Noch'n Bild

Donnerstag, 9. Februar 2012

Kurt Westergaard, der kreuzritterliche Pistolero unter den Karikaturisten, galt noch vor einiger Zeit als Held. Seine Mohammad-Zeichnungen, die den Propheten als Mörder zeigten, wurden als Inbegriff der Meinungs- und Pressefreiheit gefeiert. Das ging so weit, dass die Kanzlerin auf ihn eine Rede hielt und den Preis des M100 Sanssouci Colloquiums überreichte. Angeblich der mutigste Auftritt Merkels, hieß es damals pathetisch. Gerade sie wisse nämlich, was es bedeutet, in einem Land ohne Meinungsfreiheit zu leben - damals in der DDR. Deswegen sollte mutige Meinung honoriert werden, mutige Bleistiftstriche ebenfalls.

Stavropoulos heißt der Mann, der Merkel derzeit karikiert - er malt sie als Nazirette, Heil! rufend, in enger, Körperwülste offenbarender Uniform, mit Hakenkreuz. Das erregt natürlich die Gemüter. Ein ungeheurer Missgriff sei das; eine Verharmlosung des Dritten Reiches, gerade so, wie die Karikatur Mohammads auf keinen Fall, nie und nimmer, unter keinen Umständen ein historisch fragwürdiges Zerrbild war. Man sollte differenzieren können, liest man. Deutschland unter Hakenkreuz war nicht, was Deutschland unter Bundesadler ist. Aber die historische Gestalt Mohammads, sie wird mit heutigen Erkenntnissen persifliert - natürlich ist die Geschichte Mohammads eine Geschichte der Gewalt, aber die war damals nicht geächtet, gehörte sozusagen zum guten Ton, womit heutige Maßstäbe nichtig werden.

Auch wenn es historisch nicht ganz koscher ist, so ist es doch Meinungsfreiheit. Eine Meinung zu haben beinhaltet auch, keine Ahnung haben zu dürfen - rechtlich verbürgt. Das gilt für jeden. Für dänische Provokateure ebenso wie für griechische; für ironisierte Propheten wie für Kanzlerinnen. Das ist das Wesen freier Meinungsäußerung. Ob sich das M100 Sanssouci Colloquium erneut dazu durchringen kann, einen Karikaturisten zu würdigen? Ob die Kanzlerin höchstpersönlich eine Laudatio hält wie damals? Applaus von den Rängen? Anerkennung? Schulterklopfen und Weiter so! als Erbauung?

Wer die Meinungs- und Pressefreiheit schätzt, der kann mit einer behakenkreuzten Kanzlerin leben. Muß er sogar! Und er muß solche Bilder auch schätzen. Wenn nicht inhaltlich, so doch dafür, dass es sie gibt - dass es sie geben darf. Moralische Zeigefinger sind da zweitrangig. Und die verletzte Befindlichkeit der Stammtische ohnehin. Gratuliert man zu verunglimpften Mohammad-Zeichnungen, so gratuliere man auch zu gemalten Nazi-Merkels! Das ist der konsequente Imperativ. Regt man sich darüber auf, so liegt einem die allgemeine Meinungsfreiheit nicht besonders am Herzen - oder es geht wieder mal nur um die freie Meinung, die man selbst meint.



32 Kommentare:

Roberto J. De Lapuente 9. Februar 2012 um 09:46  

Nachtrag:

Habe eben an das M100 Sanssouci Colloquium geschrieben. Eine Anregung an die Herrschaften, vielleicht auch eine Anregung für manchen meiner Leser:

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Jahre 2010 haben Sie den Karikaturisten Westergaard ausgezeichnet. Mit seinen Mohammad-Karikaturen habe er Meinungs- und Pressefreiheit hochgehalten, meinten Sie.

Ich würde Sie daher bitten, erneut über die Preisvergabe an einen Karikaturisten nachzudenken. Stathis Stavropoulos, griechischer Zeichner, hat die Bundeskanzlerin in verschiedenen Posen gezeichnet. Alle zielen sie darauf ab, Frau Merkel in Nazi-Positur darzustellen.

