Nein zu FRA!

Montag, 16. Juli 2012

Die Region Rhein-Main erleidet derzeit eine Plakatkampagne der Initiative "Ja zu FRA!", die von der Lufthansa, Fraport und Condor getragen wird. Ihr Ziel ist es, die Landebahn Nordwest des Frankfurter Flughafens aus der Kritik zu nehmen und weiteren Ausbauprojekten vorzubauen. Der Tumult um Fluglärm, den die Anrainer ertragen müssen, soll durch die Plakataktion eingedämmt werden. Dabei wird gut sichtbar, wie solcherlei wirtschaftliche Initiativen vorgehen: Sie machen den Kritiker der Zustände untragbar, weil der scheinbar gegen jede ökonomische Vernunft polemisiert.

Jedes der Plakate kennt nur eine Stoßrichtung: Der Frankfurter Flughafen ist gut zu uns - er sichert uns wirtschaftlichen Wohlstand; macht die Hotelbetten der Region voll, leert Restaurantküchen und macht Taxifahrer weniger einsam. Ohne den Flughafen suchte Sicherheitspersonal auch nicht nach Sprengstoff - und Hasso nicht nach Kokain. Er sichert Wohlstand, besser gesagt: Beschäftigung, denn das Heer an Niedriglöhnern, das auf dem Flughafen arbeitet, kommt natürlich auf den Plakaten nicht zur Geltung. Eine Win-Win-Situation also; ohne den Flughafen gäbe es keine Beschäftigung, würde die Armut blühen. Und ein Ausbau des Flughafens, so impliziert die Initiative, würde noch mehr Menschen daran teilhaben lassen. Weitere Landebahnen bedeuteten noch mehr gefüllte Restaurants, noch mehr volle Betten und noch mehr Freier für Frankfurts Milieu. Wachstum macht Wohlstand...

Vom Lärm, den die Anlieger erleiden müssen, liest man auf den Azurplakaten nichts. Die Protestbewegung und die gesundheitlichen Folgeerscheinungen, die über die Kranken- und Pflegekassen sozialisiert werden, werden totgeschwiegen. "Ja zu FRA!" sieht nur die wirtschaftlichen Vorteile - allgemeine Nervosität, Schlaflosigkeit, Schwerhörigkeit, chronisch erhöhter Blutdruck, Magengeschwüre, Herz-und-Kreislauf-Probleme und Infarkte, und somit in letzter Instanz auch der Tod, werden als Motive zu einer drastischen Einschränkung der künftigen Bauvorhaben und weiterer Reglementierung der Flugzeiten, nicht zugelassen.

Bei den Legionen an Beschäftigten, die der gute Flughafen und seine segenspendenden Landebahnen versorgen, ist natürlich derjenige, der Kritik am Lärm, an der politischen Unterstützung des Ausbaus und der Arroganz der Betreiber, nicht nur ein Nörgler, er ist außerdem missgünstig und unvernünftig. Schließlich nimmt er in Kauf, dass wirtschaftliche Einbußen erfolgen; immerhin fordert er ja, dass weniger Ausbau und weniger Flugzeiten wahr werden, womit es weniger zu tun gäbe, man also weniger beschäftigt wäre - der Kritiker des Fluglärms wird so zum Wohlstandsneider, zum Dieb, zum Befürworter steinzeitlicher Strukturen, weil er nichtige Kollateralschäden der Beschäftigung vorzieht.

"Ja zu FRA!" sagt als Plakatkampagne nicht, dass der Frankfurter Flughafen wirtschaftlich wichtig ist - es sagt, dass man unvernünftig und dumm ist, wenn man nicht dazu bereit ist, für diesen wirtschaftlichen Erfolg Opfer in Kauf zu nehmen. Der Kritiker wird unmöglich gemacht, weil er sich nicht strikt zur wirtschaftlichen Bedeutung bekennt. Priorität hat das Wirtschaftliche zu haben - das Allgemeinwohl, von dem ein großer Teil die Gesundheit ist, hat nur dahinter zu stehen. Dabei wäre Allgemeinwohl viel mehr als nur die Summe wirtschaftlicher Aspekte...



13 Kommentare:

Anonym 16. Juli 2012 um 08:55  

Ein sehr schöner Artikel, in dem ich viele Gedanken, die mich auch "beschäftigen" entdecke.

