Ein hochgeschlafenes Avatar

Freitag, 5. Oktober 2012

Bislang habe ich zur so genannten K-Frage oder K-Entscheidung geschwiegen. Dies ist als Weigerung zu verstehen, diesem Schattenspiel einen irgendwie gearteten Anschein von Realität zu verleihen. Hinter der Leinwand ist alles nur Pappe. Und welche Namen kandidieren, hat mit der Wahrheit nichts zu tun. Die lautet nämlich so: K-Frage entschieden! Der Neoliberalismus kandidiert erneut. Er schickt zwei Kandidaten ins Rennen. Die SPD versucht es nochmals mit Schröder, nennt ihn aber nun Steinmeier - Verzeihung: Steinbrück. Man kommt an Namen und Inhalten so leicht durcheinander. Namen halt, Schall und Rauch im Falle dieser Sozialdemokratie.

Steinig wird es allemal. Ich habe mich lange zurückgehalten, die K-Entscheidung auch nur wahrnehmen zu wollen. Nur was habe ich erwartet? Das Theater um diese selbstbewusst gemachte SPD, die dem Stimulus Steinbrück seltsame Zuckungen verdankt, ist jedenfalls unerträglich.

Steinbrück ist jene Figur des neoliberalen Theaters, die sich für die Deregulierung der Finanzmärkte aussprach. Dieser heute als Experte geltende Kasperle hat noch kurz vor Kenntlichmachung der Wirtschafts- und Finanzkrise erklärt, dass es keine Aussichten auf Krise gebe - alles laufe grandios; es gebe keinen Reformbedarf, kein Umdenken sei notwendig. Nun erzählt dieser Kerl aber, dass die Banken Investment- und Privatkundengeschäft trennen müssen - was nicht falsch ist. Erinnert an das goldene Zeitalter, von dem unter anderem Krugman und Reich schrieben; mit dem Zeitalter war gemeint: als der US-amerikanische Staat noch vorgab, dass beide Bereiche nicht gemixt werden dürften. Bis die Reaganomics kamen und deregulierten. Steinbrück wirkt wie ein zum Brandherd geholter Feuerwehrmann, der noch rechtzeitig den Brandbeschleuniger versteckt und sich die rußigen Hände gewaschen hat.

Es war jener nasalrhetorisierende Typ, der mal sinngemäß meinte, dass sich Politik ausschließlich um die zu kümmern habe, die Leistung bringen, die einer Arbeit nachgehen, die also ordentlich und anständig sind. Steinbrück ist die steinerne Brücke, die man dem Mittelschichtstheorem schlägt - das ist jenes New Labour-Konstrukt, welches Owen Jones in seinem Buch so blendend entblätterte. Und ausgerechnet der soll nun die Schere zwischen Reichtum und Armut zusammendrücken?

Wenn es unbedingt ein Agendist sein musste, hätte es mehrere Optionen gegeben - so gut wie alle, die Schröders Kurs unterstützt oder wenigstens toleriert haben. Der Name ist also egal, der Griff ins Becken potenzieller Kandidaten wäre immer ein Griff in die Scheiße gewesen - die K-Frage war von Anfang an nur die Frage, wie tief man in das K, das für Kacke steht, eintauchen muss, um einen Kandidaten herauszuholen, der den eingeschlagenen neoliberalen Kurs mit wehenden Fahnen vorantreiben wird.

Steinbrück hat sich indessen glänzend hochgeschlafen. Er hat geschlafen, als die Probleme augenscheinlich genug wurden, um dem entgegen zu lenken; er hat geschlafen, als seine Partei unter Schröder die letzten Zuckungen aus ihrer Zeit aus der Arbeiterbewegung einstellte; er hat geschlafen, als die Agenda 2010 sich anschickte, die Schere zwischen Reichen und Armen so sehr auseinanderzureißen, dass die mittig angebrachte Schraube abzureißen drohte; er hat geschlafen, als die Spekulativwirtschaft an den Rand der Katastrophe wies. Wer so viel geschlafen hat, der hat sich wahrlich dazu hochgeschlafen, Kanzlerkandidat im real existierenden Neoliberalismus zu werden.

Man konnte dieser SPD nie trauen - als Gabriel den Vorsitz übernahm, las man etwas davon, er wolle die Partei neu ausrichten. Von den alten Seilschaften hat man sich nie getrennt. Steinmeier leitet die Bundestagsfraktion weiterhin, Müntefering firmiert als graue Eminenz und Steinbrück wird nun eben Kandidat. Nichts ist neu, nichts war je neu - zur Agenda 2010 stand man ohnehin, wenn auch "mit Bauchschmerzen" und mit Beteuerungen, man habe es sozial beabsichtigt, nur werde alles falsch ausgelegt und verstanden.

