Nomen non est omen

Freitag, 26. Februar 2010

Heute: "Gefährliches Halbwissen"

Als gefährliches Halbwissen wird Wissen bezeichnet, dass nicht ausreichend oder lückenhaft vorhanden ist und letztlich zu einem fehlerhaften Urteil oder einer vermeintlich falschen Entscheidung führen kann. Der Begriff ist negativ aufgeladen und wird in der Regel gegenüber Personen abwertend verwendet. Der Terminus suggeriert außerdem, dass eine bestimmte subjektive Sichtweise zu einer fehlerhaften Einschätzung führt. Vielmehr wird ausgesagt, dass ein vermeintlich lückenhaftes Wissen zu einer Einschätzung führt, die nicht ernst genommen werden muss. Genauer: die fehlerhaft oder falsch ist und womöglich zu schlimmen Konsequenzen führt. Halbwissen kann hierbei zu Experten-Hörigkeit führen, zum unerschütterlichen Glauben an Zahlen sowie zum Quiz- und Rezeptwissen.

Halbwissen kann hierbei folgendermaßen differenziert werden:
  • Situationen können eingeordnet/eingeschätzt werden, es mangelt jedoch an der Durchführungskraft und der Anwendung des Wissens
  • Sachverhalte werden auswendig gelernt, ohne wirkliche Hintergrundinformationen zu besitzen
  • Situationen könnnen eingeschätzt werden, ohne jedoch zu wissen, wie man an einer Verbesserung/Problemlösung arbeiten kann
  • Sachverhalte werden nicht wirklich verstanden oder hinterfragt, auffällige Beispiele oder Erzählungen dienen als Aufhänger
Dabei ist die Frage, ob es überhaupt möglich ist, jemals "ganzes Wissen" statt "Halbwissen" zu erreichen? Können wir überhaupt eine Sache völlständig in seiner Gänze erfassen? Sokrates Ausspruch "Ich weiß, dass ich nichts weiß" verdeutlicht, dass wir ständig Halbwissen unterliegen. Die Frage ist also vielmehr, wozu wird das vorhandene Wissen verwendet? Wie wird mit dem Wissen gearbeitet? Folgen Konsequenzen oder Bewertungen, die unbequem oder nicht erwünscht sind, kann die Formel "Du besitzt gefährliches Halbwissen" als rhetorisches Werkzeug benutzt werden, um Aussagen zu diskreditieren. "Halbwissen" kann indes nicht gefährlicher sein als "Vollwissen". Schließlich haben Wissenschaftsexperten die Atombombe gebaut und keine Amateure.

Letztlich ist auch Wissen immer der Subjektivität unterworfen und kann damit getrost als relatives Wissen bezeichnet werden.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

14 Kommentare:

Anonym 26. Februar 2010 um 06:17  

Au Backe - jetzt wirds schwer. Kann ich also nich mer einfach nem Experten die Absolution erteilen, mein Hirn abschalten und mich von den Allwissenden regieren lassen.

Dabei war die neoliberale Expertenwelt so einfach.

Carpe diem
Bernd

River Tam 26. Februar 2010 um 09:10  

@ Bernd:
Klar kannst Du! Tritt in die Katholische Kirche ein!
;-)

Anonym 26. Februar 2010 um 09:26  

Den Glauben an Zahlen kann ich schnell zerstören. Dazu ist nur ein mathematisches Paradoxon erforderlich.

Ich kann mathematisch BEWEISEN, dass keine Menschheit existieren kann:

Ich brauche für meine Existenzmeine Eltern, also 2 Vorfahren. Jeder meiner Eltern ist auch ein "Produkt" ihrer eltern, also schon 4 Großeltern für mich, und so weiter und so weiter.

Wenn ich pro Generation 25 Jahre ansetze, habe ich 80 Generatonen an Ahnen, um das Jahr 1 herum.

Somit sind 2^80 Menschen erforderlich, damit ich Heute existieren kann.

1.208.925.819.614.629.174.706.176

Wer möchte kann es nachrechnen - grins.

Roberto J. De Lapuente 26. Februar 2010 um 09:35  

"Wenn ich pro Generation 25 Jahre ansetze,..."