Es ist diese klare Absage an das uns zwingende wirtschaftliche Wachstum, Wachstum und noch mal Wachstum...und für alle eine win,win,win Sitution darstellt....

Ich denke das wichtigste Wort der Zukunft wird sein: STOP

Gruß
Hartmut

Jule 16. Juli 2012 um 10:14  

Naja... Am Eingangsbereich des Hamburger Flughafens draußen, wo ich oft stehe, herrscht generell weniger Lärm als an der Hauptverkehrsstraße, an der ich wohne.
Ich wage zu behaupten, dass an Tausenden von innerstädtischen Straßen mehr Lärm herrscht als im Umkreis eines Flughafens durch den Flughafen.
Den Flughafen kann man nur leichter als Instanz haftbar machen, er ist leichter greifbar als Millionen von Autofahrer und staatliche Straßen.
Das Problem liegt also tiefer.

Roberto J. De Lapuente 16. Juli 2012 um 10:18  

Wer den Frankfurter Flughafen und sein Umland kennt, wer die Taktzahlen beobachten kann, der weiß ganz genau, was Lärm bedeutet - keine Straße vermag zu lärmen, wie es im Frankfurter Umland der Fall ist.

Bademeister 16. Juli 2012 um 10:21  

Beim letzten von Koch durchgedrückten Frankfurter Flughafenausbau profitierte der Baukonzern Bilfinger Berger mit einem Auftrag in Höhe von fast 100 Millionen Euro.

Quizfrage:
In welches Unternehmen hat sich Herr Koch abgeseilt? Wo verdient CEO Koch nun zehnmal so viel als MP Koch?

Vielleicht ist bei BB noch ein "chairman" Posten frei den seine rechte Hand Volker Bouffier besetzen möchte, falls es mit der Wiederwahl nicht klappt.

Gute Freunde lässt man nicht fallen und dem Konzern einen weiteren Auftrag zum Flughafenausbau zuzuschustern sollte doch ausreichend sein, um Vorstand und Aufsichtsrat von einem weiteren Gefälligkeitsposten für einen altgedienten CDU Granden zu überzeugen.

Läuft doch alles wie geschmiert.

Hier in München wurde vor einigen Wochen der Bau einer dritten Startbahn per Volksabstimmung abgelehnt. Die Argumentationslinie war genau dieselbe. Es würde Arbeitsplätze kosten, die Region schwächen und zum Untergang des Bazilandes führen. Als die Ausbauer dann trotz dieser schlagenden Argumente verloren, hieß es, man hätte die Vorteile dem Bürger nur nicht gut genug kommuniziert und die Wirtschaft hätte das Vorhaben nicht genug unterstützt.

Da diese Volksabstimmung den Ausbau aber nicht verbieten kann sondern nur um ein Jahr aufschiebende Wirkung hat, kündigte Seehitler in seiner unnachahmlichen Art als Weißwurstdemokrator bereits an zusammen mit den Flughafenbossen zu beraten, wie man das Projekt doch noch durchdrücken kann.

Ich befürchte, dieser Ausbau lässt sich nur dauerhaft durch eine Abwahl unserer Einheitspartei verhindern.

Vielleicht ja auch eine Alternative für die Hessen?

Bademeister 16. Juli 2012 um 10:39  

Jule, der Straßenlärm ließe sich nur reduzieren wenn landesweit die Verkehrspolitik der Bundesrepublik einer völligen Zäsur unterzogen wird, vor Allem in drei Punkten:

1.) Abschaffung der Pendlerpauschale und Investition der freiwerdenden 4,5 Mrd Euro in bezahlbaren, innerstädtischen sozialen Wohnungsbau. Die Pendlerpauschale führt zur Zersiedelung der Städte und zu immer längeren Pendlerwegen zum Arbeitsplatz, da sich immer weniger Menschen eine Wohnung in Städten wie Frankfurt, München oder Hamburg leisten können. Ökologisch betrachtet ist die Pendlerpauschale eine Todsünde der Infrastrukturpolitik.

2.) Konsequente Förderung der Schiene beim Lastverkehr. Primär werden Straßenschäden und Lärm nicht von kleinen PKW erzeugt, sondern von oft bis zu 40 Tonnen schweren LKW. In der Schweiz herrscht dieses Problem nicht so vor, da dort der Lastverkehr auf der Schiene gegenüber dem Lastverkehr per LKW steuerlich begünstigt wird. Es ist also billiger für Spediteure, ihre Waren mit dem Zug zu bewegen als mit LKW. Die Schweiz investiert pro Streckenkilometer fünf Mal so viel in ihr Schienennetz als Deutschland. Das ist ökologisch sinnvoll, reduziert Lärm und schont die Straßen.

