Die Asozialen hinter "Die Asozialen"

Donnerstag, 29. November 2012

Es gibt Bücher, die hat man gelesen, auch wenn man sie nicht gelesen hat. Will heißen: Wenn man den Titel vor sich liegen hat, die Buchklappen überfliegt, dann weiß man schon, was auf den nächsten Seiten folgt. Die Asozialen: Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren von Walter Wüllenweber ist so ein ungelesen gelesenes Buch.

These seines geistigen Elaborats ist es, dass Oben und Unten auf Kosten der Mittelschicht lebten. Die Unterschicht hätte keine bürgerlichen Wertvorstellungen mehr, würde in den Tag hineinschmarotzen und Steuerzahler betrügen, gleichwohl die Oberschicht sich in eine Parallelwelt abgrenzt. Erstaunlich findet Wüllenweber, dass diese "gegenüberliegenden Enden der Gesellschaft" ähnliche Entwicklungen nehmen. Beispielsweise, dass zwischen Leistung und Erfolg kein Zusammenhang mehr herrschte oder der Beschiss zur Lebensart würde. Die einen betrügen das Finanzamt, die anderen beim Sozialamt - was mindestens ungefähr dasselbe sei.

All das geschieht freilich zulasten der anständigen und unbescholtenen Menschen, der so genannten Mittelschicht, die der wahre Motor der Gesellschaft ist. Und der gerät mehr und mehr ins Stottern aufgrund dieser parasitären Auswüchse jenseits der Mitte. Es ist schon makaber, dass Wüllenweber Ober- und Unterschicht gegenüberstellt und gleichsetzt. Geschenkt an dieser Stelle, dass er Oberschicht generalisiert, anders als Krysmanski das in seinem Buch tat. Dergleichen Detailiertheit darf man jedoch von ihm nicht verlangen. Gleichfalls die Unterschicht, die er zeichnet, in der alle betrügen und im bescheißenden Wettbewerb mit dem Sozialamt stehen. Die kürzlich veröffentlichten Zahlen, wonach 97 Prozent aller Leistungsberechtigten nach SGB II keinerlei Pflichtverletzungen begingen, wonach sogar 99 Prozent keinerlei Arbeitsverweigerung leisteten, dürften für Wüllenweber irrelevant sein. Dass der eklatante Steuerbetrug und eine Koalition, die fortgeschaffenes Schwarzgeld bei Rückführung dezent pauschal besteuern und damit Straffreiheit gewähren möchte, ein ganz anderes Kaliber von Betrug ist, kommt ihm freilich auch nicht in den Sinn.

Für die, die Wüllenweber Oberschicht nennt, ergeben sich ganz andere Betrugsmöglichkeiten, als für jene, die Unterschicht sind. Und es ergeben sich qua finanzieller Ausstattung Möglichkeiten, sich Rechtsberatung zu engagieren, fast lückenlose Vertuschungs- und Alibioptionen zu installieren. Kein Hartz IV-Empfänger könnte so vollständig und gefahrlos auch nur einen Betrug um zwei oder drei Hunderter begehen. Ein reuiger Betrüger, der seinem Jobcenter seinen Betrug gestehen würde, erhielte auch keine Straffreiheit, sondern müsste sich mit dem Staatsanwalt auseinandersetzen.

Reden wir nicht über betrügerische Leistungsberechtigte nach SGB II - die letzthin veröffentlichten Zahlen sprechen ja, wie angerissen, eine andere Sprache. Der so genannte Sozialbetrug fällt relativ lau aus. Es gibt ihn quasi nicht. Pekuniär fällt er so gut wie nicht ins Gewicht. Es sei denn, man sieht den Bezug von Sozialleistungen generell als Betrug am Steuerzahler, sprich: an der Mittelschicht, an - es sei denn, man definiert das Hinterziehen von Steuern als normale Widerstandshandlung freiheitsliebender Erfolgsmenschen an. Und genau darum geht es Wüllenweber. Sein Buch ist kein faktenbasiertes Produkt, kein objektives Machwerk, sondern ein reines Befindlichkeitsbuch. Vielleicht auch ein Erbauungsbüchlein, in dem er die Mittelschicht wachrütteln und moralisch stärken will. Wüllenweber will das vorherrschende Lebensgefühl einer Klasse nachzeichnen, die sich selbst als Mittelschicht versteht und die moralische Verurteilungen auf Basis eines Weltbildes betreibt, das ökonomisch vorgeprägt ist. Es geht um Menschen, die sich stets verarscht und betrogen vorkommen, die glauben, sie seien die gemolkene Kuh und immer benachteiligt, zahlten nur Steuern ohne Gegenleistung und finanzierten den Armen ein Leben in Saus und Braus und den Reichen gleich mit.

