Pop, Aktion und Überlegenheitskult

Dienstag, 28. August 2012

Was den aufrührerischen Mösen widerfahren ist, kann man natürlich moralisch nicht akzeptieren. Zwei Jahre Straflager für ein Vergehen, das doch relativ belanglos erscheint, sind nicht nur übertrieben, sondern normal für eine politisch motivierte Justiz – nicht das Strafmaß ist demnach unerträglich, sondern der Umstand, dass es von einem unfreien Gericht beschlossen wurde. Überhöht scheint es dennoch. Gleichwohl ist der Aufruhr, den Pussy Riot weltweit erregte, an popkulturellem Einheitsbrei und ritualisierter Anteilnahme kaum zu übertreffen.

Die Unterstützer geben sich popkulturell...

Richtig ist, dass das Gerichtsurteil nicht unabhängig gefällt wurde und dass das Strafmaß in keiner Relation zur Tat stand. Richtig ist es natürlich durchaus auch, dass man sich solidarisch zeigt und eine solche Praxis verurteilt. Warum aber nur Verurteilungen gen Moskau? Solidaritätsbekundungen nach Sibirien? Wieso nicht nach London, wo man erwägt, eine Botschaft zu stürmen? Wo haben sich einst junge Männer solidarische Bärte stehen lassen, um auf die politische (Selbst-)Justiz einer USA zu verweisen, die islamische Männer ohne Prozess für Jahre in einem Straflager verschwinden läßt? Rund um die Welt setzen sich Menschen nun Kapuzen auf; solidarischer Mummenschanz, der massenkompatibel aufgezogen wird, der Eventcharakter birgt, der einfach gut ankommt, weil er spaßig wirkt, originell und verspielt – das ist vieles, sicherlich aber nicht kritisch oder hochgradig politisiert, wohl aber Popkultur, mit all ihren konformistischen Attributen. Sie gestaltet sich schrill, schräg und bunt – und ist somit prädestiniert für einen Geschmack, der die Breite trifft. Wie die Kulturindustrie, frei nach Adorno und Horkheimer, eine Popkultur, Popliteratur, Popkino schafft, so verankert sie auch pop politics, installiert sie Popsolidarisierungen. Das sind relativ entpolitisierte, inhaltslose, dafür aber ästhetisch konzipierte Solidaritätsbezeugungen, die einen konformistischen Zwang zur Ästhetik und zu Schlagworten, die ja nichts anderes sind als verbale Harmonisierungen, nicht aber auf inhaltliche Bereicherung und Einbringung neuer Aspekte und Sichtweisen, ausüben.

Dass selbst Leute wie Westerwelle und Merkel den Namen Pussy Riot in den Mund nehmen, verdeutlicht mit welcher populärkultureller Verbrämung, ja mit welchem Populismus hier hantiert wird – glaubt man ernsthaft, eine deutsche Band nennte sich Mösen in Aufruhr, man würde den Namen aus Politikermund hören? Eher rümpften sie sich die Nasen, wenn sie überhaupt irgendwas dazu sagten. Man würde sie eine Anarchoband nennen, ohne konkrete Namensnennung, und man würde verurteilen, dass sie im St.-Paulus-Dom zu Münster gotteslästerliche Texte anstimmten. Und just in dem Moment, da diese Zeilen hier formuliert werden, kommt zu Ohren, dass Nachahmer im Kölner Dom ein Happening starteten und dafür verhaftet wurden. Hatten die zwei Männer und die Frau zu Köln keinen Namen? Sie sind nur einige Nachahmer. Wäre es denkbar, dass sich Westerwelle für eine fiktive Band stark machte, die sich Regensburger Domfotzen nennte, die in eben diesem Dom ein provokantes Happening abhielten? Wie oft käme ihm der Name über die Lippen?

... die Band baute auf Happening und Aktionismus...