3.) Förderung des ÖPNV gegenüber dem Individualverkehr. Es gibt in Belgien eine Stadt die ohne Autos auskommt und sogar die Parkplätze renaturiert hat. Das funktioniert, weil sich der ÖPNV dort (steuerfinanziert) kostenlos nutzen lässt und jeder überall zu jeder Tageszeit mit dem Bus hinkommt.

Durch ein gutes, schnelles und günstiges Überland-Bahnnetz und einen günstigen oder kostenlosen ÖPNV mit verkehrsberuhigten Innenstädten ließen sich Lärm und Umweltverschmutzung erheblich reduzieren. Für die Volkswirtschaft wäre das insgesamt auch deutlich billiger als wenn 80 Millionen Einwohner 60 Millionen teure Autos nutzen, die zudem alle 4-5 Jahre gegen ein neues Modell ausgewechselt werden. Falls man doch mal ein Auto braucht, ließe sich das durch kommunale "carsharing" pools erreichen. Der private Besitz von Autos würde somit überflüssig.

Machbar ist das Alles, politisch durchsetzbar gegenwärtig nicht. Niemand legt sich mit der Autolobby und dem ADAC an, wie jeder Verkehrsminister weiß der auch nur über Maut oder Tempolimits nachdenkt. So lange es noch bezahlbares Erdöl gibt, wird diese Art ökologisch und wirtschaftlich nachhaltige Verkehrspolitik nicht umgesetzt.

Anonym 16. Juli 2012 um 12:30  

Als Linker braucht man sich nicht wundern, wenn sich auch mal andere Institutionen des Instruments der Unmöglichmachung befleissigen.
Die Industrie macht es sich da wenigstens nicht so einfach wie typischerweise die Linke beim Diskreditieren konservativer Positionen mit der Nazi-Keule.
Sagst du etwas Konservatives, bist du Nazi... So funktioniert das gewohnheitsmäßig in unzähligen Fällen.

ernte23 16. Juli 2012 um 15:31  

@16. Juli 2012 12:30

Als ob Konservative einen Mangel an Totschlagargumenten litten... Soll das ein Hinweis auf einen angeblich linken Zeitgeist sein, während der Neokonservatismus/Neoliberalismus gerade den Siegeszug um die Welt antritt?

Dennis82 16. Juli 2012 um 19:21  

@Bademeister: Soweit im Großen und Ganzen okay, aber bzgl. 1. überschätzen sie die Wirkung der Pendlerpauschale enorm: Wenn der von der Hartz-Behörde unter Sanktionsandrohung zum Pendeln gezwungene, hochflexibel dem modernen Arbeitsmarkt jährlich zu einer anderen Stelle hinterherhechelnde Jobnomade seine 300 Euro über den Pauschbetrag hinausgehenden Werbungskosten (die eine steuerliche Wirkung von 100 Euro auslösen) nicht mehr abziehen darf, ist das "Problem" mit der "Zersiedelung" natürlich gelöst...! Während gleichzeitig nicht an Firmenwagenprivilegen und der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Transportaufwendungen im Unternehmensbereich natürlich nicht gerüttelt wird...

Es zeugt immer wieder von elementarster Unkenntnis steuerrechtlicher Basics, wenn einem beim Begriff "Subvention" als allererstes die harmlose Pendlerpauschale einfällt...

Vieleicht mal woanders hinschauen: Dank § 35a EStG können Millionäre Teile des Gehalts führ ihren Butler, Gärtner und Kindermädchen direkt(!) von der Steuer absetzen.

Anonym 16. Juli 2012 um 19:34  

Lieber Vorredner, ernte23,
dann nennen Sie mal einen Stigmatisierungsbegriff von rechts, der es mit dem "Nazi" aufnehmen kann.
Gutmensch? Sozialromantiker? Kommunist?