Sie können davon inhaltlich halten was Sie mögen, aber zweifelsohne haben wir es mit jemanden zu tun, der im Sinne der Meinungsfreiheit arbeitete. In diesem Sinne wäre auch er dieses Preises für würdig.

Mit freundlichen Grüßen,
Roberto J. De Lapuente
- ad sinistram -

Harzpeter 9. Februar 2012 um 09:57  

Auf die Antwort des M100 Sanssouci Colloqiums wäre ich ja mal gespannt. Wenn es denn überhaupt eine geben sollte wäre ich für eine Veröffentlichung derselbigen auf diesem Blog sehr dankbar!

Ach so, fast vergessen: Weiß zufällig jemand, wofür das "M100" steht? Klingt irgendwie so ähnlich wie die Typenbezeichnung eines US-Kampfpanzers...oder wie der Name einer russischen Höhenforschungsrakete...

piet 9. Februar 2012 um 10:07  

Ein Colloquium, das namentlich keine Sorgen kennt schwebt wohl eh im luftleeren Raum. Bei der Mitgliederliste des Beirats und bei den bisherigen Preisträgern glaube ich aber sowieso, daß dieser Verein nicht wirklich was mit Meinungs- u. Pressefreiheit am Hut hat. Eher Propaganda u. Meinungsmache mit Schampus u.canapes verbindet.

Roberto J. De Lapuente 9. Februar 2012 um 10:09  

Sollte Antwort kommen, werde ich hier im Kommentarbereich Bericht erstatten. Aber ich mache mir nichts vor, ich bekomme keine Antwort. Warum auch, ich störe doch nur bei der Schampus-Bestellung...

Anonym 9. Februar 2012 um 11:18  

Klasse :)

Prima Idee.

Gruss
rosi

Gloria 9. Februar 2012 um 11:54  

Nett! Sehr willkommener Denkanstoß, schon länger keinen mehr gehabt ...

Stefan Rose 9. Februar 2012 um 12:08  

Momentmomentmoment! Roberto hat das mit der Meinungsfreiheit, glaube ich, nicht so wirklich verstanden. Meinungsfreiheit ist: Mohammed-Karikaturen und rassistisch-paranoides Gegeifer. Merkel mit Hakenkreuz ist dagegen unerträgliche Diffamierung und an Geschmacklosigkeit nicht mehr zu überbieten. Und wer was anderes behauptet, ist ein linker Kulturrelativist. So geht das! (Sicherheitshalber: *Ironie off*).

Nein, im Ernst: Klasse Idee! Da könnte man glatt eine Online-Petition draus machen...

Anonym 9. Februar 2012 um 13:16  

Auf das Mediengewitter bin ich gespannt...

Ein Gewitter reinigt ja bekanntlich die Luft. Dies paßt gut zum Februar !

februare = reinigen

Gruß
Hartmut

Bademeister 9. Februar 2012 um 20:13  

Beides muss der Mensch aushalten können - Merkel als Nazi auf der einen Seite, Mohammed auf der anderen Seite. Der Muslim muss sich mit Mohammed-Karikaturen abfinden wie der Christ mit Papst-Karikaturen und der Deutsche - wohl oder übel mit vielen Weltkriegstoten geschlagen - mit der Nazikeule.

Auch dies ist nicht eben neu und schon gar nicht kreativ - erinnert sich noch jemand an den unter Nazi-Erika herumkreuchenden Gerhard Schröder?

Der kleine aber nicht unwesentliche Unterschied besteht allerdings darin, dass wir uns immerhin zumindest zeitweise ein bischen weiterentwickelt haben, so dass kein Merkel-Karikaturist um sein Leben bangen muss und kein wütender Germanen-Mob griechische Botschaften und Konsulate in Schutt und Asche verwandeln wird.

