Schönwetterprämissen

Freitag, 11. Juni 2010

Schönes Wetter! Schönes Wetter? Hören Sie, ich dünste aus, gare in meiner eigenen Tunke. In meiner Achselhöhle brodelt und blubbert es, dem Rücken läuft ein überdimensionaler Sturzbach hinab, mein Kopf ist so naß, dass man annehmen könnte, ich hätte ihn eben in einen Wolkenbruch gehalten. Schönes Wetter? Mein Schritt ist durch und durch, mit Sack und Pack durchfeuchtet, der Schambereich barock bewässert, über die natürlichen Furchen meiner Arschphysiognomie strömt der Sturzbach meines Rückens postwendend die Oberschenkel hinab. Ich japse gierig nach Luft, kann hieran meine eigene Verschwitztheit, dieses Parfüm meiner Körperausscheidungen, das eine salzig-herbe Blume verströmt, kaum noch ertragen, ringe nach einem Augenblick, in dem ich nicht meine stinkende Abgekochtheit hinnehmen muß, in dem ich nicht innerlich koche. Das Hemd liegt schon beiseite, die Jeans obenauf, bleibt nur noch der Slip, den ich mir runterziehen möchte, stets hoffend, einen winzigen Windhauch, ein wenig Abkühlung zu erhaschen. Nur der Slip - und die Haut, die ich mir am liebsten vom Fleisch kratzen würde! Und das Fleisch, dass ich mir irre vom Knochen schaben möchte! So als Skelett hätte man es fein, so voller Hohlräume, übersät von Durchzugslöchern, so luftig geschaffen...

So ein Unfug! Schönes Wetter! Wo denn bitteschön? Ich nehme jedenfalls keinen Sprüh- oder Nieselregen wahr. Und besonders schummrig ist es auch nicht - ganz gegenteilig: hell ist es. So gleißend hell, dass es mir die Pupillen nahezu zerreißt. Ich kann kaum denken, so durchflutet von Sonnenlicht werde ich. Und dann dieses Jucken und Kratzen, dieses Triefen und Nässen - Pollen in den Augen, in der Nase, in jeder Körperspalte. Niesen, Halskratzen, grüner Auswurf! Grün, sonnenbeschienenes Grünzeug - da bleibt nichts verborgen, so blendend hell, wie es ist. So hell, dass ich depressiv werde, mich in Melancholie zurückziehe und dem Herbst und dem Frühling ein Requiem heule. Schönes Wetter also? Schönes Wetter ganz ohne leichten Regen, ohne Bewölkung, ohne Schweiß? Gibt es das? Was wollen Sie mir denn da eigentlich einreden?

Natürlich, Sie müssen sich nicht erklären, ich kenne diese Phrase doch nur zu gut. Überall plappern sie vom schönen Wetter, nicht nur in den meteorologischen Berichten. Hey, schönes Wetter heute!, rufen sie sich zu. Herrlich, schönes Wetter haben wir!, bestätigen sie sich gegenseitig. Oder aber: Wer will denn bei diesem herrlichen Wetter in der Bude hocken bleiben?, fragt man speziell solche Leute wie mich. So wie Sie augenblicklich mich ja auch mit Ihrem schönen Wetter tyrannisiert haben. Phrasen, wie Sie ganz richtig erklärt haben. Das sagt man halt so, weil es jeder "halt so sagt" - wobei man von den telegenen Wetterfröschen mehr Objektivität verlangen könnte, finde ich. Aber es ist mehr als nur das übliche Nachäffen: es ist bereits unumstößliche Prämisse. Sonnenschein gleich schönem Wetter: aus der Wettersituation einer scheinenden Sonne - der scheinenden Sonne, es gibt ja nur eine -, ist die Schönheit erwachsen: die ästhetische Wertung hat schon ihren Lauf genommen. Und noch etwas spricht aus der Prämisse: großspurige Überheblichkeit! Oder glauben Sie aufrichtig, dass Ihre Präferenzen als Basis für eine universelle Alltagssprache taugen? Meinen Sie, nur weil Sie die wärmenden, aufheizenden Sonnenstrahlen lieben, sei es rechtens, sie in die Rubrik mit positiv auslegbaren Adjektiven zu verfrachten? Was, wenn die Mehrzahl der Menschen plötzlich Analfissuren aufgrund der wohltuenden, demutlehrenden Schmerzen lieben würden? So abwegig das nun auch klingen mag, stellen Sie sich das mal hypothetisch vor: was wäre dann? Sprächen Sie den Quark, den diese masochistisch veranlagten Fissuristen von sich gäben, diesen irrwitzigen Mischmasch aus "guten und wertvollen Gefühlen", "schönen und erhabenen Augenblicken" und "good vibrations" nach? Würden Sie im Supermarkt von der erlesenen Schönheit der Analfissur schwärmen?

