Grün ist die Täuschung

Donnerstag, 21. Februar 2013

Die Grünen sind linkes Geschmeide; sozialer und ökologischer Putz. Wer sich mit der Nähe zu den Grünen auftakelt, den nimmt man ein sozial-ökologisches Gewissen ab. So wie neulich dem Herrn Kramm. Den kennt man unter seinen Kose- und Künstlernamen Heino besser. Und der meinte ganz keck, nachdem man ihn in einem Radiointerview (bei Radio FFH) fragte, ob er denn tatsächlich politisch rechts einzustufen sei, dass das blanker Unsinn wäre. Er habe nämlich eine Nähe zu grün, sagte er. Ja, er war sogar der erste Grüne, weil er schon von Wiesen, Bergen und Almen gesungen hat, als es die Grünen noch gar nicht gab. Dieser typisch romantisierte Öko-Schmus ist natürlich Quark. Von Tannen und Waldesfrieden und nebenbei im gleichen Text von "Odalrune auf blutrotem Tuche" sang schon die HJ. Keiner käme da auf die Idee, in der HJ die ersten grünen Jungmannen sehen zu wollen. Seine zweite Aussage dazu war dann jedoch schon interessanter.

Kramm sagte nämlich, dass es im Zuge der grünen Parteigründung gegenseitigen Kontakt gab. Die sich formierenden Grünen klingelten nämlich einfach so an seiner Türe und wollten ihn ins Boot holen, boten ihm die Parteimitgliedschaft an. Aber da er ein parteiloser Mensch sei, habe er ablehnen müssen. Das klingt wirklich nach Reinigung aller braunen Flecken und ein bisschen auch nach Adelsschlag, haben doch die Grünen selbst Heino als einen der ihrigen erkannt gehabt. Nur welche Grüne waren das damals eigentlich?

Denn wer da klingelte, sagte er natürlich nicht. Waren es die Leute um Baldur Springmann, diesem ehemaligen SA- und SS-Mann, die einen grünen Blut- und Bodenmythos nachliefen und die aus Gründen der völkischen Erbgesundheit gegen Atomkraftwerke waren? Oder handelte es sich um den ökosozialistischen Flügel um Ditfurth, Trampert und Ebermann, die ins beschauliche Bad Münstereifel pilgerten, begeistert von Heinos Naturverbundenheit? Klopfte gar Herbert Gruhl samt Entourage an die Türe und bat um Mitgliedschaft, während er synchron seine steile These von den "überzähligen Bevölkerungen" rezitierte? Später sah Gruhl das zu linke Programm der Grünen - der soziale und ökologische Flügel hatte sich zunächst durchgesetzt - als zu materialistisch beseelt an, weswegen er austrat. Wie hätte er sozialen Ausgleich schaffen wollen? Durch esoterische Selbstgenügsamkeitslehren? Oder bat vielleicht die Aktion Unabhängiger Deutscher, die auch im Gründungsprozess verwickelt war, um Kramms Mitwirkung? Ob es wohl eine von Haustür zu Haustür wandernde K-Gruppe war? Waren es am Ende vielleicht sogar Feministinnen, die seine Texte von der "schwarzen Barbara" und etwaigen "feschen Maderln" für emanzipatorisch so wertvoll hielten, dass sie sie parteilich einbinden wollten?

Wer erinnert sich heute noch an die verschiedenen Pole und Richtungen, die im Parteigründungsprozess der Grünen eingebunden waren? Dass die Ökosozialisten sich anfänglich durchsetzten, progressive Parteistrukturen durchrangen und damit tatsächlich eine gänzlich neue Parteikultur schufen, gehört heute zum Mythos, von dem die heutigen Grünen noch zehren. Sie und all diejenigen, die sich in der Nähe zu den Grünen wähnen. Zwar weiß das kollektive Gedächtnis nicht mehr sicher, was genau damals geschah, aber ein dumpfes Gefühl, dass seither das Soziale und Ökologische in den Parlamentarismus einzog, hat sich bisher erhalten können, im kollektiven Über-Ich verfestigt.

