Verhinderte Diktatoren

Montag, 7. November 2011

Es hat sie zu allen Zeiten gegeben. Immer. Auch als es sie laut Geschichtsbuch nicht gab, so gab es sie doch. Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte verhinderter Diktatoren - und solcher, die nicht verhindert wurden. Dabei kamen nur die wenigsten von ihnen an Macht.

Schläfer. So nennt man sie heute wohl. Mehr oder minder heimlich - wahrscheinlich minder! - leben sie unter uns. Diktatoren! Damit sind nicht die ausführenden Kräfte, die CEOs des Kapitals gemeint. Sie sind nur Angestellte des Diktats. Damit sind die gemeint, die würden, wenn sie dürften - und die täten, wenn sie könnten. Die sitzen nicht in Staatskanzleien - sie sitzen am Stammtisch; man begegnet ihnen nicht bei Parteitagen - sie sitzen einem in der S-Bahn gegenüber. Sie sind verhindert; das Potenzial wäre da, nur fehlt es an Beziehungen, an Antrieb, an Charisma.

Wir leben in demokratischen Zeiten. Gut, das vereinte Europa beweist gerade, wie demokratisch es wirklich gesittet ist - und die ökonomisierte Republik, die überall Fuß gefasst hat, sie hält Demokratie auch nur für Zierat; für ein stolzes Ornament, das am Kunstwerk Abendland zu bestaunen ist. Dennoch, der Anstrich ist demokratisch. Zeit verhinderter Diktatoren! Heute haben sie Aussichten, heute wittern sie Chancen - das war zu Zeiten, da die Demokratie Konjunktur hatte, als man mehr von ihr wagen wollte, ganz anders. Aber auch in diesen Zeiten lebten Diktatoren. Zu kurz gekommene Diktatoren, die ihr Diktat gerne Mitmenschen mitteilten. Das gäbe es bei mir nicht!, beschlossen sie ihre Ausführungen. Ausweisen! Abschieben! Einsperren! Zuchthaus! Erschießen!

Die wenigsten von ihnen haben es je zu ihrem Traumberuf gebracht. Postkartenmaler war einer, der sich aus der Verhinderung lösen konnte - dessen Paladine eingeschlossen. Es gibt aber unzählige Anwärter auf so ein Amt - viele scheuen die Mühe jedoch; dazu kommen die Strukturen, die einen solchen Aufstieg erschweren; wenn man aber schon so weit wäre, "etwas zu sagen zu haben", dann wüssten sie ganz genau, was zu tun sei. Eiserner Besen wären sie - rigoros und eiskalt. Momentan füllen sie die Leserbriefspalten von Zeitungen oder die Kommentarleisten von Foren und Weblogs und verfügen somit ihr Diktat dergestalt, dass sie Moslems ausweisen, gegen sie Krieg führen, sie umerziehen wollen; andere rufen nach Todesstrafe; dann sind da welche, die Zucht- und Arbeitseinrichtungen für wegweisend halten - sie wollen ihren Typus anderen aufnötigen, um es mal frei nach Nietzsche zu sagen. Lauter kleine Diktatoren...

Die große Leistung des demokratischen Zeitalters, das in unseren Gefilden ja relativ spät angebrochen ist, war stets, dass man die Legionen geifernder Diktatoren, die ihren Menschenhass und ihre Abneigung gegen alles Lebende nicht in den Griff bekamen, an den Stammtisch der Bedeutungslosigkeit verbannte. Manchmal erhob sich auch von dort einer und geriet in demokratische Mühlen - das dann meist relativ belanglos. Man verbannte ihn dann auf einen Posten, den er selbst für viel zu unbedeutend hielt, machte ihn beispielsweise zum bayerischen Ministerpräsidenten, nicht zum Kanzler, als den er sich selbst schon sah. Das strikte freiheitlich-demokratische Bekenntnis, es war Garant für verhinderte Diktatoren, die uns nur noch im Alltag beim Bier ärgerten, nicht mehr aber per Führererlass.