Wüllenweber arbeitet die Befindlichkeit dieser Menschen ab und füttert sie mit neoliberalen Background. Das wiederum verwundert wenig, denn er gehört der "IZA Policy Fellows seit 2005 als Gründungsmitglied an". Dieses Institute zur Zukunft der Arbeit (IZA) ist ein von der Deutschen Post AG privat gegründetes Wirtschaftsinstitut, das immer wieder neoliberale Schocktherapien vorschlägt. Im März 2010 legte es eine Agenda 2020 vor, in der Mindestlöhne kategorisch abgelehnt und längere Arbeitszeiten gefordert wurden. Außerdem sprach sich dieses Papier für die Erhöhung des Renteneintrittsalters und die Lockerung des Kündigungsschutzes aus, sowie für ein Workfare-Konzept. Der Direktor der Arbeitsmarktpolitik des IZA (Hilmar Schneider) sprach sich zudem für eine Arbeitslosen-Auktion aus. Die Granden des IZA sind altbekannte Gesichter: Klaus Zumwinkel, Klaus Zimmermann und eben genannte Hilmar Schneider. Policy Fellows sind neben Wüllenweber Leute wie Dieter Althaus, der ewige und überall anzutreffende Oswald Metzger, Dirk Niebel, Bert Rürup, Thilo Sarrazin und Thomas Straubhaar.

Der Untertitel von Wüllenwebers Buch klingt nach Aufklärung - er lautet nämlich: Und wer davon profitiert. Die Antwort kann klar gegeben werden: neoliberale Konzepte und Think Tanks wie das IZA. Die Darstellung der mittelschichtigen Befindflichkeit ist das Polster, auf dem weitere neoliberale Reformen erzwungen werden sollen. Dabei die Oberschicht gleichfalls zu diffamieren, ist nur ein gekonnter Kniff, denn es ist genau diese Oberschicht, die eine wütende Mittelschicht braucht, um Konzepte wie das des IZA durchzuboxen. Den Hass auf die Unterschicht mit dem Unverständnis für die Oberschicht zu koppeln, soll etwas wie Objektivität suggerieren und die Menschen für Konzepte gewinnen, die ihnen nur Nachteile und Gram bescheren werden.

Dieses hier nicht weiter genannte Buch von Walter Wüllenweber erschien in irgendeinem Verlag.



28 Kommentare:

Anonym 29. November 2012 um 08:36  

Was ist die Motivation von Herrn Wüllenberger?

Woher kommt dieser ganze Hass?

http://www.stern.de/politik/ausland/offener-brief-zur-krise-liebe-griechen-1548498.html

Es geht immer darum Menschen umzuerziehen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Verwahrlosung

Anonym 29. November 2012 um 09:05  

@Roberto J. de Lapuente

Tja, so kommt der Haß des Herrn Wüllenberger durch, denn ich mit diesem Buchtipp "ausgesteuert - ausgegrenzt ... angeblich asozial" von Wolfgang Ayaß - als Gegenbuch -kontern will.

Übrigens, Wolfgang Ayaß hat auch "Asoziale' im Nationalsozialismus" geschrieben, ein Buch, dass mich - seit meinem 25 Lebensjahr - beeindruckt hat, und von dem ich nie dachte, dass die darin beschriebene Realität der angeblich "Asozialen Elemente" im Dritten Reich dank Hartz IV wieder fröhliche Urständ feiern würde.

Leider wurde ich dank Herrn Wüllenberger eines Besseren - im negativen Sinne gemeint - belehrt.

Es gibt eben immer noch Faschisten in Deutschland, neben Sarrazin, die Bücher schreiben, die A. H. gefallen hätten.

Trauriger Gruß
Bernie

piet 29. November 2012 um 09:34  

In einem gerechten Land (träum), müßten Menschen wie Wüllenweber ihre eigene Medizin schlucken, 3x täglich.

Anonym 29. November 2012 um 09:47  

Danke für die Aufklärung über das Buch des Herrn Walter Wüllenweber.

