Stimmen von der rechten Basis

Montag, 17. Juni 2013

Die im Alltag üblich gewordene Bedenkenträgerei, man könne mit "diesen aggressiven Türken" oder "unangepassten Negern" als Gesellschaft nicht zusammenleben, geschieht nicht parallel zum Thema NSU – sie war und ist ihr Substrat.

Neulich ein Gespräch mit einer Bekannten, einer Verkäuferin. Den NSU-Prozess und die NSU fände sie schlimm. Punkt. Nächster Satz: Aber manche Ausländer sind auch selber schuld, dass man sie nicht möge. Auf Arbeit habe sie oft Ärger mit Ausländern, schlussfolgerte sie. Die seien frech und hätten keinen Respekt.

Das kam mir sehr bekannt vor, auch die Nationalsozialisten sagten ja bekanntlich, dass die Juden am Antisemitismus schuld seien, weil sie so seien, wie sie nun mal sind. Nicht der Antisemit musste demnach seine Positionen überdenken, sondern der Jude. Ein Prinzip, das heute scheinbar unter anderen Vorzeichen weiterexistiert. Nicht der Ausländerhasser muss sich fragen, ob sein Hass nicht auf seine eigene Borniertheit baut, sondern der Ausländer muss es sich gefallen lassen, als Ursache dieses Hasses genannt zu werden. Dabei handelt es sich um ein vulgäres Konzept der Rechtfertigung, das man in vielen Varianten findet. So entkräftete man schon manchen Vergewaltiger, indem man provokant fragte, warum das Opfer auch unbedingt einen aufreizenden Minirock tragen musste.

Ähnliches erlebte ich kurz danach, zwei Bekannte glaubten mir mitteilen zu müssen, dass die meisten Menschen aus dem islamischen Teil der Welt minderwertig wären. Diese Leute erachtete einer der beiden nicht mal als Menschen. Auf Nachfrage, welche Menschen - die ja keine seien - er meinte, lavierte er zwischen Salafisten und Ausländern. Er konnte nur so ein vages Gefühl definieren, sprach dauernd von "diesen Leuten", wusste aber offensichtlich nicht mal, wie er sie abgrenzen sollte.

Da stehen also die NSU und daneben diese kleinen Rassisten-Sprüche aus dem bundesdeutschen Alltag. Sie stehen da so, als gehörten sie nicht zusammen. Aber sie tun es. Dieser "gute Umgangston", der sich ganz seriös über das Zusammenleben mit Ausländern ausläßt, ist das Fundament von solchen Gruppen wie der NSU. Vereinfacht gesagt: Die sehen als ihre eigene Sendung an, das dumpfe Gefühl der murrenden Mehrheit durchzusetzen.

Ich jedenfalls möchte nicht wissen, wie oft Mundlos und Böhnhardt mit einem Anflug von Zweifel ihren Alltag bestritten. War es richtig, was sie da planten und umsetzten? Jeden Menschen plagen solche Gedanken, selbst ideologisch unzugängliche Menschen zweifeln zuweilen. Das ist nur menschlich - und da Terroristen nicht Teufel sondern Menschen sind, schlagen auch sie sich mit dieser menschlichen Eigenschaft herum. Ich stelle mir vor, wie die beiden einkaufen gingen, im Hinterkopf die Zweifel verarbeitend, aber im Supermarkt manchem Gespräch anderer Kunden lauschten. Oder im Bus oder der Bahn. Gespräche, in denen man die Gesellschaft als von Ausländern befallen befand, in der die Unerträglichkeit der Überfremdung gebrandmarkt wurde, Multikulti für pervers erachtete - diese typischen Alltagssprüche, die mir meine Bekannten gelegentlich auch unter die Nase reiben.

Flugs waren alle Zweifel bei Mundlos und Böhnhardt verflogen, der Auftrag im Untergrund für die Massen unterjochter Deutscher wieder definiert. Man tötete ja für diese deutschen Menschen, die sich da beklagten. Diese verächtlichen Kommentare des Alltags waren gewissermaßen die Auftraggeber.

Lapidare Sprüche und mörderischer Rassenhass bedingen einander. Sie sind nicht voneinander trennbar. Man kann nicht über die NSU moralisch urteilen und gleichzeitig vom Joch der Überfremdung sprechen. Die Paradoxie der von der oben genannten Verkäuferin, die NSU und Leben mit Ausländern in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen thematisierte, ist nur das kleine Beispiel. Das große Paradoxon sind Medien, die einerseits den NSU-Prozess mit Argusaugen verfolgen, sich eine Bestrafung erhoffen und gleichzeitig vom Roma-"Problem" berichten. Oder die die Islamkonferenz als eine Einrichtung des Innenministers, in der Moslems generell der Aggression verdächtigt werden, unkritisch begleiten.

