Schweig still, bleib mir sympathisch

Freitag, 29. November 2013

Ich habe da jemanden kennengelernt. Am Fußballplatz. Haben uns oft unterhalten. Ein lustiger Mensch. Haben viel gelacht. Ne coole Socke irgendwie. Flapsig. Da stehe ich drauf. Das Leben ist bitter genug. Es war Sympathie auf den ersten Blick. Getroffen haben wir uns seither öfter. Immer am Fußballplatz. Beim Warten auf unsere Kinder. Bei Training oder Punktspiel. Haben miteinander geraucht. Das Spiel bewertet. Gewusst, dass wir es besser könnten als unsere Kinder, wenn nur der Bauch nicht wäre und die ganzen Zipperlein. Aber im Geiste waren wir beide fit.

Na ja, stimmt nicht ganz. Ich mochte an ihm, dass er den ganzen Spaß nicht so ernst nahm. Nicht so, wie der Vater eines anderen Kindes, der seine Brut als verkanntes Talent und alle anderen Kinder entweder für Bälger aus der Gosse oder für zu fett hielt. Mit dem sozialdarwinistischen Penner aus gutem Elternhause, was er uns natürlich gleich steckte, war bald Funkstille. Mein Kumpel aber blieb da ganz Mensch und das mochte ich. Und mag ich noch immer. Das macht alles viel entspannter. Und plötzlich kam uns der Bratwurstfabrikant von der Säbener Straße in die Quere.

Er hätte auch Steuern hinterzogen, wenn er so viel Geld hätte, wie der Hoeneß, sagte er. Ich weiß nicht, wie es ist, mehrfacher Millionär zu sein. Aber ich vermute, mich würde es wenig stören, von den vielen Millionen etliche entbehren zu müssen. Mir wäre das alles auch zu aufwändig. Ich würde zahlen und wollte meine Ruhe haben. Ich vermute, so bequeme Menschen wie ich kommen aber auch nicht zu Geld. Und überhaupt ist diese Entschuldigung mit der eigenen Niedertracht billig. So kann man alles entschuldigen. Selbst Konzentrationslager. Wer so argumentiert, der erlaubt keinerlei moralisches Urteil mehr, rottet die Ethik aus allen Kategorien menschlicher Wahrnehmung aus.

Jedenfalls, er sagte das und ich widersprach. Dann sagte ich, dass Hoeneß der richtige Mann für diesen Verein sei. Ich zitierte mich selbst mit einer Passage aus einem Text der letzten Woche: "Ein anständiger Mann an der Spitze dieses Vereins wäre ungefähr so, als würden sich die katholischen Kardinäle im Konklave für einen homosexuellen Stricher aussprechen." Worauf er nur lapidar antwortete: Haben sie doch. Wie? Was meinst du?, fragte ich. Na, das sind doch alles Kinderficker und Prasser. Was für ein Niveau! Hätte er doch nur geschwiegen ...

So geht es mir ja oft. Man lernt jemanden kennen, findet den gut, hat Freude an seinem Dasein. Und dann lernt man ihn besser kennen und ist irritiert. Mensch, der hat aber seltsame Anwandlungen. Kuriose Meinungen. Oder einfach nur Bildzeitung im Kopf. Und dann ist man irgendwie abgestoßen und froh, wenn die nächsten Gespräche nur noch am Lack kratzen.

Ich erinnere mich, dass ich zum Tode Peter Alexanders einen Text schrieb. Meine Güte, was trieb mich damals dazu? Es war eigentlich ein ganz beschissener Text, in dem ich ausdrücken wollte, dass ich seine unpolitische Haltung durchaus schätzte. Dafür erntete ich Ärger. Denn der Mann habe mit seiner guten Laune das System gestützt, legte man mir nahe. Sieh das doch ein Genosse, überdenke nochmal deine Positionen. Indirekt stimmt das vielleicht sogar. Nur weiß ich nichts davon, dass er für das System geworben hätte. Er blieb unpolitisch und erlaubte keine Einblicke in die Abgründe seiner Weltsicht. Das habe ich an ihm geschätzt. Er hat einfach mal sein Maul gehalten, wo andere es blöderweise aufmachten. Ich denke da an den BAP-Onkel, der sich immer gerne politisiert und dann auch schon mal im Dunstfeld zweifelhafter Kampagneros landete.

