Was man heute sagt, wenn man es sagt

Montag, 15. Oktober 2012

Die Sprachregelung, die die neoliberale Agenda in den öffentlichen Raum installierte, ist eine selbstsüchtige. Sie ist es nicht nur, weil sie etwaige Egoismen der Teilnehmer fördert und letzthin sprachlich verwurstet hat. Sie ist es auch - und viel mehr! - weil jede Aussage, jeder Vergleich und jeder Verweis zur überprüfenden Selbstbestätigung des neoliberalen Gesellschaftsentwurfes herangezogen wird. Wie eine selbstsüchtige Freundin oder Bekannte, die fragt, wie es einem gehe, die die Antwort noch kurzatmig abwartet, sie jedoch kaum noch vernimmt, um just mit der Ausbreitung der eigenen Befindlichkeit anzufangen. Die neoliberale Sprachregelung nutzt bestimmte Aussagen als Stichworte, um das eigene Wohlergehen zu loben, um sich selbst weihevoll in Szene zu rücken.

Spricht man beispielsweise die griechischen Missverhältnisse an, die es durchaus gibt, dann heißt das automatisch auch, dass diese Form von Missverhältnissen in diesem sauberen System hierzulande nicht existieren. Fakelaki zu benennen heißt vor allem, dass über Korruption in Deutschland nicht gesprochen werden muss. Die Rangliste der Korruption von Transparency International stimmt dem auch zu. Ist es denn kleinlich festzustellen, dass die Korruptionsquote in Deutschland auch deshalb so niedrig liegt, weil sie dank Regierungsprogrammen wie "Moderner Staat - moderne Verwaltung" kanalisiert werden? Dabei handelt es sich um ein Programm, bei dem Angestellte aus der Wirtschaft in Ministerien arbeiten und bei Gesetzesentwürfen mitwirken dürfen, wobei sie weiterhin von ihrem Arbeitgeber aus der Privatwirtschaft bezahlt werden. Fakelaki anzumahnen und für falsch zu befinden, wäre ja eigentlich richtig - aber die Sprach- und Konnotationsregelungen im neoliberalen Deutschland machen, dass die Verurteilung von Fakelaki zur Gratulation der eigenen innerpolitischen und wirtschaftlichen Konstitution führen. Wie gesagt, es scheint wohl kleinlich zu sein darauf hinzuweisen, dass wir Fakelaki als Regierungsprogramm und als mittlerweile übliche Praxis in Ministerien haben.

Dafür gibt es viele Beispiele. Sagt man im Neoliberalismus, dass es den Menschen in Griechenland oder Spanien oder Portugal nicht gut geht, so sagt man eigentlich: In Deutschland geht es uns besser! Sagt man, im Sudan wird massenhaft gelitten, so besagt die Sprachregelung: Froh sein und Arbeit haben, das ist unser Glück! Sagt man, Putin ist ein Despot, so sagt man damit mehr, als man artikulierte, denn man sagt auch: Über Despoten sind wir hierzulande hinweg! Die Sprachregelung lehrt, dass was gesagt wird, immer auch anders begriffen werden kann. Sie ist stets die Regelung darüber, wie man zu empfinden hat - Worte und Sätze nähren oder töten, fördern oder würgen Gefühle.

Bleiben wir mal aktuell. Wenn man sagt, dass die Energiewende kostspielig wird, dann ist das keine Aussage, es ist die Einleitung zu einem lobbyistischen Programm, zu schüchtern gestellten Fragen, ob man nicht doch noch etwas am Atomstrom festhalten soll, ob man nicht zu blauäugig war. Jede Äußerung über den möglichen Preis einer solchen Wende, ist gleichzeitig schon das Einfalltor für die, die weiterhin an Reaktoren verdienen wollen. Der neoliberale Verständniskodex macht, dass objektive Aussagen zu ihrem Gegenteil werden, zu affirmativen Satzfetzen.