Ich halte Deinen Vergleich zwischen Merkel und Mohammed, lieber Roberto, daher eher für schwach und wenig tragfähig. Die Ehrungen der Mohammed-Karikaturisten beruhten schließlich nicht auf einer sonderlichen Qualität der Karikaturen (Diese waren eher banal), sondern waren explizit eine Reaktion auf die enorme Gewaltentladung in der muslimischen Welt. In einer Zeit wo sich Künstler und Theatermacher nun drei Mal überlegen ob sie es wagen können den Islam zu kritisieren, karikaturisieren oder persiflieren und es aus Angst um ihre Sicherheit lieber mittels Schere im Kopf von vorneherein unterlassen ist dieses Signal der Unterstützung durchaus begrüßenswert.

Die Meinungsfreiheit ist ein höheres Gut als die Befindlichkeiten der Empörten, seien es Muslime, Christen, Deutsche oder Merkel-Fans (also known as 90 % der heimischen Journaille). Diese Art Freiheit ist nicht nur die Freiheit des Andersdenkenden wie Rosa Luxemburg es formulierte, sondern auch die Freiheit des Stammtischs, der Demagogen, Kasper, Kulturbanausen und der Simpel.

Eine Gesellschaft die keine Idioten vertragen kann, ist unfrei.

Cora 9. Februar 2012 um 22:38  

Meine Hochachtung hattest du ja schon seit ich auf deinen Blog und dein Buch gestoßen bin. Jetzt aber erst recht! Ich habe immer mehr den Eindruck, dass ich mich in dem, was du (Bin ich jetzt eigentlich unhöflich, weil ich "Du" sage?) veröffentichst, einfach nur wiederfinde. Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass ich mich in diesem Land nicht wirklich heimisch fühle und nicht selten anecke, wenn ich das äußere...
Jedenfalls bin ich auch sehr gespannt auf die Reaktionen auf deine "Anregung" zur Preisverleihug. Ich finde, dass das wirklich eine geniale Idee,ach was sage ich, Tat ist. Vielen Dank!

Stammtischphilosoph 10. Februar 2012 um 11:29  

Ich sehe es etwas anders (vielleicht habe ich den Beitrag da auch mißverstanden).

Man muss die Karikaturen zu Merkel nicht mögen. Man darf sie sogar hassen und - wenn man denn möchte - sogar dagegen klagen. Meinungsfreiheit bedeutet ja nicht, dass man Satire gut finden muss. Auch der Protest dagegen (wie gegen die Karikaturen) ist ein Zeichen von Meinungsfreiheit.

Man darf nur nicht (vor Gericht oder anderswo) dafür sorgen können, dass diese Karikaturen verschwinden.

Roberto J. De Lapuente 10. Februar 2012 um 11:50  

Es geht vorallem um Doppelmoral.

peter o. 10. Februar 2012 um 12:22  

glaubensfanatiker und bildleser ticken gleich. nachbar von mir liest bild. gestern meint er, daß man den cartoonisten aus griechenland verprügeln soll. diese gyrossau meint er. das gehört sich nicht was der tut. derselbe nachbar hat vor ewigkeiten gemeint, daß der dänische zeichner ein toller hecht ist. der stravopoulos kann froh sein, daß er nicht in D lebt. die würden ihn daheim besuchen.

Anonym 10. Februar 2012 um 12:29  

(ironie an)also echt ma bei allen greueltaten das hat das dritte reich nicht verdient ne merkel in nazi uniform(ironie off)

wobei ich da doch eher für die variante der bildzeitung in naziaufmachenung währ

Stefan 10. Februar 2012 um 13:05  

Interessanter Artikel

Ich denke aber, das beschriebene Verhalten ist keine Doppelmoral.
Es geht um zwei verschiedene Dinge:
1. Meinungsfreiheit (aus unserer Sicht ein Recht)
2. persönliche Empörung

