Kopfhörer und tödlich verunglückte Fußgänger

Montag, 9. Januar 2012

Letzte Woche berichtete RTL einigermaßen aufgescheucht von den alarmierenden Zahlen, die das Statistische Bundesamt bezüglich Verkehrstoten veröffentlichte. Schätzungen zufolge habe es 2011 einen Anstieg von Todesfällen im Straßenverkehr gegeben - eklatant sei jedoch der Anstieg bei tödlich verunglückten Fußgängern. Fast 25 Prozent mehr als 2010 seien es. Experten und Verkehrsministerium glauben, dass das mit der "neuen Mode" von Fußgängern zu tun hat, mit Kopfhörern und lauter Musik auf dem Ohr, am Straßengeschehen teilzunehmen. Die beschränkte Wahrnehmung führe daher zu vermehrten Unfällen und letztlich auch zu mehr tödlich verunglückten Fußgänger.

Die Zahlen

Zunächst ist zu sagen, dass die nun veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes Schätzungen sind. 3.900 Tote insgesamt soll es demnach im Straßenverkehr 2011 gegeben haben. Schätzungen haben sich in den letzten Jahren häufiger als zu großzügig erwiesen. Beispielsweise verschätzte man sich 2007 und 2008 um etwa 130 Todesfälle. Das klingt selbstverständlich korinthenkackerisch, mindert aber unter Umständen die derzeitige Schätzung und damit auch die horrenden Anstiege etwas.

Das Statistische Bundesamt schätzt momentan 593 tödlich verunglückte Fußgänger. Das seien 24,6 Prozent mehr als 2010 - damals waren es lediglich 476. Was die Medien, allen voran RTL, allerdings verschwiegen: das Jahr 2010 war ein statistischer Ausreißer, das mit Abstand an tödlich verunglückten Fußgängern ärmste Jahr. Die Zahlen der letzten Jahre:

2005: 5361 Verkehrstote, davon 697 Fußgänger
2006: 5091 Verkehrstote, davon 711 Fußgänger
2007: 4949 Verkehrstote, davon 695 Fußgänger
2008: 4477 Verkehrstote, davon 653 Fußgänger
2009: 4152 Verkehrstote, davon 591 Fußgänger
2010: 3648 Verkehrstote, davon 476 Fußgänger
2011: 3900 Verkehrstote, davon 593 Fußgänger (geschätzt)

Die Deutung

Daraus läßt sich ableiten, dass sich die Zahl der toten Fußgänger auf das Niveau 2009 zurückgependelt hat - und damals feierte man das ebenfalls als freudigen Rückgang und Fortschritt im Straßenverkehr. Es war ja immerhin das Jahr mit den wenigsten Verkehrstoten seit 1950. Von 2009 auf 2010 gab es einen Rückgang um etwa ein Viertel - und von 2010 auf 2011 einen Anstieg um ein Viertel. Ein Rückgang von 115 tödlich verunglückten Fußgängern, wie das von 2009 auf 2010 geschah, liegt nicht in der Norm, wenn man das mit den Rückgängen der Vorjahre vergleicht. Ein positiv statistischer Ausreißer folglich. Weshalb das so war, sollte vielleicht mal an anderer Stelle untersucht werden. Gab es einen realen Grund im Straßenverkehr oder wurden die Erhebungen eventuell dergestalt verändert, dass es zu einer Senkung außerhalb der Norm kam?

Der Einwand, dass die Zahl der Verkehrstoten 2011 mit denen der tödlich verunglückten Fußgänger 2011 nicht in Relation angestiegen sind, dass es also etwa 7 Prozent mehr Verkehrstote allgemein, aber 24,6 Prozent mehr tote Fußgänger gibt, ist bedenkenswert, aber auch statistisch kein Einzelfall. 2006 ging die Zahl aller Verkehrstoten zurück, während die Zahl tödlich verunglückter Fußgänger anstieg.

