Nur eine entspanntere Form von Arbeitszeit

Freitag, 28. Juni 2013

oder Für Unternehmen ist Freizeit nur Arbeitszeit, die fruchtbar gemacht werden muss.

Neulich berichtete der hessische Systemfunk vom Teambuilding. Im Extremfall - was Idealfall wäre! - würden hierbei die Belegschaften von Firmen zur Stärkung ihrer Teambelastbarkeit am Hochseil balancieren oder Steilwände emporklettern. Die "Expertin" für Arbeitswelt des hessischen Rundfunks beurteilte diese Extreme zwar zwiespältig. Aber wenn man regelmäßig mit den Kollegen sein Privatleben teilte, so beratschlagte sie ins Land hinaus, würde das die Teamfähigkeit immens steigern. Es reichten ja auch weniger extreme regelmäßige Unternehmungen. Man könne ja auch regelmäßig seine Abende miteinander verbringen oder so.

Kollegialität auch außerhalb der Arbeitszeit fördert die Produktivität.
Szene aus Moderne Zeiten

Nun könnte man mit den Schultern zucken und behaupten, dass in der vor- bis hin zur frühkapitalistischen Zeit, die Sphären von Arbeitszeit und Freizeit miteinander verquickt waren. Mit dieser neuen Form der Zusammenlegung kann dieses ursprüngliche Lebenskonzept, in dem das Familiäre am Puls der Arbeit lag, jedoch nicht verglichen werden. Die auf Effizienz getrimmte Lebens- und Berufsberatung, die sich unter dem Label von Work-Life-Balance sammelt, betreibt eine ganz andere Form der Zusammenlegung. Eine, die das Private nicht als gleichrangig erachtet, sondern als Ausgangsbasis für den Beruf. Familie ist für diese Lehre im optimalen Falle nicht mehr als ein Stimmungsstabilisierer. Sie hat die Laune für die Karriere zu heben - oder ist im gegenteiligen Fall nichts anderes als ein Hemmnis.

Mit der Work-Life-Balance, nach der man in seiner Freizeit mit Kollegen nur deshalb etwas unternehmen sollte, um damit dem Unternehmen zu dienen, um als Team zu wachsen, greift man nicht auf die früher übliche Vermengung von Arbeitszeit und Freizeit zurück. Die war zwangsläufig und aus der Raumnot geboren. Man arbeitete und wohnte meist unter einem Dach, konnte die Arbeitsphasen also nicht separieren. Heute will man, dass die Freizeit nicht zu doll separiert wird.

Der ideale Mitarbeiter ist demnach also Single oder hat einen Partner, der im selben Unternehmen tätig ist. Führungskräfte in großen Unternehmen sehen es tatsächlich nicht ungerne, wenn man seinen Lebenspartner im Kreise der Kollegenfamilie hat. Wenn beide Partner nämlich für denselben Arbeitgeber schuften, dann verbindet das ungemein, macht es möglich, dass das Paar sein Privatleben nach den Interessen der Firma ausrichtet. Eine solche Konstellation macht die beiden Arbeitskräfte kalkulierbarer.

Work-Life-Balance ist eine Industrie. Ihre Ware ist der warme Ratschlag, wie man es besser machen kann. Meist nicht für die, die arbeiten, sondern für die, die arbeiten lassen. In der Wahrnehmung dieser Industrie ist Freizeit nichts anderes als eine entspanntere Form von Arbeitszeit, ist Freizeit nicht nur die Zeitspanne zur Überbrückung zwischen Arbeitszeitsequenzen, sondern eine brachliegende Ressource für Unternehmen. Eine Freizeit, in der das Unternehmen im Hinterkopf präsent ist, weil darin Arbeitskollegen vorkommen oder Partner, die im selben Betrieb tätig sind. Sie ist demnach verlängerte Arbeitszeit, die nicht mal vergütet werden muss.

