Eine softe Diktatur voll Kundenorientierung

Mittwoch, 7. August 2013

oder Der moderne Staat als Verbraucherschutzmacht und Nicht-Garant von Bürgerrechten.

Die Weltgesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten verfolgt, wie der Konsens von Washington sich Instanzen wie den IWF und die Weltbank schuf, um in Schwellenländern so genannte "Strukturanpassungen" durchzuboxen. Haushaltskürzungen, Privatisierungen, Deregulierungen und der Abbau von Zollschranken waren hierzu die gebotenen Maßnahmen. Die haben es irgendwann bis in die westlichen Partnerländer der Vereinigten Staaten geschafft, sind nun auch die Parolen in Industriestaaten und an der europäischen Peripherie hungern sie Menschen aus.

Man kann nicht sagen, ob der Zugriff der Weltökonomie auf die Gesellschaften der Welt das Ziel dieses Vorhabens ist, weil sich niemand eindeutig dazu äußert. Man kann und man muss aber davon ausgehen. Und man muss auch davon ausgehen, dass XKeystore kein isoliertes Phänomen ist, das man unter das Label "Krise des demokratischen Rechtsstaates" verbuchen kann. Die Offenlegung von XKeystore ist vermutlich nur ein Mosaiksteinchen im Gesamtkonzept der ökonomisch indoktrinierten Ansprüche auf eine Weltregierung unter straffer Führung.

Oder sollen wir gleich schon von Diktatur sprechen? Wenn ja, dann handelt es sich jedenfalls um eine Diktatur, wie sie die Welt noch nicht kannte. Eine widersprüchliche Diktatur, die bestimmten Facetten des Menschen eine schöne und geschützte Freiheit verspricht, während sie andere Bereiche seines gesellschaftlichen Daseins immer mehr unter Kontrolle stellt oder gar völlig umfriedet.

Während der "Staatsbürger in uns" oder der "Arbeitnehmer in uns" unter Beobachtung und staatlicher Überwachungswut leidet, immer weniger Schutzgesetze für sich beanspruchen kann, teilweise sogar kriminalisiert wird, bleibt jener Teil im Menschen der neoliberalen Hemisphäre, der Kunde ist, in einer widersprüchlichen Behaglichkeit zurück, erlebt Liberalisierungen und "Demokratisierungen". Um den Kunden sorgt man sich, er soll billig konsumieren und Verbraucherschutz-Erlasse sind das tägliche Brot der (übernationalen) Politik. Manchmal hat man den Eindruck, die EU sei ein reiner Verbraucherschutzmechanismus. Der Bürger und Arbeitnehmer erlebt hingegen seinen Abgesang - er soll seine politische Meinung zurückhalten, nicht wutbürgern, soll seine Arbeitskraft zum Ramschartikel verkommen lassen und hat wenig Aussicht darauf, dass etwaige Gesetzesvorschläge zur Verbesserung seiner Situation Aussicht auf Erfolg haben könnten.

In dieser sonderbaren Diktatur des Washingtoner Konsens' gibt es ein Primat des Verbraucherschutzes und der Verbrauchserleichterungen vor dem Bürger- und Arbeitnehmerschutz. Es ist daher eine seltsam softe Diktatur, die der "Markt" da entwirft. Die klassische Diktatur beschränkte die Menschen in ihr vollumfänglich. Diese liberale Diktatur hat jedoch den Aspekt des "Kunden in uns" zum einzigen Segment der Gesamtpersönlichkeit befördert, das eher mit Laissez-faire zu behandeln ist. Zu dieser "Kundenorientierung" gehören die Schaffung von Freihandelszonen und SEPA-Erleichterungen für den Zahlungsverkehr, gehören immer wieder relativ großzügig gehaltene Verbraucherschutz-Regelungen und das Primat des Verbrauchers vor dem Händler. Das "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" dieses Systems nennt sich "Deregulierung, Privatisierung, Freihandel" und dient nicht als Parole der Menschheit ganz generell, sondern der Kundschaft alleine.