Überhaupt kann man sagen, dass die Zahl tödlich verunglückter Fußgänger relativ konstant bei etwa 0,00075 Prozent aller Bundesbürger liegt. Es ist natürlich nicht statthaft, das so zu berechnen, entdramatisiert aber etwas und nimmt der Diskussion ein wenig Schärfe.

Besonderheit

Außer Acht gelassen wurde dabei auch noch, dass laut Statistischen Bundesamt von August 2010, jeder zweite getötete Fußgänger oder Radfahrer, über 65 Jahre alt war - bezogen auf die erhobenen Zahlen von 2009. Man darf annehmen, dass diese Zahlen in etwa auch für 2010 und 2011 gelten dürfen. Dabei ist zu bedenken, dass bei dieser Berechnung Fußgänger und Radfahrer zusammengefasst wurden. Rechnet man Fußgänger für sich, so waren von 591 tödlich verunglückten, 335 über 65 Jahre alt. Das ist somit nicht jeder zweite, nicht also in etwa 50 Prozent, sondern gar 57 Prozent.

Diese Information ist insofern hilfreich, weil man das Tragen von Kopfhörern und die damit verbundene Isolierung der Wahrnehmung durch Musikbeschallung, als Ursache für die ansteigenden Zahlen nennt. Ob aber die Generation "plus 65" die besagte Klientel ist, die mit MP3-Player oder ähnlichem am Verkehr teilnimmt, ist doch höchst zweifelhaft.

Die vermeintliche Ursache

Zweifellos beeinflusst Musikeinwirkung die Teilnahme am Verkehr. Das ist nicht der Punkt. Und die beeinflusst Fußgänger und Radfahrer genauso wie Autofahrer. Die Panik aber, mit der die Medien - allen voran ja RTL - nun berichten, die erzwungenen Stellungnahmen seitens des Verkehrsministeriums, sie sind völlig unangebracht. Ob das Ministerium von alleine in Aktionismus verfällt oder ob dahinter Medienanfragen stehen, die man nicht mit Gelassenheit behandeln will, weil man sonst als "Ministerium der ruhigen Hand" dargestellt wird, dass sich wenig um die großen Sorgen unseres Alltags kümmert, weiß man nicht so genau.

Fragen müssen erlaubt sein: Wurden Kopfhörer, i-Pods oder MP3-Player, erst neulich erfunden? Haben wir die Existenz des Walkman vergessen, den es schon Mitte der Achtzigerjahre als Massenartikel gab? Damals sah man vielleicht noch mehr mit Kopfhörer ausgestattete junge Verkehrsteilnehmer als heute - jedenfalls nicht weniger als heute. Gab es im Jahr 2010, als man so wenige verunglückte Fußgänger zu beklagen hatte, keine Kopfhörer in den Verkaufsregalen und somit im Straßenverkehr? Auch damals wurde Musik im Straßenverkehr gehört, passiert ist dennoch weniger. Lag es damals etwa gar an der erbaulichen Musik, dass weniger geschehen ist?

Kurzum, ein Paradebeispiel dafür, wie man mit statistischen Zahlen, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, Stimmungen erzeugt und selbst Ministerien in die Enge treibt. Die können sich Besonnenheit gar nicht leisten, weil sie sonst Schlagzeilen ernten würden wie "Verkehrsminister nimmt Zunahme bei tödlich verunglückten Fußgängern nicht ernst!"



25 Kommentare:

Sammy 9. Januar 2012 um 12:21  

Ja die Statistik ...

allgemein gilt, je niedriger die Gesamtzahl um so gewaltiger wirken sich zufällige Schwankungen aus, wenn man sie in Prozentzahlen übersetzt.

Darüber hinaus gibt es ja auch noch eine Vielzahl von weiteren Einflußfaktoren: wie lange und schlecht war der Winter; wie lagen die Feiertage, bzw. Brückentage; war in diesem Jahr ein Großereignis wie z.B. die Fußball-WM etc. etc.

Die Meldung ist vom Informationsgehalt her etwa mit dem Sack Reis vergleichbar. Aber Medien, die auf ihre Umsatzzahlen (Quote, Auflage) achten müssen machen daraus eben gerne "Reissack erschlug Chinesen, Maus tot". Und der Stammtisch diskutiert einen Abend für 20 Minuten darüber und dann ist die Sache vergessen, wie alles andere was so an Input kommt...