Heute höre ich gerne Max Raabe. Ich mag die Texte im Stile der Dreißigerjahre. Diese freche Art, die es da im zeitgenössischen Schlager gab. Diese Couplets haben mehr sprachliche Reife als vieles, was man von heute so kennt. Raabe macht Musik und sonst weiß man wenig von ihm und von seinen Ansichten. Ich hoffe stark, das bleibt so, sonst vergeht er mir auch noch. Er soll trällern und seine Berühmtheit nicht verpolitisieren. Dann macht er nichts falsch.

Ich finde, wenn man sich so auf Anhieb auf einem oberflächlichen Level sympathisch ist, dann sollte man das eine Weile halten. Und vielleicht sogar immer so einhalten. Dann ist Zusammenleben eindeutig leichter. Je näher man sich kommt, je offener man spricht, desto größer die Gefahr der Entzauberung. Schweig still, bleib mir sympathisch!, wollte ich schon oft jemanden zurufen. Nur war es da schon zu spät. Ich gebe ja zu, diese Haltung, gar nicht so tief gehen zu wollen, ist ein wenig biedermeierisch. Ich ziehe mich halt nicht in Zierkissen zurück aufs Sofa, um eine Tasse Kaffee zu schlürfen, sondern weile in der zwischenmenschlichen Oberflächlichkeit. Jede Zeit hat ihre Selbstschutzautomatismen und Biedermeieresken.

Klar doch, kommende Woche stehe ich wieder mit ihm am Rand des Fußballfeldes. Sicherlich werden wir witzeln. So bin ich nicht mehr, wie ich vor vielen Jahren noch war, als ich glaubte, ich müsse Leute mit dummen Ansichten irgendwie mit arroganter Verachtung strafen. Sicher, da tat sich ein Abgrund auf und ich weiß, zu mehr als zum Spielfeldrand wird es kaum je reichen. Aber warum soll ich mir und ihm das Leben schwer machen. Soll er denken, was er denken will. Und sei es noch so ein Unfug. Meinungsfreiheit und so. Nicht immer leicht tolerant zu sein. Aber noch viel schwerer, die Intoleranz gegenüber offenbar idiotischer Meinung durchzuziehen.

Heute bin ich dazu locker genug. Man wird ruhiger. Cooler. Resignierter und fauler. Falls er demnächst aber damit beginnen sollte, den Türken ein genetisches Armutszeugnis auszustellen, dann ist der Rubikon überschritten. Tut er aber nicht. So schätze ich ihn nicht ein. Bitte, schweig still, nicht noch ein Abgrund! Ab und zu zusammen eine Zigarette rauchen und sich umdrehen und gehen. Komm gut heim. Bis nächsten Donnerstag.


28 Kommentare:

Anonym 29. November 2013 um 08:04  

@Roberto J. de Lapuente

Danke für den Text.

Ich hatte so eine ähnliche Erfahrung mit einem Klempter-Meister, der mir eigentlich auch sympathisch war weil der gut mit meinem, vor Jahren, an Krebs verstorbenen Vater auskam.

Er hat uns viel geholfen, und sich aber dann auch mit diesem Honeß geoutet, und sogar noch als CDU-Mitglied, was für mich so etwas ist wie wenn man in der NPD mitspielt - als Baden-Württemberger, im Lande Filbingers.
Tja, ich ließ mich auf keine Diskussion ein und hielt mich schon damals an die Devise, die du hier beschreibst "Schweig still, bleib mir sympathisch".