Gleichzeitig leidet der "Bürger in uns" und der "Arbeitnehmer oder Arbeitslose in uns" unter der Errichtung von Freihandelszonen. Er fragt sich, ob SEPA nicht auch Nachteile zeitigt, zum Beispiel Überwachung vereinfacht. Diese partielle Diktatur des Konsens von Washington ist auch so sonderbar, weil sie nicht alleine autoritär gegen uns ist, sondern weil wir selbst in unserem Innersten einen diktatorischen Impuls erliegen, wenn unsere "innere Kundenschaft" unser "inneres Bürgertum" schikaniert. Ist das der Clou dieses Systems des absoluten Handels zulasten bürgerlicher Freiheits- und Persönlichkeitsrechte? Der homo supermercatus als Dominator des zoon politikon und damit wir selbst als unser eigener Diktator?

Es ist sicher kein Zufall, dass die globalen Eliten ein gemeinsames Interesse an einer lückenlosen Überwachung haben, sich gemeinsam zu Angriffskriegen auf geostrategisch wichtige Regionen stürzen und deren Polizei- und Militärapparate insofern modifizieren, dass sie als Abwehrarmeen der reichen Promille dienen können. All das geschieht nicht parallel, sondern quasi ineinander verwebt. XKeystore ist nicht einfach nur ein isoliertes Überwachungskonzept innerhalb eines Systems der kundenorientierten Diktatur, ist nicht unabhängig von all den anderen ökonomischen Konzepten der westlichen Hemisphäre anzusehen. Es ist Bestandteil einer stillen Ver-Weltdiktatur-ung der "freiheitlich-demokratischen Ordnung".

Der Widerspruch zwischen Kunden- und Bürgersubjekt entwirft ein komisches Konzept von Diktatur, eine Knechtschaft mit kundenorientierter Freiheitsnische. Wir erlebten aktiv mit, wie sich die Politik der Ökonomie nicht nur unterworfen hat, sondern zu deren Quisling wurde. Und wie sich "der Staat" davon entfernte, der Bewahrer von Menschen- und Bürgerrechten zu sein, stattdessen zu einer Art Verbraucherschutzmacht wurde. Das dient freilich dem reibungslosen Ablauf der Produktions- und Vertriebsprozesse - Bürgerrechte stehen einem solchen Ablauf ohne Hindernisse oft entgegen; Arbeitnehmerrechte ohnehin. Als Kunde darf sich das Subjekt weiterhin "frei" fühlen - alle anderen Freiheitsgelüste sollten, um es mit der stets wiederholten Predigt des obersten Sittenwächters dieses Landes zu sagen, verantwortungsvoll überwunden werden.

Dass wir uns klar verstehen: Man darf diese Entwicklungen nicht als Geschehnisse ansehen, die durchgeplant umgesetzt werden. Es gibt keine Weltverschwörung der superreichen dieser Erde. Aber es entwickeln sich fast im Alleingang Szenarien, die alle in dieselbe Richtung weisen, die der Verökonomisierung aller gesellschaftlichen Bereiche zugrundeliegen. Die Weltdiktatur des Kapitals mag nicht geplant sein, steht aber derzeit auf dem Plan der Geschichte.


13 Kommentare:

Anonym 7. August 2013 um 08:49  

"Man darf diese Entwicklungen nicht als Geschehnisse ansehen, die durchgeplant umgesetzt werden. Es gibt keine Weltverschwörung der superreichen dieser Erde."

Warum nicht? Du benennst doch am Anfang selbst aus welchem Grund bzw. mit welchem Ziel der IWF gegründet wurde.
Und je tiefer man gräbt, umso mehr kommt man zwangsläufig zu der Überzeugung dass hier durchaus einige durchtriebene Köpfe wohl durchdacht haben, wie man die Welt-(markt-)herrschaft an sich reißen könnte.
Vielleicht nicht von Anfang an, aber im Laufe der Jahrzehnte könnte aus einem Konzept zur Sicherung der Absatzmärkte und Schwächung potenzieller Konkurrenz ein Plan entstanden sein?