Spartaner 17. Juli 2012 um 06:42  

Das war doch in Leipzig auch nicht anders. Hier müssen jetzt alle Menschen mit dem täglichen Fluglärm vor allem Nachts leben. Ich kenne keine Nacht mehr wo ich nicht zwischen 4 und 6 Uhr durch über mir hinweg donnernde Flieger von DHL geweckt werde. Und wen interssierts?

Anonym 17. Juli 2012 um 16:29  

Ja, super, auch das Nachtflugverbot hat nur positive Effekte, alle können nachts schlafen - alle?

Nein, nicht alle. Den Nachtflugverkehr übernehmen nun Speditionen, die mit Sprintern, Vans, LKWs Fracht von Frankfurt nach ganz Deutschland und ins Ausland transportieren. Statt 1 Frachtflugzeug sind jetzt halt 30 Sprinter, 3 LKWs, 1 Sattelschlepper und ein paar andere Frachtfahrer unterwegs. Unter hohem Zeitdruck (Anschlussflug ab Leipzig/Düsseldorf/knappe Termine).

Ich muss Bademeister zustimmen, die Infrastrukturpolitik in Deutschland ist komplett fürn Po. Wer benutzt schon ÖPNV, wenn der Bus um 7, 12 und 16 Uhr fährt, 3km 2 Euro fuffzich kosten, man in irgendwelchen vergammelten Wartehäuschen/Bahnhöfen Wind und Wetter ausgesetzt ist und der öffentliche Nahverkehr zu Tode privatisiert wurde? Warum fahren die Menschen in Deutschland im Schnitt über 20km einfach zur Arbeitsstelle? Weil es in der Nähe der Arbeitsstelle keine bezahlbaren Wohnungen/Häuser gibt. Eine Abschaffung der Pendlerpauschale löst das Problem allerdings auch nicht, die komplette Infrastruktur in Deutschland ist eh hinüber/totgespart/outgesourct per Werkverträge usw.

Öffentlicher Nahverkehr sollte eine hoheitliche Aufgabe sein, finanziert unter anderem durch Steuern. Aber heutzutage geht der Trend eher zum Dritt-Auto (Vater+Mutter brauchen das Auto für den Weg zur Arbeit, die Kinder für den Weg zur Uni / Ausbildung) statt umgekehrt.

Gruß, Frank

ernte23 17. Juli 2012 um 21:15  

@16. Juli 2012 19:34

Niemand kann etwas dafür, dass „Nazi” sich noch schlechter anhört als Kommunist etc.. Deswegen fragte ich nach, ob sich Ihr Einwurf gegen einen gefühlten linken Zeitgeist richtet. (Neo-)Konservative sitzen überall in Regierung und Wirtschaft am Ruder. M.a.W., Ihre Seite hat gewonnen. Warum regen Sie sich dann über den einen oder anderen verzweifelten Nazivergleich auf?

Anonym 18. Juli 2012 um 13:55  

ernte23, "Deswegen fragte ich nach, ob sich Ihr Einwurf gegen einen gefühlten linken Zeitgeist richtet."

Zunächst: Ich bin kein Neokonservativer.
Es ist doch so: Mit der Stossrichtung gegen Rechtsextremismus konnte sich die Linke nicht mehr abgrenzen, nachdem dieser "Kampf" von den staatstragenden Organen (mehr oder weniger effektiv, aber in jedem Fall deklaratorisch) institutionalisiert wurde.
Also mußte die Abgrenzungslinie verschoben werden, der Kampf konnte sich nicht mehr nur gegen "rechtsextrem", sondern musste sich allgemein "gegen rechts" richten.
Damit zwang sie die Konservativen, die eigene Verortung als "rechts" aufzugeben und sich fortan "Mitte" zu nennen.
In der nächsten Stufe nun zeigt die Linke auf den Rechtsextremismus der Mitte.
Infolgedessen umweht sich die Mitte (also die ehemalige Rechte) mit linken Themen (Umweltpolitik, Gender Mainstreaming, ...), in Anpassung an die jeweilige Stossrichtung der Angriffe.

Man kann sich heute gefahrlos dazu bekennen, links oder "mittig" zu sein (wobei man als "mittig" im Verdacht der Konturlosigkeit steht) - aber ganz sicher darf man sich nicht rechts einordnen.
Also wenn man politisch irgendwo mitreden will, muss man sich zur Mitte oder zur linken Seite bekennen.
Der politische Zeitgeist ist also vielleicht nicht links, aber er nennt sich so - ob man will oder nicht.

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