Übrigens, es soll auch - so las ich vor kurzem - da ich noch Single bin, in einem Beziehungs(anbahnungs)ratgeber gut sein, die politische Einstellung der potentiellen Partnerin zu testen, oder die einfach nur zu ignorieren - Der Typ meinte doch glatt, dass sollte Mädel Kerl Pro-HartzIV sein schon manche Beziehung(sanbahung) allein daran gescheitert wäre.

Wie wenn ich jetzt sofort eine potentielle Partnerin mit meiner politischen Einstellung abdecken würde....

Amüsierte Grüße
Bernie

potemkin 29. November 2013 um 08:51  

Sehr schöner Text! Er widerspricht der in diesem Land traditionell verwurzelten Haltung des 'Alles oder nichts', diesem fatal 'konsequenten' Denken, der schrecklichen Prinzipentreue. Sicherlich eine Auswirkung der lange genossenen frommen Milch der (protestantischen) Denkungsart. Nicht umsonst sind wir die Heimstatt politischer, religiöser oder ökonomischer Dogmatiker...

Anonym 29. November 2013 um 10:17  

so sind se halt...die Leut

Anonym 29. November 2013 um 10:41  

@Roberto J. De Lapuente

Danke! Sie haben da wunderbar etwas auf den Punkt gebracht, was auch mich schon meine leben lang begleitet.

Am besten lässt sich das an einen meiner Arbeitskollegen demonstrieren. Der war mir auch schnell sympathisch, man konnte sich gut mit ihm unterhalten und ich dachte schon, ich sollte mich mit ihm vielleicht auch mal privat treffen.
Irgendwie in der Mittagspause erzählte er von seinem Nachbar, der in der NPD war und fing an sich über Nazis aufzuregen. Zunächst macht ihn mir das noch sympathischer aber dann fiel ohne Vorwarnung der entscheidende Satz:
„Ey diese Typen kann ich ja noch weniger ab als dies Dreckstürken!“

Na ja... mittlerweile finde ich das sogar witzig...

P.S. Das ist übrigens auch einer der Gründe warum ich den Sarrazin nicht ab kann. Durch ihn hat sich meine Freundeskreis verkleinert.

Anonym 29. November 2013 um 11:00  

Solche Probleme habe ich auch.
Ich resigniere jedoch nicht, weil die Leute komische Ansichten haben, sondern weil es absolut unmöglich ist sie von irgendwas anderem zu Überzeugen oder sie an die Schwelle zu bringen, an der sie selbst an dem zweifeln was sie da "gelernt" haben.
Vielleicht fühlen sie sich bestohlen wenn man versucht Ihnen zu erklären, dass ihre Meinung nix taugt, dabei will ich nur dass sie sich eine bessere zulegen.

Ich versuche schon gar nicht mehr jemanden von irgendetwas zu überzeugen.
Meistens mache ich bei ihrem Schwachsinn mit und tue dann so als hätte ich just in diesem Moment einen Einfall, der das ganze doof erscheinen lässt.
Dann wirkt man nicht wie der Lehrer und der Gegenüber fühlt sich vielleicht nicht als stünde er unter mir.

Sledgehammer 29. November 2013 um 11:16  

"Hätte er doch nur geschwiegen..."

Was macht es eigentlich so unerträglich, wenn sich das gegenüber unvermittelt authentisch zeigt?
In jede Biografie sind immer auch Ansichten, Erfahrungen und Brüche verwebt, die dem Persönlichkeitbild das wir uns von anderen machen, widersprechen.
Wem wäre fremd, dass das geistig/moralische Fundament auf dem wir stehen bzw. uns gern sehen, bisweilen an seinen Rändern erodiert?
Ist es, um einer wie immer gearteten Hygiene willen unumgänglich, dass in Folge beim wechselseitigen Austausch nur floskelhafte Sprachlosigkeit im unverbindlichen übrig bleibt; sich, im Beispiel, reaktionären Zeichen/Impulsen nicht mehr zu stellen?