Ich halte Verschwörungstheorien nach den jüngsten Geschehnissen nicht mehr für Abwegig.

Ansonsten weniger konsumieren. Da kann sich jeder selbst mal an die Nase fassen.

Sehr guter Artikel. Danke!




Stefan Becker 7. August 2013 um 12:00  

Es ist Bestandteil einer stillen Ver-Weltdiktatur-ung der "freiheitlich-demokratischen Ordnung".

der freiheitlich-marktkonformen-Ordnung müßte es heißen,
wie überhaupt der Begriff marktkonforme Demokratie das Synonym
für "Verweltdiktaturung" zu sein scheint.

alien observer 7. August 2013 um 12:46  

Hallo,

erstmal, sehr richtige Beobachtung und wichtiger Artikel. Wer, wenn es keine Verschwörung gibt, steckt hinter dem allen?

Die Frage wer denn "Die" sind, habe ich mir ebenfalls gestellt. Zum glück gibt es Wissenschaftler die diese Fragen seriös angehen.

Die Amerikanische Sozialwissenschaftlerin Janine R. Wedel geht dieser Frage nach. Sie findet ein Netzwerk gemeinsamer Interessen das gekoppelt mit monetärer Macht und einer übergeordneten Ideologie, das auch funktioniert, ohne eine verschwörerische Absprache der einzelnen.
http://shadowelite.net/

Erfolgreiche Interessensvertretung bedeutet Zugang zur Macht und Zugang zum Ohr der mächtigen. Eine ganz bestimmte Schicht hat diesen Zugang. Ihr Zugang zur Macht wird als natürlich und Selbstverständlich angesehen, sie wirken "Seriös".

Sie ist dehalb Seriös weil ihr Wirken, ihre Weltanschauung und ihre Ideologie in der Vergangenheit Erfolgreich war. Der Erfolg des Wachstums wird nicht in Frage gestellt, das Recht zu unendlicher Bereicherung ist kein Hindernis für, sondern Ursache des Gemeinwohls.

Die ganz natürliche Auslese derer die innerhalb dieses Systems erfolgreich sind, im Zugang zur Macht, verhindert Veränderung.

Warum sollte einer der Schicht der Erfolgreichen das System in Frage stellen? In seiner Wahrnehmung existieren die Probleme nicht mit denen wir uns befassen. Grenzen des Wachstums, Demokratieabbau, sozialer Abbau, Gesundheits- Bildungs, Ungerechtigkeit, Umwelt- Krisen ...

Die "Elite" blickt nicht kritisch auf die Zukunft und hinterfrägt nicht die Vergangenheit, da sie keinen Grund sehen warum ihre Strategien und Ideologien ihre Grundlage verloren hätten.

Um die Probleme der Zukunft zu verstehen, muss man die Perspektive wecheln. Über Wahlperioden und Quartalszeiträume hinausschauen lernen. Die globale Vernetzung der Problem sehen.

Erst dann kann man am Grund den Kapitalismus als die Quelle der Problem entdecken.

Dies hiesse aber das eigene Leben, das gesamte weltbild und die eigenen Überzeugungen in Frage stellen. Kognitive Dissonanz ist daher eher die Folge als ein Kurswechsel.

In dieser kognitiven Dissonanz ist unsere elite gefangen. Hält an einem unhaltbaren System fest, obwohl es mit der Realität nicht mehr in Deckung zu bringen ist.

Die Verteidigung des eigenen Weltbilds, das nur noch auf Seblsbetrug beruht, nimmt immer extremer formen an. Fanatismus und Bunkermentalität sind die logische Folge.

Paranoia gegen alles und jeden der dieses Welbild in Frage stellt greift um sich. Probleme des Systems werden auf andere Projeziert.

Erst ein Zusammenbruch, der diese Kognitive dissonantz durchbricht kann diese Sozialpsychologische entwicklung durchbrechen.

Hartmut B. 7. August 2013 um 13:08  

ein toller Artikel - Danke dafür !

