Repression in progress

Freitag, 16. Juli 2010

Dass selbst die progressive Geisteshaltung immer häufiger mit konservativen und repressiven Extrakten versetzt ist, mutet mittlerweile ja leider nicht mehr neu an, entmutigt aber stets aufs Neue. In Tagen, in denen progressives Denken soviel heißt wie Brosamen aufsammeln, tapst man unwillkürlich in repressive Fußspuren, ohne dass es einem auch nur ansatzweise gewahr wird. Gemeinhin zeichnet sich das progressive Lager dadurch aus, sich mit der Bewahrung und Konservierung alter, damals schon überholungsbedürftiger Standards zu befassen - anders gesagt: der Progressivismus sattelt zum Konservatismus um, weint Altem hinterher, weil ein besseres Neues für ihn heutigentags nahezu ausgeschlossen scheint. Wollte beispielsweise die progressive Gesellschaftsdynamik der Sechziger- und Siebzigerjahre noch mehr Mitbestimmung und reichlichere soziale Sicherheit für Arbeitnehmer, so wären diejenigen, die heute glauben besonders fortschrittlich zu denken, schon damit zufrieden, wenn der alte, durchaus reformbedürftige Standard mangelhafter Mitbestimmung und ausbaufähiger sozialer Sicherheit wiederhergestellt würde. Der Progressive trauert gegenwärtig überwiegend antiquierten Gegebenheiten nach, die dazumal schon verbesserungswürdig und reformbedürftig waren, die jedoch im Vergleich zu heute schon fast modern und fortschrittlich daherkommen - progressiv zu sein heißt gegenwärtig, trübsinnig zurückzublicken und die letzte abgestandene Neige an Bewahrenswerten zu erhalten, einzufrieren, zu konservieren.

Durchdrungen wird diese ohnehin schon rückwärtsgewandte Auffassung mit allerlei reaktionären und herrischen Symptomen - sich dem morsch gewordenen progressiven Lager zugehörig zu fühlen, beinhaltet aktuell auch, Luftsprünge zu machen, wenn grundlegende Freiheitsrechte gestutzt werden sollen - dient es nur einem übergeordneten Ziel oder einem absoluten Dogma, so destilliert man aus der beschnittenen Freiheit plötzlich eine fortschrittliche Leistung. Man ziehe als mustergültiges Beispiel nur mal das namentliche Burka-Verbot heran, wie es nun in einer Welle islamophoben Kleingeists über Europa schwappt. Selbstverständlich ist der Anblick einer vollkommen eingehüllten Frau für unsere europäischen Augen sehr gewöhnungsbedürftig; selbstverständlich sollte keine Frau von Manneshand gezwungen werden, ein solches Gewand tragen zu müssen - aber den Mummenschanz grundsätzlich und rigoros zu verbieten, damit auch jene Frauen zu kriminalisieren, die dieses Gewand aus welchen weltanschaulichen Gründen auch immer, mit Vorliebe tragen: dies kann nie und nimmer fortschrittlich sein, auch dann nicht, wenn sich - wie geschehen - Stimmen aus progressiveren Kreisen freudig zur Einführung eines solchen Verbotes äußern. Man kann als fortschrittlich denkender Mensch durchweg der Burka skeptisch gegenüberstehen, mag sich wundern, dass Frauen freiwillig eine solche Kluft tragen: aber die Freiheit einzuschränken, am Leibe die Kleidung zu tragen, die man tragen möchte, den Leib so zu verbergen, wie es einem gerade lieb ist, das ist keine fortschrittliche Option.

Das Recht auf Burka, ihm wohnt kein konservativer Antrieb inne, nach dem Motto: Burka ist Tradition, war immer und muß daher erhalten bleiben - das Recht auf Burka ist ein Freiheitsrecht, wenn auch unter extremer Auslegung. Eine selbsterklärt freiheitlich-demokratische Gesellschaft muß die Burka aushalten können, zumal sie kein Massenphänomen ist. Sich kritisch zum Burka-Verbot zu äußern ist gefährlich, läßt einen die gesamte progressive Reputation verlorengehen - wer für Verschleierung ist, muß repressiv sein, ein antifeministischer Faschist, ein schlechter Mensch ohnehin! Das heutige progressive Lebensgefühl ist oftmals von tyrannischen Impulsen durchzogen. Bestimmten Menschen die Burka oder wie letztens das Rauchen zu verbieten, weil das alles ja ach so vernünftig ist, ist nicht unbedingt die Entscheidung konservativer Klientel - gerade sich progressiv wähnende Menschen halten das Vernunftsdiktat, den auf die angebliche Ratio fußenden Imperativ, der das irrationale Wesen des Menschen völlig verleugnet, für mehr als attraktiv. Für die gute Sache, so argumentieren sie, dürfe das Ziel auch gerne mit Gewalt durchgesetzt werden. Die Progressiven sind unter wirtschaftlichen Zwang konservativ geworden, wollen im zeitgenössischen Klima der gesellschaftlichen Zersetzung und Entsolidarisierung bewahren und konservieren, was einst der höchste Stand der freiheitlichen und sozialen Ordnung war - und sie haben, wahrscheinlich, weil sie derart in die Ecke gedrängt werden, einen reaktionären und repressiven Beißreflex entwickelt. Anders, so meinen sie vermutlich, können sie heute keine gesellschaftlichen Verbesserungen mehr bewirken.