Diese Auffassung von Balance zwischen Arbeit und Privatleben ist ein softer Totalitarismus. In dem gilt freie Zeit nicht als individuell verfügbare Zeit, sondern als Phase, in der man sich praktisch zwar von der Arbeit fernhält, aber dennoch die berufliche Strukturen beibehält. Jede Freizeit ist eine unentgeltliche Arbeitszeit, in der man an seiner Teamfähigkeit feilen und seine Firmenloyalität schulen sollte. Der Angestellte bleibt Angestellter auch dann. Alle Aktivitäten außerhalb der Arbeitszeit sind für die Hausierer der Work-Life-Balance-Industrie die Aktivitäten einer temporär stillgelegten Arbeitskraft.

Nicht weit von meiner Arbeitsstelle gibt es ein Hotel, in dem zuweilen Teambuilding-Maßnahmen diverser Unternehmen abgehalten werden. Manchmal verlagern sie den ganzen Spaß in den Garten. Da stehen sie im Kreis, manchmal halten sie sich gegenseitig die Hand, ich habe sogar schon mal gesehen, wie man einzelnen Personen die Augen verbunden hat. Ich kann mir nicht helfen, aber dieser ganze Zirkus scheint mir doch eine arg esoterische Attitüde an den Tag zu legen. Dieser ganze Quatsch von Vertrauen und Zusammengehörigkeit, von verschweißter Schicksalsgemeinschaft und dergleichen, das ist die plumpe Esoterik von Kapitalisten, die einen reibungslosen Ablauf im alltäglichen Geschäft bevorzugen, die das zwischenmenschliche Kleinklein geringfügig halten wollen, indem sie erzählen, Teamfähigkeit sei die oberste Priorität im beruflichen Alltag.

Wieviel Zusammengehörigkeit und Schicksalsgemeinschaft übrigbleibt, wenn Arbeitsplatzabbau geplant ist, kann man dann ganz schnell erkennen. Letztlich kommt die Zweckgemeinschaft ans Tageslicht - und mehr war man ja auch nie. Eine Zweckgemeinschaft, in der man den Mitgliedern weismachen wollte, sie seien viel mehr. Das Teambuilding hatte die Aufgabe übernommen, aus einem Haufen einzelner Arbeitnehmer eine Gruppe zu stilisieren, die mehr ist als Zweckverband. Nicht einfach Belegschaft, sondern Familie.

Und dann kündigt man irgendwann doch den Bruder und den Cousin dieser Familienkonstellation und die Teambuilding-Delegierten schwärmen verstärkt aus, um die verunsicherten Familienmitglieder zu betreuen und sie in ihrer Treue zu bestärken. Geht miteinander essen, klettern, wandern, liebe Brüder und Schwestern. Zusammen. Bleibt ein Team. Und dann gehen sie geschlossen in eine Freizeit, in der sie am reibungslosen Ablauf ihres beruflichen Alltags, aber auch am reibungslosen Ablauf von Kündigungen, Lohnkürzungen und Mobbing arbeiten.


11 Kommentare:

Hartmut B. 28. Juni 2013 um 06:49  

genau so ist es.... kurzum, der Deutsche lebt, um zu arbeiten.... der Franzose arbeitet, um zu leben....

Anonym 28. Juni 2013 um 08:38  

Richtig gruselig scheint es in einigen amerikanischen Firmen zu sein. Walmart, oder wie der heißt, feiert die Hauptversammlung wie einen Gottesdienst. Angestellte laufen in ihrer Freizeit mit Arbeitskleidung herum und geben jedem der sich nicht schnell genug wehren kann Tipps über die neusten Sonderangebote.
Alles für den Dackel, alles für den Klub.

epikur 28. Juni 2013 um 09:11  

"Wenn beide Partner nämlich für denselben Arbeitgeber schuften, dann verbindet das ungemein, macht es möglich, dass das Paar sein Privatleben nach den Interessen der Firma ausrichtet".