Anonym 29. November 2013 um 11:17  

Lieber Roberto,

dieses Phänomen, dass einem Leute plötzlich in einem ganz seltsamen Licht erscheinen, wenn man sich aufgrund gegenseitiger, anfänglicher Sympathie, näher kennenlernt, das ist mir wohl bekannt. Dein Text liess mich direkt zustimmend und nachdenklich nicken.

Auch ich habe mit dem Alter dazu gelernt, bin "resignierter" oder "cooler" geworden, aber irgendwie ist es doch so, daß sich jedes Mal wieder eine gewisse Enttäuschung in mir ausbreitet, wenn sich solch eine krasse "Inkompatibilität der Denkweisen" zwischen mir selbst und einem mir sympathischen Menschen offenbart. Diese Menschen sind ja eh rar gesäht und dann so etwas. Da wünscht man sich wirklich irgendwann nur noch einen oberflächlichen, aber dafür durch nichts getrübten, freundlichen Kontakt, obwohl dieses allein auch irgendwie nicht "befriedigt".

"I can't get no satisfaction" mal in einem anderen Licht!

Diana

Anonym 29. November 2013 um 13:44  

Danke,
hast mir sehr geholfen.

Ute Gisela 29. November 2013 um 14:41  

Habe diese Geschichte über die am Fußballfeldrand sprechenden Jungväter mit Genuss gelesen.
Wäre echt schade, wenn solche Randgespräche wegen Steuersündern nicht mehr stattfinden würden.
Auch wenn der sympathische Kumpel sich mit dem Frevel des Bratwurstfabrikanten vordergründig
zu solidarisieren scheint, so traue ich dem guten Mann doch zu, dass er seinem Fußball spielenden Kind
auf keinen Fall einen geldverliebten Vereinsvorsitzenden als Vorbild anpreisen würde – oder?:-D

Hartmut B. 29. November 2013 um 15:14  

Ein vortrefflicher, subjektiver Artikel, der eine besonders individuelle Note beinhaltet. Danke !

Mir geht es ähnlich, wie Du beschrieben hast. Doch oft bin ich dermaßen konsterniert, daß mir die "Spucke wegbleibt".
Früher hab ich immer versucht ein wenig an der Ideologie des Gegenüber Kritik zu üben. Dies gab ich schon vor Jahren auf. Man kann die innere Einstellung des Anderen keinen Deut ändern und ihn schon gar nicht überzeugen.
Einen Vorteil sehe ich in solcher Offenbarung. Er hat sich mit seiner Äußerung selbst demaskiert.....

maguscarolus 29. November 2013 um 16:25  

Als ich noch ein Jugendlicher war kamen häufig Freunde meiner Eltern zu Besuch. Darunter war ein "Onkel", den ich eigentlich sehr mochte – bis er mal anfing, Hitler und die Hitlerei zu glorifizieren. Das hab' ich ihm nie verziehen, und die Leichtigkeit im Umgang mit einander war dahin. Sehr verwirrt hat es mich, zu sehen, dass mein Vater, ein Sozialdemokrat alter Schule, diesem alten Freund solche Entgleisungen nicht so verübelte, dass er es darüber hätte zum Bruch kommen lassen. Ich habe das damals nicht verstanden und hatte dazu eine sehr kontroverse Debatte mit meinem Vater.
Heute weiß ich, dass man zwischen 'Überzeugung' und 'Meinung' genau so unterscheiden muss wie zwischen 'Charakter' und 'Mode'.

Anonym 29. November 2013 um 18:23  

@maguscarlos

Kenne ich, nur, dass es bei mir ein richtiger Onkel ist, der schon immer CDU-Mitglied war, ein großes Tier bei der Bausparkasse - ein Fuchs eben, und der, vor Jahren, beim Familientreffen einen Schweizer Verwandten über Hitler aufklären wollte, denn das wäre ja nicht alles schlecht gewesen was Hitler damals getan hätte, und die üblichen Sprüche losließ, beim Familienfest - seinem 60. Geburtstag.

Ich war froh, als ich wieder zuhause war. Tja, die Sache hat aber noch ein Nachspiel, denn der echte Onkel kam gut mit seinem Schwiegervater, meinem Großvater, aus.

