Versprachlichte Betriebsökonomie

Dienstag, 15. Januar 2013

Unworte? Beide Worte taugten nicht dazu und konnten keine Unworte werden. Was ist denn an Schlecker-Frauen, die anschlussverwendet werden, sprachlich frevelhaft? Es ist nur die Sprache, die systemkonforme Wortwahl in einem Mechanismus, in dem alle Humankapital sind. Die Gesellschaft für Deutsche Sprache hat tatsächlich Sinn und Gefühl für Worte, denn sie hat die sich in Kehlkopflaute äußernden Denkstrukturen derer, die die Sprache ganz ungeniert so verbiegen und feilen, dass sie zu einem Abbild der Welt wird, die sie gerne hätten und teilweise schon haben, nicht ausgezeichnet.

Beide waren im Vorfeld Favoriten. Schlecker-Frauen und Anschlussverwendung sind jedoch nur ordinäre betriebswirtschaftliche Ausformungen. Sie sind Termini eines buchhalterischen Lebensgefühls, in dem Soll und Haben die einzige Entscheidungshilfen sind. Bilanzierende Begrifflichkeiten, die Menschen in betriebsökonomische Faktoren wandeln. In eine Bilanz gehören alle Posten: Material, Wareneinsatz, Energiekosten, Miete, Versicherung, Tilgung und Personal. Oder anders gesagt: Schlecker-Wareneinsatz, Schlecker-Energie, Schlecker-Versicherungsanspruch, Schlecker-Schulden und Schlecker-Frauen. Und wer Personal hat, der kann es verwenden, egal ob direkt oder im Anschluss. Bezahlte Frauen, auch und gerade wenn sie schlecht bezahlt sind, dürfen gebraucht und verwendet werden. Sprächen andere Branchen von verwendeten Frauen, würde man die allgemeine Unsittlichkeit schelten und insbesondere die der Zuhälter.

Aber sich seriös aufspielende Konzerne dürfen Frauen ungenierter verwenden. Das finden wir als Gesellschaft sogar noch besonders sozial, denn es schafft ja Arbeit. Von solchen Arbeitgebern berichtet man, indem man darüber schreibt, dass hoffentlich hoffentlich die Frauen weiterhin verwendet werden können. Wie eine alte Matratze, die nun in das neue Bettgestell eingepasst werden soll. Hoffentlich hoffentlich kann man das alte Ding noch verwenden. Wie ein Unterschränkchen, das auf dem Sperrmüllhaufen liegt und von dem ein Wühler im Rest anderer Leute meint, man könne das bestimmt noch irgendwie verwenden - im Anschluss an den Vorbesitzer quasi.

Schlecker-Frauen und Lidl-Männer und McDonalds-Leute: Das sind aber doch Begriffe aus dem System für das System. In einem solchen System werden Männer und Frauen, die sozusagen Besitz und hundertprozentige Bilanzposition ihrer Dienstherrn sind, auch ganz legitim verwendet. Manchmal eben auch im Anschluss. Ein passenderes Unwort wäre damals die Freifrau gewesen, die ihrem Freiherrn moralisch beistand, als der seinen Doktor abtrieb. Freifrau? Frei von was? Von wirtschaftlichen Einflüssen? Frei von Beziehungen? Freifrau ist ein Begriff, den es nicht gibt und der dennoch Verwendung findet - er ist sachlich grob falsch. Denn entweder ist Mann oder Frau nicht frei, weil sie Schlecker oder Lidl oder sonstwem gehören - oder sie sind trotz finanzieller Unabhängigkeit nicht frei, weil sie einem dieser Brotgeber oder einer ganzen Branche zu Diensten stehen oder weil sie in den Interessen ihrer Kaste verheddert sind.

Menschen sind im Imperium Neoliberalum bloß Faktor. Humankapital nannte sich das einst. Jetzt waren es eben Schlecker-Frauen. Oder morgen schon sind es GLS-Männer, über deren Folgegebrauch man debattieren wird. So ist das mit Besitz und Verfügungsmasse von Konzernen. Man hätte beides als Unwort kennzeichnen können. Aber die Wirklichkeit ist letztlich so, wie diese beiden Worte es benennen; sie sind die normale Praxis. Ohmächtige Praxis. Besonders bei Konzernen wie Schlecker, in denen es keinen Betriebsrat gibt - dort gehören die Frauen einem wie Leibeigene, dort sind sie kalkulierbare Kostenfaktoren in der Bilanz. Besonders im Niedriglohnsegment sind Frauen und Männer mit dem Namen ihres Geldgebers ausgestattet und ganz besonders für allerlei Anschlussverwendungen vorgemerkt.



7 Kommentare:

maguscarolus 15. Januar 2013 um 14:38  

Und ist das alles denn erstaunlich in einer Welt, deren Wertmaßstäbe ganz und gar und ganz offiziell den BWL-Dogmen geopfert wurden?

Wir erleben den Tanz ums Goldene Kalb, aber weit und breit weder ein zorniger Moses noch ein zorniger Gott in Sicht.