„Soziale Gerechtigkeit muss künftig heißen, eine Politik für jene zu machen, die etwas für die Zukunft unseres Landes tun: die lernen und sich qualifizieren, die arbeiten, die Kinder bekommen und erziehen, die etwas unternehmen und Arbeitsplätze schaffen, kurzum, die Leistung für sich und unsere Gesellschaft erbringen. Um sie – und nur um sie - muss sich Politik kümmern." Ich habe das Zitat ausgekramt. Was für eine Gefahr für Arbeitslose und chronisch Kranke, was für eine Bedrohung für Rentner und Pflegebedürftige. Und nur um sie! Das klingt nach Kriegserklärung, das klingt nach einer Politik, die an Profite und Effizienz gekoppelt ist, an Kosten und an Nutzen, an Wertschöpfungsmaximen und Wertlosigkeitsattesten - das klingt nach feinster neoliberaler Agenda.

Er zitierte gerne die Selbstheilungskräfte des Marktes, sprach von Privatisierungen. Andere auch, so ehrlich muss man sein. Und geschmacklos ist er wie andere auch. Wie man ihn nun feiert und hochleben läßt, kann nur heißen, dass der Neoliberalismus in Bierlaune ist. Zudem ist die sozialdemokratische (Un-)Fähigkeit, Menschen zu Rettern zu erklären, die vorher noch ins Unrettbare stießen und anleiteten, mit Worten fast nicht mehr zu beschreiben. Es ist so müßig, immer wieder Orwell zu bemühen.

Die K-Frage ward also vor einer Woche genau entschieden. Der Neoliberalismus kandidiert folglich doppelt. Das war zu erwarten. Er kann zwischen Männlein und Weiblein wählen, zwischen hanseatischer Schnodderigkeit und uckermärkischem Charme, zwischen Anzughosen und Hosenanzug. Nur in den Inhalten gibt es keine Wahlmöglichkeiten. Sag' da noch einer, der Neoliberalismus sei alternativlos. Er bietet sie doch, die Alternativen, man muss nur mal genau hinsehen, er bietet für jede Lebenslage und jede Volkslaune ein geeignetes Avatar, in das er hineinschlüpfen kann. Steht dem Wahlvolk der Sinn nach Hosenanzug, gibt es dazu ein Avatar - möchte es ein loses Mundwerk in kantiger und unfreundlicher Hülle, bietet es einen Steinbrück an - selbst wenn es mal einen grünen Kanzler wollte, kennt es Avatare, die er derzeit noch in Stuttgart parkt.

Die K-Frage ist eine A-Frage. Die Frage nach dem Avatar. Damit eigentlich nicht der Rede wert - deshalb habe ich zunächst geschwiegen. Man kann ja dazu nichts sagen, was politisch korrekt wäre, weil diese politische Korrektheit völlig inkorrekt ist. Man kann nur sagen, was Steinbrück nicht ist, wenn man heute so liest, was er sein soll. Denn dass er neoliberal ist, ist keine Option in dieser Öffentlichkeit, denn der Neoliberalismus exitiert gar nicht - er ist und bleibt lediglich das Hirngespinst von halluzinierenden Linken ...



17 Kommentare:

aebby 5. Oktober 2012 um 07:11  

Danke für diesen Satz, er brint so vieles auf den Punkt.

Steinbrück wirkt wie ein zum Brandherd geholter Feuerwehrmann, der noch rechtzeitig den Brandbeschleuniger versteckt und sich die rußigen Hände gewaschen hat.

Anonym 5. Oktober 2012 um 07:59  

Roberto: Wenn Du schreibst, dass Steinbrück in den wichtigen Phasen der finanzpolitischen Entwicklung geschlafen hat, könnte man den Eindruck bekommen, er sei nun ein ausgeschlafenes Bürschchen. Mag sein. Diesen Zustand würde ich allerdings Bauernschläue nennen. Womit ich keinen Agrarökonomen beleidigen möchte.

Roberto J. De Lapuente 5. Oktober 2012 um 08:10  

Das mit dem ausgeschlafenen Bürschchen ist gut - könnte man meinen, ich glaube allerdings, dass er weiterhin schläft, was ein wacherer Zustand ist, als das Koma, in dem die anderen liegen.

baum 5. Oktober 2012 um 08:23  

sehr guter essay

Anonym 5. Oktober 2012 um 08:25  

Guten Morgen,
ich wiederum glaube, daß er nicht schläft, er weiß genau, was er tut! Und genau das ist die Gefahr.

André Tautenhahn 5. Oktober 2012 um 08:31  

Sehr guter Artikel von Roberto, wobei ich eher zur Position von Volker Pispers tendieren würde, wonach der Deutsche jenes Übel bevorzuge, an das er sich bereits gewöhnt hat. Die SPD hat sich also klar für Angela Merkel als Kanzlerin entschieden. Steinbrück ist nur der Kandidat für die Demoskopen und deren Manipulationsmaschinerie. Schließlich geht ja das Gerücht herum, die Demokratie hätte sich irgendwie erledigt.

Roberto J. De Lapuente 5. Oktober 2012 um 08:32  

Nur ein Gerücht, André. Nur ein Gerücht. Wir haben Demokratie - und basta!

