Behindernde Eltern

Freitag, 8. Juli 2011

Wahr ist, dass das "Szenario einer frevelhaften Optimierung des Menschen durch Technologie" wilde Phantasie ist. Relativ simpel ist beispielsweise die Vererbung der Augenfarbe, die durch drei, noch nicht gänzlich verstandene Gene beeinflusst wird. Charaktereigenschaften, ob jemand fleißig oder faul, häuslich oder gesellig ist zum Beispiel, kann allerdings nicht via Manipulation einzelner Gene beeinträchtigt werden. Das Fleiß-Gen oder das Schlankheits-Gen gibt es nicht, auch wenn die Presse gerne mal derart vereinfachend von Durchbrüchen in der Genetik erzählt - es handelt sich stets um Allele-Kostellationen, die entweder kaum entschlüsselt oder vielleicht sogar unentschlüsselbar sind.

Der optimierte Mensch liegt somit (noch?) in weiter Ferne. Die Präimplantationsdiagnostik (PID) läßt sich mit diesem futuristischen Szenario nicht ächten. Dennoch stellt das Ja des Bundestages zur PID jene Büchse der Pandora dar, die diese Gesellschaft nachhaltig ändern wird. Leicht denkbar, dass eine Gesellschaft, die an knappen Sozialkassen krankt, irgendwann behinderte Mitmenschen scheel anstarrt. Wie konnten sich die Eltern des Behinderten nur trauen, einen solchen Menschen auf die Welt zu setzen? Sie hatten doch alle Möglichkeiten, diesen "unerwünschten Menschenentwurf" zu vereiteln. Warum soll die Solidargemeinschaft für jemanden aufkommen, der nicht hätte sein müssen? Die technologische Möglichkeit gebiert keinen optimierten Menschen, sie bringt aber eine gesellschaftliche Erwartungshaltung zur Welt, die die Elternschaft über ein behindertes Kind zu einer Art "quasikrimineller Plünderung der Sozialkassen" erklärt. Klamme Krankenkassen würden dieses Denken natürlich potenzieren. Behinderte Menschen wären somit nicht durch körperliche Funktionsausfälle behindert, sie wären es, weil sie die Gesellschaft behindern...

Der fast schon hysterisch befürchtete Dammbruch, so argumentierten die Befürworter der PID, habe in Großbritannien nie stattgefunden. Dort sei die PID seit dem Jahr 1992 erlaubt und eine Stigmatisierung behinderter Menschen und ihrer Eltern könne nicht verifiziert werden. Dies kann unbesehen geglaubt werden, denn nach knapp zwei Dekaden, kann die Entwicklung vielleicht auch noch nicht überblickt werden. Die Genetik ist zudem ein Feld, das in Wachstum begriffen ist, das heißt: je präsenter sie im alltäglichen Leben der Menschen wird, desto gläubiger wird man ihr verfallen. Und gerade in Deutschland, wo man fast schon traditionell an die "Macht der Gene" glaubt, und wo sich dieser Tage eine "neue Rechte aus der Mitte" um Hobby-Genetiker wie Thilo Sarrazin und Gunnar Heinsohn scharen, dürfte sich eine Hörigkeit Genen gegenüber, besonders schnell einstellen - wenn es sie nicht gar schon gibt, diese Hörigkeit. Diverse Debatten um knappe Ressourcen des Sozialwesens und zur Leistungsträgerschaft, wie sie die Eliten hierzulande fingieren, könnten die Marschroute gen Stigmatisierung behinderter Personen außerdem forcieren.

