VHS-Gezwitscher

Freitag, 19. November 2010

Ein Bericht von Merdeister.

Wenn man sich ein Blog vorstellt, erst das Blog ganz allgemein als Idee und dann ein ganz konkretes, vielleicht das von Roberto J. De Lapuente und sich nun einen Ort vorstellt, der von all dem weit weg ist, dann landet man schnell in der Volkshochschule in Aachen.

In Aachen sammelten sich gestern 7(!) Bürger in Raum 214 des Gebäudes der VHS am Bushof, wo man sich ein helles Plätzchen für sein Fahrrad sucht, um sich einen Abend zum Thema "Kritischer Wortwechsel - Blogger im Internet" auszutauschen. Wo, wenn nicht im Internet sollte man Blogger finden? In Aachen, an der VHS, vorne links (klar) hinter einem Stapel Bücher, dessen Größe vermuten lässt, dass mit mehr Resonanz gerechnet wurde.

Die Kombination meiner Persönlichkeit mit der Sozialisation in der FC hat mich lange recht authistisch mit dem Netz umgehen lassen. Und so war ich bisher noch nicht lange auf ad sinistram, obwohl mir der Name bereits oft untergekommen war. "Bisher" stimmt allerdings seit einigen Stunden nicht mehr, meinen ersten Beitrag habe ich heute endlich gelesen, der mich dafür den Tag über begleitet hat. Roberto J. De Lapuente, der dieses Blog führt saß gestern als Blogger in Aachen, liebevoll eingeführt von Iris Witt, die ihn als ihren Favoriten unter den Bloggern vorstellte. Vor einigen Jahren sei ihr der Artikel "Unzugehörig" von Moslems aus Aachen empfohlen worden.

Da sitze ich also nun mit einem Star-Blogger und fast überwiegend älteren Herren im Raum und habe nichts besseres zu tun, als darüber zu twittern. Cassandra teilt mir auf diesem Weg mit, ad sinistram könne sie nur ausgeschlafen lesen. Darauf angesprochen reagiert Roberto J. De Lapuente verständnisvoll, er höre öfter seine Texte seien zu schwierig. Das Wort "ausgeschlafen" wird an diesem Abend noch öfter benutzt, meist an mich gerichtet.

Die Zuhörer sind vor allem Anhänger der NachDenkSeiten, die, so lerne ich kein richtiges Blog seien, weil man nicht kommentieren könne, was sich jedoch so ein jüngerer Zuhörer bald ändern werde. Es scheint er hat gut Quellen. Die anwesende Dame, vermutlich jenseits der 65 sagt: "Man hört überall 'Blogs,Blogs', das schaue ich mir morgen mal an." Allerdings sei sie nicht gerne so lange am Computer. Es ist kein einfaches Publikum, doch in gewissen Punkten einig PI ist doof, Reiche gierig und alle belügen uns. Ich spüre etwas von der Wut, die über Bildschirme aus Stuttgart und Gorleben in deutschen Wohnzimmer gezeigt wird.

Interessant ist, dass man sich über "Zensur" in den Kommentaren der konservativen Zeitungen beschwert, Roberto J. De Lapuente aber "Hausrecht" zugesteht, wenn er Kommentare nicht veröffentlichen will.

Roberto J. De Lapuente ist ein guter Zuhörer, der jeden aussprechen lässt und sich selber kurz fasst, wenn er antwortet. Er wirkt auf mich ein wenig melancholisch. Seine Antworten klingen nicht, als seien sie in Stein gemeißelt, sie lassen Spielraum, hier ist jemandem klar, dass es möglich ist, das er sich auch mal irrt. Die Motivation zum Bloggen kam Ursprünglich aus dem Ärger über die Zustände und dem Willen, diese zu ändern. Da sei er sich aber über die Grenzen seiner Möglichkeiten als Blogger bewusst.

Angesprochen auf seine Meinung zum Meinungsmedium Freitag, bemängelt er die geringe Anzahl von Blogs in der gedruckten Zeitung. Alle anderen Anwesenden benötigen eine kurze Aufklärung, worum es überhaupt geht, Aachen ist weit weg von Berlin.

Im Blog und in der VHS können Menschen sich auf unterschiedliche Art und Weise begegnen. Hier virtuell und ewig gespeichert, dort real und flüchtig. Wenn ich jetzt meinen Kommentar zu einem Text von Roberto J. De Lapuente hier beim Freitag lese, kann ich mir vorstellen, wie er vor dem Bildschirm sitzend den Kopf schüttelt und den Tab seufzend schließt. Man sieht sich immer zweimal im Leben und gestern war ich freundlicher und habe einem Star-Blogger die Hand geschüttelt. Die werde ich nie wieder waschen!

11 Kommentare:

Margareth 19. November 2010 um 10:48  

Lieber Merdmeister,
Die großen philosophischen Aufklärer wären heute Blogger! Roberto J. de Lapuente mit seinem Blog ad sinistram ist der Aufklärer des neuen Jahrtausend.