Wenn Kramm nun meint, er habe seine Gesinnung damit bewiesen, als trällernder Naturbursche für die Grünen irgendwann mal in Frage gekommen zu sein, dann stellt sich die Frage, für welche Grünen das gewesen sein könnte. Wenn die Erzählung stimmt und es waren Leute wie Springmann, die ihn anquatschten, was hätte das schon zu sagen? Doch wohl eher das Gegenteil dessen, was er beweisen möchte.

Da die Geschichte aber von den Siegern geschrieben wird, haben die heutigen Grünen folgende Geschichte anzubieten: Wir waren eine soziale und ökologische Gruppe von Männern und Frauen, die durch die Institutionen marschierte. Und wir sind es heute noch. Marschierend. Und sozial. Und ökologisch. Und haben immer Bauchweh. Die anderen Flügel sind heute vergessen. Und dass das Soziale und Ökologische heute auch vergessen ist und die so genannten Realos, die übrigblieben, mehr Nähe zu Gruhl und Springmann haben, teilweise auch zu den Spontis, die sich überwiegend eine apolitische Attitude aneigneten und hernach (siehe Fischer, siehe Cohn-Bendit) als Karrieristen herausstellten, wird hinter der historischen Verklärung versteckt.

Es soll dem Deutschlandlied-in-allen-Strophen-tremolierenden Barden nichts unterstellt werden. Auch wenn sein grünes Gewissen, das er mit dem Absingen von Naturburschenliedern gleichsetzt, mittlerweile auch bei rechtsextremen Parteien befriedigt werden könnte - ob nun Republikaner oder NPD, alle sind sie grün geworden, haben sich mit einer Mischung aus Esoterik und Blut- und Bodenrhetorik wieder ihrer Wurzeln erinnert. Aber das muss im Bezug auf Kramm freilich nichts heißen. Vielleicht ist er ja tatsächlich nicht der, für den man ihn hält.

Sein im Interview genannter Beweis ist hingegen keiner. Die Geschichtsklitterung der Grünen wertet nicht nur die heutigen Protagonisten dieser grünen FDP auf, sondern sichert Leuten, deren politische Ausrichtung doch wenigstens zweifelhaft ist, ein grünes Deckmäntelchen. Wer sich mit den Grünen herausputzt, der muss doch geradezu sozial und ökologisch - und natürlich pazifistisch sein. Selbst dann, wenn er verklärte Landser-Romantik besingt.

Nachtrag: Ich habe Jutta Ditfurth gefragt, ob sie etwas vom grünen Heino weiß.

Jutta Ditfurth hat die Grünen ab 1980 mitgegründet, sie war 1984-1988 deren Bundesvorsitzende. Sie sagt: "Niemals habe ich, nicht einmal als Gerücht, gehört, dass irgendeiner mit dem Schlagersänger Heino über eine Mitgliedschaft in den Grünen geredet hat. Er wäre damals auch nicht aufgenommen worden. Vielleicht nehmen sie ihn ja heute? Vielleicht hat Heino in den 1980ern mit kleinen rechtskonservativen bis ökofaschistischen Grüppchen in Schleswig-Holstein oder Niedersachsen Kontakt gehabt. Wenn, dann haben die das wohlweislich für sich behalten.

Er müsste Namen sagen, wenn es nicht nur ein PR-Gag sein soll. Ich erinnere mich aber umso deutlicher daran, wie Heinos Fans bei den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda den mörderisch bedrohten und verletzten MigrantInnen höhnisch 'Muss i denn zum Städtele hinaus' hinterhersangen."



14 Kommentare:

Hartmut 21. Februar 2013 um 09:09  

Danke Roberto für diesen Artikel !

Politik ist zur reinen Machtausübung verkommen. So wie alle Bundes-, Landes- und zum großen Teil auch Kommunalpolitiker unter dem Diktat der Machtausübung stehen, spielt es keine Rolle mehr, welche Partei herrscht.
Ob rot,grün,schwarz,gelb oder auch eine erdene Farbe...es ist vollkommen wurscht... so meine Erfahrung.

Politik, zum Wohle des Volkes ist Illusion und wenn überhaupt, dann vollendete Vergangenheit.

Es wird immer eindeutiger: "Geld regiert die Welt !"