@alien observer

danke für den wunderbaren Kommentar.

meine Gedanken liefen nahezu synchron
als ich Ihren Kommentar las .....

sehr schön formuliert und inhaltlich vom feinsten....
ich bin erstaunt....

Stefan Becker 7. August 2013 um 13:47  

@alien observer
danke für den sehr hilfreichen Kommentar. Der ist für mich als
"Laienbeobachter" und Küchenpsychologe/soziologe ein wahrer Augenöffner.
Er veranlasst mich meine bisherigen Verschwörungstheorien komplett zu revidieren.
Beste Grüße
SB

Sledgehammer 7. August 2013 um 14:03  

Auch die Protagonisten der Frankfurter Schule haben über die Bewußtseinsbildung des Subjekts und seine begleitenden Prozesse, durch den hemmungslos ausufernden Kapitalismus, der qua göttlicher Vorsehung agiert, komplex nachgedacht.
Horkheimer, Adorno und andere beschrieben eingehend, wie die Auswirkungen der kapitalistischen Ideologie den Menschen freiwillig dazu bringt, sein Leben Zwecken unterzuordnen, die seine Autonomie untergräbt und ihn von sich selbst entfremdet.
Horkheimer bemerkt,>>dass nicht nur der unmittelbare Zwang diese Ordnung aufrechterhalten hat, sondern dass die Menschen sie selbst bejahen lernten<<

Abschließend noch zwei Zitate zum Thema Konspiration:

>>Einzelne Akte der Tyrannei können einer zufälligen Tageslaune zugeschrieben werden, aber eine ganze Serie von Unterdrückungsakten, die zu einer bestimmten Zeit geginnen und unverändert alle Ministerwechsel überdauern, beweisen klar, dass ihnen ein vorsätzlicher systematischer Plan zugrunde liegt, nach dem wir in die Sklaverei geführt werden sollen<<
Thomas Jefferson

>>Nicht wir Politiker machen die Politik, wir sind die Ausführenden. Was in der Politik geschieht, diktieren die internationalen Konzerne und Banken<<
Johannes Rau (ehem.Bundespräsident)

alien observer 7. August 2013 um 14:05  

Danke, aber meine unsägliche Rechtschreibschwäche hat wiedermal richtig zugeschlagen.

Übrigens, über die Nachdenkseiten bin ich auf diese Studie gestossen.
http://www.nachdenkseiten.de/?p=18203#h08

Die Auswahl der "Eliten" ist sehr seltsam und macht die Studie in meinen Augen wenig aussagekräftig. Nur 40% der Befragten gehören der Wirtschaftselite an, auf das Vermögen der Befragten wird nicht eingegegangen.

Trotzdem sehen nur jeweils 28% der Befragten soziale Ungerechtigkeit und Klimawandel als Problem.

Die Frage nach einem möglichen Ende des Wachstums kommt in der Studie gar nicht vor.

Ich bin mir sicher, dass diese Sorge noch weniger der Befragten umtreiben würde.

alien observer 7. August 2013 um 14:45  

@Sledgehammer

Leider schaffen es die Vertreter der Frankfurter Schukle nicht ihre Überlegungen für die Öffentlickeit einfach verständlich zu formulieren.

Ich bin ein großer Fan von Jürgen Habermas und halte ihn für einen der wichtigsten Intellektuellen die wir haben, aber seine Texte sind schwer zugänglich.

(Einschub: Sein Vortrag von 1998 über den Euro ist in seiner Weisheit und Weitsicht schier unglaublich: http://library.fes.de/pdf-files/akademie/online/50332.pdf )

Trotzdem ist Charles Eisenstein in der Verständlichkeit und unausweichlichen Logik wie unser Wirtschaftssystem den Menschen beeinflusst unübertroffen.
(Beispiel: http://www.youtube.com/watch?v=76x4GuQCpsc )

Dabei ist sein Vortrag zwar allgemein verständlich aber niemals flach. Man merkt, dass sich Eisenstein mit den Konsistenztheorien der Sozialpsychologie ebenso auseinandergesetzt hat wie mit den Lehren der Makroökonomie, dem Peak Oil Problem, der Systemtheorie, der Spieltheorie etc....

