Das Ende der Provokation

Donnerstag, 2. Mai 2013

Provokante Protestformen sollten ausgedient haben. Sie erreichen zwar Aufmerksamkeit, vermitteln aber keine Inhalte mehr. Das ist jener Bullshit-Kultur geschuldet, die sich aus einem unerfindlichen Grund weiterhin Journalismus nennt - obwohl sie den fast vollkommen ersetzt hat.

Als die Femen obenrum nackt über Wladimir Putin herfielen, ließ ich mich zu einem polemischen Text hinreißen. Im Nachgang sagte man mir dann, dass ich das Prinzip dieser Protestform wohl nicht kapiert hätte. Man müsse nämlich provozieren, um Aufmerksamkeit zu erlangen.

3 Kommentare:

Anonym 3. Mai 2013 um 12:11  

Günther Anders zu Happenigs in dem Aufsatz "Über Happenings" oder die Antiquiertheit des Ernstes aus dem zweiten Band seiner "Antiquiertheit des Menschen":

Ich glaube wir dürfen erst einmal definieren: Happenigs sind Akte, deren Sinn darin besteht, durch ihre Snnlosigkeit diejenige Realität, in die sie hineinplatzen, ebenfalls sinnlos zu machen, oder richtiger: diese als sinnlos oder lächerlich zu demaskieren und anzuprangern.

Politisch gesehen: Happenings brechen allein in denjenigen geschichtlichen Augenblicken aus, in denen die Möglichkeiten wirklichen Widerstandes, von Revolutionschancen zu schweigen, gleich null sind; in denen aber andererseits den Opponierenden der totale Verzicht auf Widerstand, Aufruhr oder Revolution von Tag zu Tag qualvoller wird [...]

Zweite Bestimmung des Happenings: Ein Happening ist eine Posse, die nicht nur geschrieben und gelesen wird, nicht nur auf Buchseiten erscheint, deren "Realisierung" auch nicht nur auf der Bühne vor sich geht, sondern in der Realität selbst, in einem öffenltichen Lokal, in einer Universität, in einem Gerichtssaal oder auf der Straße.

Jedenfalls ist es besser, daß Ideen, die nicht verwirklicht werden können, mindestens noch "gespielt", als daß sie ganz und gar aufgegeben werden. Je ernster die Lage, um so ernster kann die Funktion des Unernstes werden.

flavo 7. Mai 2013 um 15:24  

Naja, diese Formen funktionieren, wenn denn überhaupt noch, gegen böse graue Großobjekte. Es sind doch typische Elemente der früheren Kreativitätskritik an der Produktion (Boltanski). Die grauen Befehler müssen mit der Buntheit der Kritik und der Kreativität konfrontiert werden. Dann stellt sich der Wandel ein. Lösung. Wie ein politischer Koan: ahhhh.
Schwer zu sehen, dass der Neoliberalismus in Hochform die Provokation vereinnahmt hat und u.a. darin west. Daher sind die neukreativen Widerstandsformen nur mehr Neoliberalismus erweiternde Vollzüge. Abgesehen von der Klassenaufgeladenheit der AktivistInnen. Heute creative subversive morgen creative director. Und wo die heutigen Medien ein Ohr haben, da kann keine Kritik anzutreffen sein. Die Kreativitätsschiene ist keine gangbare mehr für Kritik und Widerstand. Das ist leider ein enormes Problem. Sicher, wo autoritäre Männer und Herrscher lenken und eingrauen, da kommt solches ab und zu gut an. Ein bisschen Farbe im Leben.

Roberto De Lapuente 7. Mai 2013 um 16:20  

Flavo, ich mache es mal kurz. Ich will zu Deinem Kommentar nur sagen: Chapeau!

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