Ich lasse erst einmal Immanuel Kant zur Aufklärung sprechen:
Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Dieser berühmte Ausspruch Kants (Kategorischer Imperativ) verdeutlicht die Forderung nach einem Gesetz, das nicht den Interessen von Machthabern dient, sondern von der Einsicht und dem ethischen Handeln der Bürger ausgeht.


Ja ! Robertos Texte fordern zum Handeln auf, seine Sprache ist schonungslos einfühlend, schonungslos aufdeckend, schonungslos aufklärend, schonungslos anklagend, schonungslos fragend, und schonungslos auffordernd zum Selberdenken!
Robertos Buch "Unzugehörig" und sein Blog machen die Menschen sich selbst Zugehörig.

Scribine 19. November 2010 um 13:59  

Freundlicher Text! Zeigt er doch auch die Absurdität der Jetzt-Zeit auf: noch sind Blogs wie ad sinistram nicht mit der allgemeinen "Volksmeinung" kompatibel.

Die Leute, die sie lesen müssten, werden nicht erreicht. Aber, ist das so schlimm?

Ich denke, alles, was Robert d. L. geschrieben hat - steht im "Raum" und bleibt - und - ändert was.

Wir können die Wirkung nur erahnen. Ich bin jedenfalls froh, dass es so ist und das es wirkt . . .
Mein Abo beim "FREITAG" habe ich heute allerdings gekündigt - jedoch - noch bevor ich diesen Beitrag gelesen habe.

Mein Grund dafür?
Es ist die Beliebigkeit der Texte im Freitag, ob print oder online.

Da bleibt nichts in mir - bei "ad sinistram" ist das anders - da kommt etwas ins Schwingen, worüber ich reflektieren kann.

Anonym 19. November 2010 um 18:56  

Hallo zusammen,

da ich nicht so recht weiss, wo ich meinen Wunsch unterbringen soll, versuche ich es einfach mal hier und jetzt.

Ich wünsche mir, das Roberto seine Literaturliste in diesen tollen Blog dauerhaft einstellt und aktualisiert.

Und wenn viele sich diesem Wunsch anschließen würden, dann geschieht es vielleicht tatsächlich.

Machtet juuht, Rainer

Wolfgang 19. November 2010 um 23:36  

Es passiert mir hin und wieder, dass ich hier vorbeischaue und denke "Nein, ich will das jetzt nicht lesen!" und den Tab sofort wieder schließe. Es hört sich jetzt vielleicht blöd an, aber mich freut das, weil es bedeutet, dass mich Robertos Texte auf eine Art berühren, die über simple Wut über die Zustände weit hinaus geht. Und, um ehrlich zu sein, das ist mir bisher in meinem 45jährigen Leben nicht allzu oft passiert. Ich bin allerdings auch nicht wirklich "belesen", jedoch hatte z.B. das bißchen, das ich Tucholsky gelesen habe, eine ähnliche Wirkung.

Wie oben schon geschrieben, Roberto schont wirklich niemanden. Weder diejenigen, um die es in seinen Texten geht, noch sich selbst, aber auch nicht die Leser. Einfach so "konsumieren" kann man diese Texte nicht. Was aber auch in anderer Hinsicht eine Verschwendung wäre, sind sie doch des öfteren echte Sprachperlen. Diese Freude am geschliffenen (Schachtel-)Satz ist etwas, was dieses Blog aus der Masse hervorstechen lässt.

In dieser Zeit, in der alle immer lauter brüllen, um doch nur immer sprachloser zu werden, ist es wichtig und schlicht schön, dass es diese Oase des Nachdenkens und der Sprache gibt. Denn auch wenn ich hie und da die Flucht ergreife, so kehre ich doch auch immer wieder hierher zurück.

Berggeist1963 20. November 2010 um 06:05  

Als regelmässiger ad-sinistram-Besucher bin ich beim lesen der Texte je nach Thema und Textinhalt mal berührt, mal aufgebracht, mal schockiert oder auch mal belustigt, aber eines immer: Froh, dass es diesen Blog gibt! Als nicht ganz so sprachgewaltiger Zeitgenosse beschränke ich meine aktive Beteiligung aber lieber nur auf gelegentliche "Ein- und Ausfälle" im Kommentarbereich.
Vor ein paar Wochen habe ich irgendwo eine Meldung gelesen, dass in "Regierungskreisen" darüber nachgedacht würde, "hetzerische Blogs" aus dem Internet zu verbannen. Welche das dann so sein könnten, die unseren schwarz-gelben und neolibealen "Führungseliten" so vorschweben, dürfte wohl klar sein. Hoffen wir einfach mal, dass das nur ein gerücht war und auch eines bleiben wird...

Anonym 20. November 2010 um 12:22  

Moin,

vielen Dank für die Plattform und das einstellen meines Textes.