Er erweitert den Entfremdungsgedanken und den Materialismus von Marx ohne dabei jemals Mühsam zu werden. (Ehrlich gesagt: Ich hasse es Marx, Hegel oder Kant zu lesen).

Er schafft es wissenschaftlich zu sein und trotzdem gleichzeitig spirituell.

Kurz gesagt, ich bin schwer begeistert seit ich ihn gehört habe und gehe jedem mit meiner Empfehlung zu Charles Eisenstein auf den Wecker. (auch mehrmals wenn es sein muss)

Also oben verlinkte Video ansehen (40 Minuten Vortrag über Geld) und dann www.charleseisenstein.com aufsuchen.

Alle Publikationen sind dort frei (beziehungsweise auf basis freiwilliger Bezahlung) verfügbar.

Sledgehammer 7. August 2013 um 15:05  

€ alien observer

Danke für Deinen Beitrag.

Deine Auffassung, dass die "Elite" nicht kritisch in Richtung Zukunft schaut, teile ich nicht; sie ziehen nur andere Schlüsse was diese angeht.
( siehe Georgia Guidestones)
Auch den von Dir angesprochene und ersehnte Paradigmenwechsel wird es nur nach Interessenlage der "Netzwerker" geben.
Glaube nicht, dass ein, wie immer gearteter Zusammenbruch des Wirtschaftssystems die "Global Player" wirklich fürchten müssen; sie sind bereits heute im Besitz aller relevanter Wirtschaftsgüter.
Beginnt das große Spiel erneut, ist ihnen nur zu bewußt,sie bleiben die Herren.