25 Kommentare:

potemkin 16. Juli 2010 um 07:20  

Burkaverbot, Abtreibung, Emigrantengesetze... Man hat den Eindruck, als kümmerten sich die Gesetzgeber dieser Welt verzweifelt darum, Themen zu finden, die dem Kapital ziemlich egal sind und somit kein Veto von dieser Seite zu befürchten ist. Das korrumpierte System will seine Existenzberechtigung beweisen und von den wirklich dringenden Problemen ablenken. Die wahre Macht haben sie schon lange abgegeben und sind nur noch Erfüllungsgehilfen, die bei guter Führung mit Aufsichtsratsposten belohnt werden. Konsequenterweise wechseln unsere 'Spitzenpolitiker' immer häufiger dorthin, wo die Entscheider sitzen...

Anonym 16. Juli 2010 um 08:43  

Oijoijoi, wenn das Alice Schwarzer liest!!!

Anonym 16. Juli 2010 um 08:49  

Lieber Roberto,

Du sprichst mir mal wieder aus der Seele! Was ist das denn wohl für eine überlegene westliche Toleranz, in deren Namen man das Burkatragen verbieten will?
Es handelt sich doch eher um primitivste Xenophobie...
Abgesehen davon soll damit sicher von den wirklich drängenden Problemen abgelenkt werden – denn wie steht es mit der absoluten Menge der Burkaträgerinnen hierzulande? Ich glaube mich dunkel zu erinnern, vor einigen Jahren mal zwei echte Burka tragende Damen auf dem Londoner Flughafen beobachtet zu haben; hierzulande ist mir allerdings noch keine einzige begegnet.
Es ist auch sehr eurozentrisch gedacht. Ich meine, es gibt ja durchaus auch gegenteilige Sitten und Gebräuche. In ländlichen Gegenden Kenias zum Beispiel laufen die einheimischen Damen traditionell mit nacktem Oberkörper herum - ohne nun von sämtlichen Touristinnen unter Bußgeldandrohung zu fordern, es ihnen gleichzutun!
Worum sich einige meiner Freundinnen, wenn ich es recht bedenke, gewiss nicht zweimal bitten lassen würden...

Liebe Grüße

Saby

Anonym 16. Juli 2010 um 08:53  

Wird die Burka verboten, darf die Frau unter Umständen die Wohnung, das Haus gar nicht mehr verlassen. Ein merkwürdiger Erfolg. Auch Raucher gehen abends ja immer weniger aus, auch wenn nicht alles was hinkt ein Vergleich ist...

Lutz Hausstein 16. Juli 2010 um 09:30  

Auch wenn es für mich persönlich ein Verlust wäre, schönen Frauen nicht mehr ins Gesicht blicken zu können. Auch wenn sich mein Auge nicht mehr an den, mehr oder minder schlecht vom westlichen Kleidungsstil verhüllten, Körpern erfreuen könnte.

Das Verbot, eine Burka tragen zu dürfen, stellt für die jeweiligen Frauen eine eklatante Verletzung in deren Freiheit dar. Es beschneidet deren Rechte am eigenen Körper, am Selbstbestimmungsrecht. Das kann ich nicht gut heißen. Gerade dann, wenn mir Freiheit noch etwas bedeutet.

"Freiheit ist die Freiheit der anders Denkenden."

Rainer 16. Juli 2010 um 09:51  

Es wäre so schön einfach: wenn ein Mensch durch sein Verhalten niemanden einen Schaden zufügt, kann dieses Verhalten toleriert werden.
Und Abneigung, Unverständnis oder Unwille ist kein Schaden.

Lebowski 16. Juli 2010 um 09:59  

Beantrage Burka-GEbot für Merkel!