P.S Auch wenn schon etwas älter aber allemal nooch aktuell das Buch, "Das waren die Grünen", von Jutta Ditfurth.
Von ihr empfehle ich weiterhin "Worum es geht" und "Zeit des Zorns" !

Anonym 21. Februar 2013 um 09:45  

Heino ist momentan sehr erfolgreich, aber ach, bedient er sich frecherweise bei Liedgut "linker" Musikgruppen. Einen Song zu "covern" ist nicht unüblich in der Branche.
Neid ist nunmal die deutsche Form der Anerkennung!

landbewohner 21. Februar 2013 um 11:50  

auch landwirte und förster bezeichneten sich in den "anfangsjahren" gern als grüne oder auch "erste grüne" - und da mochten bestimmt einige auch heino.
und wenn der gute heute beim bundesparteitag dieser partei " grün ist die heide" anstimmen würde, wäre im raum immerhin etwas grünes - so wie sich einige grün vorstellen und die funktionäre "grün" verkaufen.

baum 21. Februar 2013 um 12:10  

was ich bisher von diesen covern-songs im radio gehört habe. fand ich gruselig.

den heino-grusel hat otto waalkes in otto - der film dargestellt.

heino-zombies auf dem friedhof. schwarz-braun ist die haselnuss, gesungen u.a. im stechschritt.

Lazarus09 21. Februar 2013 um 12:22  

Hartmut

Es wird immer eindeutiger: "Geld regiert die Welt !"

Nö, devote Dummheit regiert die Welt . Wenn ich dir heute auf die Nuss haue und dich zwinge für mich zu tun was ich sage und da machst das ohne Widerstand ..was ist das ?

Deine Kinder fragen dann meine gar nicht mehr " warum" ( wahrscheinlich müssen meine deinen nicht mal mehr auf die Nuss geben)die machen eben wie du ..weil's schon immer so war, da hinterfragt keiner mehr ...

Heute hat jeder verinnerlicht ..
1. es muss sich lohnen ( nur für ihn darf's nicht )
2. er ist zu teuer im Internationalen Wettbewerb.
3. eventuell hat er über seine Verhältnisse gelebt, weil er wollte ein wenig Glück und Spaß zu Lebzeiten ..nicht nach dem Tod wie die Kirche .. so seit Jahrtausenden während sie selbst und der Adel egal ob von Geburt und Gottes Gnaden oder alternativlos den Gesetzen der Ökonomie folgend das Paradiese schon zu Lebzeiten ..blabla es ödet an ..

Anonym 21. Februar 2013 um 13:04  

Sehr lehrreich auch das neue Buch über Wurzeln der grünen Bewegung "Wann endlich beginnt bei euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?"
www.rowohlt.de/buch/Wolfgang_Kraushaar_Wann_endlich_beginnt_bei_Euch_der_Kampf_gegen_die_heilige_Kuh_Israel.3040873.html

Denn vielleicht war es auch Dieter Kunzelmann, der bei Herrn Kramm anklopfte. Der zuvor Abgeordneter der Alternativen Liste in Berlin war, eine der Vorläuferorganisationen der Grünen, und zuvor Anführer der "Tupamaros".
Am Morgen des 9. November 1969 deponierte ein Angehöriger der "Tupamaros West-Berlin", wiederum einer der Vorläuferorganisation der RAF, ein Paket mit zwei Kilogramm Sprengstoff in der Garderobe im ersten Stock des jüdischem Gemeindezentrums Berlin.
Zwei Wochen später der Brandanschlag der "Tupamaros" auf das jüdische Gemeindehaus in München mit 7 Toten.
"Wann endlich beginnt bei euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?", war Kunzelmanns bekannter Ausspruch.
Soviel als Ergänzung zu den Grünen.
Siehe auch "Verbindung von linkem Terrorismus mit Antisemitismus"
http://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Kunzelmann

Lazarus09 21. Februar 2013 um 14:14  

OT .. wer Heino hört dem ist eh nicht mehr zu helfen .

Allerdings muss man Heino lassen das er die jahrelange verarsche seiner Person und Musik eher sportlich genommen hat .. im Vergleich zu den so "coolen" Pfeifen heutzutage ..

