Fronleichname

Donnerstag, 7. Juni 2012

Fronleichnam ist. Steht heute im Kalender. Doch Augenwischerei ist das. In der schönen neuen Hölle des Neoliberalismus ist jeder Tag ein Fronleichnamstag. Denn jeden Tag schleppen sich Leichname zum Frondienst. Anstatt des geschundenen Leibes des Herrn zu gedenken, böte es sich anhand einer Profanisierung der Feierlichkeit an, diesen lebenden Leichen einen Feiertag zu schenken - nicht zu Verewigung, sondern mit dem Ziel, ihn schnellstmöglich wieder abzuschaffen.

Nicht zuletzt die Hartz-Konzeptionen haben bewirkt, dass sich Menschen in Arbeitsverhältnissen festsetzten, aus denen sie sich kaum herauszuwinden getrauen - der gerechte freie Arbeitsmarkt, in dem sie nicht frei, sondern durch Sanktionspraxis seitens der Behörden gefangen sind, desillusioniert den Leichnam, der sich an unterbezahlte, zeitlich überlange, prekäre, urlaubsarme und schikanöse Arbeitsplätze schleppt. Vierzehn bis sechzehn Stunden als Paketzusteller unterwegs - Haare schneiden für Dreifünfzig Stundensatz - Krankheiten durch Entlassung und Wiedereinstellung nach Genesung umgangen - heute Arbeitseinsatz hier, morgen hundert Kilometer weiter dort. Das ist die arbeitstägliche Totenstarre von vergangenen Menschen, die bloß an der Peripherie eines Erwerbslebens stehen. Die erwerben nur Mühsal und Unverständnis; und keinerlei Anspruch auf menschenwürdige Behandlung.

Man denkt automatisch an Travens Totenschiff, an jene abgerissenen, gräulich ausgebleichten Gestalten, die im Bauch des Schiffes schuften und sich mühen. Dreckig, verschwitzt und verstaubt. Graue Korpusse, immermüde Konstitutionen, toter Blick, tote Lebensqualität. Traven beschreibt uns diese menschlichen Wracks bildlich - einem dieser Existenzen verleiht er erzählend eine Stimme; es ist die Geschichte eines Mannes, der im Schiff landet, weil es so was wie seine letzte Chance ist. Und er landet bezeichnenderweise nicht auf dem Schiff - er landet darin. Traven gibt uns ein Bild von Toten durch und durch. Dem Schiff als Selbstzweck, damit es strebsam schwimmt, ist jedes Opfer recht - der Mensch im Schiffsbauch ist nichts, das Schiff alles. Die Bedürfnisse des Heizers nichts - die zu schiebende Schicht unaufschiebbar und alles. Traven zeichnete ein Transportmittel, das diesen modernen Arbeitsmarkt karikiert. Er beschrieb Fronleichname, durch Fronarbeit zu Leichen gewordene Ex-Menschen, Ex-Persönlichkeiten, Ex-Schicksale und -Hoffnungen. Vernichtet durch Arbeit - nicht wie einst im KZ, sondern sukzessive, quasi als Abschlagszahlung kontinuierlich zermürbt und zerrieben. Nicht gefangen hinter Stacheldraht, sondern frei auf dem Arbeitsmarkt.

Fronleichnam begeht heute die halbe Republik. Hochfest des Leibes und Blutes Christi! An die Qualen, die dieser Nazarener erlitt, gedenken wir noch knapp zweitausend Jahre danach - die Torturen aber, die wir täglich vor Augen haben, geraten aus dem Sinn. Die nennen wir Würde durch Arbeit, nennen wir Einstiegsmöglichkeiten für den ersten Arbeitsmarkt, benennen wir als das, was das Totenschiff für den Erzähler war: letzte Chance, nennen wir alles halb so schlimm. Fronleichnam ist heute - ungezählte Fronleichname strecken sich in dieser Gesellschaft jedoch täglich ganz ohne Feiertag.



17 Kommentare:

Anonym 7. Juni 2012 um 11:23  

Eine schöne Parabel bezugnehmend auf die heutige Arbeitswelt.

Nachdem ich "Das Totenschiff" von Traven vor ca. 2 Monaten, dank Deinem Hinweis, begeistert gelesen habe, ist mir klar geworden, daß die räuberische Ausbeutung des Menschen, das Hauptproblem aller Lohnabhängigen dieses Planeten war, ist und sein wird.

Die Hintergrundthematik dieses Buches, welche ja über 80 Jahre zurückliegt, hat mir zu einem großen Einblick in unsere Gegenwartsprobleme verholfen.

Das Buch ist spannend, fesselnd und sehr tiefsinnig !

Hartmut

Anonym 7. Juni 2012 um 11:53  

In Spanien ist es mit Fron bald ganz vorbei, da ist dann nur noch Leichnam.
"Spanien hat nur noch wenige Wochen"
(Ökonom Luis Garicano, heute)

Anonym 7. Juni 2012 um 12:59  

der rückgang der arbeitszeitverkürzung ist in vollen gange. außerdem sind die arbeitnehmer heute mit längeren arbeitswegen belastet, die in der statistik zu den arbeitszeiten nicht drin stehen. man schafft immer mehr leichen für den arbeitsmarkt.

Anonym 7. Juni 2012 um 13:44  

Klasse!!!

Jeder Artikel hier ist ein Leckerbissen, aber der aktuelle ist einfach super!

Welch verschwendetes Talent -sowas gehörte in die breite Öffentlichkeit!