Genau genommen werden aber vermutlich gar nicht Behinderte stigmatisiert. Deren Eltern werden sozial ausgegrenzt, denn sie waren es ja, die die letzte Konsequenz unterlassen haben. Eltern von Behinderten sind demnach behindernde Eltern. Sie haben nicht auf die technologischen Mittel zurückgegriffen, die die Gesellschaft vor Unkosten bewahrt hätte. Mit der Miene wissenschaftlicher Seriosität, wird man dann besonders subtile Perversität walten lassen, wenn man Behinderte gar mitmenschlich bedauert, deren Eltern aber moralisch verurteilt - der behinderte Mensch als Opfer seiner Eltern! Das erinnert fatal an das nationalsozialistische Weltbild: Erst bedauerte man Eltern und deren "unbrauchbaren Nachwuchs", wollte diese Eltern von ihrer Bürde erlösen und dem Ermorden der Unbrauchbaren freie Bahn lassen (wollte nicht nur: man ließ zeitweise der Mordlust freien Lauf!), und modellierte liebende Eltern behinderter Kinder, die dem Morden nicht zustimmen wollten, zu Gesellschaftsfeinden, die gefühlsduselig, wie sie waren, dem Elternherz mehr Recht einräumten, als der Volksgemeinschaft, die diese "unnützen Esser" mitziehen musste.

Die PID mordet natürlich nicht, aber sie könnte zulassen, dass Eltern behinderter Kinder als Egoisten betrachtet werden. Sie ist so gesehen die subtilere Variante desselben Vorhabens. Man tötet nicht mehr - die heutige Gesellschaft würde die plumpen Mittel von dazumal nicht dulden. Aber Eltern "zur Vernunft" drangsalieren, sie der Verantwortung überstellen, ausschließlich gesunden und produktiv verwertbaren Nachwuchs zu zeugen, das kann man heute sehr wohl umsetzen. Andere Mittel, dasselbe Ziel...



19 Kommentare:

Thomas S. 8. Juli 2011 um 08:36  

Stimme zu.

Anonym 8. Juli 2011 um 09:02  

Nach dem Jahrhundert der Weltkriege befinden wir uns jetzt im Jahrhundert der Biologisierung des Sozialen: Schwulen-Gen, Armutsgen, Alkoholiker-Gen, Intelligenzgen.

Anonym 8. Juli 2011 um 09:34  

Dem Befund stimme ich zu, allerdings kann die PID als solche kaum dafür verantwortlich gemacht werden, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Menschen zu Produktionsfaktoren degradiert.

Diese Denkweise besteht schon längst, und auch ein Verbot der PID hätte daran nichts geändert.

Der (unterschwellige) Vorwurf ohne PID wäre dann eben "Warum habt Ihr nicht abgetrieben ?"

Anonym 8. Juli 2011 um 10:05  

Ja leider haben sie recht.....
die schöne Welt von morgen

Anonym 8. Juli 2011 um 10:13  

Adolf Hitler hätte seine wahre Freude daran gehabt.
Der Faschismus springt einen aus jeder Ecke an in dieser Gesellschaft.

Roberto J. De Lapuente 8. Juli 2011 um 10:16  

Zitat: "Adolf Hitler hätte seine wahre Freude daran gehabt.
Der Faschismus springt einen aus jeder Ecke an in dieser Gesellschaft."

Naja, ich sage dazu nur: Hitler als Vorläufer: Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts?

Hartmut 8. Juli 2011 um 11:08  

Die gesetzliche Freigabe der PID ist nur ein weiterer Schritt in eine menschenverachtende Zukunft.
Die Namen, ob Wirtschaftsdiktatur oder Faschismus, spielen nur eine untergeordnete Rolle.

Das Wesentliche bei einer Behinderung ist das fehlende Selbstvertrauen. Aber auch das könnte man in einer toleranteren Gesellschaft unterstützend ausgleichen.

Die außergewöhnliche, seelische Belastung, nicht nur der Betroffenen sondern auch die der unmittelbaren "Umgebung" kann man jedoch mit entsprechenden finanziellen Mitteln ganz erheblich mildern, bzw. fast beheben.
Das kapitalistische System war nie behindertenfreundlich und wir es nie sein. - Zu der Einstellung gegenüber Behinderten kann nur jeder EINZELNE beitragen.

Alle Regelungen, Gesetze und Vorschriften sind häufig nur eine weitere Behinderung der Behinderten.

Gefragt sind MITMENSCHLICHKEIT und
MITGEFÜHL.