Tja, ich kannte meinen Großvater nicht mehr, da er schon Jahre vor meiner Geburt verstorben ist, aber die Familienlegende hielt sich zäh, dass mein Großvater ein Nazi-Feind gewesen wäre, ja er hätte sogar meinem Vater bei der Hitlerjugend gegen einen Jungscharführer, wie das damals so hieß, verteitigt in dem er diesen verprügelte. Mutig ist er wohl gewesen mein Großvater, der Rheinbauarbeiter und Bauer.

Jetzt kommt aber der Hammer, das Schreiben meines Großvaters, dass er als Konsequenz seines damaligen Verhaltens erhielt hatte folgenden Text "[...]Da Sie ihre Pflichten als Parteigenosse....[...]" - ist mittlerweile "verloren gegangen" das Schreiben, dass ich noch mit eigenen Augen sah, d.h. mein Großvater war wohl doch nicht der Widerständler als den ihn die Familie sehen wollte.

Übrigens, da ich der "Familienrebell" bin sprach ich meine Mutter vor Jahren auf das Schreiben an, frei nach dem Motto "Opa war ein Nazi"....

...die Reaktion? Könnt ihr die euch denken?...

...der Großvater hat nie jemandem geschadet, und uns immer geholfen, daher halt dein Schandmaul und grab nicht weiter um das Andenken eines längst Verstorbenen zu beschmutzen....

Tja, ich ließ es, um des lieben Familienfriedens willen, obwohl die Sache immer noch an mir nagt....meine Großmutter übrigens, die kannte ich noch, und hier meint die Familienchronik, dass die von Jenischen abstammen soll, d.h. einer Gruppe deutscher Zigeuner.....

...Unterlagen dazu habe ich keine, und nur Vermutungen, aber evtl. könnte da ja der Grund gewesen sein, dass mein Großvater, pro Forma um meine Großmutter zu schützen, in die NSDAP eingetreten ist....

Ich weiß es nicht, aber es bleibt bei mir der schale Nachgeschmack, dass mein Opa Mitglied der NSDAP war, und die Familie, incl. des erwähnten Onkels, meint, dass man die Vergangenheit ruhen lassen sollte....

Gruß
Bernie

Stefan Rose 29. November 2013 um 18:43  

Da kann ich mitreden, denn so was ähnliches habe ich vor Jahren auch schon erlebt. Am Rande einer Schulveranstaltung kam ich mit einer Sozialpädagogin ins Gespräch. Die Dame war nett, humorvoll, bodenständig und hatte wirklich vernünftige Ansichten. Am Ende fragte sie, ob sie nicht meine Mailadresse haben könne, sie hätte da sehr gute Materialien für mich. Weil ich immer für Input dankbar bin, gab ich ihr meine. Als ich zwei Tage später eine Mail von ihr bekam, dachte ich, mich streift ein Bus: Schickt die Alte mir einen Haufen Links zu rechtsradikalen Drecksseiten und islamfeindlichem Zeugs. Ich habe es dann vorgezogen, den Kontakt nicht aufrecht zu erhalten.
Abgesehen davon, kam mir bei der Lektüre des Artikels spontan der Gedanke, dass das Verhalten von Hoeneß und seinen Sympathisanten ein Kindliches ist. Alles meins, Teilen ist voll blöd. Verantwortungsvolle Eltern versuchen ihrem Nachwux so was in der Regel wenigstens zum Teil abzugewöhnen.

Sledgehammer 30. November 2013 um 07:39  

Je konsequenter wir existenzielle und essenzielle Auseinandersetzungen mit Anderen meiden, desto weniger werden wir (am Anderen, wie von uns selbst) begreifen.

Rainer 30. November 2013 um 14:00  

@bernie.....iss doch ganz einfach...wenn Opa in der PARTEI war, dann gibt es ja möglicherweise einen Entnazifierungsspruch....frag doch mal die Oma....oder such mal in den Familienakten....