Von mancher Seite vernahm man, dass künstlerische Freiheit nicht vor Gericht gehörte - auch Westerwelle diktierte das so in ein Mikrofon. Das ist nicht falsch, hat aber mit den aufrührerischen Mösen wenig zu tun. Gleich dazu mehr; zuerst aber: Was die Frauen in Moskau taten erinnerte an Happening, an die Aktionskunst, wie sie vor fünfzig Jahren Wiener Künstler begingen. Daher auch der Name Wiener Aktionismus - neu ist also Pussy Riots Auftritt nicht; und besonders radikal war er auch nicht. Oswald Wiener, Vater einer heute bekannten Fernsehköchin, verrichtete im Gegensatz dazu beispielsweise im Hörsaal der Wiener Universität seine Notdurft, masturbierte und schmierte sich mit Scheiße ein und trällerte dabei die österreichische Nationalhymne - all das auf einer ausgebreiteten Nationalflagge Österreichs. Kunst und Revolution nannte sich die Aktion. Wiener wurde zu sechs Monaten Haft verurteilt, ein Verfahren wegen Gotteslästerung war anhängig, als er aus Österreich floh.

Aktionskunst richtet sich in seiner politischen Spielart provokativ und bewusst übertrieben gegen gesellschaftliche Zustände, die als erdrückend und autoritär verstanden werden. Sie sucht die Konfrontation. Betont unflätige Ausdrucksweisen und Tabuverletzungen sollen gesellschaftliche Zusammenhänge blanklegen und perverse Entwicklungen entlarven. Aktionskunst will schocken und versteht sich als Impulsgeber eines heilsamen Schocks; Aktionskunst ist Avantgarde, dass sie im aktuellen Fall popkulturell flankiert wird von ihren Unterstützern rund um die Welt, ist eher kurios. Oswald Wiener war seinerzeit nicht ganz konsequent, sollte zynisch angemerkt werden. Denn die Bestrafung und die juristische Zurschaustellung der Aktionskünstler ist ja für die Aktionisten selbst keine Überraschung, auch gar nicht so sehr ungewollt. Gerade ein überhöhtes, ein lächerlich übertriebenes, von lächerlichen Systemvertretern angestrebtes Urteil zeigt ja auf, dass die angebrachte Kritik, die im Happening lag, nicht herbeiphantasiert war, sondern realistisch eingeschätzt wurde. Wer auf die Nationalflagge scheißt, um die nationalistischen Impulse zu veralbern, und hernach für die Verletzung nationaler Symbole verurteilt wird, bestätigt nur, dass er richtig lag. Wer Putin einen Gott nennt und die Orthodoxie der Nähe zur politischen Macht bezichtigt, danach wegen Gotteslästerung verurteilt wird, der unterstreicht, dass er mit seiner Einschätzung nicht so ganz falsch gelegen haben muß. Gerichtliche Konsequenzen sind damit nicht Angriff auf die künstlerische Freiheit, wie eben unter anderem jener Westerwelle meinte, sondern gehören der Aktionskunst an – gerade das Urteil soll ja aufzeigen, soll bekräftigen, soll attestieren. Insofern ist die Aktion gelungen - und sieht man den jungen Frauen ins Gesicht, auch diesem Gatten einer dieser Frauen, der durch Interviews und westliche Reportagen gereicht wird, so meint man durchaus, eine gewisse Zufriedenheit erkennen zu können. Dass das Strafmaß unter formalen Gesichtspunkten überzogen ist, dass eine Geldstrafe ausgereicht hätte, ist natürlich eine andere Geschichte.

... und der Westen setzt auf kulturelle Überlegenheit.