MfG Cara

Viking 7. Juni 2012 um 14:03  

Und die französische Regierung hat beschlossen, das Rentenalter der Franzosen auf 60 zu senken... Kein Franzose soll mehr länger arbeiten müssen, nur weil es die Finanzlage des Landes erzwingt - in keinem Fall so lange wie sein armer Verwandter in Deutschland, der sich auf Geheiß bis zum 67. Lebensjahr abrackern muss.
Wann zieht Deutschland endlich nach mit der Rente ab 60? (Was Frührente ab 50 bedeutet.)

Anonym 7. Juni 2012 um 16:15  

Alles gut gesagt und ein schönes Bild: der Leichnam. Ja, wir alle sind so ziemlich Leichname. Und selbige werden oder können nicht im Geringsten gegen das umfassende Elend aufbegehren!

Andreas 7. Juni 2012 um 16:28  

"I worked at a factory owned by Germans, at coal pits owned by Frenchmen, and at a chemical plant owned by Belgians. There I discovered something about capitalists. They are all alike, whatever the nationality. All they wanted from me was the most work for the least money that kept me alive. So I became a communist."
-- Nikita Khrushchev

Anonym 7. Juni 2012 um 16:39  

... doch eines Tages werden die Geschundenen aufstehen und sich wehren. Dann wird ein böses Erwachen für die Schinder geben. Es soll schon welche geben, die die Namen sammeln, die Laternenpfähle auswählen ...

Ralf Burmeister

Roberto J. De Lapuente 7. Juni 2012 um 17:32  

Rente mit 60 in Deutschland? Eher mit 70 - hört man ja als Forderung oft genug...

Anonym 7. Juni 2012 um 17:36  

14 bis 16 stunden als paketzusteller. unsere urgroßväter würden lachen bei so einer läppischen arbeitszeit. ihr jammert hier auf hohen niveau. in nigeria gibt es keine 35 stunden woche.

Roberto J. De Lapuente 7. Juni 2012 um 17:40  

Der Dummheit eine Stimme. Obiger Kommentar darf belustigen. Nigeria und Uropapa als Vorbild - nettnett. Für so eine Pointe schleift Pispers den ganzen Nachmittag an seinem Text.

Anonym 7. Juni 2012 um 19:36  

@Roberto J. de Lapuente

Hat nicht auch Hagen Rether zur Thematik, die du mit "[...]Obiger Kommentar darf belustigen[...]" etwas kabarettiert? Frei nach dem Motto: Wir benötigen eben auch die Armen vergangener Zeiten, und in der Dritten (und Vierten) Welt um von der hiesigen Armut abzulenken - Ganz nach dem neotaliban-Motto "teile und herrsche" auch global.....

....Was Du bist "arm" und "gar HartzIV-Bezieher"? Geh nach Nigeria, und schau wie es dir da ergeht....

Zynischer Gruß
Bernie

Anonym 7. Juni 2012 um 19:37  

Traven....Totenschiff.....da dachte ich, das kommt mir bekannt vor. Und was finde ich nach kurzer Suche im Regal? Bertelsmann Lesering, gebundene Ausgabe von 1960! Na das ist doch mal ein Leckerli!

Das werde ich dann gleich lesen sobald ich mit "Faul Frech Dreist" (Baron/Steinbach) durch bin.

N.W.

Anonym 7. Juni 2012 um 19:43  

Ergänzung:

Übrigens, die schlimmsten Sklavenschinder waren ja, und sind (man sollte nicht vergessen, dass es im 21. Jahrhundert immer noch alte Formen längst ausgestorben geglaubter Sklaverei gibt) die ehemaligen Sklaven, oder solche, die sich vom "Master" die Freiheit erhoffen....

In diesem Sinne ist "[...]Der Dummheit eine Stimme[...]" wohl kein Einzelphänomen in Merkel-Rösler-Deutschland....

Man heult halt mit den Wölfen, weil man meint dazuzugehören *grins*

Gruß
Bernie

Anonym 7. Juni 2012 um 20:19  

Hallo Roberto,

von dem Lebensgefühl von Untoten auf dem Totenschiff dürften inzwischen Heerscharen von Zombies befallen worden sein, egal ob noch geheuert oder schon gefeuert. Als einem dieser Besatzungsmitglieder gefällt es mir sehr, dass Du Dich nicht zermürben lässt und in Deinen Kommentaren immer versuchst, möglichst nahe an die Wahrheit hinter dem täglichen Getöse zu kommen. Deine Wahrheitsliebe erinnert mich an Kurt Tucholsky, der
als Grabspruch für sein Pseudonym Ignaz Wrobel vorgeschlagen hatte: „Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze – Gute Nacht – !“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Tucholsky).

udfo haupert 7. Juni 2012 um 20:46  

"unsere urgroßväter würden lachen" - haben sie aber nicht. sie haben aufbegehrt, gestreikt, sich schlagen lasen, sind ins gefängnis gegangen - und haben es erreicht, dass selbst jemand wie sie, der/ die sie sich nicht trauen, zu ihrer einstellung zu stehen nicht mehr so lange arbeiten müssen.

mann_von_nebenan 8. Juni 2012 um 13:42  

@doofstimme:

wohl als Maat auf der Yorikke
angeheuert, und stolz wie Bolle
auf ein bißschen Besserfraß?

Die Sorte machts doch immer wieder
möglich, dass Blutsauger feist speisen können, all around the globe.

P.S.: Einmal auf der Yorikke angeheuert hieß: verfeuert werden und dann ab zu den Fischen, mit Kohlen (also Anthrazit) als Senkblei.

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