Ich denke ihn mir als Buchstaben

Sonntag, 4. Dezember 2011

Sein Gesicht habe ich nie gesehen. Seine Stimme nicht gehört. Für mich hatte er keinen Körper. Er bestand aus Buchstaben, Zeichen, aus erlesenen, aus bemerkenswerten Texten - er bestand aus Informationen, die ich über ihn hatte. Mittfünfziger. Aus Berlin. Postleitzahl. Ich kannte ihn nur als Zahlenwust. In mein Leben trat er als Zeichensalat, nie als Leib.

Zwei Jahre sind vergangen, seitdem dieser Mensch, den ich nie als Menschen kannte, gestorben ist. Viel ist passiert seit jener Zeit; für die Welt, für mich. Ich habe damals einige elektronische Briefe mit ihm getauscht. Über die Welt, wie sie sich wandelte - über den Sozialstaat, wie er darniederlag - manchmal klitzekleine Privatheiten. Wir besprachen Widgets; wir ereiferten uns über Plug-ins - der Soziolekt des Bloggens. Ich wusste wenig über ihn selbst, viel über seine Denkmuster - ich wusste, ich spürte, dass er ein belesener Geist war. Doch nicht mal seinen Nachnamen kannte ich. Obgleich er nur über den Monitor meines Rechners Gestalt für mich annahm, war das Menschliche, das da von der anderen Seite her durch die Leitung kroch, intensiv spürbar. Eine Bekanntschaft unserer Epoche; eine gesichtslose Bekanntschaft, wie sie lediglich die Ära der allseits bereiten, allseits umsetzbaren Kommunikation erfinden kann.

Seine Texte waren Labsal. Darin versöhnte sich vergeistige Lebenserfahrung mit eloquentem Mut. Seine Kritik am neoliberalen Wahn war stets durchdacht. Ich hatte nie den Eindruck, dass er seine Kritik auf sentimentale Duseleien baute, vielmehr pflückte er die Thesen seiner weltanschaulichen Kontrahenten dialektisch auseinander, gab er der Ratio Argumente zur Hand. Dessenungeachtet war der Mensch zu spüren. Die Symbiose aus Denker und Fühler. Die Emotion war sein Pferd, die Ratio sein Reiter. Ein kantianisches Gemüt.

Mir ist so, als sei er auch Musiker gewesen. Habe ich ihm je erzählt, dass ich damals in einer Ehe lebte? Er kannte sich jedenfalls mit amerikanischer Musik aus, erinnere ich mich. Wusste er, aus welcher Stadt ich kam? Sich nie gesehen zu haben, wenig bis nichts übereinander zu wissen - wie arm und reich uns die Segnungen breitbandinger Glasfaseranbindungen doch machen. Komische Tage, in denen wir leben. Man begegnet sich blind, man spricht stumm miteinander, man hört sich taub.

Anderthalb Jahre hatten wir sporadisch Kontakt miteinander, verrät ein Blick ins elektronische Postfach. Da und dort Tage in Serie, ab und an wochenlanges Schweigen. Fast täglich las ich auf seinen Seiten. Und dann unterbrach der Tod die Kommunikation. Denke ich an einen Freund aus Kindertagen, den ich einst hatte, und der später, der Kontakt war längst abgerissen, beim Wintersport den Tod fand, so stelle ich mir stets einen lachenden, nicht gerade schlanken Jungen von fünf oder sechs Jahren vor. So war er in meinem Leben präsent. Denke ich an diesen Mann, der vor zwei Jahren ging, ich kann mir kein Gesicht denken - ich sehe e-Mails vor mir, ich erinnere mich an Passagen aus seinem Schaffen, an Gedankengänge, die er mir beibrachte. Buchstaben, keine Haut; weißer Monitorhintergrund, keine Augen - das war, das ist er für mich.

Gleichwohl sitze ich zwei Jahre später hier und schreibe über ihn. Über einen, den ich nie sah. Über einen Menschen, von dem ich vielleicht nie wissen werde, wie er ausgesehen hat. Ob ich nur jetzt, da erst zwei Jahre ins krisengeschüttelte Land gingen, daran denke? Muß ich damit rechnen, noch als alter Mann meine Gedanken in die ferne Vergangenheit zu werfen, um mich zu fragen, wer er war, wie er aussah? Nachdem ein Mensch stirbt, wollen alle, die seiner gedenken, Freunde gewesen sein. Wir waren keine Freunde. Bleiben wir bei der Wahrheit. Wir waren durch den Zufall des Internets zusammengefundene Bekannte. Bis er starb. Und ich sitze zwei Jahre später hier und denke an ihn. Ohne ein Gesicht zu haben. Ich denke ihn mir als Buchstaben. Er war ja doch ein Mann des Wortes.

Genau heute ist es zwei Jahre her, da uns ein Mitstreiter starb.

14 Kommentare:

Margitta Lamers 5. Dezember 2011 um 07:34  

Ja, er war ein ganz besonderer Mensch und ich fühle mich bereichert, seine Stimme (Skype sei Dank) gehört zu haben, die seither immer mal wieder durch meinen Geist weht.

Lieber Roberto, danke für Deinen Text.

Liebe Grüße
Margitta

Hartmut 5. Dezember 2011 um 08:44  

So eine schöne Lobrede hab ich in meinem Leben weder gehört noch gelesen !

Danke für diesen schönen Text.

Das berühmte Paulus Wort: "Der Buchstabe tötet; der Geist aber macht lebendig." hat für mich hierdurch einen völlig neuen Sinn ergeben.