Anyway so oder so nicht mein Fall ..nicht Heino ,nicht Ramstein , nicht tote Hosen ..

just my 20p

Roberto De Lapuente 21. Februar 2013 um 14:40  

Um Heino selbst geht es mir gar nicht. Ich gebe aber zu, dass er weiß, wie man sich vermarktet. Und ja, die Verarsche mit seiner Person nahm er immer sehr sportlich.

Anonym 21. Februar 2013 um 17:23  

Dazu passt die heutige im SPON, dass Cohn-Bendit die Öffnung der Grünen zur CDU wünscht. Gott, was hab ich bloß all die Jahre gewählt!

Anonym 21. Februar 2013 um 17:26  

troptard

Was kann man von den Grünen lernen?

Sie schaffen es in der Wählergunst auf den Ästen des grünen Baumes weiter empor zu klimmen.
Und das, obwohl ihre Politik alles andere als öko-sozial und der Friedenspolitik verpflichtet ist, das Gegenteil davon stimmt.

Wie schafft diese Partei das?
Bei allen Fragen zur Politik hat sie Geburtswehen, grosse Bauchschmerzen, bevor sie sich entscheidet, den politischen Konsens mitzutragen.

Ihrer Wählerschaft kommt es wohl mehr darauf an, dass sie bei allen Entscheidungen dieses unwohle Grummeln im Bauch hat, als auf die getroffenen Entscheidungen danach.

Ich habe nur wenige Bekanntschaften mit Wählern der Grünen gemacht, überwiegend Menschen aus dem pädagogischen Bereich.

In Frankreich spielen die Verts, die Grünen nur eine bescheidene Rolle und ich bin froh, dass Cohn Bendit, das Medienmaul, hier seinen Abschied verkündet hat.

lazarus09 21. Februar 2013 um 18:01  

RDL drum schrieb ich ja OT ;-)..

Die Grünen .. tja ..Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun

wer's gelesen hat weiß was abgeht und welche aalglatten Karrieristen die Idee als Sprungbrett an die Fleischtöpfe und Schmiergeldlisten der Wirtschaft zum eigenen Vorteil missbraucht haben .. *abwink*

*davon abgesehen kannte ich ein paar aus der Frankfurter Szene persönlich .. einer war schon immer eine linke ... ;-)

Wolfgang Buck 21. Februar 2013 um 22:36  

Hallo Roberto,

ich lese ja gerne und regelmäßig Deinen Blog. Danke daher mal nebenbei für viele anregende und kurzweilige Artikel.

Nur heute habe ich beim lesen nur Fragezeichen in den Augen. Vielleicht liegts ja auch an meinem langen Arbeitstag. Aber ich frage mich:

Wie kann man auf die Idee kommen ein Interview mit Heino anzuhören?

Wie kann ein Moderator auf die Idee kommen Heino ernsthaft etwas politisches zu fragen?

Und wie kann man darauf kommen über die spontane Antwort eines "Schlagersängers" derart lange zu sinnieren?

Vielleicht hat ja damals Heino irgendeinen langläufigen Bekannten gehabt der bei den Grünen Mitglied wurde und Heino beim Gläschen Rotwein gesagt hat: "Das wäre doch auch was für dich!" und Heino hat aus verständlichen Schlager-Image-Gründen eine Mitgliedschaft bei einer Partei gegen die selbst SPD Ministerpräsidenten Dachlatten auspacken wollten abgelehnt.

So what?

Irgendwo zwischen ZDF Hitparade damals und Musikantenstadel heute hört bei mir die Politik auf. Dir war es heute sicher massig langweilig. Stimmts? :-)

dot tilde dot 22. Februar 2013 um 15:24  

vielen dank für den artikel.

"muss i denn" ist allerdings von silcher. obwohl ich ihn nicht für sehr modern halte: ganz so alt ist der herr kramm nun auch nicht.

.~.

Roberto De Lapuente 22. Februar 2013 um 15:30  

"Muss i denn ..." haben viele schon gesungen. Auch Herr Kramm. Das Metier jedenfalls stimmt.

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