Aus der persönlichen Empörung kann natürlich ein Aufruf (oder aktives Unterbinden je nach Möglichkeiten) gegen Meinungsfreiheit entstehen.
Die Meinungsfreiheit müssen/sollen/wollen (je nach Standpunkt) wir verteidigen. Ein Mittel dazu sind Zeichen setzen (z.B. Ostermärsche, Anti-Nazi Demo, Verleihen von Preisen an Personen, deren Freiheit bedroht ist). Letzteres ist bei dem Karikaturisten aus Dänemark passiert. Ob es was bringt, keine Ahnung; aber im Prinzip bedeutet es sowas wie: Seht her, wir lassen jemanden des Leben wegen ausgeübter Meinungsfreiheit nicht im Regen stehen (dann würde es nämlich keiner mehr machen); sondern unterstützen solche Aktionen.

Sollte also ein Aussenminister zur Gewalt gegen Herrn Stavropoulos aufrufen (oder eine allgemeine Welle der Gewalt gegen Griechen und griechische Einrichtungen entstehen), dann wäre es wieder Zeit Zeichen zu setzen.

Ob dann der Aussenminister oder sonst wer Doppelmoral beweist, hängt von seinem damaligen Standpunkt zum dänischen Karikaturisten ab (vielleicht hat er ja auch zur Gewalt aufgerufen). Ich denke, dass ist dann aber nebensächlich; der Kampf um die Meinungsfreiheit ist wichtiger, als das Outen einzelner Idioten.

Was allerdings die Leser von Bild angeht, so mag das Doppelmoral sein (hier ist ein Einzelfall beschrieben mit einer geschickten Verallgemeinerung am Ende). In den seltensten Fällen machen sich die Bild Leser aber die Meinung nicht wirklich zu eigen, d.h. sie können nicht dafür argumentieren, sondern plappern nur Bild nach und vergessen den Vorfall wieder. Was hier gefährlich ist, ist das eine Grundstimmung bleibt, die nicht greifbar ist (wenn man 100 mal liest, dass die Griechen Schuld sind, muss man sich nicht an einen einzelnen Vorfall erinnern um eine Abneigung im Allgemeinen gegen Griechen zu haben).

Stefan

Lars Leberknecht 10. Februar 2012 um 19:31  

Das ist eben der Unterschied: Westergaard muss um sein Leben fürchten, Stavropoulos nicht.

Jens van de Kreet 10. Februar 2012 um 21:51  

@Roberto: Doppelmoral ist Frau Merkels Spezialität. Sie lässt keine Gelegenheit aus, auf die menschenverachtenden Methoden des Ministeriums für Staatssicherheit hinzuweisen, lässt jedoch ihre politischen Gegner vom Inlandsgeheimdienst beschatten. So isse eben. Aber vergessen wir nicht: "Deutschland geht es gut."
Ich möchte nicht wissen, wie sie mit ihren Parteikollegen umspringt.
Ansonsten: Vorrang für die Freiheit der Kunst und der Rede. Es gilt, was ich in Sachen "Frankfurt Helau" bereits beim Lesen des entsprechenden Artikels in der Süddeutschen heute gedacht habe: Schlechter Geschmack ist nicht schön, aber er ist nicht verboten.

Saby88 11. Februar 2012 um 11:40  

Naja, lieber Roberto – wenn Du Dir
http://de.wikipedia.org/wiki/M100_Sanssouci_Colloquium
ankuckst und dort die Mitgliederliste des Beirates – wo alles, was im Mainstream Rang und Namen hat, auftaucht: Unter etlichen anderen Stefan Aust, Ulrich Deppendorf, Kai Diekmann, Mathias Döpfner, Hans-Ulrich Jörges, Giovanni di Lorenzo und Frank Schirrmacher – kannst Du Dir die Chancen für eine Antwort sicher ausrechnen.

@ Harzpeter: lass mich raten – „M“ steht für „Medien“ und 100 für die Anzahl der wichtigtuerischsten Meinungsmacher?.