Es gibt zur Thematik bessere Bücher, die die Ausgrenzung beschrieben, die durch den Begriff "Asoziale" entstehen, z.B. Wolfgang Ayaß.

Der Autor schrieb schon 1995 ein Buch über "Asoziale im Nationalsozialismus", und ich hielt es damals nicht für möglich, dass die Vorurteilsstrukturen, die Herr Ayaß damals rein auf das Dritte Reich, und die Weimarer Republik in der Endphase, beschrieb, dank Neoliberalismus in Deutschland wieder fröhliche Auferstehung feiern.

Herr Ayaß hat übrigens auch über die aktuelle Diskussion seit Hartz IV ein Buch geschrieben, wo er die Aktualisierung der Vorurteile beschreibt - Herr Wüllenberger kennt dies Werk sehr offensichtlich nicht, denn ansonsten hätte er sich gar nicht getraut so ein neoliberal-faschistisches Machwerk zu veröffentlichen, wie Du hier beschreibst, lieber Roberto J. de Lapuente.

Im Gegenteil, er hätte geschrien "Ich bin entdeckt", und hätte das Machwerk sofort zurückgezogen, dass an Vorurteilsstrukturen aus der Endphase der Weimarer Republik, und des NS-Staates erinnern dürfte.

Es scheint so, seit Chile wohl offensichtlich, dass Neoliberalismus und Faschismus Brüder im Geiste sind, zumindest was den Wohlstandschauvinismus angeht.

Gruß
Bernie

Ulli 29. November 2012 um 09:58  

Ich habe dieses Buch auch nicht gelesen, halte von diesen ganzen Talk-Show-Analytikern nicht viel. Allerdings gibt es tatsächliche soziolgische Veränderungen, die er verwurstet, beispielsweise die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft in oben und unten. Als ich studierte, wurde immer ein Buch von Dahrendorf gelesen, demzufolge die deutsche Gesellschaft die Form einer Zwiebel habe: Oben ein paar Reiche, unten ein paar Arme und dazwischen eine riesige Mittelschicht. Heute muss man eher von einer Eieruhr sprechen. Ich glaube, im Jahr steigen 500 000 aus der Mittelschicht nach oben auf und sinken 3 Millionen ins Prekariat ab. Man kann sich vorstellen, was das auf längere Sicht bedeutet. Und es ist kein Geheimnis, das der nahezu einzige Weg zu Reichtum im heutigen Deutschland darin besteht, dass man Vermögen erbt.

Eine nach meiner Ansicht interessante Analye dieser Veränderungen sind die Thesen über eine "Refeudalisierung des Kapitalismus", beispielsweise von dem Soziologen Sighard Neckel: "Derselbe gesellschaftliche Prozess, der die wirtschaftlichen Institutionen zur Struktur
eines Finanzmarktkapitalismus modernisierte, hat zugleich soziale Formen
der Verteilung von Einkommen, Anerkennung und Macht etabliert, die ursprünglich
vormoderne Muster der sozialen Ordnung aktualisieren." Alles als pdf unter: http://www.mpifg.de/pu/workpap/wp10-6.pdf

Anonym 29. November 2012 um 10:07  

Wer ist Wüllenweber ?

Egozentriker, Egoist, Narzist wie die Regierungsbande Merkel und Co.

In diesem Land, ach überhaupt, man kann sich nur noch schämen, deutscher zu sein !!!

In den Jahren von 33-45 ist die intelligente Schicht aus D ausgewandert oder vernichtet worden.

Ich bin gespannt, was jetzt passiert ???

Das neue deutschlandlied:

deutschland, deutschland ade,ade und gute nacht,
wer hier noch weiterlebt wird um........

weiter...die Börse..äh die Börsennachrichten...endlos...die Börsennachrichten....

Jutta Rydzewski 29. November 2012 um 10:24  

"Dabei die Oberschicht gleichfalls zu diffamieren, ist nur ein gekonnter Kniff, denn es ist genau diese Oberschicht, die eine wütende Mittelschicht braucht, um Konzepte wie das des IZA durchzuboxen."