Anonym 9. Januar 2012 um 13:01  

...wie immer.....ich trau nur der Statistik, die ich selber gefälscht habe.....

persiana 9. Januar 2012 um 13:19  

Vielleicht geht es nur darum, irgendein neues Gesetz einzuführen, gegen das man verstoßen und damit auch belangt werden kann, in diesem Fall: Verbot des Tragens von Kopfhörern für Fußgänger. Irgendwann wird man sich kaum noch aus dem Haus bewegen können, ohne gegen irgendein Gesetz zu verstoßen.

Damit Gesetze eingehalten werden, brauchen wir dann auch wieder Leute, die dessen Einhaltung überwachen. Wie wäre es, mit ein paar 1-Euro-Jobbern oder vielleicht 0-Euro-Jobber - Geld erst gegen das Dingfestmachen eines 'Täters'...

Ich merke, ich habe wieder eine lebhafte, wenn auch einfältige Phantasie. In den Schubladen liegen bestimmt schon ausgefeiltere Pläne.

Hartmut 9. Januar 2012 um 13:24  

Es gibt drei verschiedene Arten der Lüge:

1. kleine Lüge
2. große Lüge
3. die Statistik

W.Buck 9. Januar 2012 um 14:37  

@Sammy, Zitat: "Und der Stammtisch diskutiert einen Abend für 20 Minuten darüber und dann ist die Sache vergessen, wie alles andere was so an Input kommt..."

Gestern war es der BuPrä, heute sind es die toten Fußgänger und morgen ist es wieder der Euro.

Im gedonnere der vom Inhalt befreiten Information stellt sich eine vermeintliche Gleichförmigkeit ein.

In den Achzigern formulierte Neil Postman: "Wir amüsieren uns zu Tode"

In den Neunzigern ergänzte er: "Wir informieren uns zu Tode"

Neil Postman war ein weiser Mann.

Dennis82 9. Januar 2012 um 14:52  

Vielleicht bereitet man ja damit auch die Helmpflicht für Fußgänger vor...? ;) Bei Radfahrern jedenfalls hat sich der neoliberale Gedanke der "Eigenverantwortung" aufgrund dieser ständigen Hysterie über die angebliche Gefährlichkeit des Radfahrens bis in die höchsten Richterzimmer durchgesetzt. Woraus für "sportliche Fahrer" (wer immer das auch sein soll) inzwischen eine versicherungsrechtliche Helmpflicht ohne gesetzliche Grundlage geworden ist!

Struppi 9. Januar 2012 um 15:11  

und wobei die Frage untergeht, warum es überhaupt zu einem Anstieg bei allen Verkehrstoten gekommen ist?
Wer die privaten Baustellen auf der A1 oder A5 kennt, wird sicher etwas vermuten. Das sind die gefährlichsten Baustellen, die ich in 25 Jahren Fahrpraxis erlebt habe.

So lenkt man aber schön ab auf die Schwächsten im Strassenverkehr, die natürlich auch noch Schuld daran haben, dass sie überfahren werden.

Anonym 9. Januar 2012 um 15:24  

„Experten und Verkehrsministerium glauben…“ – wie einfach dieser „Experten“glaube zu zerzausen ist, beweist dieser Blogbeitrag. Umgekehrt formuliert: Wer sich auch nur ein Quentchen intellektuelle Redlichkeit bewahrt, taugt nicht zum Berufsexperten. Woraus folgt: Nur Zyniker taugen zum Hochschuldozenten zwecks Expertenproduktion. Als Sloterdijk noch bei Sinnen war, stellte er diesem den selbst- und damit gesellschaftsbewussten Kyniker gegenüber, und ich kann durchaus bestätigen, dass vor 15 Jahren zweitere Sorte an der Uni noch vertreten war, gerade im Anfängerfach Statistik, hatte aber schon damals das Gefühl, diese wenigen Aufrechten seien am Aussterben.