Dem Colloquium vorgeschaltet gibt es den M100 Jugend Medien Workshop, wo „Nachwuchsjournalisten aus ganz Europa“ sich fachkundig einnorden lassen können. „Im Jahr 2010 wurde mit Top-Reportern von Spiegel und ZDF Möglichkeiten des investigativen Journalismus erläutert.“ Hihihi! (Und ja, korrekt zitiert: das „n“ bei „wurde“ fehlt auch im Original).

Auf der Website http://www.m100potsdam.de/images/stories/Presse_2011/ehrenpreis.pdf finden wir übrigens die Förderer für 2011: Landeshauptstadt Potsdam, Medienboard Berlin-Brandenburg, Auswärtiges Amt, ZEIT-Stiftung und Bertelsmann AG.
Kooperationspartner: Freedom House, Radio Free Europe, Reporter ohne Grenzen.
Mit freundlicher Unterstützung von Google, Audi, Air Berlin und Plista („plista Werbeformate ermöglichen uns additive Einnahmen und begeistern uns wegen des niedrigen Werbewiderstandes“, lobt Alexander von Fabris, Neue Presse Multimedia GmbH).

Also – noch Fragen?
Liebe Grüße, Saby

noamik 11. Februar 2012 um 11:51  

Auch wenn ich den Tenor des Artikels gutheiße, die gezogene Konsequenz ist lächerlich. Es gehört eben kein Mut dazu Merkel ein Hakenkreuz sonst-wohin zu malen. Schon gar nicht aus griechischer Perspektive. Vermutlich dürfte ein Hakenkreuz im Umfeld deutscher Politiker bei UK-Karikaturen im Wochentakt vorkommen. Auch in Griechenland muss sicher niemand mit aufgebrachten deutschen Einwanderern rechnen, die ihre Ehre oder was auch immer verletzt sehen. Also ja: es muss solche Meinungen geben dürfen. Aber nein: besonders viel Mut gehörte hier nicht dazu.
Und geschmacklos darf man btw. trotz Meinungsfreiheit alles finden, was dem eigenen Geschmack zu wider ist. Ich fand z.B. einen Teil der Mohammed-Karikaturen geschmacklos.

Roberto J. De Lapuente 11. Februar 2012 um 18:00  

Wenn der BILD-Mob nur dürfte... ohohoh, dann wäre es gar nicht mehr lächerlich.

neumond 12. Februar 2012 um 16:48  

"... natürlich ist die Geschichte Mohammads eine Geschichte der Gewalt, aber die war damals nicht geächtet, gehörte sozusagen zum guten Ton, womit heutige Maßstäbe nichtig werden."
Ein, wie ich finde, selten dämlicher Satz. Auch die Gewalt der SS gehörte seinerzeit zum guten Ton. Womit "heutige Maßstäbe" nichtig wären. Aus Sicht von Tätern gehört Gewalt IMMER zum guten Ton.
Manchmal ist's selbst hier schwer auszuhalten ...
Gruß neumond

Roberto J. De Lapuente 12. Februar 2012 um 19:02  

Was schwer auszuhalten ist, ist die Dummheit, die Zeiten Mohammads mit den Zeiten zu vermengen, in denen die SS wütete. Dazwischen gab es etwas wie Aufklärung - nicht nur alleine im abendländischen Raum, sondern bedingt und unter anderen Vorzeichen auch in der muslimischen Welt. Wer Mohammad und SS in dieser Weise rhetorisch zusammenbringt, der ist als Diskutant in etwa so ernstzunehmen, wie ein Stück Salami als vegetarische Kost.