CC 16. Juli 2010 um 10:54  

abgesehen davon, daß ich Potemkin zustimme, zum Burkaverbot nur soviel:

a) die Wahrscheinlichkeit, daß die Burka unfreiwillig getragen wird (diese Unfreiwilligkeit fängt bereits bei religiöser Indoktrinierung an!) ist höher, als daß sie freiwillig getragen würde.

b) ob freiwillig oder nicht ist nicht überprüfbar.

c) aufgrund der höheren Wahrscheinlichkeit der Unfreiwlligkeit ist ein Verbot sinnvoll, da man hier in Summe mehr Freiheit ermöglicht als verunmöglicht.

Roberto J. De Lapuente 16. Juli 2010 um 11:17  

"a) die Wahrscheinlichkeit, daß die Burka unfreiwillig getragen wird (diese Unfreiwilligkeit fängt bereits bei religiöser Indoktrinierung an!) ist höher, als daß sie freiwillig getragen würde.
b) ob freiwillig oder nicht ist nicht überprüfbar."

a) wird von Wahrscheinlichkeit gesprochen, die nicht verifizierbar ist.
b) wird gesagt, dass der Umstand an sich nicht überprüfbar ist.
c) dennoch wird für ein Verbot gestimmt.
das ist d) die irrationale Ratio unserer Tage in Reinkultur - es geht nicht um Wissen, es geht um Vorlieben oder Abneigungen...

Anonym 16. Juli 2010 um 12:18  

Die Burka kommt einem Ganzkörperkäfig gleich, und ich halte es für naiv zu vermuten, auch nur irgendein armer Teufel fühle sich in derlei Gefangenschaft wohl.

Roberto J. De Lapuente 16. Juli 2010 um 12:32  

Freiheitlich zu denken, das sollte einem immer bewußt sein, ist gleichzeitig immer auch naiv. Aber man muß immer naiv vom freien Willen des anderen ausgehen, bis er etwas anderes äußert. In Frankreich traten burkatragende Frauen auf, die sich kriminalisiert fühlten - das muß man hinnehmen, kann man nicht einfach als Zwangshaltung abtun.

Anonym 16. Juli 2010 um 12:44  

Wer die Lebensführung strenggläubiger Moslems kennt, weiß, dass folgsame, gute Gattinnen ausnahmslos die Ansicht ihres Ehemanns artikulieren.
Ein Haustie... öhm, die Hausfrau in ein Ganzkörpergefängnis zu stecken, empfinde ich als nichtartgerechte Haltung.

Uschi Basfeld 16. Juli 2010 um 13:06  

wie wärs denn mal damit:

http://www.youtube.com/watch?v=tPhcj6HewmM

Rainer 16. Juli 2010 um 14:24  

Die Burka ist letztendlich exemplarisch. Die Frage ist doch, gibt es einen universellen Freiheitsbegriff? Und zwar einen, der nicht metaphysisch in abstrakten Dimensionen unfassbar liegt, sondern der mir ermöglicht anzunehmen, dass diese Burka freiwiliig getragen wird; zumindest so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist.

philgeland 16. Juli 2010 um 14:59  

Generell lässt sich wohl sagen, dass der gesellschaftliche Diskurs mehr und mehr zu einer Schwarz-Weiss-Angelegenheit wird. Pro oder Kontra. Entweder, Du bist dafür oder dagegen. Das Burka-Verbot ist ein gutes Beispiel.

Dabei sind es unter anderem gerade jene Zwischentöne und Differenzierungen, die eine wirklich progressive Gesellschaft kennzeichnen.

Ohne sie gibt es keinen wirklichen "Fortschritt" im Miteinander.

philgeland 16. Juli 2010 um 15:01  

P. S.
Huch, ja, ich habe "Miteinander" geschrieben. Wie blauäugig und gutmenschlich das doch klingt! Ich habe einen repressiven Verweis verdient.

Roberto J. De Lapuente 16. Juli 2010 um 15:03  

"Wer die Lebensführung strenggläubiger Moslems kennt, weiß, dass folgsame, gute Gattinnen ausnahmslos die Ansicht ihres Ehemanns artikulieren."

Alleine an dieser Aussage ist die ganze Misere deutbar. Was ist ein "strenggläubiger Moslem" denn? Es gibt matriachalische Gesellschaften, beispielsweise die Tuareg, die dennoch muslimisch sind - da ist nicht viel mit folgsamen Gattinnen. Gleichwohl gibt es gerade in Nigeria männliche Christen, die auch mal gerne zwei oder drei Gattinnen ihr Eigen nennen dürfen.

An diesen Stereotypen kranken wir. Man denke außerdem mal an Muslimas wie Schirin Ebadi - und überhaupt wissen viele Menschen scheinbar überhaupt nicht, welcher Ton manchen Moslem zuhause begegnet...