Pussy Riot wird zweifellos instrumentalisiert; die jungen Frauen sind die nützlichen Idiotinnen eines Westens, der vorlaut davon selbstüberzeugt ist, die altertümlichen Rituale einer Diktatur, die Atavismen der Willkürherrschaft, schon vor langer Zeit gänzlich abgelegt zu haben. Aber grundsätzlich unschuldig sind sie nicht, grundsätzlich als Mädchenstreich, wie das namhafte Politiker hierzulande runterspielten, war die Aktion nicht gemeint. Wer das als Streich abtut, tut den Frauen auch keinen Dienst, denn er entkräftet damit die Ernsthaftigkeit, die hinter dem Happening stand; aberkennt den künstlerischen Impetus der Aktion. Natürlich war die Aktion eine provokante politische Manifestation, natürlich wurde beleidigt, natürlich hat man die Ausübung von Religion gestört und religiöse Gemüter erschüttert und gekränkt. Für all das geht man auch in der Kultur der Überlegenheit, im Westen, zumindest theoretisch, in den Bau. So schlimm, dass jemand in ein Straflager muß, war die Aktion freilich nicht - aber unjustiziabel ist sie eben auch nicht. Und wie erläutert, darf sie gar nicht sein, wenn sie als ernsthafte Manifestation begriffen sein will.

Die Anhänger von Pussy Riot plädieren ganz pop culture für Straffreiheit. Auch sie tasten damit das Werk an; nebenher stützen sie die These, dass der Westen kulturell überlegen sei. Die Strafe ist qua vorhandener Gesetze aber nicht einfach zu erlassen. Solche Gesetze kann man richtig oder falsch finden - sie finden sich aber nicht nur im Putins Rußland. Die Form, wie man verurteilte, das ist der Skandal - nicht, dass es eine Strafe gab. Sie ist gesetzlich vorgesehen und soll vor Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen abschrecken - was nicht ganz unvernünftig ist, denn dieser Schutz ist auch ein Aspekt der Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit. Nicht nur, dass man zu keiner Religion gezwungen werden kann, steht dort auf der Agenda, sondern eben auch, dass man Religionsausübung respektieren muß. Dass nicht alles respektlos ist, was religiöse Menschen und Glaubensgemeinschaften so alles meinen, versteht sich natürlich von alleine. Und letztlich ist die Bestrafung nicht das bittere Ende eines Happenings, sie ist die Vollendung - sie schafft Märtyrer, sie macht sichtbar, was man schon vorher wusste. Die Bestrafung außer Kraft setzen zu wollen bedeutet unter künstlerischen Gesichtspunkten auch, die Aktion der drei Frauen gar nicht vollumfänglich begriffen zu haben - wenn Aktionskunst mit pop culture beantwortet wird, dann ist so eine Unbegreiflichkeit vermutlich folgerichtig.



16 Kommentare:

baum 28. August 2012 um 08:18  

Ja, ja, die alltägliche politische Heuchelei.

Anonym 28. August 2012 um 09:18  

Pussy Riot ist Teil einer politischen Künstlergruppe genannt Woina (Krieg). Ich denke man kann sie ohne ihnen Unrecht zu tun als verrückte radikalfeministische Kretins bezeichnen. Ihre Aktionen sind ekelerregend, kotzpornografisch und schlicht krank. Bin aber der Meinung dass man sie nicht bestrafen sollte sondern bedauern (und eventuell das Sorgerecht für die Kinder sinnvoll regeln).
Aber es wäre natürlich spannend zu sehen was Nachahmerinnen in der BRD so rausholen könnten mit solchen Aktionen. Also Mädels: Strumpfmaske, totes Huhn, Galgenstrick und Neugeborenes einpacken und auf zum nächsten Bischofssitz oder zur nächsten Synagoge.

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/pussy-riot-lady-suppenhuhn-11867761.html

ulli 28. August 2012 um 09:45  

"nebenher stützen sie die These, dass der Westen kulturell überlegen sei." Die Wahrheit lautet aber doch: Der Westen ist kulturell, oder als Zivilisationsform, in der Tat überlegen! Man stelle sich - bei aller Kritik an den westlichen Gesellschaften - nur mal einen Augenblick vor, wir lebten in einem Land nach Putin'schem oder chinesischem Muster - da wäre Roberto womöglichst schon längst mal Abends vor seiner Haustüre erschossen worden. Pussy Riot scheinen mir deswegen so attraktiv, weil sie im New York oder Berlin der 80er Jahre genauso hätten existieren können. Sie exportieren die Popkultur nach Russland, und das ist nichts schlechtes. Überall auf der Welt gibt es eine massive Abstimmung mit den Füßen zur Popkultur. Wolltet ihr euch von einem Mullah, Popen, Papst, Parteiführer oder was auch immer Euren Geschmack diktieren lassen? Kaum. Womöglich ist die Popkultur das demokratischste, was der Westen überhaupt hervorgebracht hat: Jeder kann sich eine E-Gitarre umhängen und als Punkband berühmt werden, selbst wenn er das Instrument überhaupt nicht spielen kann.