Anonym 30. November 2013 um 14:01  

"Er blieb unpolitisch und erlaubte keine Einblicke in die Abgründe seiner Weltsicht. Das habe ich an ihm geschätzt."

Ja, das schätzte auch Hitler an den vielen "unpolitischen" kulturschaffenden Filmsternchen (und einer Fotokünstlerin), die nach dem Krieg ihre Karrieren wegen ihres "neutralen" Verhaltens ungestört fortsetzen konnten.

Deutschland hat mit dem Schweigen zu gesellschaftlichen Miss-Ständen eine dunkle Tradition, die im schlimmsten Fall als Zustimmung ausgelegt werden kann und die Du hier in einen positiven Kontext steckst.

Roberto De Lapuente 30. November 2013 um 14:10  

Das ist großer Unsinn. Man sollte nicht von jedem verlangen, dass er sich politisch zu äußern hat. Was die Machthaber aus dem Schweigen machen, das ist was ganz anderes. Aber ich erwarte von einem Sänger eben auch, dass er singt und nicht, dass er mir seine kruden Weltanschauungen unterbreitet. Das ist speziell in der politischen Linken so eine Krankheit. Man will immer gleich wissen, wie jemand politisch tickt. Und das ist wie gesagt, einerseits großer Unsinn und andererseits, auch völlig überheblich.

Anonym 30. November 2013 um 16:42  

@Rainer

Danke für den Tipp, meine Großmutter lebt auch längst nicht mehr, bleiben also nur noch die (Familien)Akten bzw. sonstige Unterlagen bei diversen historischen Archiven dieser Zeit ;-)

Ich hab ja mal vor genauer zu recherchieren, und bin gespannt was da rauskommt, wenn ich mal die Zeit dazu finde.

Der von mir erwähnte Vorfall ist sicher noch irgendwo in einem Archiv zu finden, denn auch damals sollen Gemeinden ja alle ortspolizeirelevanten Akten irgendwo genauestens abgelegt haben.

Es kann höchstens - kriegsbedingt - sein, dass die Unterlagen verloren gegangen sind, denn die Gemeinde, in Grenznähe, wurde 1945 bombardiert.

Gruß
Bernie

algore85 30. November 2013 um 16:55  

@Robert.

Ich will nicht wissen, wieviele Leute ich mit meinem Weltbild vergrault habe. Was ich nicht verstehe, wie ein oder zwei unbedacht gesprochene Sätze das Bild des Gegenübers so plötzlich verrücken können.Eben noch nett, und auf einmal blöd. Wenn mir das passiert, versuche ich zu reflektieren warum mich seine Meinung zu einem kontroversen Thema so verstört. Ich denke, Meinung, gerade heutzutage, sind sehr abstrakt und in der Regel losgelöst vom politischen und persönlichen Handeln.Vielleicht zeigt sich nur in gesellschaftlichen Extremfällen wie Naziherrschaften, da wo man zu einer aktiven politischen Handlung gezwungen wird, wie es mit dem Charakter bestellt ist.

Ute Gisela 30. November 2013 um 20:18  

Mich erstaunt in welch rasantem Tempo die Moral von der Geschicht’ für einige hier bei Opa und seiner evtl. NSDAP-Mitgliedschaft landet.
Was genau tut mannfrau denn, damit die Verhältnisse, die zu und nach Auschwitz geführt haben sich nicht wiederholen?
Wo bleibt z.B. der Aufstand der Massen gegen eine EU-Frontex-Politik? Was ist mit der Solidarität und dem Engagement für
das gute Leben aller? Sich über die ‘Sünden’ unserer Vorfahren zu ereifern ist das eine, das Notwendige heute tun, damit
wir alle nicht weiter ‘sündigen’ , das andere!!

