Auch so ein Opfer des ESM

Mittwoch, 9. Januar 2013

oder Man sieht alt aus, wenn man den herrschenden Interessen nicht huldigt.

Der hochgelobte Apparatschik der Union, der urplötzlich in seiner blassen Mittelmäßigkeit das oberste Amt im Staate besetzte, hat mich seinerzeit doch schon sehr überrascht. Der Mann, der zuvor als Medianwert der Banalität politisch wirkte, der durch die Partei, in der Partei und mit der Partei - Die Partei, die Partei, die meint's mir nicht schlecht! - zu Berühmtheit und Mandat stolperte, schien sich mit Einzug in Bellevue jählings als überparteiliche Instanz deutscher Politik verstanden zu haben. Das stand dem Amt nicht mal schlecht zu Gesichte, nachdem sein Vorgänger leider nicht mehr als der Hampelmann der in einen Hosenanzug gezwängten politischen Richtlinienkompetenz war.

Als diese Republik die Islamisierung mittels Gazetten und Talkshows entgegeneilte, sich bald unterm Sichelmond wähnte, dem bestsellenden Krakeeler um Expertisen anflehte, da trat er doch tatsächlich überparteilich und unabhängig auf und nannte den Islam als zu Deutschland zugehörig. Das war nicht ganz unmutig. Er konnte angesichts der Islamophobie, die spätestens seit September 2001 alle Gesellschaftsschichten in regelmäßigen Intervallen befiel, keinen Applaus erwarten - und er erhielt auch prompt keinen. Im Gepapste des September 2011, dem mehr oder minder romantischen Gekuschel mit dem greisen Manager zu Rom, wagte er überdies kritische Fragen. Man verstehe nicht falsch: Er riss dem katholischen Senioren nicht gleich den Kopf ab, allerdings traute er sich Fragen zum Alltagsbezug der Kirche zu stellen, die im allgemeinen Pressejubel und der vatikanischen Hofberichterstattung nördlich der Alpen überhaupt nicht vorkamen.

Dieser scheidende Ministerpräsident aus Hannover schien kurzzeitig entdeckt zu haben, dass sein neues Amt keines sein sollte, welches vom Parteibüchlein diktiert ist. Und so übte er sich in Überparteilichkeit und machte das gar nicht übel. Vieles was er zur Eurokrise sagte, war selbstverständlich sehr wahrscheinlich ökonomisch laienhaft. Dass er aber kein apriori anzuwerfender Unterschriftenapparat der Regierung sein wollte, unterschied ihn abermals vom vorherigen Hausherrn Bellevues. Der hatte, so wird gemunkelt, sich einen Unterschriftenstempel anfertigen lassen, um den lästigen Akt der Signatur schnell und effektiv hinter sich bringen zu können.

Folgend verwickelte dieser mich überraschende Mann, den ich heute durchaus als einen Bundespräsidenten bezeichne, der nicht schlecht war und der vielleicht auch weiterhin nicht schlecht gewesen wäre, hätte er länger gewirkt, in eine Kampagne und geriet unter Beschuss. Wenn es in der Überschrift heißt, er sei ein Opfer des ESM, dann ist das sicherlich auch ein marktschreierischer Titel. Und außerdem nur die halbe Wahrheit. Er dürfte gleichwohl ein Opfer der Islamophobie sein - und ein Opfer konservativer Kreise, die sich von diesem Mann aus ihren eigenen Reihen, bitter enttäuscht sahen.

Geopfert von seinen Freunden aus der Politik wurde er indessen nicht, weil er sich Übervorteilungen gewährt hatte. Weil er sich erwischen ließ, opferte man ihn! Er hat das Image seiner Zunft besudelt und nicht aufgepasst bei seinen Aktionen mit Geschmäckle. Leider war der ehemalige Apparatschik in dieser privaten Beziehung nicht überparteilich. Und genau dort manifestierte sich, was Kritiker ihm vormals, als er noch Ministerpräsident war, immer unterstellten: Dass er nicht besonders intelligent sei, täppisch und küngelig und außerdem einer, der sich nie auf die Hinterbeine stellen musste, immer ein Günstling von christdemokratischen Gnaden war, nie kämpfen lernte, weil er es nie brauchte. Ein domestiziert wulffischer, sprich: hündischer Charakter, der noch unterwürfig journalistischer Hilfe harrte, als er schon mittendrin war in der Intrige.