Natürlich ist der Islam auch archaisch. Das kann man gar nicht leugnen. Vieles scheint nicht in die moderne Welt zu passen, wobei zu sagen ist: nicht in die moderne Welt, wie sie sich der Westen denkt. Nur kann man dergleichen wie mit den archaischen Affekten nicht sagen, ohne gleich Konnotationen wachzurütteln. Die lauten dann dergestalt, dass der Islam brutal sei, blutig und gewaltbereit, unaufgeklärt und freudlos, gemein und hinterlistig. Das Fremde ist immer das Schlechte - gerade dann, wenn dieses Fremde die Dreifaltigkeit aus Privatisierung, Deregulierung und Freihandel, also den Washington Konsens, nicht inbrünstig lebt. Im öffentlichen Diskurs des Neoliberalismus gibt es keine Abstufungen mehr, kritisiert man Aspekte innerhalb des Islam, so sagt man im Neoliberalen eigentlich damit: Der Islam ist ein Auslaufmodell und unserem westlichen Lebensentwurf gehört die Zukunft.

Bei Ingo Schulze findet sich eine Passage, die vortrefflich ausdrückt, wie die Sprach- und Verständnisregelung heute funktioniert. Er schreibt: "Heute wäre ich vorsichtig mit diesem Begriff. Nicht weil ich meine Meinung über das Gesagte geändert hätte, ganz im Gegenteil. Aber im politischen Kontext der Gegenwart und zweiundzwanzig Jahre nach dem Ende der DDR ist "Unrechtsstaat" eine zu undifferenzierte Beschreibung. Heute bedeutet er vor allem: Über einen Unrechtsstaat brauchen wir gar nicht erst zu reden, das hat sich erledigt!" Das ist auch der Grund, warum sich Linke weigern, den Begriff auf die DDR zu münzen - nicht nur, weil die DDR eben nicht vergleichbar war mit dem NS-Staat, wie man das teilweise schon lesen musste. Sondern eben auch, weil mit Verunrechtsstaatlichung der DDR gemeint ist, dass es in der heutigen BRD kein Unrecht mehr gibt. Die DDR ist der Prellbock, sie übernimmt das Unrecht und die Ungerechtigkeit in ihre Annalen und streicht sie von der gegenwärtigen Agenda des Neoliberalismus.

Wenn man im Neoliberalismus beispielsweise iranische Politiker kritisiert, dann kritisiert man nicht einfach aus neutraler Warte aus, man füttert mit solchen Äußerungen den ihm immanenten Imperialismus. Vergessen sei an dieser Stelle, dass man iranische Politiker kaum kritisieren kann, weil man im Neoliberalismus nie weiß, was wahr ist und was verwahrheitet wird, also zur Wahrheit modelliert - die Systempresse macht Kritik lächerlich, weil sie wahr sein kann oder nicht, weil man somit Wahrheiten kritisiert oder eben Redaktionsphantasien.

Er giert nach Aussagen, um daraus seine eigenen Wahrheiten zu stanzen; jede Aussage, selbst - und gerade! - eine neutral gemeinte, kann verwertet werden. Das neoliberale Weltbild ist eines, in dem alles verwertbar ist. Menschen sind es, Ressourcen sowieso - das Leid von Menschen kann Mehrwert bringen, Krankheit ohnehin. Mit leidenschaftsloser Verwertungsdenke reißt er sich selbst wertfreie Aussagen unter den Nagel und nimmt ihnen ihre Wertfreiheit, um sich wertvoll zu machen - wertvoll für die eigenen Absichten und Ziele, für die eigene Reinwaschung und Rechtfertigung, zur Selbstbestätigung und Relativierung seiner Schuld.

Der Neoliberalismus erlaubt und fördert daher nur Radikalopposition - Positionen, die dazwischen lavieren, arten stets zu seinen Gunsten aus. Er ist auf dem Feld der Worte und Sätze, was er materiell ist: ein Hegemon und Tyrann. Sagte man nun, dass auch der Kapitalismus Entwicklungen fixierte, von denen wir heute profitieren können, so sagt der Neoliberale darauf: Siehste, es gibt eben doch keine Alternative! Wer denkt schon noch an Marx, der den Kapitalismus als Vorstufe zur Vergesellschaftung ansah? Und wer denkt schon daran, dass der real existierende Entwurf seinerzeit diese Vorstufe nicht kannte, sie aber gebraucht hätte und ausgleichen musste? Das sind Prämissen, die die neoliberale Kommunikationsstrategie außerdem tunlichst totschweigt.