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter, und möchte diesen "Kniff" Wüllenwebers als besonders perfide bezeichnen. Mich macht dieses ständige Schichtengeschnattere ohnehin immer wütender, zumal es bereits in den ganz normalen, täglichen Sprach- und Schreibgebrauch eingeflossen ist. Jede Seuche hat ihre eigene Sprache, und die Seuche Neoliberalismus tut sich dabei ganz besonders hervor. Die neoliberalen, verbalen Notzuchtverbrechen, die leider auch immer häufiger unbewusst von den Gegnern dieser Glaubenslehre übernommen werden, kann ich hier alle gar nicht aufzählen. Die Schichteneinordnung steht dabei zweifellos an der Spitze, und darauf setzt dieser Wüllenweber bereits im Untertitel seines Geschmieres. Das ist die Sprache der Sarrazinaten, Buschkowskys und Co..

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worte, achte auf deine Worte denn sie werden zu Handlungen bzw. Taten. Gerade in diesem Lande dürfte ja noch in Erinnerung sein, wie sich das dann "entwickelt". Aus Unterschicht, Mittelschicht, Oberschicht, wird Untermensch, Mittelmensch, Obermensch bzw. Herrenmensch. Und schon sind aus Gedanken Worte/Begriffe geworden. Der nächste Schritt, die Handlungen/Taten finden bereits statt, indem Menschen immer häufiger nach ihrer Wertigkeit und Verwertung eingeordnet werden: Wert, weniger Wert, gar nix Wert bzw. Unwert. ... Ähnliches gilt, und das soll auch mein letztes Beispiel sein, für "sozial Schwache", eine Begrifflichkeit die mittlerweile rauf und runter getrötet wird. Natürlich soll gerade mit dieser Begrifflichkeit, in Verbindung mit Unterschicht oder niedrige soziale Schichtzugehörigkeit (WZB), die neoliberale Volksseuche in die Köpfe gehämmert werden. Anstatt Einkommensschwache bzw. sozial Benachteiligte, heißt es mal eben, kurz und bündig, "sozial Schwache". Und alles und jeder quarkt diese eindeutige Diskriminierung nach. Menschen als sozial schwach zu bezeichnen, nur weil sie ein geringes Einkommen haben, von staatlichen Transfers leben, oder sich keine Luxuswohnung in so genannten guten Wohngegenden leisten können usw. usw., ist eine Diskriminierung. Eine Frau z.B., die Hartz IV bezieht, und für ihre Kinder eine überaus vorbildliche Mutter ist, verfügt sogar über eine hervorragende soziale Kompetenz bzw. Stärke. Dagegen ist z.B. einer der "Granden des IZA", Klaus Zumwinkel, und von den Zumwinkels gibt es eine Menge, der trotz eines Millioneneinkommens Steuern in Millionenhöhe hinterzieht, mit Fug und Recht als sozial Schwacher zu bezeichnen. Sozial schwach sind auch Autoren, die mit Hetze, Diskriminierung, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit Millionen verdienen. Sozial schwach sind aber auch öffentlich-rechtliche Sender, die dafür noch eine Plattform geben. Von BILD und RTL will ich hier gar nicht reden.

Der Verderb der Sprache, ist der Verderb des Menschen. Wann werden das Politiker, Journalisten, Talker, Nachrichtensprecher und überhaupt Menschen kapieren, die öffentlich auftreten bzw. sich öffentlich in Wort oder Schrift verbreiten? Entweder diese Diskriminierung geschieht bewusst, was ich stark vermute, oder es wird drauf los schwadroniert und geschrieben, ohne vorher den Verstand einzuschalten. Möglicherweise trifft in den meisten Fällen beides zu. ...