Roberto J. De Lapuente 13. Februar 2012 um 07:36  

Die Antwort des M100 SC:

"Sehr geehrter Herr De Lapuente,
vielen Dank für Ihren Vorschlag, den griechischen Karikaturisten Stathis Stavropoulos mit dem M100 Medien Preis auszuzeichnen, den wir gern im Beirat zur Diskussion stellen.
Allerdings sei mir die Bemerkung erlaubt, dass Kurt Westergaard nicht ausgezeichnet wurde, weil er "mit seinen Mohhmamad-Karikaturen die Meinungs- und Pressefreiheit hochgehalten" hat, wie Sie schreiben, sondern um ein Zeichen für die Verteidigung westlicher Werte zu setzen. Die Auszeichnung hat mit der Qualität oder dem Inhalt von Westergaards Arbeit nichts zu tun, sondern damit, dass es nicht sein kann, dass ein Mensch, der in einem Land lebt, in dem Presse- und Meinungsfreiheit herrscht, aufgrund seiner Arbeit massiv und seit Jahren mit dem Tode bedroht wird. Das hat Kanzlerin Merkel in ihrer Rede zur Preisverleihung (es war nicht die Laudatio, die hielt Joachim Gauck, nur um Missverständnissen vorzubeugen) auch deutlich zum Ausdruck gebracht, als sie sagte: "Bei (Kurt Westergaard) geht es darum, ob er in einer westlichen Gesellschaft mit ihren Werten seine Mohammed-Karikaturen in einer Zeitung veröffentlichen darf, ja oder nein; egal, ob wir seine Karikaturen geschmackvoll finden oder nicht, ob wir sie für nötig und hilfreich halten oder eben nicht. Darf er das? Ja, er darf. Er ist ein Zeichner, wie es in Europa viele gibt. Europa ist ein Ort, in dem ein Zeichner so etwas zeichnen darf. Das ist im Übrigen kein Widerspruch dazu, dass Europa auch ein Ort ist, in dem die Freiheit des Glaubens und der Religion sowie der Respekt vor Glaube und Religion ein hohes Gut sind." Und weiter: "Toleranz ist nicht mit Standpunktlosigkeit und Beliebigkeit zu verwechseln. Sie hat niemals das geringste Verständnis für Intoleranz, für Gewalt von Links- und Rechtsextremismus oder für Gewalt im Namen einer Religion. Die Toleranz ist ihr eigener Totengräber, wenn sie sich nicht vor Intoleranz schützt. Religionsfreiheit meint eben nicht, dass im Zweifelsfall die Scharia über dem Grundgesetzt steht. Toleranz meint nicht Wegsehen oder das Messen mit zweierlei Maß. Und Respekt bedeutet nicht Unterwerfung."
Insofern kann man Herrn Stavropoulos nicht mit Herrn Westergaard vergleichen. Die Auszeichnung Westergaards war ein Zeichen, dass westliche Werte und Errungenschaften nicht durch religiöse Fanatiker bedroht werden dürfen, die einen Menschen in die Lage versetzen, dass er seit Jahren Tag und Nacht von Sicherheitskräften beschützt werden muss. Das ist, so weit ich weiß, bei Herrn Stavropoulos nicht der Fall, und mir ist auch nicht bekannt, dass Frau Merkel oder ein anderes Mitglied der Bundesregierung Todesdrohungen gegen ihn ausgesprochen hat. Man kann sich streiten, man kann anderer Meinung sein, man kann sich verletzt fühlen, man kann Dinge ablehnen - das berechtigt in unserer Gesellschaft aber niemanden dazu, einen anderen umzubringen oder zu seiner Ermordung aufzurufen. Auch Joachim Gauck hat das sehr schön in seiner Laudatio formuliert: "Es ist eine Tugend, einem überzeugenden Argument zu weichen, aber es ist Feigheit, einer Bedrohung von Feinden der Freiheit zu weichen."

Roberto J. De Lapuente 13. Februar 2012 um 07:36  

Antwort zurück:

"Sehr geehrte xxx,

zunächst möchte ich mich für die ausführliche Antwort bedanken. Ich möchte aber festhalten:

I - Gewaltfreiheit
Sie erklären ja, dass Westergaard nicht dafür ausgezeichnet wurde, weil er die Meinungsfreiheit hochhielt, sondern weil er westliche Werte verteidigte - Sie meinen damit einen Diskurs, der auf Gewaltfreiheit setzt. Indirekt attestieren Sie somit der islamischen Welt, dass sie per se gewaltbereit ist. Das ist a) verallgemeinernd, weil die islamische Welt verschiedene Facetten aufweist und b) eine Sichtweise ist, die in vielen islamischen Ländern ähnlich auf den Westen gemünzt gesehen wird. Für viele islamische Gesellschaften ist der Westen eben nicht friedlich, sondern agressiv und kriegerisch. Einige Irrläufer in der muslimischen Welt dürfen nicht dazu verleiten, eine gesamte Religionsgemeinschaft zu verunglimpfen.