Für Interessierte dieses Themas möchte ich drei Bücher nennen:

Behindert, Ernst Klee

Tüchtig oder tot, Jürgen-Peter Stössel

Der Verlust des Mitgefühls, Arno Gruen

MfG
Hartmut

Anonym 8. Juli 2011 um 12:24  

Mit der gleichen Logik dieses Artikels könnte man auch sagen: "Wir lassen Ausländer in unser Sozialsystem - damit ist die Büchse der Pandora geöffnet!"
Dabei ist die Pandora doch die gesellschaftliche Sicht auf die Dinge und nicht das, was dieser Sicht unterliegt.

Fleur 8. Juli 2011 um 12:25  

"Neuromythologie"

Schöner Beitrag des dradios zum quasireligiösen Thema Genhörigkeit.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/forschungundgesellschaft/1499321/

flavo 8. Juli 2011 um 12:42  

1. PID ist keine neutrale Technik. Es gitb überhaupt keine neutrale Technik. Das ist eine Illusion in jeder Hinsicht. Technik gibt es nur konkret und damit in Bedeutungszusammenhängen.
2. Die Zukunft des Sozialstaates. Es gibt soziale Leistungen nur mehr für behindert genannte Menschen oder kranke Menschen. Alle anderen müssen eigenständig überleben. Überlebenspflicht bis zur Überlebensunfähigkeit.
3. Es geht so oder so immer darum, welche Lebensweisen materiell versorgt werden. Die Ideale sind hoch gesteckt und jede Lebensweise soll leben können. Die Realität ist anders. Extreme tauchen in der Geschichte manchmal auf. Der Großteil bewegt sich der opaken Breite der Leidensspannung. Menschen können lange leidend gehalten werden. Und die Perversion ist, das zu übersehen und auf Holocauste zu starren.
4. Zweifellos ist das realistisch, dass Eltern zur Verantwortung gezogen werden. Das ist ja jetzt schon so. Das ist da, ob man will oder nicht. Genügend Menschen werden einmal den Gedanken haben, warum Eltern behinderte Kinder nicht abtreiben und genügende werden Neid empfinden, wenn sie sehen, dass die Geld bekommen vom Staat.
5. An die behindert genannten Menschen traut man sich nicht direkt. Aber man instrumentalisiert sie. Sie können als Element eines billigen Sozialstaates ins soziale Image gebaut werden. Seht, wie behindertenfreundlich wir sind. Aber wer nicht behindet ist, soll sich nicht beschweren. Wer keine Arbeit findet, kann ins Behindertenheim gehen zur Betreuung oder persönlicher Assistent arbeiten, notfalls gegen Kost und Logie.
6. Es gibt ja mehrere Kategorien behindert genannter Menschen. Sie sind nicht immer jung und von Geburt an so. Man kann auch so werden, z.B. wenn man an Demenz erkrankt. Auch hier wollen die Versicherer ein Screening. Es gibt aber keine biologische Markierung für Demenz, nur Symptome. Sie wollen es trotzdem.
7. Es bleibt wie immer Aufgabe, die materiellen und symbolischen Bedingungen zu schaffen, damit alle Lebensweisen gut leben können.
8. Gegenwärtig schaffen wir die Bedingungen dafür, dass immer weniger Lebensweisen gut leben können und dazu noch, dass sie sich selbst dafür die Schuld geben. Das ist die List der gegenwärtigen Macht. Sie erzeugt unablässig den Schein, man selbst sei es, der den eigenen Lebenszustand zu verantworten hätte. Das ist ein Geniestreich. Das rührt so stark an narzisstische Gefühle und Gefühle des Geschwisterneides. Es ist so unheimlich befriedigend einen guten Lebenszustand als eigene Hervorbringung zu verstehen. Es entsteht die Illusion, man habe sich mit Natur und Gesellschaft als Nichts im gesamten Kosmos angelegt und die eigene Potenz habe sich in diesem elementaren Kampf als hervorragend erwiesen. Und wahrlich berauschend ist es zu sehen, wie andere einen schlechteren Lebenszustand hervorbringen. Wenn alle Werte gefallen sind, dann ist das Hervorragen unter anderen der oberste Wert. Diese Phantasie hält weite Teile der gegenwärtigen Ideologie aufrecht. Deswegen gibt es so viele Wendehälses. Geht es ihnen schlecht, sind die anderen Schuld. Geht es ihnen gut, sind die alle selbst Schuld an ihrem Lebenszustand.