Die Sprach- und Kommunikationsregelungen in diesem System sind ein loses Gewirr an Stimmen, die abgeschnitten und dumpf klingen, die aufgreifen, was sie hören und darunter verstehen wollen. Es gibt keine Sprache im Neoliberalismus und es gibt dort auch keine Kommunikation - all das fühlt sich nur zuweilen so an. Es sind Fassaden von Verständigung mit einer Wirklichkeit, die es nur als Fassade gibt, nicht als Fundament.



9 Kommentare:

baum 15. Oktober 2012 um 07:25  

der neoliberalist wirft seinen gegner ständig mißbrauch vor - wie heute wieder von friedrich zu hören war, der den asylsuchenden die bundespolizei auf den hals schicken will.

die aus unlauteren motiven handeln (wie z. b. die finanz-zocker), unterstellen der gegenseite (den verarmten) ständig unlautere motive.

Anonym 15. Oktober 2012 um 08:17  

Am Mißbrauch des Wortes Freiheit läßt sich der Neoliberalismus gut nachvollziehen. Der Freiheitsbegriff wird einseitig vom Neoliberalismus eingenommen, und auf einer individuellen Ebene entstellt. Immer wenn ich Neoliberale über Freiheit sprechen höre, muss ich an Franklin Roosevelt denken, der vier Hauptfreiheiten in der Freiheit der Rede, der Religion, vor der Not und vor der Furcht zurecht identifiziert hat. Die beiden ersten Freiheitsformen tauchen bei Neoliberalen noch auf, die beiden letzten werden schlicht ignoriert. Angst und Armut sind nicht mit Freiheit vereinbar. In der letzten Sendung von Precht mit Mathias Döpfner als Gast fand ich die Aussagen des Mannes bezeichnend. Auf die Kernfrage nach dem Auseinanderdriften der gesellschaftlichen Verhältnisse zwischen Arm und Reich wußte er keine Antwort zu geben, dies ist ebenfalls ein Merkmal einer neoliberalen Weltsicht. Auf die Verteilungsproblematik wird einfach nicht eingegangen. Die Trickle-Down-Ökonomie wird stattdessen als altbekannte und natürliche Lösung verkauft. Der Liberalismus wurde in den letzten Jahrzehnten durch partikuläre Interessen eingenommen und in ihren Sinne umgewandelt. Somit ist nicht nur der Sozialismus im 20. Jahrhundert gestorben, sondern mit ihm ebenfalls der Liberalismus.

Anonym 15. Oktober 2012 um 09:39  

Nur mal kurz zu Transparency International und deren Index: Häufig wird unterschlagen, dass es sich dabei um einen "corruption perceptions index" handelt: d.h. es wird gemessen wie korrupt ein Land *erscheint*. Ein Land kann also auf dem CPI weit oben stehen weil es weniger korrupt ist, oder weil es erfolgreicher im Verdecken von Korruption ist...

Anonym 15. Oktober 2012 um 13:54  

starker text!

Anonym 15. Oktober 2012 um 15:07  

Herr de lapuente, sie laufen in diesen tagen zur höchstform auf.
Ich habe sie eine zeitlang aus den augen verloren, weil, auch weil ich schwer mit existenzsicherung zu tun hatte. Nun entdecke ich sie gerade wieder.