Roberto J. De Lapuente 9. Januar 2012 um 18:00  

Die Baustellen auf der A5 sind mir durchaus bekannt - und ja, sie sind gefährlich. Dennoch: bei allen Verkehrstoten werden es auch kontinuierlich weniger, Ausnahme dieses Jahr, nachdem das letzte Jahr das beste Jahr seit 1950 war.

christophe 9. Januar 2012 um 20:00  

Soviel ich weiß, werden nur die Verkehrstoten gezählt, welche am Unfallort umkommen. All diejenigen, die im Krankenhaus sterben oder noch später auf Grund der Folgen das Zeitliche segnen, werden nicht gezählt. Statistik eben...

Anonym 9. Januar 2012 um 20:56  

Robert Kurz spricht in "Schwarzbuch Kapitalismus" vom 3 Weltkrieg auf den Straßen der Welt.

"Im letzten Jahrhundert sind ca. 17 Mio. Menschen durch Autos getötet worden."
Ist das der Preis für die Mobilmachung?

Vielleicht kommt ja mal ein Text über die kapitalistische Mobilmachung? ;)

Kopfschüttler 9. Januar 2012 um 21:32  

Warum nicht gleich:
Überhaupt kann man sagen, dass die Zahl der Opfer von rechter Gewalt relativ konstant bei etwa 0,00005 Prozent aller Bundesbürger liegt. Es ist natürlich nicht statthaft, das so zu berechnen, entdramatisiert aber etwas und nimmt der Diskussion ein wenig Schärfe...

landbewohner 10. Januar 2012 um 07:05  

statistik und experten. da weckt mein mißtrauen.
ansonsten seh ich das so wie denis.

Anonym 10. Januar 2012 um 09:21  

Hallo,
dummerweise juckt es mich so in den Fingern, einen Kommentar zu schreiben, da ich in meiner professionellen Tätigkeit als "Urban People Transport Manager"-vulgo-Busfahrerin- eben täglich mit der Problematik konfrontiert bin.
Oft habe ich nur die Wahl zwischen Vollbremsung mit durch abrupte Schwerpunktverlagerung der Fahrgäste einhergehender Verletzungen derselben - oder eben einem an oder umgefahrenen Fußgänger.

Es sind alle Altersgruppen, mit und ohne "Musik" im Ohr, die mir so täglich bei roter Fußgängerampel oder -einfach nur so- vor den 18 meter langen 26-Tonner laufen.
Nicht auszudenken, wenn dieser keinen lauten Dieselmotor hätte, sondern elektrisch dahersummen würde...

Nein, es ist Schwachsinn, einen Zusammenhang von Kopfhörer-Musik und Fahrbahnüberquerungsverhalten zu konstatieren.

Eher schon die dadurch unmögliche Verarbeitung wichtiger Informationen wie:" Endhaltestelle, dieser Bus rückt ins Depot ein!".....

Mehr als einmal saß noch beim Einfahren in den Betriebshof ein (meist) junger Mensch mit MP-3 Player auf den Ohren im Bus...

Wenn unsere "Politiker" ja zu Fuß durch die Stadt schlurfen würden, dann würde ich mich ja gerne mal in Berlin bewerben und dann so richtig hemmungslos Gas geben -fahrgastfreundlich, ohne Vollbremsung!

..honny soit qui mal y pense...



Christine Reichelt

Roberto J. De Lapuente 10. Januar 2012 um 09:42  

@ Kopfschüttler:

Man muß ein ganz schöner Depp sein, wenn man Gewaltopfer und Unfallopfer gleichstellen will. Oder ist es nur ein Unfall, wenn ein Schwarzer die Wut, die sexueller Frustration und die jämmerliche Mentalität, immer einen Schuldigen zu benötigen, am eigenen Leib erfahren muß? Nachtigall und so...

jansalterego 10. Januar 2012 um 10:49  

Mich stört gewaltig, dass gerade dieser Artikel genutzt wird, um platte Kritik an Statistiken zu rechtfertigen.