Gewiss, ganz gewiss und ganz richtig: man sagt das halt so, es hat sich eingebürgert. Aber das ist ja der ganze Haken daran! Man sagt es einfach so. Einfach so! Ohne sich darüber Gedanken gemacht zu haben. An diesem Manierismus leidet die ganze Gesellschaft, sie quasselt einfach drauflos, nichts denkend, an keinen Zweifeln brütend, nichts hinterfragend. So tut sie es immerfort: es ist zu ihrer verdammten Leidenschaft geworden. Was für Sie schönes Wetter ist, so haben wir vorhin ja schon festgestellt, ist für mich ungenießbares, beschissenes Wetter - Sie mögen, so darf und muß man annehmen, wahrscheinlich keinen Sprühregen. Wo ich von Sonnenschein oder Regen, also von zwei verschiedenen Wetterlagen spreche, verwenden Sie jedoch wertende Begrifflichkeiten. Für Sie ist das entweder schönes oder schlechtes Wetter - dabei ist das, was Sie für schlecht befinden, für mich erfreulich, ja göttlich fast. Sie entweihen das, was ich für schön beurteile, indem Sie es als schlecht bezeichnen. Und daran kranken fast alle, nicht nur beim Wetter - es wird einfach nicht nachgedacht beim Sprechen, es werden Bewertungen vorgenommen, wo es keiner Bewertungen bedarf.

Sehen Sie, was für uns hier das "schöne Wetter", ist im öffentlichen Diskurs die Freiheit. Alle möglichen Begriffe drapieren sie mit "frei" oder "freiheitlich", versehen sie mit diesem erlauchten Zusatz. Und alle plappern es nach, weil man das "eben mal so sagt". Beim schönen Wetter, welches für viele überhaupt nicht schön ist, fängt es nur an - über den freien Markt, der für die Mehrzahl der Menschen nicht frei ist, sondern ein Verlies, nimmt es seinen Lauf. Diese verankerten Prämissen, diese besiegelten Vorbedingungen: sie töten jede Diskussion im Keim ab, weil sie einen zu beschreibenden Umstand mit Bewertungen belegen. Da sitzen dann solche wie ich, zwei vollkommen klatschnasse Arschbacken in der Hose, der Rücken ein einziger Schweißfleck, unter den Armen und werweißwo noch rinnt es schwül, und reden sich nebenher auch noch selbst ein, dies seien die Segnungen schönen Wetters. So wie jene, die man im Namen freier Märkte an Armenverwaltungen, an Sozialgesetzbücher und derlei Plunder kettet: die sitzen in ihren Bruchbuden und quatschen sich selbst ins Gewissen, reden sich ein, ihre Not sei die hohe Weihe, das heilige Sakrament des freien Marktes.

Daher werde ich bissig, wenn man mich fragt, was ich bei schönem Wetter so alles treibe, müssen Sie wissen. Damit fängt es nämlich an. Sie wissen doch, zunächst klappert man das Wetter ab, danach wird es persönlicher. Und was fragen Sie dann? Ob ich frei bin? Ob ich täglich drei Marktunser bete - zu Ehren des barmherzigen Freihandels? Oder möchten Sie hernach über das Sparpaket der Regierung schwafeln, das letztlich nichts mit Sparen, viel aber mit Kürzen zu tun hat? Wollen Sie in jenem Falle ebenfalls Begrifflichkeiten nachäffen, die man "halt so sagt"? Die man so sagt, weil es alle so sagen? Solche, wie Sparpaket beispielsweise? Man halte mir bloß die Schönwetter-Schwadroneure vom Leib, denn mittels ihrer undurchdachten Art vom schönen Wetter zu schwätzen, sind sie die Türsteher ins Verderben. Sie bewachen den Einstieg ins Blabla, marmorieren mit ihrem fahrlässigen und sorglosen Repetieren vorgekauter Begriffe das triviale Alltagsgeschwätz mit vorgefertigten Wertungen.