flavo 29. November 2012 um 10:43  

Gleich den Sonnenstürmen ragen solche Ausschläge aus der psychischen Homöostase der Mittelschicht. Die psychische Verknöcherung läßt kaum andere Bewegungen zu. Im Hinterkopf wird die Welt nach Objekten abgegrast, an denen sich das gereizte Gemüt erzürnen kann. Die Prätention ist wie ein Schaufelbagger: sie schaufelt und schaufelt mit festem Zielblick Erdreiche um, um in eine höhere Position zu kommen. Derweilen, die Schaufeln schon heißgelaufen, tut man Gruben und Löcher unter sich auf. Probleme werden hier durch Spannungs und Drehzahlerhöhung gelöst. Coping. Bis der ganze Hang zu rutschen anfängt. Das wird wahrgenommen, aber es kann nicht verstanden werden und die Wahrnehmung der äußeren Welt löst Dissonanz aus: ich handle raufwärts, aber ich nehme abwärts wahr. Raufwärts und abwärts, diese zwei Existenzcontainer zermürben den Mittelstand. Viele sind schon unten. Wenige noch oben. Einige noch in der Mitte. Alle lösen unterschiedliche Assoziationen aus im prätentösen Gemüt: die Kollegen der der Mitte: Neid. Die da oben: Bewundernde gedauchte Selbstunterwerfung. Die da unten: hochnäßige Verachtung. Dieses Buch, scheint Ausdruck einer Regression zu sein: das Kind hat es endgültig voll mit den Vätern da oben. Nun rackere ich und die da oben zeigen mir die kalte Schulter. Das ist gemein, so gemein, dass es schon Mitschuld hat am gesellschaftlichen Verderbnis. Es ist ein stümperhafter Warnschuss; die mittelständische Revolution hat ihre vollen Ausmaße hierin schon erreicht. Mehr kann sie nie werden. Und die da unten, verderben ohnehin zusehends alles und schmeißen mir in meine gereizte und strapazierte Gegenwart mit gröhlender Fratze den ganzen Müll der Zivilisation. Ich will nie einer von da unten sein. Das Gewissen türmt ein dunkles Menetekel im Kopf auf bei diesem Gedanken: Angst und Abgrund, Selbstbeschämung und Ausweglosigkeit, das Bild der Selbsteinrollung zu einem kleinen Nichts, Objekt des Hasses, des Spottes und der Häme zu werden, Ignorierung und Degradation. Man kennt dies alles nur zu gut, eingestanden oder nicht, vollzieht man es ja selbst in die andere Richtung. Aber das Gewissen rückt einen selbst in den Bedeutungsstrahl seiner selbst.

Marco 29. November 2012 um 11:01  

Naja, es ist wohl ein allgemeiner Hass gegen alles und jedem der nicht seinem Gesellschaftsverständnis entspricht. Siehe auch hier: http://www.stern.de/politik/deutschland/sexuelle-verwahrlosung-voll-porno-581936.html

Wieder mal die Unterschicht aufs Korn genommen geht es um sexuelle Verwahrlosung.... ein begriff die die Nationalsozialisten prägten. Gemeint waren Frauen die sich unzüchtig verhielten. Ich möchte mir nicht ausmalen, was passieren würde, wenn Leute wie Wüllenweber genügend macht bekommen würde.

alien observer 29. November 2012 um 12:02  

Dass hier und heute eine neue Art faschistoider Diskriminierung von Schwächeren und Minderheiten in Deutschland um sich greift zeigt, dass manche gewillt sind gewissenlos die Verbrechen der Geschichte zu wiederholen.

Der sich immer mehr ausbreitende Klassismus unterscheidet sich in seiner Ekelhaftigkeit in nichts von Rassismus oder Antisemitismus. Die neoliberalen Lobbygruppen und die Partei des Klassismus (FDP) schüren offen und unwidersprochen den Hass auf Arme in unserem Land.

Die panische Angst des Kapitals vor einer (illusorischen) linken Revolution, lässt es in dem einseitig geführten Klassenkampf schon jetzt den Schulterschluß mit einem möglichen neuen Faschismus suchen. Die faschistische Diktatur war dem Kapitalismus (und dem Neoliberalismus) schon immer näher als die Demokratie. Der Aufstand der Armen muss verhindert werden um das Kapital zu schützen, mit aller Macht und Grausamkeit die man aufbringen kann.

»Eine freie Gesellschaft benötigt moralische Bestimmungen, die sich letztendlich darauf zusammenfassen lassen, dass sie Leben erhalten: nicht die Erhaltung aller Leben, weil es notwendig sein kann, individuelles Leben zu opfern, um eine größere Zahl von anderen Leben zu erhalten. Deshalb sind die einzigen wirklichen moralischen Regeln diejenigen, die zum »Lebenskalkül« führen: das Privateigentum und der Vertrag«

- Friedrich August von Hayek, einer der Gründerväter des Neoliberalismus im Interview mit der Zeitung »El Mercurio« in Santiago/Chile 1981.

Paul Reusch 1932: „Nachdem er [Brüning] nicht den Mut hat, sich von der Sozialdemokratie zu trennen, muß er von der Wirtschaft und vom Reichsverband auf das allerschärfste bekämpft werden ... Im weiteren bin ich der Ansicht, daß wir endlich einmal unsere Taktik den Gewerkschaften gegenüber ändern müssen. Die Industrie war bisher zu feige, den Kampf mit den Gewerkschaften mit aller Schärfe aufzunehmen.“
wikipedia:

"http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Findustrie_und_Aufstieg_der_NSDAP“

gutscheine zum ausdrucken 29. November 2012 um 13:33  

sehr guter Kommentar

Anonym 29. November 2012 um 13:40  

Zwei Nachrichten aus dem Text sollten hier von Interesse nochmal hervorgehoben werden - eine gute und eine schlechte.