Das Bekenntnis kommt uns dieser Tage immer mehr abhanden. Eugenik ist wieder freie Meinungsäußerung; verbreitete Fremden-Stereotype auch. Man kann als besorgtes Elternteil für Todesstrafe plädieren. Arbeitslager für Arbeitslose gelten als innovativ, nicht als bedenklich im Hinblick auf Menschenrechte. Das Bekenntnis ist verstummt. Und das macht diese Zeiten so gefährlich. Die ganzen Westentaschen-Diktatoren, sie können als Masse Druck auf Politik und Wirtschaft ausüben, niemand hemmt mehr deren Beißreflexe. Schweigende Mehrheit nennt man die dann, obwohl sie gar nicht schweigen. Es steht kein Journalismus als vierte Säule mehr dazwischen und mahnt. Wehe, diese verhinderten Diktatoren aus der Masse, die die Demokratie als Gefährdung für Sitte und Anstand, Wohlstand und Reichtum anerkennen, haben irgendwann politischen Einfluss - oder haben sie ihn vielleicht nicht schon? Nennt man diesen Einfluss nicht auch bürgerliche Mitte?



11 Kommentare:

Hartmut 7. November 2011 um 10:19  

Die kleinen und auch großen sind immer unter uns gewesen und werden es immer sein.
Der Ruf nach dem starken Mann(Frau)
wird nie erlöschen.

In den 70ern der "Hochkonjunktur" der Demokratie brachte ich manche Diskussion zum Abschluß, indem ich einfach einwarf. "So ein kleiner Adolf steckt wohl in jedem von uns."
- Dann war Schweigen !
Das ist heute undenkbar. Bestenfalls würde ich wohl ein Fernsehgrinsen ernten.

Ganz abgesehen von der psychologischen Perspektive, sind im Staatswesen, Militär und Polizei als Kommandostruktur aufgebaut. Auch die gesamte Wirtschaft würde ohne diktatorische Anweisungen nicht funktionieren. -
Aber hier stehen ja die pathologischen Diktatoren zur Rede.

Anonym 7. November 2011 um 11:03  

was habt ihr denn gegen den Adolf....der hat schliesslich die Autobahnen gebaut und die Arbeitslosigkeit beseitigt....na ja, das mit den Juden musste ja nicht unbedingt sein.....(Ironie aus)

Anonym 7. November 2011 um 13:06  

es gibt zu viele diktatoren heute. Nicht zu wenig.

Banana Joe 7. November 2011 um 14:25  

Wer ist gemeint?

"...Damit sind die gemeint, die würden, wenn sie dürften - und die täten, wenn sie könnten..."

Richtig. Und es sind diejenigen gemeint, die das, was Sie tun können (innerhalb ihrer beschränkten Möglickkeiten) auch tun: Nach oben buckeln und nach unten treten!

Antwort: Es sind die Radfahrer

Johannes W. 7. November 2011 um 15:51  

Ich bin 59 und seit etwa 2 Jahren regelmäßiger Leser dieses Blogs.
Ihren Analysen, die sich an konkretem Text und Bild festmachen, stimme ich häufig zu.
Mit dem heutigen Artikel stelle ich allerdings wieder mal fest, wie wenig ich Ihren Beobachtungen von nicht konkret festmachbarer gesellschaftlicher Tendenzen zustimmen kann.

Ich komme täglich in Kantinen diverser Großbetriebe in mehreren Bundesländern herum und höre dort seit mittlerweile 4 Jahrzehnten des "Volkes Stimme".
Ich frage mich, woraus sich Ihre Beobachtungen der Leute speisen.
Vor 20 Jahren waren beispielsweise Türkenwitze noch salonfähig, selbst in der Gegenwart von Türken, die gute Miene zum bösen Spiel machten. Heute stellt man sich damit an den Rand.
Sarrazin hat dazu geführt, dass sich Befürworter seiner Thesen heute besser begründen müssen. Anders als früher sind die Leute mit Kontra-Argumenten gegen sarrazinische Gedanken heute vertrauter - dank wahrlich massiver medialer Auseinandersetzung mit den Themen.

Ich könnte so immer weiter fortfahren und meine Beobachtungen der letzten Jahrzehnte schildern, die sich mit ihren beobachteten Verrohungstendenzen nicht decken.
Aber insgesamt möchte ich Ermutigung zur Fortführung Ihres Blogs aussprechen.

Anonym 7. November 2011 um 16:12  

Ich kann den text nur zustimmen. chapeau

Roberto J. De Lapuente 7. November 2011 um 16:25  

Da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Dergleichen wie "der Türkenwitz" war schon in den Achtzigerjahren nicht salonfähig. Dort wo die Verächtlichkeit gegenüber Türken/Moslems heute rangiert, also in der bürgerlichen Mitte, war schon vor 25 Jahren der Türkenwitz nicht angebracht. Heute kann man sich zur "seriösen Verächtlichkeit" bekennen - das ist, was Sarrazin bewirkt hat. Dass sich die Befürworter seiner Thesen heute besser erklären müssen, trifft weniger zu - sie tun es ja schlicht nicht.