Vielleicht auch ein Grund, warum es in Deutschland so einen großen Klüngel bei der Jobvergabe gibt. Verwandte, Bekannte, Freunde, Familienangehörige usw. hat man eben besser unter Kontrolle als "Fremde".

Die Freizeit ist nicht nur die Vorbereitungszeit für die Lohnarbeit, sondern vor allem auch Konsumzeit. Der Lohnarbeiter hat sich per Work-Life-Balance auf die Arbeit vorzubereiten und per Konsum, dafür zu sorgen, dass es der Wirtschaft und dem Unternehmen gut geht. Alles in allem: Menschen werden hier als Objekte, die zu funktionieren haben, degradiert. Welch größere Menschenverachtung kann es noch geben?

Anonym 28. Juni 2013 um 09:46  

Ich stimme dem auch zu, wobei die Problematik meines Erachtens eher Großunternehmen als mittelständische Unternehmen betrifft. Gerade Großunternehmen scheinen regelrecht sektuöse Strukturen aufzubauen. Neben albernen Teambuilding-Massnahmen gibt es natürlich z.B. auch noch ein Fitnessstudio im Arbeitsgebäude und eine Müslibar und Räume fürs Powernapping. Alles zum Wohl der Arbeitnehmer versteht sich. Wozu braucht man Freizeit, wenn man alles auf Arbeit haben kann? Insbesondere die jungen Arbeitnehmer - die "High Potentials" - finden das richtig toll. Und dann wundern sie sich, warum sie nach 4 Jahren mit Burn-Out und gescheiterter Beziehung enden. Up or out. Aber immerhin haben sie sich ein paar Jahre beim Rattenrennen abgestrampelt und dann kann neuer, unverbrauchter, naiver Nachwuchs kommen.

PS: Vermeintlich arbeitnehmerfreundlichere Lösungen wie Vertrauensarbeitszeit oder Home-Office sind auch mit Vorsicht zu geniessen. Es könnte sich abzeichnen, dass auch hier die Arbeitnehmer deutlich mehr arbeiten (unbezahlt versteht sich) als mit fest geregelten Arbeitszeiten (freiwillige Selbstausbeutung). Die Entwicklung bleibt abzuwarten...

Anonym 28. Juni 2013 um 10:30  

ANMERKER MEINT:

Zu Deiner hervorragenden Analyse, Roberto, noch eine kleine Ergänzung: Auch das Kritiküben wird versoftet. So heißt es z.B. bei sog. Feedbacks meist nicht mehr "Was war gut? Was war schlecht?" sondern es werden Sklalierungen angeboten, die alle irgendwie auf sog. "pos. Denken" ausgerichtet sind. Also "Ich fand positiv"/"Mir hat gefallen" usw.in der Skalierung 0bis5. Und statt "Die Art und Weise der Teamleitung war ..." "Für die Zukunft/fürs nächste Mal wünsche ich mir..." Mit diesem Neusprech, der übrigens auch in Schulen so eingeübt wird, wird dafür gesorgt, dass die von Dir angeführten Verschleierungstaktiken Eingang in unseren Alltag finden, wie Du so richtig bemerkst, "Totalität soft". Zum Glück, könnte man sagen, ist die reale Welt anders. Aber mit so viel Esoterik im Körper, ist es eben schwerer, zu opponieren. Genau dies wollen die Herrschenden aller Couleur aber erreichen: Wattemenschen zum Lenken und Henken!

MEINT ANMERKER

Sledgehammer 28. Juni 2013 um 10:51  

Die Verquickung von Privatheit und Arbeitszeit hat allein schon durch das Aufkommen und die Verbreitung des "Cellularphone" bzw. "Smartphone" eine neue Qualität erfahren.
Die konsequente und permanente Vereinnahmung des einzelnen durch den anderen oder das Kollektiv, mittels "Stand by - Mentalität", aus der Furcht vor Isolation erwachsen, ist inzwischen Regel statt Ausnahme.
Permanente Verfügbarkeit lässt zudem, gewollt oder ungewollt, wenig Raum für Individualität, Normabweichung und/oder Kontemplation.

karl klösschen 28. Juni 2013 um 12:45  

keinen Nationalismus, bitte!