Die schlechte:
"wonach sogar 99 Prozent keinerlei Arbeitsverweigerung leisteten"
...was wohl leider auch heißt, dass die allermeisten sich eingliedern und das System stützen.

Die gute: Es wird wieder klar von Klassen geredet, also das Gegenteil des Versuchs, alles in einer Mittelschicht aufgehen zu lassen.

Anonym 29. November 2012 um 13:56  

Wüllenberger ist ein Prototyp der Leute, die sich im Moment als ,,Mitte" ausgeben und schnappatmend etwa im ,,Gelben Forum" sich folgen- und einflußlos ereifern. Der klassische feige deutsche Spießer, der sich gerade überlegt ob er sich radikalisieren soll oder nicht. Diese Leute merken zu recht dass es schwerer wird ein hinreichend Selbstwertgefühl aufzubauen - und sie wollen sich nicht eingestehen dass es schon immer so war.

Die Faktenresistenz dieser Leute ist bemerkenswert, aber kaum bezwingbar.

Anonym 29. November 2012 um 14:07  

Bernie: Ich habe das Buch "Asozial im Dritten Reich" -Die vergessenen Verfolgten -von Klaus Scherer 1990. Es enthält eine Aufstellung von juristischen Definitionen der "Gemeinschaftsunfähigkeit" im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie. Darunter fielen "Tunichtgute", "notorische Bummelanten", "Versager", "halbe Kräfte", "Liederliche", "Bettler", "Landstreicher", "Arbeitsscheue", "Müßiggänger" und "Querulanten".

Das war weisser Rassismus gegen eigene, nichtjüdische Staatsangehörige.

Volker Bik 29. November 2012 um 14:09  

Der Grund für solche Bücher ist einfach:

Das neoliberale Spiel soll alles Geld zu den Reichen bringen. Es soll ja ein Feudalismus etabliert werden. Die Armen haben kein Geld. Das Geld, das noch nicht die Reichen haben, hat die Mittelschicht.

Also soll die Mittelschicht bezahlen. Dieses Geld geht dann wieder zu den Reichen. Aber wenn das direkt läuft, dann wird die Mittelschicht hellhörig.

Folglich muss ein Sündenbock gefunden werden. Und dafür eignen sich die Armen sehr gut. Es wird entsprechend uminterpretiert:

Wenn beispielsweise mit einer Hartz-4-"Aufstockung" die Arbeitskosten staatlich subventioniert werden, die ein Reicher sonst hätte, dann wird das so verkauft, als ob der Staat hier einem Armen helfen würde.

In Wahrheit bekommt der Reiche die ganze Arbeitsleistung, bezahlt aber nur einen Bruchteil. Der Rest wird direkt vom Staat übernommen, der darüber hinaus noch die ganzen Unterdrückungsmassnahmen bezahlt, um den Armen in im Leistungszwang zu halten.

Der Staat wird aber zum grössten Teil eben nicht von den Reichen finanziert, sondern von der Mittelschicht. Sie bezahlt beinahe alleine die Sozialkassen. Sie bezahlt den allergrössten Teil der Steuern.

Auf diese Weise finanziert die Mittelschicht die Reichen, und finanziert gleich noch die Unterdrückung der Armen.

Und dann wird ihr weisgemacht, sie müsse eben so viel für die Armen bezahlen. Durch den immer höheren finanziellen Druck beginnt die Mittelschicht die Armen dafür zu hassen.

Ziel erreicht.

Hartmut 29. November 2012 um 15:19  

Dein Artikel ist wie immer treffend beschrieben.

Zusätzlich möchte ich diesmal drei Kommentare hervorheben, von denen ich mich sehr angesprochen fühle:

von Ulli,
Jutta Rydzewski
und Volker Bik

Für mich ist es zusätzlich zu den guten Artikeln die "Wirkkraft" anhand der Kommentare abzulesen....

Dieses möchte ich einfach mal als Dank und Lob für diesen Blog aussprechen....