Es geht doch nicht um Statistiken an sich, sondern um den Umgang mit ihnen!

Die Arbeitslosenstatistik an sich ist doch nicht unnütz, nur weil sämtliche Medien vergessen zu erwähnen, dass in Weiterbildungsmaßnahmen befindliche und kranke Arbeitslose nicht mitgezählt werden...

Statistiken sind, wenn man ihre Schwächen kennt und benennt gute und vielfach die einzigen Instrumente um sich bestimmten Sachgebieten zu nähern.

Das Churchill zugeschriebene aber wahrscheinlich von Goebbels stammende Zitat, dass man immer nur den Statistiken traut, die man selbst gefälscht hat, ist also Unsinn.

Vielmehr sollte man nur denjenigen Statistiken trauen und auch nur diejenigen Statistiken kommentieren und als Unterstützung der eigenen Argumentation benutzen, deren Mechanismen und Schwächen man kennt und in seine Überlegungen einbezieht. Und auch nur wenn man damit transparent umgeht.

Roberto J. De Lapuente 10. Januar 2012 um 11:05  

Für die Statistik, lieber Jansalterego: Nicht nur diejenigen, die in Fortbildungskursen sind oder über 60 Jahre alt sind oder krank, verfälschen das öffentliche Bild, das zur Arbeitslosigkeit bzw. zum sogenannten Jobwunder herrscht, sondern auch die gezielten Ausklammerungen, die man vornimmt.

Beispielsweise vergleicht man nicht, wieviele Vollzeitstellen in der Erwerbstätigen-Statistik im Vergleich zu den Vorjahren noch existieren. Mehr Beschäftige als je zuvor! ist hierzu die verknappte Schlagzeile. Und wieviele Arbeitsstunden vor zehn Jahren mit weniger Beschäftigen und heute mit dem Jobwunder geleistet werden, wird auch nie verglichen - es sind de facto fast genauso viele (oder wenige).

Insofern ist natürlich der Argwohn gegenüber Statistiken begründbar. Zwar kann man nicht alles statistisch erfassen und das einzelne Leben ist kein zu statistisch erfassender Wert - darf es auch gar nicht sein! -, aber grundsätzlich haben Statistiken sicherlich eine Funktion. Wenn die aber von Leuten gelesen und ausgewertet werden, die damit Politik machen wollen, dann darf man sich nicht wundern, wenn man Statistik als etwas betrachtet, was man am liebsten abschaffen würde.

Anonym 10. Januar 2012 um 11:46  

.....lassen wirs gut sein....jeder halbwegs intelligente Mensch weiss doch, dass, wenn ein Politiker mit einer Statistik wedelt, man dieses
Papier nur für eine Sache benutzen kann......besser sind aber Feuchttücher un Hakle...lach

Anonym 10. Januar 2012 um 11:47  

Die meisten Getöteten waren ältere Menschen. Da die Zahl der Älteren zunimmt, ist sicher auch in der Zukunft nicht mit stark sinkenden Zahlen zu rechnen. Die Wahrnehmung sinkt - und der Verkehr wird dichter und komplexer...
Die Statistik sagt leider nichts über die Verursacher aus. Subjektiv nehme ich in letzter Zeit öfter Meldungen wie "83-jährige Autofahrerin überfährt 67-jährigen Fußgänger". ADAC&Co schwören ja auf die "Erfahrung" der Alten - aber wenn auf der gewohnten Runde etwas ungewöhnliches passiert, sind sie oft überfordert, reagieren falsch, stur, ignorant.
Oder auch der aktuelle Fall: Fahrer erleidet Schlaganfall und fährt in Fußgängergruppe. Auch ein Risiko, das eher Ältere trifft.
Oder alte Herren, die sich zu Rentenbeginn erinnern, daß sie ja vor 40 Jahren mal den Motorradführerschein gemacht haben und nun etwas "nachholen" müssen...