flavo 7. August 2013 um 15:13  

Prägnant geschrieben! Anzumerken hätte ich zum Kunden dies: die Behaglichkeit endet dort, wo der Kaufakt nicht zur Zufriedenheit des Kunden geführt hat. Man stelle sich eine Welt vor ohne Verbraucherschutz. Nicht nur hätten unzählige Einzelne ihr schlechtes Geschäft auf sich beruhen lassen müssen, es fehlte darüber hinaus auch noch die fiktive Gefahr im Produzent, dass es einen Verbraucherschutz gibt und dass man ihm etwa besser gleich aus dem Weg gehe.
Zweifellos habe ich den Verbraucherschutz nun herunterskaliert auf die Alltagshandlung. Nichts desto trotz setzt sich die staatliche Verbraucherschutzmacht für den Verbraucherschutz immer nur trödelnd ein.
Der homo supermercatus. Dieser Ausdruck gefällt mir.
Generell erinnert mich die Frage nach dem warum dieser Entfaltung an einen Film zur GATS-Konferenz ende der 1990er, welcher im Zuge der publik gewordenen Skandals, welches dieses Abkommen darstellt, entstanden ist. Globalisierungskritik am Anfang, Internet am Anfang, Neoliberalismus noch nicht einmal ein Begriff. Dort sieht man Pascal Lamy im casual Gespräch mit einem ebenso dort Vorfindigen: what trade can do. In der Tat kommt darin ein fundamentaler Glaubenssatz zum Ausdruck, welcher all jene Triebkräfte anleitet, die unsere Ordnung von oben herab aufgebaut haben. Der Handel. Und für den Handel braucht es einen Markt. Und dann kann der ganze Rattenschwanz an ökonomischem Geeschwätz folgen, das sich inzwischen in den Wissentürmen aufstapelt. Es ist imme rzuviel gesagt, dass es eine Verschwörung gibt. Nein, es gibt eine Ideologie, einen Glauben. Natürlich sitzen in der WTO, im IWF, im irgendwo vorwiegend Leute mit dieser Perspektive. Sonst kommst du da nicht so leicht hinein.
Neoliberale Globalisierung ist natürlich nicht nur dies.
Ganz zu recht wird hier vorgeführt, dass die Argumentationsflächen in die Selbste verlagert werden. Im Grunde kann man heute bei sich selbst bleiben. An sich zu arbeiten, ist ja eine Tugend. Der Modus der Herrschaftssprache ist heute so, dass du jedes Mal in dir damit arbeiten kannst. Nicht dass du du wärest und die Herrschaftssprache da draußen oder zumindest weit weg, nein, sie redet draußen, aber ist in dir und zwar ganz nah.
Soll man religiös werden? Vermutlich. An einen Gott zu glauben und aus dem Glauben an ihn heraus Berge ähm Märkte versetzen? Aus einem blank irrationalen Glauben die Dublette 'durchgespannte Effizienz/perverse Lust' oder Produktion/Konsumtion durchkreuzen? Nun, vielleicht wird dies einmal ein Weg sein. Noch ist er es nicht. Das Selbst findet keinen Weg aus den herrschaftlichen Selbstmodellen. Die Selbstmodelle und ihre Inscriptierungen nehmen uns zum großen Teil ein. Die meisten Lusterlebnisse sind Effekte breiter Konstruktionen. Zähle einmal wieviele Lusterlebnisse nicht auf ihrer Hinterseite eine Konsumkonstruktion aufweisen können. Schaue einmal hinter das Lusterlebnis in sein Gerüst. Die Lust ist somit der Supergau der 68er. Wollten sie in die modrigen Zwänge der konservativen Welt die Lust tragen, leiden wir heute unter dem Gedröhn der Lust. Man schottet sich ab, um Klarheit und Gedankensukzession er erfahren. Lust ist Machttechnik geworden. Daher jauchzt der homo supermercatus immerzu, während der homo politicus erschöpft am Boden liegt.
Und noch etwas. Vielleicht müssen wir auch lernen, in der Entwicklung einer Diktatur zu leben und dies zu erkennen. Gemeinhein meint man ja, den Tatbestand einer Diktatur kann man ablesen wie eine Wolke am Himmel. Das ist vermutlich ein falsche Sicht der Dinge. Zu sehr ist das eigene Urteilsvermögen automatisch mit den herrschenden Meinungen vermischt und gibt diese unwissentlich wieder. Zug um Zug. Manche sedimentiert mit der Zeit und wird selbst urteilserzeugend in einem Selbst.

alien observer 7. August 2013 um 16:19  

@flavo

Irgendwie fast alles richtig, aber in der Unvollkommenheit der Überlegung extrem frustrierend. Es fehlt der positive Ausblick.

Natürlich habe ich Lust an Dingen. Es ist vollkommen in Ordnung sich zu freuen wenn das was man Besitzt. Wenn man als Folge mühevoller arbeit sich selbst etwas schenkt, oder, noch besser, von anderen geschenkt bekommt, dann ist das nicht verwerflich.

Das Problem ist die Entfremdung und damit die Abschaffung der Lust, der Liebe und der Leidenschaft in der Herstellung und im Besitz.

Der Kauf von immer mehr Überfluss aus dem alleinigen Grund die innere Leere zu füllen die unsere vereinsamte Gesellschaft uns aufzwingt, ist das Problem.

Der Wert der Dinge lässt sich nicht immer mit Geld alleine Be-Zahlen (schon mal über das Wort Bezahlen nachgedacht?)

Die Veränderung der Marktwirtschaft soll uns nicht ärmer machen, weil wir weniger belanglose Dinge besitzen.

Sie soll uns reicher machen weil wir Dinge produzieren die wir lieben und Dinge besitzen (nicht Konsumieren, sondern Geniessen) die andere mit Liebe hergestellt haben.

Die wahrhaft revolutionäre Forderung ist nicht "Mehr Geld für Arbeit", sondern "nie wieder Arbeit nur für Geld".

Die total versimpelten "Barbiemodelle" der Ökonomen haben keinen Bezug zu den realen Interessen der Menschen.

