Trauer in Zeiten des Internets

Dienstag, 9. Oktober 2012

Der Tod eines Menschen in Zeiten des Internets bedeutet, ihm einen letzten Klick, ihm einen letzten Kommentar, zwei, drei Sätze, bevorzugt ohne Groß- und Kleinschreibung und mit Rechtschreibfehlern, zu schenken, die man in ein Kondolenzbuch tippt, das nichts weiter ist, als die zweckentfremdete Kommentarspalte unter einem tränenkitzelnden Bericht. Und dann ist da noch das R.I.P., das obligatorische R.I.P., das etwas spirituell, auch bramarbasierend getippt wird. R.I.P., requiescat in pace - und dann Schmalzgetipp dahinter wie: Du wirst immer in unseren Gedanken weiterleben. R.I.P.! Tausendfach gehörte, gelesene Trauerplattitüden in Zeiten des Internets.

Routinierte Pseudo-Trauer

Der Tod einer Person, die für die Öffentlichkeit in einer irgendwie gearteten Weise von Interesse war, galt stets schon als ein mediales Ereignis, das mit viel unwürdigem Gebaren abgeschritten wurde. Schon vor dem Internet schmalzte der prominente Tod ordentlich. Die Möglichkeiten, die das Internet eröffnete, jedem Menschen mit Zugang, einen kurzen Augenblick der Öffentlichkeit zu schenken - weitaus weniger als Warhols berühmten 15 Minuten; ja weitaus weniger als 15 Sekunden! -, modifizierten zu diesem nichtswürdigen Gehabe auch noch die Lächerlichkeit des flüchtigen Gefasels. Der R.I.P.-Shitstorm ist das technologisch machbare und garantierte Versprechen, seinen unqualifizierten Kondolenzsenf zu Trauerfällen abzugeben, von denen man vormals in Wort und Schrift noch ausgeschlossen war.

Trauerarbeit generiert sich heute in Fällen von öffentlichen Interesse zu einem Massenspektakel. Das war immer ähnlich, jedoch nie so kurzatmig, wie in Zeiten, da ein Gefällt mir!-Button eine ganze Lebenseinstellung auszudrücken scheint. Die Anteilnahme einer Gruppe von Menschen, die man verkürzt und vereinfacht, als virtuelle Trauergemeinde begreifen könnte, begrenzt sich auf einige Sekunden. Nach dem Klick und dem Getippe der Anteilnahme ist vor der Anteilnahme. Der nächste berühmte Tod kommt bestimmt - dieselben Sprüche und Sentenzen bleiben. Es ist ein ritualisiertes Als-ob-Mitempfinden, eine der Schnelllebigkeit des Mediums geschuldete Pseudo-Beileidsbekundung, die in fester Cyber-Liturgie abgestrampelt wird. Da Meinungsfreiheit gerne damit verwechselt wird, zu allem und jedem eine Meinung haben und äußern zu müssen, hat auch der Tod einer Person von öffentlichen Interesse kommentiert zu werden. Unkommentiert zu sterben, scheint die virtuelle Trauergemeinde als schlimmste Schmach für einen Verstorbenen zu halten. Ein Satz muss doch drin sein, eine Poesiealbumsweisheit kann man doch noch schnell unterbringen. Etwas Zeit, wir reden von Sekunden, soll schon gewidmet werden. Und da man es regelmäßig tut, ist die Pseudo-Trauer auch nur schnell abspulbare Routine, benötigt keine Nachdenkfristen.

Über LOL zu R.I.P.

Relativierend läßt sich sagen, dass die Kommentarspalten oder die Foren, welche mittels Netzzugang jedem offenstehen, nur die tief sitzenden Affekte der Anteilnahme auslöst, die in jedem Menschen verborgen liegen. So kann er sie ausleben, muss sie nicht in sich aufstauen, kann er sie wenigstens tippend hinausschleudern und sich davon befreien. Man könnte aber auch behaupten, dass dieser Zugang erst solche Bedürfnisse schafft, die es nicht geben würde, wenn man sie nicht befriedigen könnte. Weniger abstrakt gesagt: Wo kein Senf absonderbar ist, da kein Betätigen der Senfmühle. Erst die Möglichkeit schafft Trauergemeinden, die es so nicht gäbe (und die auch nur begrifflich solche sind).