Chris 15. Januar 2013 um 15:08  

Schlecker hatte Betriebsräte.
Ausgerechnet das Manager-Magazin analysiert:
"... immer wieder gibt es Behinderungen gegen Betriebsräte. Einer neuen Studie zufolge nehmen die Schikanen vor allem in kleineren Betrieben deutlich zu. Kein Wunder, dass sich der Protest der Schlecker-Mitarbeiter in Grenzen hielt."
Übrigens:
"Rund 160 Betriebsratsgremien gab es in ganz Deutschland bei Schlecker..."
http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,844113,00.html

Roberto De Lapuente 15. Januar 2013 um 15:10  

Gut, dann sagen wir eben Betriebsräte, die vom Betrieb einbestellt wurden - oder von ihm drangsaliert, falls sie nicht von ihm einbestellt wurden.

Anonym 15. Januar 2013 um 19:00  

Schlecker-Frauen und Lidl-Männer, Aldi-Kassierinnen und Opelaner, Siemensianer und AEGler, Festangestellte und Befristete, Alg I - u. ALG II Bezieher des SGB 2 "Regelkreises", Geringverdiener und Tariflöhner...., Gewerkschaftler am Band oder im weichen Sessel eines Vorstandes oder eines Aufsichtsrates...,man mag x-beliebig fortsetzen bei Lust und Laune.

Aber eine Frage bleibt mir da: Wo ist eigentlich das gute alte Proletariat geblieben, also jener gewaltige Volksstamm von gut 90% aller Werktätigen z.B. dieses Landes, jener ungeheueren Masse an Menschen, die bar jeglicher Mittel sind, sich ohne einen "Arbeitgeber"(wo auch immer) das tägliche Brot zu "erwirtschaften"?
Für die ganz "Gebildeten" hier ein klitze-kleiner Tip: Ein Proletarier zu sein ist keine Frage werktäglicher schwarzer Fingernägel! :-)

MfG Bakunin

Hartmut 15. Januar 2013 um 22:00  

Diese durchökonomisierte Sprache ist keine Sprache für den Menschen oder gar für Menschlichkeit. In dieser Sprache drückt sich aus, daß der Mensch als Sache, bzw. Objekt gesehen und wahrgenommen wird.
Hier wird es ganz deutlich, daß sich Sprache immer mehr reduziert auf Funktionalität und wirtschaftliche Rationalität. Sie ist verkümmert und sie simplifiziert sich täglich zur reinen Information.
Sprache ist aber mehr als nur Information; nach Heinrich Böll ist sie des Menschen wertvollster natürlicher Besitz.

Die virtuose Sprache, wie sie hier im Blog täglich dargeboten wird, ist für mich eine Freude und somit ein Stück Lebensqualität.

Aus dem Buch, Worte töten - Worte heilen von Heinrich Böll S.5 möchte ich zitieren:

Wer die Sprache liebt, weiß, daß sie das menschlichste am Menschen ist und daß sie darum auch der schrecklichste Ausdruck seiner Unmenschlichkeit werden kann: Worte töten, Worte heilen.

flavo 16. Januar 2013 um 16:49  

Och Gott, die Sprache. Seltsam ist es geworden um sie. Die sprachliche Kehre schien sie gar ganz wichtig zu machen und dann war diese vor.die.Erkenntnis.stellen der Sprache eine Art Zusammenzwerchung eines unendlichen Feldes auf ein eckiges Quadrat. Im Alltag verkommt sie zusehends. Stellte man sie sich als Baum vor, sie wäre inzwischen ein von den Ästen gestutzter Stamm mit angenagelten Stahlstangen. Ein Unbaum in einer trockenen Brache.
Die Sprache konnte nie Besitz gewesen sein, da irrte Böll. Heute ist sie Besitz und verkümmert dabei. Konstruierte Worte einer Welt mit engen Grenzen. Der Panther, den Rilke hinter den Stäben gehen sah, dieser ist heute der Mensch. Rilke müßte nicht in den Zoo, sondern die erstbeste Promenade wäre im Stoff mehr als genug.
Die Sprachakrobaten der Werbung, denn anderswo geht es doch nur schlimmer zu, dort ist Sprache zu einer Art Schalthebel geworden mit vorgefertigten Schaltsloten, jene der Werbung aber kommen auch kaum über das immer gleiche Gequicke um die Erreizung eines auf den Fernsehkasten starrenden Gemütes hinaus. Was für eine Verödung im Kopfe. Sprache zusammen basteln, Tag ein Tag aus, damit einer davon sich gereizt fühlt, sei sie nun der Überbau des Klopapiers, einer Fertigsuppe oder eines Automobils. Nein, dort ist nichts zu finden, was mit Sprache zu tun hat. Die Lyrik hat sich zurückgezogen in die ehernen Bastionen der Oberschicht und kommt dort auch nicht mehr über die Repetition des Althergebrachten und spontane Urgierungen wie sie jedem kommen, der einen Mund hat, hinaus. Die Klassenzugehörigkeit sichert halt das Ansehen und versieht die Einzeiler mit dem Prädikat wertvoll. Wechselseitige Beweihräucherungen sind schick geworden.
Wo ist die Sprache hin? Wir armen Seelen darben ohne Sprache auf einem grauen Planeten.

mone 18. Januar 2013 um 08:45  

Allerdings gefällt mir die Entscheidung des "Opfer-Abo" zum Unwort des Jahres ausgesprochen gut...

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