Das Problem ist, dass die ebenso entmenschlichten wie falschen Mathematikmodelle der Ökonomie herangezogen werden um unsere reale Welt zu bestimmen.

Die Reduktion der Menschen auf den homo supermercatus macht uns zu vereinsamten und entfremdeten Sklaven in den Bereicherungskonzepten des Geldadels.

Ich denke die Überzeugung, dass der Mensch mehr ist als die Summe der ihm eingeredeten Konsumbedürfnisse ist in den Köpfen angekommen.

Ein bessere Welt ist dann möglich wenn wir mehr fordern als das was Monetär bemessbar ist.

Wenn wir nicht mehr alle menschliche Interaktion Vermarktwirtschaftlichen.

Wenn wir darauf bestehen, dass eine Gesellschaft eine Menge von Menschen darstellt und nicht von Wirtschaftsgütern.

Die Linke sollte sich nicht auf den "realpolitischen" oder "rationalen" Diskurs der neoliberalen Rechenschieber einlassen. In diesem Diskurs kommt die Liebe nicht vor. Die Liebe aber den Kern aller Forderungen dastellen muss.

Auch wenn sich das nach Hippie anhört, und auch wenn ich mich aus völlig absurden Gründen seltsam befremdet fühle Liebe in einen politischen Diskurs hereinzubringen, nur dieser Ausdruck trifft was uns wirklich fehlt.

Schorschel 7. August 2013 um 17:14  

Zur Textstelle "Man darf diese Entwicklungen nicht als Geschehnisse ansehen, die durchgeplant umgesetzt werden. Es gibt keine Weltverschwörung der superreichen dieser Erde." fällt mir noch folgendes ein:

Es Bedarf gar keiner Weltverschwörung der Supperreichen. Das Ganze ist doch in Deutschland auf nationaler Ebene gelaufen. Was wir hier in D erlebt haben ist nichts weiter als das, dass die Superreichen ungebremst ihre egoistischen Interessen durchziehen konnten UND die Politik UND die Medien das dem Volk auch noch als vorbildlich verkauft haben. Rationale Argumente die das Gesamtwohl der Gesellschaft im Auge hätten haben müssen wurden hier von der Politik und den Medien nicht einmal in betracht gezogen. Die Frage, ob die Mehrheit der Gesellschaft unter den Gewinnforderungen der Superreichen leidet (siehe z.B. Arbeitsmarktreformen unter Schröder, die 90% der Gesellschaft schlechtere Arbeitsbedingungen gebracht haben, aber die Gewinne der Superreichen nochmals befeuert haben) wurde sowieso nicht gestellt. Die Superreichen in D konnte das erfreuen. Ihre Gewinne sind durch die Decke. Sie haben ihre Interessen weitestgehend durchgesetzt. Versagt haben Politik UND Medien in D. Robertos Internetseite, die Nachdenkseiten usw. sind die löbliche Ausnahme, die allerdings nur eine Minderheit der Deutschen erreicht. Veränderungen in der Gesellschaft ergeben sich hieraus nicht. Die Bildung einer objektiven Massenmeinung erfolgt ebenfalls nicht. Daher fehlt auch die Masse an Menschen um Veränderungen in den Weg leiten zu können. Meine Prognose für D ist daher: Weiter so wie bisher! Merkel soll weiter machen! Im September für Angela! Uns geht es gut! (War das jetzt Ironie oder habe ich nur das Stimmmungsbarometer des Allensbach-Instituts hier rein kopiert?)

Hartmut B. 7. August 2013 um 18:10  

@Schorschel

genau so ist es
die Reichen und Superreichen und die Medien hämmern uns täglich ein "uns gehts gut" ... genau das erfahre ich täglich... die Menschen sind sowas von behämmert, sodaß ich mich nach innen zurückziehe.... es ist für mich sinnlos geworden auch nur noch ein Wort über dieses Thema zu verschwenden......

Froh bin ich, hier im Blog und noch bei Klaus und flatter Trost zu finden, indem ich mich aussprechen kann........ DANKE dafür !!!

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