Anonym 16. Juli 2010 um 16:34  

Auch christliche oder jüdische Strenggläubige tragen ihre typische Tracht. Man stelle sich mal vor, jemand würde Christen die Nonnentracht oder Juden die Schläfenlocken verbieten wollen. Was gäbe es für ein Geschrei. Denn diese tragen ihre Tracht immer freiwillig. Hier wird schließlich niemand durch die Familie oder durch religiöse Indoktrinierung gezwungen.

Grüße
Klotzkopf

Anonym 16. Juli 2010 um 16:46  

Ich stimme dem Artikel und dem Tenor der meisten Kommentare hier auf jeden Fall zu. Großes Lob. Ähnliche Gedanken hatte ich schon vor ein paar Jahren, als es um das Kopftuchverbot für eine Baden-Württembergische Mathe-Lehrerin afghanischer Herkunft (?) ging.

Damals gab es aber noch ein anderes Argument, das mir auch einleuchtete. Man verwies nämlich auf die Türkei und das dort seinerzeit (noch?) herrschende Kopftuchverbot. Das hatte seinen Ursprung, wenn man es positiv deuten möchte, darin, dass die Trennung von Religion und Staat als Trennung von privat und öffentlich verstanden wurde, und das Kopftuchverbot war wohl wichtiger symbolischer Teil der Durchsetzung dieser Trennung, die man natürlich im aufklärerischen Sinne als Fortschritt im Sinne der Durchsetzung der Menschenrechte als universaler moralischer Norm verstehen muss. Es war ein Verbot, das von progressiven Moslems gegenüber repressiven Moslems ausgesprochen wurde. (ich kenne mich da nicht so genau aus, das ist bestimmt eine krasse Vereinfachung, jedenfalls, wenn es so war, dann finde ich dass das Verbot richtig und gut war)

Was ich sagen will: solche Verbote können in einer entsprechenden historischen Situation sehr wohl progressiv und Freiheit befördernd sein.
Man muss die konkrete Situation bewerten.

Wie ist es in Frankreich? Das Burkaverbot gilt einer Minderheit, einer definitiv rückständigen (im Sinne der Aufklärung, der Menschenrechte) Ideologie und Religion. Solche Ideologien darf und soll man kritisieren. Die Scharia z.B. ist nicht mit den europäischen zivilisatorischen Vorstellungen vereinbar. Aber das gilt für viele andere Ideologien und Religionen auch.

Die Auseinandersetzung darüber geschieht normalerweise in der kulturellen Sphäre. Sie bedarf einiger Zeit, Geduld, des gegenseitigen Respekts usw. Das Aussprechen eines gesetzlichen Verbots ist das Eingeständnis des Scheiterns in diesem Dialog, wenn er überhaupt probiert wurde. Es stellt überhaupt den Abbruch dieses Dialogs dar.

An dessen Stelle rückt eine Art symbolischer Zwangsintegration per Kleiderordnung, die natürlich nicht funktionieren kann, sondern, so ist zu befürchten, das Gegenteil von Integration und interkulturellem Dialog bewirkt, eben weil hier persönliche Freiheitsrechte völlig überflüssigerweise ignoriert werden.

Jutta Rydzewski 16. Juli 2010 um 17:51  

@Anonym 12:44

"Wer die Lebensführung strenggläubiger Moslems kennt, weiß, dass folgsame, gute Gattinnen ausnahmslos die Ansicht ihres Ehemanns artikulieren."

Zu den Kennenden und Wissenden gehören Sie offenkundig aber nicht. Denn sonst würde diese Widerlichkeit

"Ein Haustie... öhm, die Hausfrau in ein Ganzkörpergefängnis zu stecken, ..."

nicht aus Ihrem Maul herausplumpst sein. Ihre gewählten Begrifflichkeiten lassen ohnehin deutlich erkennen, wessen Geistes Kind Sie sind.

" ...empfinde ich als nichtartgerechte Haltung."

Ich empfinde Ihren Stil und Ihre Ausdrucksweise, schlicht und ergreifend, als ekelhaften Dreck.

Jutta Rydzewski 16. Juli 2010 um 17:57  

@Anonym 12:18

"Die Burka kommt einem Ganzkörperkäfig gleich, und ich halte es für naiv zu vermuten, auch nur irgendein armer Teufel fühle sich in derlei Gefangenschaft wohl."

Wenn schon, sollten Sie nicht von Teufeln sondern Teufelinnen sprechen. Weiterhin würde mich interessieren, woher Sie das alles so genau wissen wollen, mit dem Ganzkörperkäfig, wie Sie das auszudrücken belieben. Haben Sie selbst schon mal dringesteckt, oder schwatzen Sie lediglich nur so dumm daher?