Wenn mir die Begegnung eines gezeigt hat, dann das es keine echtes Leben Online ohne Begegnungen Offline geben kann. Zu wissen, welche Menschen hinter den Texten stecken, können diesen eine neue Qualität verleihen. Ein paar Worte und ein Händedruck können mehr Nähe schaffen, als viele Seiten Textaustausch.
In der Veranstaltung sagte Roberto J. de Lapuente, er wisse nicht, was er bewegen könne, er habe nicht wirklich viele Leser, verglichen mit anderen Medien (ich habe 60000 im Kopf).
Ich denke, alles, was Robert d. L. geschrieben hat - steht im "Raum" und bleibt
Wenn die Leser dieses und anderer Blogs die sich um Aufklärung bemühen, die Ideen und Fakten in die Offline-Welt tragen, wird der Effekt nicht unerheblich bleiben*.


Gruß merde

*Die Hoffnung stirbt zuletzt

egalitarist 20. November 2010 um 23:08  

Genau dorthin müssen wir auch wieder zurück: In die lokalen Bürgerkeller, Dorfkneipen und Volksschulen.
Genau diese Plätze der gelassenen Unterhaltungen hat man uns nämlich genommen - man hat quasi sämtliches system-kritisches 'Geschwatze' aus vielen althergebrachten, örtlichen Treffpunkten und traditionellen Veranstaltungen - den wenigen Gelegenheiten, wo sich Jung und Alt noch trafen und mancherlei Gedanken austauschen konnten, verbannt.

Heutzutage wirkt es ja schon beinahe stigmatisierend, wenn man dazu einläd, sich im kleinen Kreise am Wochenende zu einem Diskurs des Themas Regiogeld, zu einer Podiums-Diskussion zum bedingungslosen GrundEinkommen oder nur zur 'Lage der Nation' oder der Gemeinde zu treffen.

Gerade die Jugend - auch Studenten - denk ich, ist da sehr schnell drin, sowas als 'nicht von dieser Welt' abzustempeln. Daher jedenfalls die geringe Nachfrage an solchen Events - (Quer-)denken ist einfach verpönt, mehr als out^^

Und wenn sich mal ein paar Jünglinge an solch einen Diskurs herantrauen, werden sie nur allzu oft enttäuscht von alten Menschen, die nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit zu sein scheinen - oder, was ich auch oft erlebe, intellektuell so abgehoben, dass sie unverständlich werden und nur ein geringer Teil der Zuhörer den Rednern wirklich folgen kann - Fragen werden bei vielen Treffen eh nur im Nachhinein zugelassen; es ist auch beinahe verpönt einfach mal zwischenrein Fragen oder Ergänzungen einwerfen /anbringen zu wollen :S

Solche Treffen sollten ja dann auch - gerade im kleinen Kreise immer 'menschlich' / antiautoritär zugehen um einen offenen Diskurs zu ermöglichen und nicht zu einer starr-genormten 'behaveness' beherrschter Zurückhaltung mutieren, wie es in akademischen Hörsaal-Vorlesungen der UNIs wohl der Fall sein mag.

Jeder, der denkt sein Beitrag könnte wichtig sein, muss auch die Lippen mal wieder auseinanderbekommen und einfach mal den Mund aufmachen und sich einbringen.
Sonst führt das imho alles zu nichts und die Kommunikation wird ewig auf dem aktuellen Level hinsickern - während die 'counterparty' ihre glamouräsen Parketts eröffnet und sich bei einem Buffet zum Anderen in kleinen, wohl organisierten Kreisen prächtig weiter darüber austauscht, wie man den Pöbel weiter ausquetschen kann..

greetz
Stephan S.

carlo 21. November 2010 um 08:16  

Passez vos vacances au bord de la merde...............

Merdeister...geh mal wieder leben!

Norbert 26. November 2010 um 05:31  

Das stimmt nicht ganz.

Nicht alle Anwesenden bedurften der Aufklärung über die Freitag Community. Aber ich bedarf der Aufklärung, ob Merdeister mit "in der FC" die Freitag Community meint. "FC" ist für mich immer noch eher "Fußballclub"

Auch wurde nicht einhellig die Zensur der LeserInnenkommentare in der konservativen Presse beklagt. Ich habe die Zensur in der Süddeutschen schlimmer gefunden. Oder gilt die auch als konservativ?

merdeister 26. November 2010 um 11:41  

@Norbert,

es war mein Eindruck, dass die FC allen anderen unbekannt gewesen sei, ein falscher Eindruck. Ich hoffe, der Fehler ist zu verzeihen.

Da ich den Text in der Freitag Community eingestellt hatte, habe ich auch FC benutzt, das hätte man sicher auch erklären können, so wie man auch die Rechtschreibfehler hätte entfernen können, vielleicht beim nächsten mal.

Die SZ gilt zumindest als Mainstream-Medium. Die Zensur habe ich vor allem aufgenommen, weil sich dieses Muster immer wieder zeigt.

Danke fürs lesen.

Anonym 30. November 2010 um 19:55  

Danke sehr an den Webmaster.

Gruss Nadja

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