Zu diesem Thema hab ich mal wieder eines meiner Lieblingsbücher herausgekramt:
Treibjagt auf Sündenböcke, Gordon W. Allport
In der Einleitung ist folgendes vorangestellt:

.... daß also der Bock alle ihre Missetat auf sich in eine Wildnis trage.
3. Mose, Kap. 16 Vers 22

Anonym 29. November 2012 um 15:59  

"[...]Das war weisser Rassismus gegen eigene, nichtjüdische Staatsangehörige[...]"

Die Sache wird noch schlimmer, es waren ja durchaus auch Juden von dieser Ausgrenzung betroffen - Oder gab es damals nur reiche, nichtkriminelle jüdische Mitbürger? Soviel ich weiß haben die Nazis ein ganzes Volk - eben das jüdische Europas - vernichtet.

Die Aufzählung die du hier beschreibst ist übrigens auch interessant, wenn man weiß was sich hinter dem NS-Vokabular versteckt, dass Wolfgang Ayaß in seinem Buch dokumentiert - Nur ein Beispiel "Arbeitsscheue" waren damalige Arbeitslose.....

...oder ein anderes "Landstreicher" (=Jenische, Cinti und Roma - auch "Zigeuner" genannt)....

Die Vorurteile leben bis heute in manchen dt. Hirnen weiter, nur die Begriffe haben sich gewandelt - das sollte man nie vergessen....

Übrigens, dass die Merkel-Regierung auch wieder gegen Jenische hetzt konnte ich selbst hier nachlesen:

"[...]KrWG - Staat bläst erneut zur Jagd auf Schrott; Metall- und Altkleiderhändler!

Der Bundesverband der Jenischen Deutschlands e.V. ( J/B/i/D ) und die IG der Altkleider- und Schrottsammler (IGAS) streiten für das Recht auf die Ausübung der traditionell Minderheitenspezifischen Berufe:[...]"

Quelle und ganzer Text:

http://www.jenische.info

....man glaubt es nicht, aber es wird immer offensichtlicher, dass -wie bereits erwähnt Neoliberale nichts anderes sind als Wohlstandschauvinisten, Klassisten, und Rassisten bzw. Sozialrassisten....

Gruß
Bernie

Anonym 29. November 2012 um 16:08  

Übrigens, via Ungarn - und Polen - ist auch der europäische Antisemitismus auf dem Vormarsch...

Hier nur 2 Beispiele:

"[...]Antisemitismus in der Jobbik-Partei Ungarischer Politiker will Juden registrieren[...]"

Quelle und ganzer Text:

http://www.berliner-zeitung.de/politik/antisemitismus-in-der-jobbik-partei-ungarischer-politiker-will-juden-registrieren,10808018,20984882.html

...und der hier:

"[...]Schächten in Polen verboten

Gericht ignoriert EU-Regelung

Für die einen ist es Tierquälerei, für die anderen wichtiger Bestandteil des religiösen Lebens. Das polnische Verfassungsgericht verbietet das Schächten und löst damit Proteste in den jüdischen und muslimischen Gemeinden des Landes aus[...]"

Quelle und kompletter Text:

http://www.n-tv.de/politik/Gericht-ignoriert-EU-Regelung-article9632451.html

...ich halte das Schächten übrigens auch für Tierquälerei, aber sehe ganz genau um was es sich hier eigentlich handelt, denn obrigkeitsstaatlich wird Juden und Moslems in Polen ein zentraler Bestandteil ihrer Kultur verboten....

...es ist wohl nur eine Frage der Zeit bis in Deutschland ein antisemitischer "Sarrazin" auftaucht, der meint, dass "das doch mal geschrieben werden darf", wenn er gegen jüdische Mitbürger hetzt....

...Osteuropa dient hier wohl, leider, als Vorbild....

Trauriger Gruß
Bernie



Anonym 29. November 2012 um 16:20  

Noch ein Buchtipp, der zu Herrn Walter Wüllenweber paßt - "Neue Nazis - Neue Nazis: Jenseits der NPD: Populisten, Autonome Nationalisten und der Terror von rechts" der Autoren Toralf Staud und Johannes Radke.

Hier wird Sarrazin z.B. auch als Rechtspopulist beschrieben, und zwar auch wegen seiner wohlstandschauvinistischen Aussagen in "Deutschland schafft sich ab"...

...Herr Wüllenweber gehört eben auch zu dieser Sorte Rechtspopulisten...