II - Ein Preisträger, der gar keiner ist?
Sie erklären damit auch, dass Westergaard gar nicht Preisträger ist, sondern als Mittel zum Zweck diente. Eigentlich wollten Sie den "gewaltfreien Diskurs" honorieren - Westergaard bekam ihn stattdessen.

III - Doppelmoral
Zu jener Zeit, da Westergaard ausgezeichnet wurde, bildete die taz einen ans Kruzifix montierten Klinsmann ab. Einige Jahre zuvor hatte Matthieu sich ans Kreuz binden lassen, um auf die Nöte verlassener Väter hinzuweisen. Die Stoßrichtung aus der CSU und dem konservativen Flügel der CDU nach solchen "Eskapaden" war eindeutig, man nannte konkrete Maßnahme, die man der Beschmutzung von religiösen Symbolen folgen lassen wollte: Gefängnis. Der § 166 StGB sei völlig stumpft, jammerte man damals. Auch ein westlicher Wert? Nach Polizei und Gefängnis zu rufen? Ein Fortschritt gegenüber den Fanatikern, das stimmt - man überträgt die Stillung seiner religiösen Affekte blindlings auf den Staat...

IV - Stavropoulos
Der Karikaturist ist möglicherweise nicht in Gefahr. Man hört nichts in diese Richtung, das stimmt. Allerdings erzeugt die aufgebrachte Berichterstattung mancher Medien eine Stimmung, die ihn kriminalisiert. Wir dürfen froh sein, dass zwischen Stavropoulos und publizistisch aufgebrachtem Stammtisch einige Grenzen liegen. Andererseits würde man nicht sicher sein können, dass er unversehrt bliebe, nehme ich an. Das Nobelpreiskomitee zeichnete einst Obama vorsorglich mit dem Friedens-Nobelpreis aus - da hatte er erst wenig getan. Das sollte ihm Mut verleihen. Vielleicht sollte man den Karikaturisten in gleicher Weise vorsorglich auszeichnen. Das machte ihm und der Meinungsfreiheit Mut.

Mit freundlichen Grüßen,
Roberto J. De Lapuente"

Anonym 13. Februar 2012 um 12:01  

Nach der Meinung des M100 SC muesste nachtraeglich das Titanic Magazin geehrt werden. Die Bildzeitung hatte nach der gelungen Fussball WM Aktion (http://de.wikipedia.org/wiki/Wie_Titanic_einmal_die_Fu%C3%9Fball-WM_2006_nach_Deutschland_holte) oeffentlich ihre Leser dazu aufgerufen, der Titanic Redaktion ihre Meinung zu sagen. Was da an unterirdischen "Meinungen" artikuliert wurde ist hier dokumentiert: http://www.youtube.com/watch?v=yoVE5Q2HBBo

von Beleidigung, ueber Gewaltandrohung bis zu nationalistischen Parolen alles dabei und von der Bild "Zeitung" angeheizt.

Roberto J. De Lapuente 13. Februar 2012 um 13:16  

Nennt man das jetzt abwürgen? Antwort des M100 SC:

"Sehr geehrter Herr De Lapuente,
ich werde Ihre Anregungen an den Beirat weiterleiten.
Mit freundlichen Grüßen,
xxx"

Anonym 14. Februar 2012 um 18:17  

Also ich kann nicht verstehen wie man hier auf eine Doppelmoral kommen mag.