Roberto J. De Lapuente 28. August 2012 um 09:52  

Das sind die reißerischen Argumente, die nichts bringen, viel Tamtam machen und die eigene Wahrnehmung trüben. Überlegen würde ich das nicht nennen - wir erschießen nicht, das ist wahr; wir filtern anders. Das hat nichts mit Überlegenheit zu tun, das ist nur die Setzung anderer Prioritäten.

Inglorious Basterd 28. August 2012 um 09:52  

Das wirst Du zwar nicht veröffentlichen, aber für Dich zur Information sicher sehr lehrreich:

http://www.ceiberweiber.at/index.php?type=review&area=1&p=articles&id=2478&koobi=23c32a850b233036ed7c98f13f555725

und hier:
http://wolfwetzel.wordpress.com/2012/08/19/pussy-riot/

Pussy Riot ist aus der Gruppe "Voina" hervorgegangen, was auf Russisch schlicht "Krieg" bedeutet. Manches erinnert an Performances, aber oft ist Voina einfach gewalttätig, etwa wenn lebende Katzen über den Tresen eines McDonalds geschleudert wurden. Und Polizeiautos umzukippen, wenn noch jemand drinnensitzt, ist auch mehr als fragwürdig - es würde auch im Westen sicher nicht geduldet. Voina hat auch Brandsätze geworfen oder eine Fake-Hinrichtung eines Immigranten und eines Homosexuellen in einem Supermarkt inszeniert.

flavo 28. August 2012 um 10:13  

@ ulli: 'Womöglich ist die Popkultur das demokratischste, was der Westen überhaupt hervorgebracht hat: Jeder kann sich eine E-Gitarre umhängen und als Punkband berühmt werden, selbst wenn er das Instrument überhaupt nicht spielen kann.'

Aha, das ist ja mal was positives. Verwechselt wird hier die Möglichkeit mit der Wirklichkeit. Und nicht einmal die Möglichkeit besteht für die meisten ganz prinzipiell, weil es wirksame kulturelle Muster gibt, die nicht jedeR internalisiert hat. Kurzum, es gibt höchstens kein Gesetz dafür, dass nicht jeder Popstar werden sollte, aber mehr?
Breiter besehen gehört es zum Popstarsein, dass es selten und herausragend ist. Der Starkult funktioniert nicht, wenn alle Stars sind. Es dürfen immer nur wenige sein, wenngleich sehr viele den Selektionsweg antreten können. Das ist das als demokratisch erachtete Merkmal der Popkultur: die Zugangsbarrieren wurden auf das Niveau des Fußvoolkes abgesenkt. Mehr nicht. Daher ist die Popkultur wesentlich undemokratisch. In politischen Begriffen entspricht der Demokratiequalität der Popkultur die Oligarchie.
Es kann auch jeder ein Finanzstar werden, es reichen 300 Euro (E-Gitarre), die an der Börse geschickt angelegt werden. Popstars enstsprechen den Neureichen oder Lottogewinnern. Beim Lotto hat man auch eine populäre Zugangsbarriere.

ulli 28. August 2012 um 10:37  

@Roberto: Es macht aber einen ziemlichen Unterschied, ob man erschießt oder "anders filtert".

Aber du missverstehst die Dynamik des Westens, oder der Aufklärung: Von Anfang an wurde die Freiheit des Individuums gegen die Abhängigkeitsverhältnisse des Feudalismus gestellt. Als der Gedanke des freien Individuums einmal in der Welt war, wollten die Menschen sich von Zwangsverhältnissen befreien, unter denen sie litten. Deswegen hieß es dann ja auch "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" oder wurde im Hafen von New York eine Freiheitsstatue aufgerichtet. (Zur Erinnerung: In Deutschland wurde damals die Germania über Rüdesheim aufgestellt).