...interessant ist auch, dass die Medien - ob absichtlich oder unabsichtlich sei mal ausgeklammert - seit Jahren ein längst überholtes, uraltes Bild der Neonazis als Skinheads zeigen -Das Buch ist Aufklärung im besten Sinne für alle, die die heutigen Rechtspopulisten, Autonomen Nationalisten und andere Neuentwicklungen im rechtsextremen Spektrum verstehen wollen....nur mal so am Rande erwähnt....

Anonym 29. November 2012 um 16:24  

In voller Blindheit hecheln sie ihm nach - ihm, der das doppelte Spiel spielt...

Anonym 29. November 2012 um 16:25  

Danke für diese Rezension. Nach eine, heute gelesenen Artiekl in der Feankfurter Rundschau war ich fast versucht das Buch zu kaufen. Das lassen wir dann mal lieber und füllen unsere Zeit mit Nützlicherem...

Heino Ewerth 30. November 2012 um 14:10  

Komisch nur, Herr Wüllenweber wurde und wird immer wieder in den bekannten Talkshows eingeladen. Warum wohl? In einem Land, in welchem es kein Widerspruch mehr gibt, wenn ein ehemaliger Minister öffentlich verkündet: „ Sozial ist was Arbeit schafft“ diese Propaganda gab es in leicht abgewandelter Form schon einmal in der NS Zeit nämlich: „Sozial ist wer Arbeit schafft.“ Nach der Definition wäre ein Arbeitslager eine soziale Einrichtung.

alien observer 30. November 2012 um 15:49  

In den Nachdenkseiten gibts heute einen Kommentar:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=15299#h19

Gelesen?

Lust auf eine Einlassung Dazu?

Hier scheinen die Einschätzungen über dieses Buch auseinanderzulaufen.

Anonym 30. November 2012 um 17:35  

@Alien observer

Schließe mich an, und warte gespannt auf die Einlassung bei Nachdenkseiten von Roberto J. de Lapuente ;-)

Gruß
Bernie

Zoran 30. November 2012 um 18:49  
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Klaus 1. Dezember 2012 um 13:00  

Exemplarisch auch der Niedergang der Frankfurter Rundschau in diesen Tagen. Speziell in Frankfurt war ein Bekenntnis zur Rundschau immer auch eine Ablehnung der FAZ. Ein Nein zur Bankenwelt und ein Ja zur Priorität gesellschaftlicher Anliegen. Und nun gibt es ein Problem: Konservative, die sich bewegen, lernen dazu. Aufstiegsgeschichte! Linke, die sich bewegen, geraten unter Verratsverdacht, vor allem bei sich selbst. Abstiegsgeschichte! Die FAZ bewegte sich, knackte damit das Diskursmonopol der anderen Seite, indem sie beide Seiten übernahm...
Die Linke begreift leider nicht, wie ihr geschieht...

ScherzBischof 1. Dezember 2012 um 19:00  

Ich halte es eher mit Paretos 80:20-Regel:
80% Unterschicht und 20% Oberschicht.
Wenn man die beiden nochmal nach dieser Regel aufspaltet, dann kommt man auf 64% untere Unterschicht, 16% obere Unterschicht, 16 % untere Oberschicht und 4% obere Oberschicht. Die beiden mittleren kann man dann meinetwegen zur Mittelschicht zusammenfassen.

Zwei Bonmots dazu:
"Die Oberschicht kämpft zusammen mit der Mittelschicht gegen die Unterschicht und die Mittelschicht."

"Die Bezeichnung 'Mittelschicht' ist eine Erfindung der Leute die nicht zur Unterschicht gehören wollen und nicht zur Oberschicht gehören dürfen."

Anonym 2. Dezember 2012 um 14:44  

Allein der Begriff "Asoziale" ist eine Frechheit, denn er ist reinstes NS-Vokabular, dass so in die Alltagssprache eingegangen ist, dass keiner mehr merkt, dass z.B. der jüdische Autor Victor Klemperer diese NS-Spracherfindung in seinem epochalen Werk "LTI" - zur Sprache des Nationalsozialismus als Erfindung der Nazis anprangert.

Meist verraten Menschen (=Wüllenberger), die diesen Begriff ins 21. Jahrhundert rüberretten wollen mehr über sich selbst als über die vermeintlich "Asozialen" am unteren Rand der Gesellschaft", die er, und Sarrazin in seinen Büchern meint....

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