Und kann ihnen sagen: sie legen den finger so sehr in die wunde, daß es weh tut. Sie sind also sehr nahe dran.
Und dies gerade auch deshalb, weil sie immer auch den sprachlichen aspekt im blick haben und wie sich neoliberalismus auch in der sprache äußert und diese mit verändert. Denn auch das prägt uns ja entscheidend mit.
Es gibt diesen schönen spruch (den ich jetzt mal aus dem gedächtnis zitiere): wenn die worte nicht stimmen, stimmen die begriffe nicht. Wenn die begriffe nicht stimmen, wird die vernunft verwirrt. Wenn die vernunft verwirt ist, gerät das volk in unruhe. Wenn das volk unruhig wird, gerät die gesellschaft in unordnung. Und dann ist der staat in gefahr. (konfuzius, meines wissens)

Sie haben mit diesem artikel sehr schön herausgearbeitet, daß es sogar noch um mehr geht als nur um manipulation. Denn diese setzte ja ein absichtsvolles tun voraus. Bei dieser manipulations-diagnose war ich selbst bisher stehen geblieben. war damit aber zunehmend auch etwas unzufrieden, denn das traf es nicht ganz (mehr).
Ich ihnen daher darin, daß das problem sogar noch viel gravierender ist.

Was ich so schlimm finde daran, ist folgendes: tut ein mensch so etwas, so hat der psychologe verschiedene möglichkeiten der kategorisierung und sprachlichen benennung. Im allgemeinen sind dies verhaltensformen, die dem kreis der 'persönlichkeitsstörungen' zuzuordnen sind. Bis hin zu psycho/soziopathischem verhalten. Das abspalten von wirklichkeiten bzw das übertragen auf jemand anderen (projektion) gehört dabei so gut wie immer dazu.
So wie hier von ihnen beschrieben für die neoliberalisten.

Mir stellt sich schon seit einigen jahren die frage (seit ich die zunehmende pathologisierung registriere und zu begreifen/analysieren suche): kann man die gleiche diagnose auch einer gesellschaft stellen? Einem land, einer nation, einem kulturkreis wie dem der westlichen industriestaaten?
Und wie ist damit umzugehen? Wie richtet man sich darin ein, ohne selbst angesteckt zu werden, ohne selbst krank zu werden? Die frage konnte ich mir bisher noch nicht endgültig beantworten...

Konyhakert

Anonym 15. Oktober 2012 um 15:14  

"Im öffentlichen Diskurs des Neoliberalismus gibt es keine Abstufungen mehr"

Aber was ist mit der Abstufung, wenn Du an anderer Stelle sagst, der Faschismus heute trete nur in einem anderen Gewand auf als im Dritten Reich, Existenzen würden heute nur auf andere Weise vernichtet - geht es da nicht darum, eine Abstufung zu verringern, die Dir im öffentlichen Bewußtsein als zu groß erscheint?

Roberto J. De Lapuente 15. Oktober 2012 um 15:16  

Ich glaube du hast nicht verstanden, was ich im Text schreibe. Ein an den Haaren herbeigezogener Ansatzpunkt, etwas zu entkräften, was vage nicht genehm ist.

Anonym 15. Oktober 2012 um 15:24  

was hat denn das mit dem text zu tun. dont feed the troll!!!!

Anonym 16. Oktober 2012 um 22:43  

Sehr schön durchdachter Artikel.

Auch ich fragte mich schon mal, wie schreibe ich was, damit es wirklich verstanden und nicht verwässert wird.

Es fehlt die eindeutige, kritikfreudige und offen legende Sprache, die den Schleier der Verfälschung mit einem Ruck von den Aussagen zieht.

Es ist richtig. Der Neoliberalismus kapert alles und verleibt es sich ein. Auch die Sprache, die Wahrnehmung, die Wahrhaftigkeit, weil zu viele Medien da mit machen.

Es scheint modern zu sein - zu täuschen.

Auch, wie ich in einem Kommentar über die Freiheit gelesen habe, will ich mich nicht groß einlassen.
Aber wie Gauck über Freiheit redet, redet er sie kaputt. sie liegt am Boden und schnappt nach Luft - und Gauck und zu viele andere sehen die Tatsachen nicht. Auch das Beispiel für den Friedensnobelpreis für die EU.

Alles Zeichen von Verblendung, von Wahnsinnigen oder Drogenabhängigen, die die Realtität nicht mehr wahrnehmen. Sie grenzen sie aus und be-reden das, was sie sehen wollen werden.

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