Anonym 8. Juli 2011 um 12:48  

Es handelt sich dabei ja ausschließlich um invitro Schwangerschaften, da wird schon immer selektiert.
Problematisch wird es wenn durch Fruchtwasserproben o.ä. auf bereits entstehende Menschen eingewirkt wird, wie schon erwähnt, dann besser Abtreiben usw. usf.
Allerdings muß man auch wieder den wirtschaftlichen Aspekt beachten, der Test ist zusätzlich und kostet bestimmt ein paar hundert Euro mehr.

Eike Scholz 8. Juli 2011 um 14:35  

Dem Inhalt des Artikels stimme ich *überhaupt* nicht zu.

Die primäre Argumentation des Artikels kann ich nicht nachvollziehen. Es handelt sich um eine bloße rhetorische Figur ohne logisch richtigen Kern.

Um das zu verdeutlichen kann man diese Figur auch man auch einfach mal bei einem anderen Fall verwenden.

Herstellung hoher Arbeitssicherheit darf nicht *erlaubt* werden, denn Arbeitsunfälle passieren, und jenen die einen Unfall haben, würde, wenn wenn hoher Arbeitschutz erlaubt wäre, vorgeworfen werden, sie hätten nicht genug auf ihren Schutz geachtet. Mit diesem Argument würde man dann versuchen den Verunglückten die Sozialleistungen, d.h. die Krankenfürsorge zu entziehen.
Nicht jedes Unternehmen die Herstellung eines hohen Arbeitsschutzes leisten kann, muss es verboten werden, dass hoher Arbeitsschutz hergestellt wird.

Anonym 8. Juli 2011 um 14:59  

@flavo
Nr.5
"Seht, wie behindertenfreundlich wir sind."

68 Euro weniger für Behinderte
http://www.fr-online.de/politik/68-euro-weniger-fuer-behinderte/-/1472596/4809172/-/index.html

Oja, ich sehe...

Anonym 8. Juli 2011 um 19:25  

Lieber Roberto,

ich bin diesmal ausnahmsweise anderer Ansicht.

Wie Anonym (8.7. um 12:48) sehr richtig schreibt, gilt die PID (Prä-Implantations-Diagnostik) nur für in vitro (= im Reagenzglas) gezeugte Embryonen, also für eine absolut winzigkleine Minderheit. Denn längst nicht jeder eingepflanzte Embryo entwickelt sich tatsächlich zu einem Kind! (Ich kenne unter meinen Freunden und Bekannten drei Paare, die trotz aufwendigster Fruchtbarkeitsbehandlungen letztlich kinderlos geblieben sind).

Die Entscheidung lautet doch: Sollen wir diesen Embryo unbesehen erst mal implantieren – und gegebenenfalls einige Wochen oder Monate später wegen per Chorionzottenbiopsie oder Fruchtwasseruntersuchung festgestellter Gendefekte abtreiben? Das Recht dazu haben Eltern heutzutage nun mal, und das ist, meine ich, auch gut so, denn längst nicht alle Menschen sind dem Leben mit einem schwer behinderten Kind gewachsen, das womöglich schon in jungen Jahren stirbt oder aber sich zu einem schwer behinderten Erwachsenen entwickelt, wobei die Eltern dann die Sorge umtreibt: Wer kümmert sich liebevoll darum, wenn wir nicht mehr da sind?

Man kann sich doch vorstellen, wie schlimm eine solche Entscheidung für Paare ist, die ohnehin auf „natürlichem Wege“ nicht Eltern werden können und neben viel Geld (und den oft für die Frauen sehr schmerzhaften und entwürdigenden Behandlungen) auch noch jede Menge Emotionen in ihr Wunschkind investiert haben. Außerdem kommt es durch diese Untersuchungen leicht zu einer Fehlgeburt, was bei einem mühselig implantierten gesunden Embryo natürlich besonders traurig ist.