R.I.P. ist dabei zur Modeabbreviatur der Trauernetzkultur geworden. Stumpfe Sprüche, zwischen Abendbrot und Abendfilm getippt, zieren den pietätlosen Massenauftritt solcher Ereignisse. Als kürzlich Dirk Bach starb, gestaltete sich diese Peinlichkeit so, wie sie sich in Zeiten des Internets seit langem zeigt. Kaum läuft die Nachricht über den Ticker, kaum sind die ersten Kurzmeldungen raus, die einen Kommentar zulassen, wird ordentlich ge-R.I.P.-t. In Facebook hohle Phrasen, via Twitter vereinzelte Sätze der teilnehmenden Teilnahmslosigkeit, Kommentarspalten und Foren voller vorgefertigter Trauerfloskeln. Und immer wieder dieses R.I.P., von dem man ausgehen muss, dass die Hälfte der Verwender nicht weiß, was es bedeutet - womöglich meint man, es handelt sich um eine Abkürzung aus dem Netzjargon wie LOL oder IMO. Dass es aus einem Psalm stammt - wer aus dem Trauerflashmob ahnt das auch nur vage?

Der Preis der Freiheit

Das Internet hat unglaubliche Prozesse losgetreten und das Leben verändert - das ist ein Allgemeinplatz, aber dennoch wahr. Es kann nützlich sein und gleichermaßen völlig nutzlos. Prozesse wie jene, dass alles einer Shitstormisierung unterworfen wird, was überhaupt shitstormbar ist, sind Nebeneffekte, die sich auch nicht wegregulieren lassen. Ein freies Netz muss wahrscheinlich die Schattenseite, die zur Schau getragene Pietätlosigkeit und abgeschmackte Zu-allem-was-zu-sagen-haben-Unkultur ertragen können. Das ist der Preis eines Mediums, das für jeden relativ frei zugänglich ist. Wenn der Preis nur nicht so geschmacklos wäre ...



18 Kommentare:

Drahtwerker 9. Oktober 2012 um 07:47  

Bravo!
Ich besitze gar nicht so viele Hüte wie ich gerne ziehen würde.
So WAHR ist das.

Inglorious Basterd 9. Oktober 2012 um 08:20  

Deutschland hat da nun mal enormen Nachholbedarf in Sachen Trauersimulation. Nach dem Krieg trauerten viele um den Führer, nicht um die Massenmorde (Siehe M. und A. Mitscherlich: "Die Unfähigkeit zu trauenern".)

maguscarolus 9. Oktober 2012 um 09:03  

Wenn Millionen von Trotteln plötzlich zu Wort kommen können muss mit Dummheiten und Geschmacklosigkeiten gerechnet werden.

Was für ein Glück nur, dass niemand es lesen muss.

Hartmut 9. Oktober 2012 um 09:39  

Die Trauer,das Trauern ist dem kapitalistisch-neoliberalistischen Menschen abhanden gekommen.
Das Vertrauern und Verinnern findet nicht mehr statt.

Die schnellebige Zeit, die mit dem Internet vorerst ihren Höhepunkt erreicht hat, will vom Tod nichts wissen; er wird verdrängt und als Feind gesehen. - Vermutlich, weil wir ihn noch nicht beherrschen....

Der Begriff Trauerarbeit stößt mir auf - entweder ich trauere oder ich arbeite.... beides gleichzeitig halte ich für schwer vereinbar. Schlicht, es ist ein Unwort.

Deutlich wird die Unfähigkeit zu Trauern in Traueranzeigen mit dem Satz: "Von Beileidsbekundungen bitten wir Abstand zu nehmen."

Auf den Punkt gebracht: Trauer passt nicht ins System und wurde daher abgeschafft...

Hartmut

Volker hört die Signale 9. Oktober 2012 um 12:00  

Wenn man nur will, kann man sich über alles aufregen...