Überhaupt geht es nicht um dieses plumpe Witzeln. Bzw. ich drehe den Spieß einfach mal und behaupte: Man konnte in der bürgerlichen Mitte schon in den Achtzigerjahren keine Witze dieser Art reißen - aber heute, man hätte wenigstens die Chance, dort solche Witze reißen zu dürfen, ohne explizit dumm angesehen zu werden.

Johannes W. 7. November 2011 um 16:34  

Roberto, wir haben da wohl schlicht unterschiedliche Beobachtungen gemacht.
Kann sein, dass meine Beobachtungen anders als deine eher von unterhalb der bürgerlichen Mitte stammen. Deine stammen dann zumindest von einer kleineren Bevölkerungsgruppe.
Dass sich sarrzinische Gedankenträger generell "nicht erklären", stimmt ja durchaus nicht.
Aber nichts für ungut.

Anonym 8. November 2011 um 07:23  

Widerspruch! Pflügen Sie doch ruhig mal durch ein beliebiges Thema im Blog des WDR -Aktuelle Stunde- und Sie blicken in den Abgrund der Gedanken des normalen bürgerlichen Stammtischpöbels. Wobei viele Kriterien dieses "Volksblogs" im Sinne von Robertos Analyse erfüllt sein dürften: Öffentlich-rechtl. Fernsehen, als seriös geltende Moderatoren und Themen, heterogenes Kommentariat, Prototypen des gut informierten Durchschnittsbürgers mit der Lizenz zum Mobben, Intrigieren und Hetzen.

Dieses personale Konglomerat mit latenten Aggressionen gegen alles Emanzipierte, Kritische, Intellektuelle und Gebildete stürzt sich auf "Außenseiter" wie die Motten auf die Kerzenflamme und bestätigt sich in den Postings in seinem reaktionären Weltbild.

Einen weiteren Beleg für Robertos Aussagen findet man genauso im ebenfalls als allgemein seriös gehandelten Gästebuch des mehrfach Preis-ausgezeichneten Frank Plasberg bei "Hart aber fair". Auch da posten die politisch interessierten Leute von nebenan, die netten Kollegen, freundlichen Hausfrauen und diskussionsfreudigen Rentner. Nur soviel zu diesem Forum: Beim Thema Sarrazin entblödete sich das Redaktionsteam von Plasberg nicht, alles was an rassistischen Statements abgegeben wurde, auch kommentarlos zu veröffentlichen.

Rd. 80 % der Plasberg-Zuschauer fanden die "Thesen" von Sarrazin übrigens richtig.

Johannes W. 8. November 2011 um 15:45  

Hallo Anonym von heute Morgen:
Sie beschreiben da eine Gegenwart ohne Vergleich mit der Vergangenheit.
Von daher besteht kein Einspruch.

Bonsta 12. November 2011 um 21:13  

Es ist so, dass heute gar nicht mehr bemerkt wird, was rassistisch ist. Ein Arbeitskollege lehnt es z.B. ab, Döner zu essen. Begründen kann er das freilich nicht, wenn ich ihn frage. Es ist nicht nur ein Arbeitskollege, sondern auch ein Freund. Er weiß, dass ich seine Haltung bzgl. des Dönerboykott ablehne. Ich konnte aber im Gegensatz zu ihm begründen, warum ich ihn sogar verstehen kann. Wenn man das Verlieren jeglicher regionaler Gepflogenheiten durch Fressbuden, die mit Kultur und Tradition nicht das Geringste zu tun haben, sieht, fällt es nicht schwer, Dönerbuden, Mc Donalds, Burger King und selbst die ganze Lebensmittelindustrie abzulehnen.

Als diese Woche vom sogenannten Dönermord durch Neonazis berichtet wurde, ist er sehr nachdenklich geworden.

Es ist nicht irgendein blöder Witz über Juden, der sich meißt eh auf längst Vergangenes bezieht, der bedenklich stimmt, es ist die Ernsthaftigkeit, die Überzeugung von immer mehr Menschen, dass z.B. "die" Griechen tatsächlich faul seien... Aber genau das ist längst im Mainstream angekommen. Wie weit ist das denn noch weg vom Rassismus?

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