Die NSU mag keine Terrorzellenbasis gehabt haben. Diese Leute waren insofern rechte Avantgarde, die sich arrogant über die Bewegungslosigkeit von Politik und Masse hinwegsetzten. Dennoch ist es jene Masse an Menschen, die sich immer wieder flüchtig zum Ausländer-Problem in Deutschland äußern, die als Fundament der NSU wirkten. Jede neue Terrorzelle aus dem rechtsextremistischen Lager hätte insofern stets eine neue Basis, auch wenn diese Basis natürlich strikt leugnen würde, mit jeglichem Terror etwas zu tun zu haben.


10 Kommentare:

Ramones 17. Juni 2013 um 08:11  

Wenn es politische Probleme in einem Land gibt, dann erschafft man sich Sündenböcke, um von dem eigenen Mitschuld abzulenken.


Ob dafür nun Juden, Japsen, Der Russe, Neger, Türken, Hartzer, Roma oder de faule Grieche dafür herhalten müssen ist dabei egal.

Anonym 17. Juni 2013 um 10:25  

ANMERKER MEINT:

Sehr richtig, Roberto.Genau deshalb ist es so wichtig, den von Dir angeführten Äußerungen, dem Bodensatzgehabe, immer wieder und tagtäglich entgegen zu treten. Die Leute, die so etwas sagen bei ihrem oft ach so toleranten Anspruch packen. Ihnen den Widerspruch, in dem sie agieren, vor Augen zu führen, aufzuklären eben und auf die Kraft der Vernunft zu bauen. Brecht hat nicht vergeblich gewarnt, als er nach dem Zweiten Weltkrieg sagte: Der Schoß ist fruchtbar noch ... Es gehört wohl zur Sisyphosarbeit demokratischen Tuns, diesen Schoß auszutrocknen zu versuchen.

MEINT ANMERKER

Maxim 17. Juni 2013 um 10:45  

Gerne möchte ich mir einreden, die geballten Hasstiraden und Vernichtungsphantasien, die sich täglich in den Kommentarspalten diverser Online-Medien ergießen, seien nicht repräsentativ. Das fällt zunehmend schwerer, wenn auf Facebook hunderte Kommentare nach Gaskammern und Galgen schreien, weil angeblich Islamisten Deiche sprengen wollen. Oder die Teilnehmerin einer hessischen CDU-Veranstaltung, die im Fernsehen zu Protokoll gibt, sie sähe kriminelle Ausländer gerne in "ein schönes Arbeitslager" verfrachtet. Oder oder...

"Aber wir verstehen uns bass,
Wir Germanen auf den Hass.
Aus Gemütes Tiefen quillt er,
Deutscher Hass! Doch riesig schwillt er,
Und mit seinem Gifte füllt er
Schier das Heidelberger Faß."

HAL9002 17. Juni 2013 um 15:05  

Mal ein paar 'persönliche' Frage:
Wissen Deine Bekannten, dass Du nicht notwendigerweise ad hoc einen Ariernachweis führen kannst??

Oder ist ein "kath." Ausländer etwas Besseres? ;)

Kann ich auch an so ein Upgrade kommen? So als Gottloser, eingedeutscher 50%-Ausländer?

Neidisch

Hartmut B. 17. Juni 2013 um 17:05  

HAL9002 , sie müssen an einer sehr schweren Hirnverletzung leiden....

Sledgehammer 17. Juni 2013 um 23:36  

In welchem Land, in welcher Gesellschaft wird sie ernsthaft angestrebt oder auch nur partiell verwirklicht, die friedliche Koexistenz der Nationen, die als Utopie hinter diesem Artikel aufscheint und der groben Unterscheidung zwischen aufgeklärt/tolerant und borniert/bösartig dient.
Der Fremde, der keine völlige Assimilation will, seine Eigenständigkeit, Traditionen, Religion und Eigenheiten pflegt, und/oder in einer fremdartigen Physiognomie daherkommt, berührt Urängste der medial befeuerten Massen- und Einzelseele ("Angst essen Seele auf"), verführt zum Vorurteil, der Verhaftung im Unverständnis, zu Ausgrenzung bzw. Mißachtung und mündet im Extrem in seiner Vernichtung.

Zoran 17. Juni 2013 um 23:46  

Ach Roberto... in den letzten paar Jahren und Monaten erlebte ich Sachen, die eingentlich unglaublich und zugleich absolut lächerlich sind. Ich schreibe nur über die Sachen die ich behalten habe, es gibt dererlei noch viel mehr.Ich fand vor 2 Monaten in Westberlin, "normale" Gegend... in "meiner" Straße eine Adolf Hitler Anstecknadel ( billigstes Blech) aber original. "Ein Volk, ein Reich,ein Führer" war eingerägt nebst dem Konterfei ihres Führers. "Wieviele von diesen Scheissdingern müssen existieren, wenn man sowas schon verliert ? frag(t)e ich mich?" :-)

Vor einem Monat wurde ich bei Ebay "listig" genannt, dabei zielte das alleine auf meine Herkunft ab. Mit dem Artikel war alles ok. Nur die Dame wollte , und sah etwas was nicht vorhanden war und verlangte einen 100 Euro Artikel für 6 Euro Ersteigerungspreis. Man weiss ja, wer früher als "listig" bezeichnet wurde. Da kam mir sofort der Spruch in den Sinn: "Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem ............." naja, kennt man ja.