Schönes Wetter? Dass ich nicht lache! Schlechtes Wetter, ganz ganz schlechtes Wetter, wenn ich es denn subjektiv bewerten soll. So wie die freiheitliche Selbstbestimmung innerhalb des ach so freien Marktes ganz ganz unfrei ist, wenn ich es denn objektiv einschätzen soll. Aber ich käme nie auf die Idee, den von Ihnen geliebten Sonnenschein als schlechtes Wetter zu verurteilen. Das fände ich anmaßend! Direkt frech! Nein, ich nenne es beim Namen, völlig wertfrei, ich nenne es Sonnenschein - und jeder soll für sich selbst wählen, wie er zu diesem steht. Und glauben Sie, ich spreche gemeinhin vom freien Markt? Oder der sozialen Marktwirtschaft? Sozial! Auch so ein Schönwetterbegriff! So, und nun lasse ich Sie mit Ihrem schönen Wetter alleine - ich möchte meinen begossenen Slip durch einen trockenen ersetzen...

12 Kommentare:

Stimmvieh 11. Juni 2010 um 13:48  

Herr Sarrazin würde uns mit Sicherheit eine kalte Dusche empfehlen.

Mit verschwitzten Grüßen...

Anonym 11. Juni 2010 um 13:51  

ganz grosses kino. tolle geschichte, super geschrieben.

kapiernix 11. Juni 2010 um 14:36  

Ja genau so geht es mir auch ... bei mir sind alle Fenster geschlossen, die Jalousien unten und der Ventilator läuft im Dauerbetrieb auf Hochtouren.
Und trotzdem ist mir noch zu warm ...
Sieht man dann noch leute, die bei diesen Temperaturen mit Pullover und Jacke rumrennen erlebt man gleich einen gefühlten Hitzeschock.

Heutzutage wird man schon komisch angeschaut, wenn man bei 18°C, nur mit Shirt und kurzer Hose bekleidet, unterwegs ist, schließlich ist alles, was nicht der Bedingung ' T > 21°C, trocken' entspricht 'schlechtes Wetter' ...

Die Katze aus dem Sack 11. Juni 2010 um 15:17  

Ja, es ist wirklich sehr warm. Und dennoch fröstelt es mich ganz dolle, obgleich der sozialen Kälte.

Anonym 11. Juni 2010 um 15:24  

Mir scheint, die konsequente Bezeichnung sonnigen Wetters als "schönes" Wetter hat auch mit der kollektiven Entfremdung von der Landwirtschaft zu tun. In einer Sommerdürre bedeutet sonniges Wetter für Bauern eine Naturkatastrophe und damit nur für die Profiteure des Nahrungsmittel-Weltmarktes keine wohlbegründete existentielle Furcht vor einer kommenden Hungersnot.

gerdos 11. Juni 2010 um 16:15  

Roberto! Du schreibst mal wieder aus meinem tiefstem Herzen. Schon ein paar Mal kritisierte ich die Moderatoren der "Aktuellen Stunde" beim WDR, wenn sie ihre Wettervorhersage mit schwülen 30 Grad den Zuschauenden als "schönes Eisdielenwetter" schmackhaft machen wollten. Diese Fernseh-Yuppies begreifen gar nicht, dass aus viele Leute gibt, denen die Hitze so richtig auf den Zünder geht. Mir läuft dann schon beim Ausfüllen eines Überweisungsträger die Brühe am Ar... runter.

Als Ausdauersportler falle ich ab 25 Grad C. stets ins Koma. Nach dem Aufwachen genieße ich dann die Freiheit, mir auf meinem Sofa die Falten aus dem Sack zu schlagen (soviel zur Freiheit).

Christian Klotz 11. Juni 2010 um 17:01  

Die einen nennen ein Restaurant ein Gasthaus. Die anderen ein Wirtshaus.
Beim hitzigen Streit treten die historische Sprachwissenschaft und die Linguistik zur Klärung an.

Dabei ist es doch ganz klar, was die Genetivverbindung eigentlich meint.
Man braucht als Gast bloß mal den Wirt rauszuschmeissen versuchen, aus seinem Eigentum.
Dann wird man ja sehen...