Oder aber: Sollen wir die Embryonen lieber schon vor der Implantation untersuchen und, falls bei einem ein Gendefekt festgestellt wurde, stattdessen seine bis dato gesunden Geschwister einpflanzen?

Ehrlich gesagt, ich halte das insgesamt für eine durchaus vernünftige und humane Entscheidung.
Da die meisten Behinderungen meines Wissens ohnehin durch Sauerstoffmangel während der Geburt und später durch Unfälle entstehen, wird sich insgesamt durch die PID der Prozentsatz Behinderter ohnehin nicht rapide verringern, aber doch eben einzelnen betroffenen Eltern viel Leid, Schmerz und Trauer ersparen. Und es ist doch durchaus normal, sich ein gesundes Kind zu wünschen!

Nachdenkliche Grüße,
Saby

Jutta Rydzewski 8. Juli 2011 um 20:09  

Wenn es nun heißt, ein Dammbruch wäre auch nach dieser Entscheidung über die begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik nicht zu befürchten und es weiter heißt, Behinderte würden nicht an den Rand der Gesellschaft gedrückt oder gar diskriminiert werden, so ist das schlicht gelogen. Der Dammbruch, die Diskriminierung hat bereits stattgefunden, ist aber offenkundig schon wieder vergessen. In diesem Zusammenhang möchte ich an den so genannten Hartz IV-Kompromiss von CDU/CSU, FDP und SPD erinnern. Dieser politische Kuhhandel liegt doch erst ein paar Monate zurück. Ein Aspekt dieses "Kompromisses", wonach erwachsene Behinderte, die bei ihren Eltern oder in einer Wohngemeinschaft leben, nur noch 80 Prozent vom Regelsatz erhalten, was einer Kürzung von etwa 70 Euro monatlich entspricht, ist ein besonders beispielloser politischer, medialer und gesellschaftlicher Skandal. Diese unglaubliche sozialpolitische Deformierung wird auch auch noch allen Ernstes Reform genannt. Ich halte diesen "Kompromiss" für ein jämmerliches, sozialpolitisches Schmierenstück, bei dem sich mir der Magen umdreht. Mit dieser Deform IST die Büchse der Pandora geöffnet, IST der Dammbruch bereits erfolgt. Das muss sich mensch einmal vorstellen, über alles wird in dieser Republik bis zum Überdruss berichtet und getalkt, abschreckendes Beispiel war der Lügenbaron im Ministeramt, aber über die zwanzigprozentige Kürzung der Leistungen für Behinderte wird so gut wie kein Wort verloren. Es gibt dazu keine Talkshow, keine Sondersendung, keine Aktuelle Stunde, kein Aufschrei, nix, absolut nix. Die denkbar größte sozialpolitische Verkommenheit geht einfach mal so unter, darüber redet kein Mensch. Geht ja "nur" um Behinderte, um Menschen, die einschließlich ihrer Familienangehörigen, ohnehin vom Schicksal hart getroffen sind. Und dieses "Hartz IV-Vermittlungsergebnis", was die erbärmliche Kürzung beinhaltet, wurde von der unsäglichen Frau von der Leyen und ihrer "sozial"-demokratischen Komplizin, Manuela Schwesig, auch noch mit dem üblichen widerlichen Lach-Grinsen medial gefeiert. In diesem Zusammenhang nur von heuchlerischer Verkommenheit zu sprechen, reicht sicher nicht mehr aus, wer so etwas zu verantworten hat, macht sich eines sozialpolitischen Verbrechens (mit)schuldig. In der Tat, die Gesellschaft wird sich durch diese Entscheidung verändern. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche wird sich weiter fortsetzen, bisher begann es im Kindergarten, nun ist die Vorstellung, den richtigen Menschen nach Wunsch basteln zu können, gar nicht mehr so undenkbar. Damit einhergehen wird eine weiter zunehmende gesellschaftliche Verrohung, Kälte-Eiseskälte, weniger Empathie, weniger Humanität und auch weniger unantastbare Würde. Schöne, neue Bastelwelt.