Die beiden Fälle sind nur im Ansatz zu vergleichen, warum Westgaard den Preis erhalten hat, wurde vom M100 erläutert.

Aber selbst inhaltlich würde ich die Karikaturen nicht mit gleichem Maß messen.
Islamisten töten andere Menschen, eben wegen Mohammed und ihrem fanatischen Glauben.
Und Deutsche sind Nazis weil sie Griechenland Sparmaßnahmen aufzwingen. Das ist ja mindestens eine Relativierung des Nationalsozialismus.
Mir wäre es auch völlig egal, ob er dafür einen Preis bekommt, aber es wird hier niemand griechische Flaggen verbrennen.

Ich habe damals schon über die Karikaturen nachgedacht, ich fand sie heftig, aber sie sollten einen Denkanstoß geben, sicher keinen Hass auf alle Muslime schüren.
Die Reaktionen haben den Karikaturisten in seinen Ansichten vermutlich bestätigt.

Ich hab auch versucht zu verstehen, warum Merkel jetzt zum Hitler wird. Ich habe keine schlüssige Verbindung sehen können.
Ich denke daher, dass die Empörung hier auch gerade berechtigt ist, weil in vielen wirtschaftlich beschädigten EU-Ländern gezielter Europa-Hass produziert wird. Nicht nur in Griechenland.

theo a. dornig 14. Februar 2012 um 19:24  

man kann die doppelmoral nicht erkennen wenn man gemuetlich in der doppelmoral wohnt.

Roberto J. De Lapuente 14. Februar 2012 um 19:32  

Hitler ist eine Metapher - so darf man das ruhig verstehen. Und es spielt die jüngere Geschichte Griechenlands mit hinein, in der man durch faschistische Fremdmächte verwaltet wurde - das sollte man schon beachten, wenn man an der Hitlermerkel keinerlei Aspekt finden kann, der begründbar wäre.

Alleine die Äußerung, dass Menschen wegen Mohammad töten zeigt doch nur, mit welchem Blick man die muslimische Welt betrachtet - genug Muslime tun Gutes, weil es Mohammad so will. Was auch falsch ist, weil dahinter liegt die alte Bezeichnung Mohammedaner lauert - wenn, dann geschieht in der Welt, wie wir sie kennen, viel Gutes und viel Schlechtes, weil es Gott, Jahwe oder Allah so will. Jeder macht sich da seinen eigenen Gott - wenn man die heiligen Symbole der einen Weltreligion verhöhnt und die eigenen Symbole verbrämt, wie damals geschehen, dann nimmt man in Kauf, Wut zu ernten. Die Mordslust einiger Tölpel ist dabei nicht zu dulden - wenn aber selbst für den Westen aufgeklärte Muslime (ich denke da an S. Ebadi) Westergaards Zeichnungen kritisierten und den Preis an ihn verurteilten, dann sieht man auch, wen man damit verletzte.

Man sollte ruhig sagen können, was man will - auch zeichnen. Vorher aber überlegen - und man sollte Karikaturen nicht politisch verwerten, wie es der antimuslimische Zeitgeist hier und heute tut.

Anonym 20. Februar 2012 um 10:59  

Roberto J. de Lapuente - er ist ein wohlgelittener Stichwortgeber der postfaschistischen "Jungen Freiheit".
Offen nachzulesen in der aktuellen Ausgabe.

Roberto J. De Lapuente 20. Februar 2012 um 11:17  

Du anonymer Depp versuchst es ja schon das ganze Wochenende, daher schalte ich es mal frei. Junge Freiheit - aha, urban legend, würde ich sagen. Ich schreibe auch für das Neue Deutschland. Nicht mal lesen kannst Du, Du arme Wurst...

Roberto J. De Lapuente 20. Februar 2012 um 11:18  

Achso, und noch ein Nachtrag. Eine weitere Unterstellung in diese Richtung wird stafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen - jemanden, der linksliberale Texte schreibt, mit einer rechten Zeitung verbinden zu wollen: das sind Ansätze von Rufmord.

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