Sein Anruf beim Redakteur einer Tageszeitung, der war ebenfalls dumm. Er hätte ahnen müssen, dass der Kerl ein verlogenes Spiel treibt. Was der aus Bellevue dann tat, war kein überquerter Rubikon. In regionalen Gefilden ist das bundesrepublikanische Normalität. Wolfgang Bittners Roman Hellers allmähliche Heimkehr gibt beredt Auskunft darüber. Zeitungen schreiben, was die örtliche Politik und die Cliquen aus der Wirtschaft gerne lesen. Es wird verschwiegen, wo sie Schweigen favorisieren; es wird abgelenkt, wo Wesentliches nonchalant übergangen werden soll. In der Pampa geschieht das wie in Berlin; jede Stadt hat Familien, die meinen, sie seien die Stadt. Der höchste Mann im Lande hat sich auch da ertappen lassen, wo sich Bürgermeister und Abgeordnete zwar nicht klüger anstellen, aber sich wenigstens im geschützteren Raum bewegen.

Die Geschichte ist alt, sie ist demnach hinlänglich bekannt. Man kann sie nicht oft genug wiederholen, denn sie ist ein demagogisches Lehrstück par exellence; ein Lehrstück darüber, wie man wirtschaftliche Interessen hinter Spießermoral und Parolen wie Der Raffke betrügt den fleißigen Bürger! versteckt, um ihn öffentlichkeitswirksam abzusetzen. Und jetzt verließ ihn auch noch eine Ehefrau, die sich vor einiger Zeit schon publizistisch über ihn lustig machte. Insofern könnte er froh sein, dass er die Dame los ist. Selbst sieht er gealtert aus, erschreckend ergraut und erschöpft. Ein Jahr kann einen Menschen sehr verändern. Und manchmal liegen zwischen Jugendlichkeit und Alter auch bloß elf Monate. Die Europäer sollten sich den ehemaligen deutschen Präses mal genau ansehen. Sie werden erkennen: Man sieht alt aus, wenn man sich gegen die herrschende Ökonomie stellt - man schlafft ab, wenn man sich den rassistisch-islamophoben Impulsen aus Deutschland widersetzt - man ergraut sichtlich, wenn man den new conservatism mit Überparteilichkeit verrät.

Da sind die Griechen und Spanier, die der aktiengesellschaftlichen Kreativität aus neoliberalen Landen geopfert werden sollen. Und da ist dieser Mann, der trotz allen Fehlern, die er gemacht hat, erbarmungslos in eine offenbar tiefe Krise seines Privatlebens gedrängt wurde. Die herrschende Ökonomie geht über Leichen; sie duldet keine Widerworte und keine Zweifel. Der Ex-Bundespräsident ist eine namhafte Metapher auf alles, auf jedes, was sich dem neoliberalen Absichten in den Weg stellt. Überparteiliche Auslegung von Ämtern sind in dieser Postdemokratie nicht vorgesehen - sie sind auch nicht sehr gesund, wie man dem Gesicht dessen, der mutig den Islam zu Deutschland addierte, entnehmen kann. Der Bundespräsident außer Dienst sieht einzeln so aus, wie ein Europa nach Merkel völkerübergreifend aussehen wird und teilweise schon aussieht.



9 Kommentare:

Anonym 9. Januar 2013 um 07:14  

Treffend beschrieben. Deutschland in dieser Hinsicht ein Drecksladen.

Anonym 9. Januar 2013 um 07:31  


Wulff gehört für mich eher in die Sparte "Stuttgart 21"-Abteilung.Nicht wirklich wichtig und lenkt von den wirklichen Problemen ab.

Auch konnte man die Staatsorgane (Bild,ZDF usw.) wieder als demokratisch gesinnte,aufklärerische Medien dar stellen die ohne Rücksicht auf Namen und Stellung jegliche Korruption verfolgen und aufdecken.

Netter Nebeneffekt:Mit Gauck haben wir nun einen neoliberalen Präsidenten der nur von "Eigenverantwortung" und "Freiheit" spricht und springt bevor irgend ein Banker überhaupt zum Telefon greift um sich mit der Regierung kurz zu schliessen.Den letzten Rest Anstand den Wulf bei seinen Kommentaren für Toleranz und gegen totalen Bankenwahnsinn bewies
kann man irgend wie bewundern.Aber muss man nicht.

ninjaturkey 9. Januar 2013 um 09:34  

Wulf hatte eben so wenig Probleme damit, im Zweifelsfall über Leichen zu gehen, wie seine mächtigen Protegés. Anstand und Gemeinsinn gabs bei Wulff allenfalls in dem Rahmen, den ihm sein verinnerlichtes Spießertum vorgab. Dass Barbie diesen blassen Menschen nach Verlust von Macht und Reputation nun verlassen hat, überrascht außer (vielleicht) ihn wirklich keinen.

