ich mit Dir konform, dennoch Mittel, die man hie und da mal anwenden sollte. Aber wenn diese Mittel chronisch werden, dann sind sie lästig.
Wie bist Du auf diesen Text gestossen?

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