Meine Laienthese ist somit: die Zeit sinkender Unfallzahlen ist vorbei. Die größte Risikogruppe sind nicht mehr die Fahranfänger, es sind die Alten. Und die werden mehr und sind dabei mobiler als ihre Vorgänger. Der technische Fortschritt wird nicht alle Risiken auffangen können, insbesondere wenn die Freiheit der Verkehrsmittelwahl bleiben soll. Das ist der Preis einer alternden und gleichzeitig mobilen Gesellschaft.

meykosoft 10. Januar 2012 um 12:20  

Danke fürs aufdröseln.
Ich nutze die Gelegenheit, hier kurz meine derzeitige statistische Lieblingsgrafik 2011 beizusteuern:
http://meykosoft.jimdo.com/anderes/

ohno 10. Januar 2012 um 14:34  

Zu den Bemerkungen will ich nix sagen, es fällt aber auf, dass mehr Leute durch Autos als durch Kopfhörer sterben. Was also als erstes entschärft werden sollte, dürfte klar sein.

Lutz Hausstein 10. Januar 2012 um 15:31  

Statistiken sollten sinnvoll sein. Und sie sollten einen ernsthaften Versuch darstellen, einen Zusammenhang zwischen zwei oder mehreren Zahlen und Sachverhalten herzustellen. Insofern sind Statistiken sicherlich nicht ohne Sinn. Aber sie müssen auch logisch und die Zusammenhänge wirklich kausal sein.

Noch ein Punkt ist mir allerdings aufgefallen, den zu diskutieren mir notwendig erscheint und der noch gar nicht benannt wurde. Robertos Kritik richtet sich ja vor allem gegen die Interpretation, dass die gestiegenen Zahlen von getöteten Fußgängern primär auf die Nutzung von Kopfhörern zurückgeführt wird.

Nun gibt es aber ganz offensichtlich keine Untersuchung über die Kausalität eines solchen (vermuteten) Zusammenhangs. Es wird einfach nur behauptet. Die Annahme eine solchen Kausalität ist für mich vor allem auch umso fraglicher, da ja die absoluten Fallzahlen von 593 Opfern (wieso werden die eigentlich nur geschätzt?) eine Einzelfalluntersuchung durchaus zulassen würden. So könnte auch für jeden einzelnen Fall festgestellt werden, welcher Tatbestand ursächlich für den Todesfall verantwortlich ist.

Würde es 500.000 Tote betreffen, wäre eine solche Einzelfalluntersuchung sicherlich kapazitätsmäßig gar nicht möglich. Aber bei (im Sinne dieser Feststellung!) "nur" 593 Toten muss dies doch ohne Weiteres möglich sein. Erst recht, wenn daraus restriktive Folgerungen gezogen werden sollen, muss dies doch ein Gebot der Ehrlichkeit und Offenheit sein.

Stattdessen vermutet man bei "nur" 593 Toten über zwingende Zusammenhänge, anstatt die Ursachen wirklich zweifelsfrei zu überprüfen und zu belegen.

Auch Zahlen-Menschen wie Statistiker sollten ihr Gehirn trotz all der Zahlenkolonnen nicht ausschalten!

Anonym 11. Januar 2012 um 08:56  

Roberto: Da Du mein erstes Posting als Radfahrer nicht veröffentlicht hast, zum Thema Statistik der weitere Versuch eines Jokes.

Zur viel geäußerten Behauptung "Sport ist Mord" und den von den Medien jeweils dramatisch aufgebauschten Todesfällen bei Marathonläufen folgende Aussage ("Laufnebenwirkungen" D. Kleinmann, Seite 247):

Einer finnischen Studie zufolge lag der Auslösefaktor bei Todesfällen durch Langstreckenlauf bei 0,9 %, auf dem WC bei 5,1 % (Saunabesuch 8,9 %). Ob die Letztgenannten einen Kopfhörer trugen, ist nicht bekannt.;-)

Soviel nur zu den Alltagsrisiken.

Anonym 24. Januar 2012 um 19:15  

Die Pfeifen von zdf heute haben eben nachgezogen.

Anonym 24. Januar 2012 um 19:21  

...und gerade die selben Zahlen noch einmal mit identischer Begründung und genauso unhinterfragt im ZDF "heute"...

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