Viele Grüße
Hartmut

persiana451 5. Dezember 2011 um 09:22  

"Man begegnet sich blind, man spricht sich stumm, man hört sich taub." Sehr schön!

Aber gilt das nicht umso mehr auch für unsere alltäglichen Beziehungen? Ich weiß nicht, wer von denjenigen, die mich 'kennen' schon mal in meinen Blog geschaut hat, obwohl ich schon mehreren die Adresse gegeben habe. Ich glaube keiner - vielleicht haben sie keine Zeit, oder es interessiert sie nicht.

Körper (und damit auch Aussehen und Stimme) sind nur die äußere Form eines göttlichen Funkens, mit dessen Hilfe man sich denjenigen, die einen 'hören' wollen, verständlich machen kann.

Namen, Buchstaben, Worte, Körper, Aussehen - alles Schall und Rauch, Hilfsmittel, um dem Gedanken in der materiellen Welt eine Form geben zu können...

Diemann 5. Dezember 2011 um 11:07  

Hallo,
ich bin Verkäufer in einem großen Warenhaus und kann sagen, dass es in diesem Jahrhundert noch nie so brummte in der Adventszeit.
Auch von den Verkäufern von Obdachlosenmagazinen an den Ein/Ausgängen weiss ich, dass die Leute selten so spendenfreudig waren wie dieses Jahr.
Also es scheint mittlerweile doch mehr Geld bei den Leuten anzukommen als in der Vergangenheit.
"der Sozialstaat, wie er darniederlag... krisengeschütteltes Land..."
Das galt mehr für Gestern als für Heute.
Siehe auch die Presse:
"Shoppinglaune: Die Verbraucher bescheren dem deutschen Einzelhandel volle Läden und klingende Kassen zum Auftakt." ... "Einzelhandel zufrieden mit Adventswochenende"...

Kopf hoch und adventige Grüße!

Roberto J. De Lapuente 5. Dezember 2011 um 11:17  

@ Diemann:

Eigentlich halte ich es für eine Frechheit, einen Nachruf mit Propaganda zu "edeln" - gut, ich schalte es frei, man soll auch lachen... aber wer Augen hat, der sehe und die Sprache, die verrät. Denn wenn jemand schreibt, "... es scheint mittlerweile doch mehr Geld bei den Leuten anzukommen...", dann klingt das nicht nach Verstand, es klingt nach Regierungssprech. Und wenn der dann noch Schlagzeilen aus der Presse zitiert... hahahahaha...

Anonym 5. Dezember 2011 um 12:50  

....das war wohl nicht gekennzeichnete Satire....lach

epikur 5. Dezember 2011 um 13:33  

Danke für diesen Nachruf!

Kurts Blog hatte ich täglich gelesen. Er war selten polemisch oder provokativ, sondern meist sehr sachlich und gründete seine Kritik auf Argumenten. Sein Tod war schockierend, wenn gleich man ihn nie persönlich, sondern "nur" durch seine Texte kannte.

Manu 5. Dezember 2011 um 14:26  

Gut, das zu erwähnen mit diesem toten Blog... Ich werde Google als Blogspot-Besitzer mal den Tod des Betreibers jenes Blog melden, dass es aus dem Netz getilgt werden kann.

Google handhabt das mit einer Frist, in der sich der Blogbetreiber zur Bestätigung seiner eigenen Existenz melden muss.
Sonst würden sich die Millionen tote Seite im Netz ja auch auftürmen im Laufe der Zeit.

Roberto J. De Lapuente 5. Dezember 2011 um 15:07  

Letzteres lasse ich mal stehen. Man soll sehen, wo die Eichmänner gedeihen...

Anonym 5. Dezember 2011 um 18:04  

Schon zwei Jahre, dass Kurt uns verlassen hat. Noch heute ist es wertvoll auf seinem Blog seine Ein- und Beiträge zu lesen. Da wird mir immer wieder gewahr, welch großen Verlust wir da erlitten haben.

Anhänger des 04.08.1789

Frank Benedikt 5. Dezember 2011 um 22:38  

@ "Manu":

Das wirst Du mal schön bleiben lassen, denn seine Witwe ist die Rechteerbin und damit neue Inhaberin des Blogs. Sie hat das damals mit ein paar von uns Bloggern besprochen, daß seine Texte frei zugänglich im Netz verbleiben sollen - zumindest, bis wir ein Archiv anlegen können.

MfG
Frank benedikz

Roberto J. De Lapuente 5. Dezember 2011 um 22:42  

Schön bleiben lassen? Meinst Du, dass jemand, der das Pietätsgefühl eines Hühnerauges besitzt, sich so abhalten läßt? Man sollte darüber nachdenken, die Texte, vielleicht auch eine Auswahl der besten Texte, in ein Blog zu überführen, auf das mehrere Blogger zugriff haben.

Frank 6. Dezember 2011 um 01:42  

Kommentare wie die von manu und Niemann machen mir mal wieder aufs Neue bewußt, in welch verkommener Zeit wir leben.

Auch ich kannte Kurt aka Roger Beathacker nur vom Lesen, wir haben uns hier und da gegenseitig kommentiert, mehr war nicht an "Kontakt". Aber das Lesen seiner Beiträge war mir Bereicherung, und da gibts ehrlich gesagt heutzutage nicht so viele, von denen ich das noch sagen könnte.

bel 12. Dezember 2011 um 16:38  

@manu
da bekommt das wort "blogwart" doch wieder so ein geschmäckle.
Auf dass dir die finger an der tastatur festkleben!

bel.

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