Hartmut 5. Oktober 2012 um 09:58  

ein klein wenig bin ich neidisch ;-)

für diesen aussergewöhnlich tollen Artikel..........


lieben Gruß
Hartmut

Anonym 5. Oktober 2012 um 10:59  

Wer hätte gedacht, dass in der Kakophonie der O-Töne ausgerechnet Horst "Mir liegt die Familie so am Herzen, dass ich gleich zwei davon habe" Seehofer wohl die treffendste Analyse liefern würde, der nämlich sagte zur Kür Steinbrücks in etwa: "Ich bin sehr glücklich mit dieser Wahl. Die SPD kann nur gewinnen mit einem, der die Masse des Volkes mitnimmt und begeistert - und so einer ist der Steinbrück ganz sicher nicht."

Das bringt so vieles treffend auf den Punkt: Die SPD macht einen auf Schwarzgelb, aber Schwarzgelb verlässt sich stets auf das große Geld und dessen Lohnschreiberlinge und die bleiben lieber beim Original; deshalb ist es so aussichtslos, als würde Fortuna Düsseldorf plötzlich die erfolgreiche Bayern-Strategie übernehmen, einfach alles von Wert aufzukaufen...das Kapital steht eben nicht dahinter.

Anonym 5. Oktober 2012 um 11:25  

Der historische Blueprint zum Avatar war Ronald Reagan, der als Schauspieler zum Präsidenten gewählt wurde. Bei der Gelegenheit immer wieder aufschlussreich: Bing- bzw. Google- Websuche (sehr unterschiedlich) nach [Ronald Reagan Leftist] - Reagan gilt manchen als linker Betriebsunfall, das klappt heutzutage besser.

Anonym 5. Oktober 2012 um 15:54  

Lasst uns 2017 wieder über Politik reden. Es erschöpft sich alles nur im Wiederkäuen des Immerselben - auf beiden Seiten.
Warum wohl hält sich die Intelligenzia in der Politik eher zurück, warum hört man kaum etwas von Intellekurellen? Weil das Wiederkäuen, also die politische Richungsdebatte zutiefst geistlos ist.
Auch hier wird mittlerweile nur immer dasselbe wiedergekäut.
Diese Geistlosigkeit hält viele kluge Menschen fern.

Anonym 5. Oktober 2012 um 17:14  

Jaja, ich hab mich bei "Intellekurellen" vertippt...
Hiermit Selbstanzeige - bevor sich jemand dran aufhängt ;)

André Tautenhahn 5. Oktober 2012 um 18:20  

@Anonym
Die Zurückhaltung der Intellektuellen in diesem Land hat auch viel mit der offenen Parteinahme für die SPD 1998 zu tun. Einige sind enttäuscht, aber die große Mehrheit teilt meiner Ansicht nach dasselbe Problem wie die SPD. Sie sind Gefangene ihres eigenen Tuns. Die Einsicht, falsch gelegen zu haben, fällt auch unter Intellektuellen schwer. Deshalb verteidigt man entweder die einmal getroffene Entscheidung samt Agenda 2010 oder man hält den Mund.

flavo 6. Oktober 2012 um 11:18  

Ganz abgesehen von diesem Rückschlag für die europäische Sozialdemokratie, gibt es eigentlich die Linke noch oder sudert diese nur in Privatkonferenzen umher. Es scheint ja, dass die nunmehrige Doppelspitze dazu geführt hat, dass man sich um die Hälfte beruhigt hat.
Wagenknecht hat Fuß gefasst in der linken Theorie und der Rest, ist er noch links oder lebt er schon? Man hat den Eindruck, dass man sich abgewandt hat vompolitischen Geschehen. Die letzte Vorsitzwahl, so zermürbend sie auch gewesen sein mag, war nicht die Parlamentswahl, dies muß anscheinend laut betont werden. Wer wird der linke Kanzler oder die linke Kanzlerin? Die Doppelspitze?


Anonym 7. Oktober 2012 um 02:07  

@Roberto:

Ich wünsche mir manchmal, du könntest dir mehr Gehör verschaffen, als du hier hast. Ich würde dich gern reden hören auf größeren Veranstaltungen, wo einerseits diese merkwürdigen Gestalten sitzen, die seit Jahren lügen und betrügen, wo aber auch das "Volk" präsent ist. Solange eine Partei wie die sPD auch nur annähernd an die 20% kommt, haben noch immer zu wenige verstanden, wie sie verarscht und teils verachtet werden. Von der Partei, die sie wählen.

Anonym 7. Oktober 2012 um 18:06  

@anonym 7.10. 02:07 Uhr

WIE RECHT Du doch hast !!
Analysen wie diese über Steinbrück und seine Partei müssten landesweit einer richtig großen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden - alle müssten dies hören, ob sie wollen oder nicht !
Das wäre genauso gut, als wenn der große Georg Schramm einmal nur im Bundestag reden dürfte !
Anton Chigurh

Anonym 8. Oktober 2012 um 01:26  

Anton Chigurh
"Das wäre genauso gut, als wenn der große Georg Schramm einmal nur im Bundestag reden dürfte !"

Sorry, falls du das nicht mitkriegst, aber die Abgeordneten der LINKE sagen das, was hier gesagt wird, ständig im Bundestag, nur interessiert es niemanden bzw. niemand reagiert darauf...

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