Es geht um quasi Solidarität, die mit monetären, regelmäßig wiederkehrenden Momentan standardisiert werden soll um im Erlebnisfall von einer Ansammlung loser Gedächtnisleistungen zu partizipieren!

Solange der Produktionsfaktor Arbeit hinter dem Geld zurückfällt, bleibt der Mensch beim Zahlen der Zahlende und nicht der Empfänger

Anonym 28. Juni 2013 um 12:59  

Nett geschriebenener Artikel, aber er bringt mich zu der Überlegung, ob ich das, was hier beschrieben wird, jemals live erlebt habe.
Und ich muss sagen: nein. Nicht mal vom Hörensagen über Bekannte.

Von meinen Eltern, Freunden oder sonst Bekannten hab ich schon einiges über deren Arbeit gehört (cholerische Chefs, unfähige Chefs, mobbende Mitarbeiter u.v.m) aber an eine Aufforderung seine Freizeit im Sinn der Firma zu stiften (abgesehen von Überstunden), kann ich mich nicht erinnern.

Vielleicht lassen sich ein paar bemitleidenswerte Yuppies bei Unilever so triezen, aber im alltäglichen Berufsleben ist mir das wirklich noch nicht untergekommen.

Anonym 28. Juni 2013 um 15:26  

das foto ist genial gewählt!!

landbewohner 29. Juni 2013 um 07:27  

sehr genaue beschreibung der modernen bzw geplanten "arbeitswelt". und wenn man bedenkt, daß heutzutage schon die unbedeutendste knechtin in der aller- unbedeutendsten klitsche rund um die uhr für den arbeitgeber zur verfügung zu stehen hat, bzw steht, dann ist diese 100% unterordnung des privatlebens unter das arbeitsleben für breite bevölkerungsschichten schon fakt.
anmerkung für die jüngere generation: zu beginn meines arbeitslebens war es allgemein üblich, seine telefonnummer - sofern vorhanden - nicht in der firma anzugeben, um sich vor belästigungen aus der richtung in seiner freizeit zu schützen.

Anonym 3. Juli 2013 um 13:44  

@anonym, 28.06.13, 12:59

Doch, genau sowas habe ich erlebt bzw. wurde mehrfach gemacht so lange Geld in unserem Konzern da war. Ringelpiez mit anfassen, wir haben uns alle lieb....

Wenn ich meine Kollegen mag, verabreden wir uns von alleine mal abends. Dafür brauche ich keine Zwangsbespassung.
Geht es um konkrete Verbesserungen im Arbeitsablauf (wir waren ein kleines Team, jeder hatte andere Aufgabenschwerpunkte), so ist eine Außentagung, bei der man nicht dauernd durch Telefon/Mails etc. gestört wird, ist so eine Klausurtagung durchaus sinnvoll.
Dabei brauchten wir auch keine Kindergartenspielchen.

Dann wagte ich in einem anderen Team die Frage zu stellen, ob die Anwesenheit angewiesen ist und somit Arbeitszeit vorliegt. Nein? Keine Arbeitszeit? Dann bin ich auch nicht in meiner Freizeit dabei!
Gab böse Blicke und Gestänker, war mir aber egal.

Auf genau so einer Zwangsbespaßung verletzte sich mal eine Kollegin. Ende vom Lied: da es in der "Freizeit" passierte, gab es keine Leistungen der Berufsgenossenschaft und es wurde nicht als Arbeitsunfall aufgenommen ...

Klausurtagungen mit klarer Aufgabe und während der Arbeitszeit gerne - Ringelpiez in der Freizeit nein danke!

Gruß
Mada

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