Wenn plötzlich jeder eine Stimme hat, muss man eben damit rechnen, dass auch Leute davon Gebrauch machen, die man nicht hören will.
Und wenn jemand stirbt, mit dem man viel verbindet (Millionen Menschen kannten und schätzten Dirk Bach und verbinden vieles mit ihm), stirbt, will man eben auch seine Betroffenheit äußern. Das den Allermeisten dazu nichts Besseres einfällt als "RIP" ist nicht weniger bedauerlich und nervig als die überzogenen, von einander und vor allem Wikipedia abgeschriebenen Elogen professioneller Nachrufer (viele Nachrufe hatten einen erstaunlich ähnlichen Wortlaut) und die pseudobetroffenen Metakritiken selbsternannter Intellektueller, die sich von der Masse absetzen wollen.
Ob Sie es wollen oder nicht, erkennen oder nicht, Sie sind ebenso Teil des Kondolenzrituals wie all die Jack the RIPper, der auf facebook einen Kurzkommentar liked.

Und dieses Ritual ist so viel älter als das Internet. Die Kondolenzkarten, die Ihre Oma bekommen hat, sieht niemand, dass die immer ehrlicher Trauer entsprechen, ist fragwürdig (es ist eben ein Trauerritual - wer aufm Dorf wohnt, bekommt von allerlei Leuten ein "Mein Beileid" zugeworfen, weil "man sich aufm Dorf eben kennt und betroffen ist", auch wenn man sich überhaupt nicht kennt, und ob Caligulas Neffen nach dessen Ermordung nicht Briefe aus Spanien und Kleinasien bekam, ist auch unwahrscheinlich.

Das "RIP" ist nur das digitale "Mein Beileid", also drauf geschissen! Es gibt die, die das für nötig halten, die die das ehrlich empfinden, und die, die ihre Betroffenheit anders äußern oder ehrlich dazu stehen, dass sie nicht betroffen sind. Drauf geschissen! Lasst den Menschen doch ihre Freie Rede, man muss nicht alles kritisch hinterfragen, wenn niemandem geschadet wird. Und ich sehe nicht, wie Ihnen geschadet wird, wenn jemand öffentlich um Dirk Bach trauert, ihre Trauer wird dadurch nicht abgewertet, sollten Sie trauern und es anders formulieren, und wenn Sie nicht trauern, kann es Ihnen doch eh scheissegal sein.
Ich fand's vielfach auch heuchlerisch - aber das ist eben die Quintessenz von Ritualen.

PS: Irgendwie regt es mich auf, jetzt selbst Teil des Rituals geworden zu sein, indem ich den Pseudointellektuellen in seiner Arroganz angreife und mich ausgerechnet auf die Seite der Hornochsen stellen musste. Shame on you, Lapuente! ;)

Anonym 9. Oktober 2012 um 14:19  

wenn alle das wort haben können auch idioten das wort schwingen. das internet fabriziert mehr scheisse als alles andere. wenn ich dieses rip schon lese würde ich am liebsten in die rippen hauen.

Roberto J. De Lapuente 9. Oktober 2012 um 14:23  

Das "Mein Beileid" ist sicherlich auch ritualisiert, wenngleich die Rituale auf dem Dort wenigstens theoretisch (und vielfach praktisch) auch mit wirklicher Anteilnahme, heißt mit Unterstützung und Hilfe in der schwierigen Zeit nach dem Tod, einhergeht. Das Wort Betroffenheit ist etwas, was ich ohnehin immer schwer verstand - der Tod in der Ferne, er betrifft mich ja nicht. Wenn ich Zeilen zu Kreißler oder Saramago formulierte, war es nicht Betroffenheit, deren Tod betraf mich kaum, denn lesen und hören kann ich sie noch immer. Es war eher Sentimentalität, die Einsicht, dass Menschen gegangen sind, die mit ihrem Wirken dem Mainstream entgegenstanden - und dass es solche Menschen immer seltener gibt.

Anonym 9. Oktober 2012 um 14:37  

"Der R.I.P.-Shitstorm ist das technologisch machbare und garantierte Versprechen, seinen unqualifizierten Kondolenzsenf zu Trauerfällen abzugeben, von denen man vormals in Wort und Schrift noch ausgeschlossen war." <---- hammergeiler satz!!!

Volker hört die Signale 9. Oktober 2012 um 14:47  

Dann sind Ihre und meine Erfahrungen auf dem Dorf vielleicht einfach andere.
Das ist aber gar nicht der Punkt.