Anonym 30. November 2013 um 21:55  

Robert,
kannst du dir vorstellen, das dein Fussballkumpel
über dich so ähnlich denkt wie du über ihn?
Gruss
G.
PS
Ich glaube, viele Deutsche leider unter
Beurteilungszwang...

rainer 30. November 2013 um 22:19  

...@bernie....meines Wissens befinden sich die Unterlagen über die PARTEI zum grossen Teil im Bundesarchiv in Koblenz.....aber eigentlich brauchst du dir keine Sorgen zu machen, wenn Opa nur Parteimitglied war und keine Funktion inne hatte.....lach.. meiner sass drei Jahre ein, bevor er frei kam...

Anonym 1. Dezember 2013 um 11:38  

@Ute Gisele

"[...]Sich über die ‘Sünden’ unserer Vorfahren zu ereifern ist das eine, das Notwendige heute tun, damit
wir alle nicht weiter ‘sündigen’ , das andere!![...]"

Kann dir nur zustimmen.

Übrigens, solltest du meinen Text weitergelesen haben, dann geht es nicht nur um meinen Opa sondern um die Weiterführung von Einstellungen mit denen ich, als Schwarzes Schaf der Familie, als Nicht-Rechter bzw. "Linker", so meine Probleme habe.

Es wundert einem da nicht mehr, dass so Dinge wie NSU, Rechtsextremismus bzw. -radikalismus und Konsorten heute in .de wieder möglich sind, denn irgendwoher muss es ja kommen bzw. irgendwer muß die ja unterstützen.

Darum ging es mir, und nicht um den längst toten Opa - nur mal so als Klarstellung.

Was mich übrigens nervt ist beim Thema Rechtsterrorismus, dass der Alltagsrassismus vieler Menschen in Deutschland einfach totgeschwiegen wird - medial, und wenn man mal doch was bringt, dann springt man gleich wieder auf die Nazis über.

Die Nazis aber hatten auch - damals wie heute - bei ganz normalen Deutschen Unterstützer, eben Alltagsrassisten, und darauf wollte ich hinaus - einmal zu zeigen wo dies den Anfang genommen haben könnte - im Familien- und Verwandtenumkreis über Generationen und keiner wagt es diese unselige Tradition einmal, außerhalb des Netzes, anzusprechen.

Gruß
Bernie

PS: Hitler ist nicht vom Himmel gefallen, ebensowenig wie Sarrazin, die wurden beide sozialisiert, wie das im Soziologenumfeld so schön heißt....

Anonym 1. Dezember 2013 um 11:39  

@rainer

Danke für den Hinweis ;-)

Gruß
Bernie

Anonym 1. Dezember 2013 um 11:40  

"[...]Ich glaube, viele Deutsche leider unter
Beurteilungszwang...[...]"

Yep, zustimm, aber es gibt nicht nur den Zwang zu Beurteilen, sondern leider auch den Gedanken, dass andere über einem denken könnten....und damit verbaut man sich im Leben viele Chancen.....

Anonym 1. Dezember 2013 um 11:43  

Apropo Honeß....ich schrieb's bereits an anderer Stelle, nicht nur die Fifa, auch der kleinste Ortsverein, der keine Vereinskonkurrenz hat verhält sich wie die Cosa Nostra....ich weiß wovon ich schreibe, denn ich wuchs in einem solchen Vereins-Dorf auf.....

epikur 2. Dezember 2013 um 12:22  

Ja, bis zu einer gewissen Schwelle, sollte man "tolerant" sein, Dinge überhören, nicht näher darauf eingehen usw. Sobald es aber menschenverachtend wird (und das geht heutzutage leider viel zu schnell), also wenn beispielweise gegen Ausländer, Arbeitslose oder alte Menschen gehetzt wird, halte ich auch meinen Mund nicht mehr.

Es kann und sollte nämlich nicht sein, dass die Dümmeren immer Recht bekommen, nur weil die Klügeren immer nachgeben bzw. des Friedens/der Harmonie wegen dann schweigen.

Ute Gisela 2. Dezember 2013 um 12:56  

@Bernie - Danke für die vertiefte Erläuterung. Kann dem nur zustimmen. :-)

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