Egon 17. Juli 2010 um 08:15  

Ich sehe die Sache mit der Burka genauso wie hier einer der Schreiber: In der Türkei ging es damals um die Trennung von Kirche und Staat, und Schleier oder Burka waren nun einmal das ostentative öffentliche Bekenntnis zur Kirche, insofern durfte man das Tragen der Burka damals durchaus als reaktionär bezeichnen.

Heute aber hat das Verbot der Burka in Europa einen anderen Unterton: die Angst vor der "Überfremdung". Und da begibt man sich in neofaschistische Gefilde, natürlich mit dem Gestus:
Wir sind zwar alle Menschen, aber die Burka dort, wo sie hingehört, und nach Europa gehört sie nicht.

Ich stimme Ihnen, lieber Herr Lapuente, voll zu, wenn Sie sinngemäß sagen, dass die Forderung nach dem absoluten Rauchverbot auf genau derselben Ebene liegt. Auch das Rauchen hat Tradition (übrigens nicht nur in Europa) und die Forderung nach seinem Verbot enthält ein gehöriges Gran Fundamentalismus, also ebendies, das man den Burka-Trägerinnen ankreidet. Das absolute Rauchverbot ist zum Beispiel eine Forderung der evangelikalen Christen in den USA, und von dorther kommt, wenn ich es richtig verstanden habe, auch die Antiraucherbewegung. Dass man sich selbst einen Gefallen tut, wenn man nicht raucht, war im Grunde noch nie ein Argument der Antiraucherfundamentalisten.

Lutz Hausstein 17. Juli 2010 um 12:13  

Die Rechtfertigung des Burka-Verbots, dass "man ja den unterdrückten Trägerinnen nur Gutes will und sie von dieser frauenfeindlichen Manifestation männlicher muslimischer Herrschaft befreien möchte", erinnert mich fatal an die Rechtfertigungsversuche des Krieges in Afghanistan.

Auch dort ging man hin und bleibt bis heute auch da, weil "man die Menschen von der Unterdrückung befreien, die Entrechtung der Frauen beseitigen will und überhaupt nur Gutes will". Die derart Beglückten wurden jedoch weder damals gefragt, ob sie dies ebenso sehen, ob sie dies überhaupt als Befreiung empfinden, noch heute. Dabei wäre es doch so einfach. Man müsste einfach nur mit den jeweiligen Menschen sprechen.

Weder die Afghanen werden befragt, ob sie diese Art der "Befreiung" wünschen, ob sie dies überhaupt als Befreiung empfinden, noch wird dies bei den Burka-Trägerinnen gemacht. Ihnen wird eine Entscheidung aufgezwungen, welche man anschließend als zu deren Nutzen und als Befreiung "verkauft".

Was, wenn diese ihnen aufgezwungene Art von Freiheit gar nicht die von ihnen gewünschte Freiheit ist? Darf man ihnen dann "unsere" Freiheitsdefinition aufzwingen? Wohl kaum.

Widerspruch von Seiten der Burka-Trägerinnen wird so umgedeutet, dass sie sich so stark unter der Knute befinden, dass sie nichts anderes sagen könnten. Immer wieder wird der Wille der Betreffenden missachtet. Es wird Zeit, endlich den Willen der unmittelbar Betroffenen zu respektieren.

Peinhart 18. Juli 2010 um 12:45  

Ein interessantes Interview zum Thema:

"Es geht nicht um eine religiöse oder kulturelle Differenz"

lemming 19. Juli 2010 um 22:44  

Eine Burka ist nicht einfach ein Kleidungsstück, das unter "Freiheit der eigenen Körperkleidung" zu subsumieren wäre. Sie ist ein Statement. Und zwar ein deutliches, auch eins der Zurückweisung der Kultur, in der man sich gerade aufhält.
So wie es zurecht als Provokation aufgefaßt würde, in Badehose oder Bikini in islamischen Städten herumzulaufen.
Ich halte es für einen ganz normalen Grad des Respekts vor der Umgebung, in der man sich befindet - egal ob als Tourist oder Immigrant - auch die Kleidungssitten des jeweiligen Landes zu respektieren und sie nicht im Namen einer "Freiheit" herauszufordern, von deren Gegenteil die Tradition des Kleidungsstück selber zeugt.
Konkret: die Verhüllung des Gesichts wirkt anstößig, so wie jemand, der maskiert durch die Straßen laufen würde, ich glaube nicht, dass man ein derartiges Verhalten tolerieren muss oder sollte.

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