Es geht darum, dass Ihr Empfinden bezüglich des Todes anderer offenbar von der Norm abweicht. Vielleicht mehr, vielleicht weniger als meines, da mir der Tod als solcher überhaupt nicht Nahe geht, weil ich da eine halbwegs fernöstliche Einstellung habe ("Der Tod ist ein Teil des Lebens und sicher nicht das Ende" - die Deutung überlasse ich jedem selbst, meine ist recht atheistisch-philosophisch). Es bedeutet mir einfach nichts in gesellschaftlichen Formeln zu "trauern"...
Es gäbe aber diese gesellschaftlichen Rituale (und das facebook-RIP scheint sich gerade als eines zu etablieren) nicht, wenn es nicht offensichtlich ein individuelles Verlangen danach gäbe. Und wenn es das Verlangen danach gibt, sollte man dem Volk geben, wonach es dem Volke verlangt - man kann's abstoßend finden oder langweilig, nervig oder auch gut, geschadet wird dadurch sicher niemandem, darum sollte man es einfach tolerieren "und gut is".

Und um die Perpektive mal umzukehren: Nehmen wir an, Sie seien Dirk Bachs Lebensgefährte; Ihr geliebter Dirk Bach, einem Millionenpublikum bekannt, stirbt nun eines Tages völlig überraschend - und niemanden scheint es zu kratzen; wäre das nicht irgendwie unangenehmer als lauter Deppen, die das Netz vollRIPpen? Zumindest dann, wenn Sie eine andere Einstellung zum Tode haben, als ich oder Sie?

Roberto J. De Lapuente 9. Oktober 2012 um 14:59  

Diese Perspektiv-Umkehrung ist blanker Unsinn und steht dem, was Sie vorher schrieben, gänzlich entgegen. Und dem Volk geben, was das Volk verlangt... so einfach kann das manchmal sein, oder? Mit Trauer hat der Zirkus ohnehin nichts zu tun, es ist in gewisser Weise die Selbstdarstellung der Masse, die glaubt, ihre Anteilnahme, die nichts weniger ist als "Ich will auch was dazu sagen!", sei von einer irgendwie gesitteten Bedeutung. Wenn die Leute das so machen wollen, kann man dagegen nichts machen - es bleibt deswegen dennoch geschmack- und pietätlos.

Dem Volk also geben, was das Volk will? Arbeitslager? Todestrafe für bestimmte Vergehen? Totsparen als ökonomischen Weg?

Anonym 9. Oktober 2012 um 15:07  

volker du hast einen schatten wenn du meinst das facebooktrauerspiele ein gesell. ritual werden. das rip ist total blödsinn und wer es benutzt kann kein normales anstandsgefühl haben.

Roberto J. De Lapuente 9. Oktober 2012 um 15:08  

Dass Volker gesellschaftliche Rituale mit unbedachter Klickunkultur im Internet verwechselt, ist eine Geschichte - einen Schatten hat er deshalb aber nicht gleich.

Anonym 9. Oktober 2012 um 15:18  

Nur Virtuelle haben keinen Schatten.

der Herr Karl

Micha 9. Oktober 2012 um 15:22  

Also ich habe das RIP + 1 Satz auch schon mehrfach wie Tausende andere benutzt - beim Tod von Musikern, mit deren Musik mich etwas verbindet.
Genauso wie andere Leute vielleicht mit der Erscheinung von Dirk Bach etwas verbindet.
Den Schuh, den mir der Blogschreiber dafür anziehen will, den ziehe ich mir aber nicht an.

Roberto J. De Lapuente 9. Oktober 2012 um 15:32  

Man könnte das alles übrigens auch als die SMSisierung der Anteilnahme bezeichnen - wäre wahrscheinlich sogar der bessere Titel gewesen.

Anonym 9. Oktober 2012 um 15:39  

"Die Trauer eines Menschen lässt sich besser aus seinen Tränen erschließen als aus seinen Worten." Lue Bu We

RSOP 9. Oktober 2012 um 15:40  

Das Internet als öffentliches Kondolenzbuch. Das R.I.P. als Synonym der trauernden Sprachlosigkeit. Warum nicht?

Anonym 9. Oktober 2012 um 15:46  

"die SMSisierung der Anteilnahme - wäre wahrscheinlich sogar der bessere Titel gewesen."

Dann wäre die Pointe mit der Cholera allerdings dahin.

der Herr karl

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