Anonym 11. Juni 2010 um 18:54  

Hallo Roberto, in diesem von den gewöhnlichen Themen zunächst etwas abweichend erscheinenden "sonderbaren" Beitrag spricht du Gedanken aus, welche auch mir schon seit langer Zeit beim Geschwafel des Wetterberichtes oder vieler einfacher Leute über das Wetter immer wieder kommen.
Wie bei vielen anderen Themen auch hier dieses völlig subjektive, fast schon infantil zu nennende Geschwätz ohne Sinn und Verstand.
Da feiert man "Sonne pur", "Sonne satt", Temperaturen von weit über 30 Grad und längere Zeit fehlenden Regen als "Super-Sommer", feuert nach allen Seiten mit superlativistischen Adjektiven wie verückt nur so um sich.
So jämmerlich-erbärmlich-hirnlos ICH-BEZOGEN, dass bei diesen verrückten Zeitgenossen nicht mal eine Ahnung aufzukommen scheint, was solche Wetterzustände für ANDERE Menschen bedeuten könn(t)en.
Sie WOLLEN nur "gut-drauf" sein,"Sonne pur genießen"..., einfach nach allen Seiten ein Endlos-Dauergrinsen zelebrieren, aber einfach NICHT realisieren, was derartiges "Super-Wetter" für viele andere Menschen bedeutet, wie es ihnen zu schaffen macht, ob wegen Kreislauf oder Herz, allergische Reaktionen, oder auch aus beruflichen bzw.wirtschaftlichen Gründen.
"Des einen Freud ist des anderen Leid" sagt so ein altes Sprichwort, bloß beim Wetter, da soll es nicht mehr gelten?
Ja, du hast schon Recht, bereits beim eigentlich belanglosen Geschwätz über das Wetter kann bei bewussten Hinhören schon oft erkannt werden, mit was für einen Zeitgenossen und Mitbürger man es gerade mal wieder zu tun hat.
Aber so sind sie halt, unsere Spießer!

Aktuell sonnige Grüße á tous von
Bakunin :-)

Anonym 11. Juni 2010 um 19:24  

Prall und drall,
derb und deftig.
Mei o mei!
Mit den besten Emmpfehlungen der Deodorantindustrie.

Das Wetter können wir nicht ändern, die Einstellung dazu - und zum Begriff der Feiheit - sehr wohl.

Irland
http://www.woz.ch/artikel/2010/nr23/international/19412.html

Finanzkrise
http://www.monde-diplomatique.de/pm/.dossier/finanzkrise

Susi Q. 11. Juni 2010 um 19:27  

Das ist schon literarische Kunst. wo bekommt man sowas denn sonst zu lesen!

Tim 12. Juni 2010 um 02:09  

Ich empfehle ja Boxershorts anstatt Slips. Die machen das Wetter zwar auch nicht kühler - aber in Kombination mit kurzen Hosen ergibt sich mit etwas Glück von Zeit zu Zeit ein lindernder Windhauch...

philgeland 13. Juni 2010 um 23:53  

Es macht einen Unterschied, sich im "kalten Norden" nach sonnigem Wetter zu sehnen und dies als Synonym für "Ausspannen" zu begreifen. Ach ja, der Süden! Selbst Goethe und Hesse waren schon in Italien und haben davon geschwärmt, die Teuersten. Da muss doch was dran sein am Süden. Da ist man doch freier. Da wo die Sonne scheint und alle Menschen glücklicher sind.

Da schwärmen sie dann aus, die Nordgeister, belagern die mediterranen oder südamerikanischen Strände, schlürfen Drinks und verharren wie Idioten in der Hitze, um ihre Haut zu schwärzen, um nachher ihrer erlebnisreichen Aus-Zeit nachzuhängen, den Frost, den Nebel, den Nieselregen, die gelben Blätter und alles andere zu verdammen und ihre Wunschträume auf die nächste Buchung zu projizieren.

Im Grunde wollen sie ja alle weg von "hier", immer im Süden leben, unter weltoffenen Menschen.

Was für ein Bullshit.

Sie kehren nämlich alle gern zurück, weil sie im Grunde ahnen, was es heisst, bei dem von ihnen hochgelobten Ambiente einer "Erwerbstätigkeit" nachzugehen.

Wenn Freiheit was mit Klima zu tun haben sollte, dann höchstens in dem Wunsch, klare Gedanken bei einem herbstlichen oder winterlichen Sṕaziergang fassen zu können.

Wenn man nicht mehr in Deutschland lebt.
For real.

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