Nomen non est omen

Mittwoch, 30. Juni 2010

Heute: "Modernisierungsverlierer"

Der Begriff "Modernisierungsverlierer" bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die durch gesellschaftliche oder ökonomische Veränderungen benachteiligt werden. Er setzt sich aus zwei Begriffen zusammen, wobei der Erste positiv konnotiert ist (modern) und der Zweite eher negativ (Verlierer). Das Schlagwort, welches von Wilhelm Heitmeyer geprägt wurde, womit er vor allem rechtsextreme Jugendliche meinte, beinhaltet für mich gleich mehrere Problematiken.

Zum einen ist überhaupt nicht geklärt, was wirklich "modern" ist und ob die "Moderne" wirklich immer erstrebenswert sei? Neoliberales Gedankentum, ökonomische Verwurstung in allen gesellschaftlichen Bereichen sowie eine breitflächige Industrialisierung mit all ihren Folgen sind einige wenige Punkte, die als "modern" angesehen werden. Gleichzeitig benutzen vor allem Politiker und Ökonomen dieses Adjektiv, um ihre unsozialen Ansichten und Vorgehensweisen unter dem Deckmantel der »Moderne« zu verstecken. Oft ist "modern" aber auch einfach nur eine Plastikphrase, die inhaltlich wenig aussagt, aber einen positven Klang hinterlassen soll. Schließlich will niemand als unmodern, alt und überholt gelten.

Zum anderen deutet der Begriff "Verlierer" in diesem Kontext darauf hin, dass damit vor allem finanziell und sozial schlechter gestellte Menschen gemeint sind. Alle die sozusagen nicht vom Segen der Globalisierung reich geworden sind, sondern in Armut ihr Dasein fristen. Problematisch ist hierbei, dass selbst die politische Linke diesen Begriff ungefragt verwendet und damit die neoliberale Spaltungslogik unfreiwillig übernimmt: Verlierer ist, wer wenig Geld hat. Eigentlich sollten gerade linke Denker eher eine Einstellung haben, die so lauten könnte:
"Wer bei allem immer Mensch bleibt, sich selbst treu, mit Liebe, Zärtlichkeit und Empathie durchs Leben geht, der kann gar kein Verlierer sein! Denn solch ein Mensch hat das Leben verstanden!"
Ähnlich wie der Terminus des "Globalisierungsverlierers" assoziiert man mit dem Begriff auch eine Art Schicksalsschlag. So als gäbe es nun mal Gewinner und Verlierer und es könne eben nicht jeder auf der Gewinnerseite stehen. Die Verlierer sollten nicht murren, sondern ihr Schicksal akzeptieren. Verschleiert wird hierbei, dass es weder Zufall noch Schicksal ist, wer arm oder reich ist. Denn Politik bedeutet immer menschliches Handeln hinter dem ein gezielter Wille steht.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

7 Kommentare:

Christian Klotz 30. Juni 2010 um 10:19  

Jawohl, Herr Pfarrer:"Mööönsch bloibön."
Looser werden nicht hergestellt.
Vorwärts zum Sieg des Selbstbewußtseins über seine objektive Lage!

LexX Noel 30. Juni 2010 um 11:41  

Genau dem Zitat im Text, folge ich und von daher bin ich nie ein Verlierer. Allerdings sehe ich viele Menschen die sich in diese Ecke drängen lassen, oder sich gar gerne als das bezeichnen lassen.

klaus baum 30. Juni 2010 um 12:48  

Das Moderne ist eben bei den Neoliberalen gar nicht modern, sondern es handelt sich um die alte Inhumanität, die gerade darin besteht, dass alle Lebensbereiche der instrumentellen Vernunft untergeordnet werden. Die Kritische Theorie von Adorno und Horkheimer, Bloch und Marcuse z. B. mit einbezogen, ist im wesentlichen eine Kritik der instrumentellen Vernunft. Die Reduktion aller Lebensbereiche auf den Aspekt der Zweckrationalität ist nicht modern, sondern höchst altbacken. Nicht umsonst drängen sich bei mir immer wieder Vergleiche auf, bei denen der Neoliberalismus dem vordickenschen Zeiten gleicht oder der Finsternis jener Jahre, die Tucholsky beschreibt.

Hanse 30. Juni 2010 um 13:20  

Ähnlich wurde der Begriff Wendeverlierer verwendet.

OT: Verstehe nicht so genau warum Treue zu sich selbst eine wichtige Eigenschaft sein soll.

Die Katze aus dem Sack 30. Juni 2010 um 16:25  

Sieger beklagen sich selten welche zu sein, anders verhält es sich bei den Verlierern.

Sieger und Verlierer haben nur in einem ehrlichen Spiel die gleichen Chancen etweder das Eine oder das Andere zu sein. Ist das in unserem aktuellen Kulturmodell der Fall?

Auf dem schmalen Siegertreppchen ist schliesslich nicht für alle Spielteilnehmer platz.

Die Siegerprämie: Leben, in Saus und Braus.
Für die Verlierer: (Noch!) Geduldet, zu existieren.

philgeland 30. Juni 2010 um 22:13  

Roberto, danke für den Querverweis, also den Link zum ZG-Blog. Betrachtet man nämlich den schillernd-unangefochtenen Begriff "modern" unter dieser Perspektive, dann blättert dessen goldig-glänzende Farbe.

Anonym 1. Juli 2010 um 01:42  

@klaus baum:
"Ich bin nicht einverstanden damit, Zweckrationalität pauschal zu verurteilen, OHNE den gültigen Zweck dahinter zu NENNEN."

Deinen weiteren streng marxistischen Ausführungen dazu kann ich nicht widersprechen, habe ihnen auch nichts weiter beizufügen.
Nur noch so viel: Wenn man sich viele dieser Lehren der FRANKFURTER SCHULE mal genauer ansieht, so wird auch gerade mit der "Kritik der insrumentellen Vernunft" der Kapitalismus in einer Art und Weise kritisiert, dass er letztlich gar nicht WIRKLICH kritisiert wird, insbesondere nicht seine eigentlichen Motive.
Diese Kritik ist daher eher als eine PSEUDO-KRITIK anzusehen, welche am Ende mehr verwirren als wirklich aufklären soll.
Man sollte in puncto Kapitalismus, gerade was seine Ökonomie, Geld etc...,den bürgerlichen Staat angeht, doch besser beim echten Marx bleiben.
Selbst beim angeblich so wichtigen Thema Staatsschulden wusste Marx schon eine Menge zu sagen...
Also keine Angst vor den blauen Bänden!

MfG Bakunin

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