Der Kapitalismus / Westen / die Moderne hat die direkten Herrschtsverhältnisse des Feudalismus gestürzt, aber dafür entstanden die heutigen anonymen Zwangssysteme der Kapitalverwertung und der Profitwirtschaft. Die gelten heute als "alternativelos". Aber: Wie die Aufklärung nicht glauben konnte, dass ein einziger König von "Gottesgnaden" eingesetzt sei, so wird sie auch diesen Schein der Alternativelosigkeit zerstören.

Der Westen gibt den Menschen ein Glücksversprechen und lößt es dann nicht ein. Aber das Glücksversprechen ist nicht mehr aus der Welt zu bringen. Dieser Zusammenhang scheint mir entscheidend. Pussy Riot sind jung, sexy, stehen also für Lebensfreude und Freiheit - jetzt erscheint Putin als der böse alte Mann, der er ist. Ich frage mich, wie lange es noch dauern wird, bis auch Merkel und Schröder als die bösen alten Leute erscheinen werden, die sie sind.

Elder 28. August 2012 um 12:42  

Was hier völlig unter den Tisch fallen gelassen wird, ist, dass die große Mehrheit der Russen das Urteil angemessen findet.
Den Fall mit Assange und Guantanamo zu vergleichen, ist schierer Irrsinn.
Soll jeder vergewaltigungsverdächtigte politische Oppositionelle sich etwa in andere Länder absetzen dürfen?
Bei Guantanamo ging es zumindest mal um einen Fall mit Tausenden Toten - was daraus geworden ist, dagegen hat es große Proteste in Europa und darüber hinaus gegeben, es wurde gerade nicht geschwiegen.
Das alles über einen Kamm zu scheren mit dem Fall Pussy Riot ist abwegig.

Anonym 28. August 2012 um 14:27  

Mag sein, dass der „Auftritt“ an die „Aktionskunst erinnert“ und darauf bezogen auch „nicht neu“ ist – mit der Selbstdefinition als „Punk-Gebet“ stellten Pussy Riot aber unmissverständlich klar, dass künstlerische Innovation in der Tradition des modernen Kulturbetriebs auch gar nie der Anspruch war: Gebete beanspruchen nie Neuheit oder Originalität, im Gegenteil. Den Ort des Geschehens beschrieb Piotr Verzilow in einem im Freitag übersetzten Guardian-Artikel folgendermassen:

Die Kathedrale wurde zu einem „sehr wichtigen Symbol der Regierung. Angeblich ist sie der heiligste Ort Russlands, dabei ist sie äußerst kommerzialisiert: Darunter befinden sich eine gigantische Tiefgarage und Festhallen, die man für zehntausend Dollar am Tag mieten kann.“

Laut diesem Zeit -Artikel hatte Nadja Tolokonnikawa, eine der Verurteilten, die Ortswahl so begründet: „Das Christentum unterstützt die Suche nach Wahrheit, nach konstanter Selbstüberwindung. Es ist kein Zufall, dass Christus sich mit Prostituierten umgeben hat. Deshalb sind wir in die Kirche gegangen.“

Vorliegt offensichtlich auch ein theologischer Anspruch, etwa nach Matthäus 21.12-13: „Und Jesus trat in den Tempel Gottes ein und trieb alle hinaus, die im Tempel verkauften und kauften, und die Tische der Wechsler und die Sitze der Taubenverkäufer stiess er um. Und er spricht zu ihnen: Es steht geschrieben: `Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden`; ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht.“

Damit hat Pussy Riot der Institution Kirche ihren ureigenen theologischen Anspruch mit Erfolg streitig gemacht: Mensch muss nicht zeigen, wo Gott hockt, um zu zeigen , wo Gott nicht hockt - quod erat demonstrandum. Die mit der Kirche verbündete Staatsanwaltschaft musste daher versuchen, „die Anklage spirituell aufzuheizen“ und etwas hilflos mit „Satanismus“ zu argumentieren (Zeit) – aber es müsste schon Frühmittelalter sein, um damit als staatliche Institution ernstlich glaubhaft zu sein und nicht in Widerspruch mit dem eigenen, gleichzeitig vertretenen modernen Staatsverständnis zu geraten.