Vor 2 Wochen versteigerte ich etwas und sah ein gutes Gebot auf meine Sache,. Da mir langweilig war, stöberte ich bei dem Bieter in den Berwertungen rum und musste feststellen, dass er über 700 Käufe und Verkäufe von originaler Nazi-Propaganda hatte. Darauf schrieb ihn an, zurück kam eine Antwort, in der ich vermeinlich "gefragt" wurde ob ich "zurückgebleiben sei", und Grüße ins "kroatische Berlin" an die "Jugomafia". Ich schmiss ihn aber längst davor aus der Auktion und erhielt 20 Euro weniger. Aber das war es mir wert.

Letztes Jahr bei der IHK Prüfung (zu einem der höchsten Abschlüsse, die man dort erreichen kann) wurde ich beim Vornamen (falsch) aufgerufen. Der Nachmane interessierte nicht, wurde weder versucht auszusprehcen noch nachgefragt wie es geht. Kaum den Raum betreten wurde mir süffisant Betrug unterstellt: Ich "schicke vielleicht meinen Bruder vor". Daher "muss mein Pass kontroliert werden".... wäre "ja schon mal vergekommen". Naja, ein denkbar schlechter Eintritt in eine mündliche Abschluss-Prüfung. Bin damals durchgefallen, nun vor 2 Wochen habe ich es doch geschafft. Es liegt auch zu einem großen Teil daran, dass die Prüfer diesmal andere, normal waren.... und bestimmt meinen Beschwerdebrief vom letzten Jahr gelesen haben.

Habe ich schon erzählt, dass ich im "Klassenzimmer" während der Fortbildung im letzten Jarh als Schiss Ausländer... von einem zugezogenen Thüringer lautstark beleidigt wurde... in einem vollen Raum. Keiner sagte was. Das sogar in meinem Geburtsbezirk. Anfangs schien mir dieser Mensch recht sypathisch und war sogar bei mir zuhause(sonst keiner aus dem Kurs).... seitdem habe ich keinen Kontakt mehr mit ihm und verbat ihm mich anzusprechen und mir zu schreiben und sich nicht mehr nebem mir hinzusetzen.

Doch, einer der Dozenten fragte mich doch etwas, ob ich einen deuschen Pass innehabe... ich verneinte, damit war das Gespräch seinerseits beendet.:-)

Zoran 17. Juni 2013 um 23:47  

Es ist auch verdammt witzig das man mir nicht ansieht, dass ich ein "Ausländer" bin, ebensowenig hört man es raus. ABER....:-) wenn ich meinen Namen nenne, dann hört man die schlimmsten Akzente und wirft mir manches vor. Schlauere unter den "Herrenmensschen" werfen mir kein Akzent vor, sondern die Intonation... oder sind entzückt wie gut ich Deusch sprechen kann. Ich gebe das Kompliment immer und mit Freude zurück. Der Gesichtsausdruck ist zum schießen.

Witzig war auch ein Friseurbesuch. In dem Landen war ich noch nie, jedoch ist er direkt um die Ecke ich war an diesem Tag lustlos und wollte nicht warten. Die nette kleine Frisööse hetzte gegen Ausländer, besonders gegen die Türken. (Wobei ca. 50% der Läden im Umkreis, türkische Läden sind. Vietnamesische, italienische und kroatische Läden nicht zu rechnen. )Ich hörte mir das Spiel an... nickte manchmal anfang und dachte mir meinen Teil...danach partizipierte ich im Gespräch. Ich dachte, wow... wie tief gehts noch bei ihr? Es ging seeeehr tief. Sie war aber sehr zufrieden sich den Hass von ihrer verkrüppelten Seele geredet zu haben. Eine Frau Mitte 20. Weil ich so ein netter Kunde war, wurde mir sofort eine Kundenkarte angefertigt. SIE schrieb den Namen auf.... während ich buchstabierte..... zu köstlich. Damals war der Film "Leg dich nicht mit Zohan an" in den Kinos. Was sie gleich verlegen zur Sprache brachte. Einfach nur toll. In dem Laden war ich nie wieder.

Ach, gibt noch soviele Scheisshausparolen, Situationen die man zwangsläufig mitbekommt obwohl man es will oder nicht.

Achja Roberto, dass wollte ich dich schon mal immer fragen.... zählt dein Sohn bzw. deine Kinder immernoch als Bürger mit Migrationshintergrund?

Anonym 18. Juni 2013 um 14:47  

warum soll es immer nur an den deutschen liegen? warum nicht an den ausländern? die verkäuferin hat ja evtl. doch recht. und das sage ich als linker. es wird zeit, daß die linken das einsehen lernen.

Roberto De Lapuente 18. Juni 2013 um 14:50  

"und das sage ich als linker."

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