Um so anständiger ist Dein Beitrag zu werten, diesen nun auf dem (wenn auch sehr weich gepolsterten) Boden Liegenden nicht auch noch zu treten.
Nachtreten will ich auch nicht, aber für mich ist er, wie viele andere auch, noch viel zu weich gefallen!

Anonym 9. Januar 2013 um 11:54  

Dieser Beitrag entspricht in etwa meiner Sicht des Falls Wulff.
Nachdem er sich anmaßte, die scheinbar sichere Stellung seines Amtes für Kritik zu nutzen, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis er in eine "Falle" tappte.
Immerhin ist es mit dem Wunschkandidaten Gauck gelungen, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Da Letzterer verheiratet getrenntlebend eine Lebensgefährtin hat, sehe ich für Bettina Wulff durchaus Chancen. Der Bundespräsident wechselt, Bettina bleibt...

...und das nennt man dann eine politische KonsTante.

Wenn ich in Bezug auf Fr. Merkel an die kommenden Bundestagswahlen denke, wird mir Angst!

Anonym 9. Januar 2013 um 12:08  

Die Frau ist der Motor des Mannes. Wenn der krankhafte Narzissmus in dieser politischen Landschaft nicht gebändigt wird, geht er den Weg der grenzenlosen nicht zu stillenden Gier nach Macht, Geld und Anerkennung. Ein Spiel der gekränkten Narzissten, die sich immer umschauen um die Bewunderung ihrer Spielfiguren sicher zu sein. Neben dem Selbstverliebten kann es keinen geben der auf Augenhöhe geduldet wird. Einer muss auch in dieser Beziehung unterw ü r f i g sein.

Anonym 9. Januar 2013 um 13:12  

Ach Gottchen, mir kommen die Tränen - der arme, arme Herr Wulff! Schluchz!
Was treibt dich nur zu solch einer Groteske, Roberto?
Wie ninjaturkey hier sagte: "Für mich ist er, wie viele andere auch, noch viel zu weich gefallen!"

Roberto De Lapuente 9. Januar 2013 um 14:36  

Die Groteske ist eher, wenn man liest, er sei zu weich gefallen. Es ist ja nicht so, dass er eine Straftat begangen hätte. Einfluss auf Journalisten zu nehmen (arbeiten bei BILD welche?) ist unanständig, aber leider Alltag. Relationen - man sollte bitte Relationen wahren.

ninjaturkey 9. Januar 2013 um 17:23  

Lieber Roberto,

natürlich war das meiste, was bisher bekannt wurde, legal. Dafür sind die Gesetze ja gemacht worden. Die größten Sauereien sind zu ihrer Zeit immer legal. Korruption heißt heute Aufsichtsratsposten, Beratervertrag oder Rednerhonorar - alles legal®.
In der versuchten Beeinflussung von Journalisten sehe ich übrigens weniger ein unmoralisches Handeln, als in dem Verhalten von Journalisten, diesem Gesuch, meist schon vorauseilend, nachzukommen.

Natürlich ist die Relation zu wahren. Die Klage des (zu) weichen Falls passt natürlich auf praktisch alle Politiker ab einer gewissen Fallhöhe und auf die meisten sogar noch mehr als auf dieses Mittelgewicht Wulff. Nur irgendwo muss man ja mal anfangen ;-)

Bert 10. Januar 2013 um 01:48  

Lieber Roberto,
verzeih mir, aber mir rollen sich gerade sämtliche verbliebenen Fussnägel komplett hoch.
"Relationen - man sollte bitte Relationen wahren." ?
Die damalige abermillionenfache industrielle Vernichtung von Menschenleben werde heute nur mit anderen Mitteln fortgesetzt.
Die nur marginalen Unterschiede zwischen heute und dem Nationalsozialismus sind dein zentrales Credo.
Relationen wahren - dieses Argument hast du niemals zugelassen, wenn man es anbrachte!

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