Nebelwind 28. August 2012 um 15:59  

"Regensburger Domfotzen".

Danke, Roberto, für den herzlichen Lacher! Wieder mal so eine Perle Deiner Sprachgewalt! :o)

Anonym 28. August 2012 um 17:37  

Applaus Applaus Applaus!!!
der beste Text zum thema pussy riot!!

Gerd 28. August 2012 um 18:04  

Ich vermisse hier doch etwas Sprachgefühl.
Es macht einen großen Unterschied, in der Übersetzung von Pussy diesem Wort gänzlich seine Mehrdeutigkeit zu nehmen, die es im Englischen hat und mit der auch der Name Pussy Riot spielt.
Pussy steht im Englischen eben auch für Attribute wie Niedlichkeit, Schwäche, Verwundbarkeit. Pussycat Dolls, Pussy Galore, Tokyo Ghetto Pussy - das sind oder waren alles ganz jugendfreie Bands.
Sich an der eindimensionalen schlüpfrigen Übersetzung zu weiden, ist nicht angemessen und kann wohl nur einem Nicht-Englischsprachler passieren.

Roberto J. De Lapuente 28. August 2012 um 18:11  

Verwundbarer Aufruhr? Niedlicher Aufruhr? Ob das die Pussy Riotinnen meinten? Der Gebrauch von pussy als niedlich oder schwächlich ist bestenfalls Milieu, nicht üblicher Gebrauch. Pussy Galore, Figur aus Goldfinger, war schon damals eindeutig zweideutig - in diversen Szenen spielt Bond darauf an.

Gerd 28. August 2012 um 23:07  

Ich sagte es doch: Der Name Pussy Riot spielt mit der Mehrdeutigkeit, während die Übersetzung "Möse" nichts davon hat.

Reyes Carrillo 29. August 2012 um 08:36  

Sehr interessanter Artikel! Die Betrachtung der popkulturellen globalen Vervielfältigung des Ereignisses - in ihrer eigenen Inhaltlosigkeit - finde ich äußerst spannend. Nebst blitzsauberem deutsch natürlich bis hinein in den Konjunktiv: "nennte"! ¡Bravo!

Eurovision-Berlin 31. August 2012 um 20:49  

Guter Artikel. Ich meine, nicht die kurze Kunst-Aktion wurde bestraft, sondern vielmehr die planmäßige Vorbereitung und das nachträgliche virale Vermarkten dieser PR-Aktion im Internet. Erst das hat die Behörden gezwungen, tätig zu werden. Die Tatsache, dass sich bestimmte Westländer mehr daran hochzogen haben als die Russen selber ließ gar die Vermutung aufkommen, dass die Drahtzieher aus eben diesen Ländern kommen könnten. Die russische Bevölkerung selber scheint mit dem Gerichtsurteil zufrieden zu sein, sind also in Übereinstimmung mit ihrem Staat.
Insofern mache ich es mir mit meinem Urteil mal einfach: Bush ist in alle Länder hinein gepoltert, so dass sich deutsche Gutmenschen zum Naserümpfen gezwungen sahen. Obama missbraucht die Ideale und Werte der 68er, hängt seinen Kriegstreibern verharmlosende Etiketten wie Menschenrechtler, Schwulenrechtler, Punker, Pop-Mieze, Teddybärchen etc. um und lässt sie die Popkultur unterwandern. Und schon ist alles erlaubt, was vorher böse war.
Ist doch interessant zu sehen, wie die deutschen Biedermänner wieder zu Brandstifter werden, wie sie sich wieder an ein Freund-Feind-Schema aufgeilen können, ganze Länder angreifen und in Bausch und Bogen verurteilen. „Make Love Not War“ sieht anders aus.

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