Jutta Rydzewski

Anonym 8. Juli 2011 um 20:55  

Ich halte eine solche Stigmatisierung von Eltern von Menschen mit Behinderung für eher unwahrscheinlich.

Immerhin ist nur ein äußerst geringer Anteil von Behinderungen tatsächlich chromosomal bedingt. Selbst bei den "angeborenen" (also prä- oder perinatal entstandenen) geistigen Behinderungen hat die Mehrzahl keine chromosomale Fehlbildung als Ursache sondern auf Krankheiten, Unfall oder andere Umwelteinflüsse.

Anonym 9. Juli 2011 um 09:35  

Lieber Roberto J. de Lapuente,
danke für den vortrefflichen Text, aber eines will ich denn doch ankritteln: Die Bevölkerung in Deutschland ist einfach nicht auf der Höhe der genetischen Forschung, die neuerdings immer mehr zeigt, dass der sarrazinsche und heinssonsche Sozialdarwinismus von vorgestern ist. Tja, ich hab da eine eigene Theorie: Wir müssen erst durch dieses vorsintflutliche Tal der Genetik bis ein dt. Wirtschaftsboss oder Politiker merkt - Hoppla? Mein Sozialdarwinismus ist bei Hitler und Stalin stehen geblieben.

Es sollte nicht vergessen werden, dass auch in Sowjetrussland - dem angeblichen Land aller gleichmachenden "Werktätigen" - ein Sozialdarwinismus vertreten wurde, der mit Stalin unterging.

Übrigens, der Kommentator der meint, dass sozialdarwinistische bzw. -rassistische Theorien - in aller Brutalität - allein in Deutschland praktiziert worden sind, der soll sich einmal über "Hitlers Freunde in den USA" sachkundig machen.

Die USA praktizierten jahrelang diese Art des Sozialdarwinismus, und als Sieger der Geschichte (=westliche Allierte + USA) wartet hier so sicher manch böse Überraschung auf uns was heutige und gestrige Sozialdarwinisten bzw. -rassisten angeht.

Ich bin mir fast sicher, trotz dem oben beschriebenen Stand der Wissenschaft, dass auch in der westlichen Allianz, und sogar der USA, der ein oder andere "Sarrazin" in den Startlöchern steht, wenn es ihn nicht bereits gibt, und wir darüber nur (noch) nicht informiert sind.

Trauriger Gruß
Bernie

PS: Man sollte keineswegs wissenschaftsfeindlich sein, da - man kann es nicht oft genug erwähnen - auch die Wissenschaftsgilde nicht stehen bleibt, sondern aus einstigen Fehlern (=Sozialdarwinismus bzw. besser -rassismus) lernen kann - gerade die Lernfähigkeit, die Politiker wie Sarrazin oder anderen Hobby-Genetikern, abgeht macht moderne Wissenschaft aus.

Anonym 9. Juli 2011 um 14:38  

@ Jutta Rydzewski

Dem stimme ich voll und ganz zu.

Bei so einem menschenverachtenden Gesetz (Kürzung für Behinderte ca. 70€ pro Monat) das ist in meinen Augen Raub und Körperverletzung der Behinderten) Dabei dieses teuflische Grinsen von der Laien - auch ich könnte kotzen...So eine Kürzung für die Behinderten ist für jeden Behinderten und Angehörigen nicht nur ein Schlag ins Gesicht sondern eine seelische Verletzung grausamster Art !

Jetzt kann ich ein wenig nachfühlen, wie sich Juden, Behinderte, Schwule etc. im Nazideutschland gefühlt haben müssen.....
Heute haben wir ja "Antidiskriminierungsgesetze"....



Dieses betriebswirtschaftliche Undenken wäre unter einer Regierung Brandt oder auch Schmidt
undenkbar gewesen.

MfG
Hartmut

Anonym 10. Juli 2011 um 01:19  

Kann auch nur anonym vom 8. Juli 2011 12:24 sowie Eike Scholz' Kommentar beipflichten, die auf die gefährliche "Logik" des Artikels hingewiesen haben...

W.W.

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