Evolutionisten setzen sich damit auseinander. Gut erklärt findet man dieses Phänomen bei Jared Diamond ("Der dritte Schimpanse")... man muß sich den Stammbaum jedes Menschen in etwa so vorstellen, wie den Karls V., dessen Ururgroßeltern nicht 16 Personen waren sondern nur 9, wel einzelne Personen doppelte Ahnenschaft innehatten. Was bei Karl V. natürlich extrem ist, viel mit der inzestuösen Gesittung des Adels zu tun hatte, ist für heutige Menschen nicht in so naheliegenden Vorgängergenerationen zu finden. Aber dort, wo vielleicht bereits 64 Vorfahren notwendig wären, haben manche von uns vielleicht nur noch 58 Personen stehen. Je weiter zurück, desto mehr Positionen werden von einer Person doppelt, dreifach, vierfach belegt.

Wir sind eben alle Brüder und Schwestern - der mitochondrialen Mama sei dank...

erz 26. Februar 2010 um 09:36  

Halbwissen ist dann gefährlich, wenn jemand in Unkenntnis seiner Defizite selbstbewusst völlig unkritsch Entscheidungen trifft.

Ein Laie hinterfragt seine Entscheidungen, weil er sich der Wissensbasis für seine Entscheidung unsicher ist.

Ein Experte hinterfragt sich und seine Entscheidungen, weil er weiß, wie unsicher die Wissensbasis für seine Entscheidungen ist.

Zumindest kommt jeder Experte im Wissenerwerbsprozess an einen Punkt, an dem er (oder sie) das Ausmaß des Wissens erahnen kann, das für sein Feld zu erwerben stünde, und erkennt in Demut, dass er dieses Feld nie völlig wird abdecken können.

Ich jedenfalls würde lieber von einem Experten beraten, der sich von Selbstkritik und Demut leiten lässt, als von tumber Selbstüberschätzung.

Anonym 26. Februar 2010 um 12:16  

@ Roberto - es war ja auch als Paradoxon gedacht.

Selbst mein Sohn (damals 22) hat geantwortet, als ich ihm das mal erzählt habe, die Lösung ist Inzucht.

Nun, nach dem Stammbaum, den ich damals mal so aus Spass erstellt habe, sind keine "doppelten" bis 2^5 vorhanden.

Weiter habe ich das nicht zurück verfolgt. Die Arbeit 5 Generationen zu ermitteln war schon Aufwand genug.

Aber der Beitrag hier hat mich nun dazu gebracht einmal ein paar der auffälligen Namen (mit von) bei Google zu suchen. Und ich wurde fündig.

Ajax 26. Februar 2010 um 13:30  

Der "Beweis", dass keine Menschheit existieren kann berücksichtigt nicht, das die meisten Menschen

mehrere

Nachkommen haben.

Wenn meine Urgroßeltern jeweils nur 2 Nachkommen des richtigen Geschlechts hatten reichen zu meiner Erzeugung 4 statt 8 Urgroßeltern aus. So habe ich jedenfalls gerade den Baum aufgemalt.

River Tam 26. Februar 2010 um 17:35  

@erz:
" Ich jedenfalls würde lieber von einem Experten beraten, der sich von Selbstkritik und Demut leiten lässt, als von tumber Selbstüberschätzung."

Ich auch! Aber das setzt Experten voraus, für die tatsächlich der Prozess des Wissenserwerbs und die möglichst genaue Beschreibung der "Wirklichkeit" (mit allen Einschränkungen die dieses Konzept mit sich bringt) im Vordergrund steht.
Und die laufen hier nicht unbedingt rudelweise herum, sondern sind bedauerlicherweise eher die - die Regel bestätigende - Ausnahme.

Die Katze aus dem Sack 26. Februar 2010 um 19:52  

Wissen basiert neben anderen interessanten Aspekten, zunächst auf Vertrauen, meine ich. In diesem Sinne vertraue ich also meinem Gegenüber, das sie/er mein nicht vorhandenes Wissen, durch eigenes Wissen ergänzt.

Eines von vielen Problemen dabei ist: In Zeiten, in denen 'bestimmte Abschnitte' in 'Fertigungsprozesse-/Abläufe' getrimmt wurden (sie haben sich so entwickelt!?) ist es nahezu unmöglich, sich in allem auszukennen. Die 'Materie' zu beherrschen wird somit zu einer unbeherrschbaren Kunst, oder obliegt in den Händen meines Gegenüber.

"Wer weiss etwas, was ich nicht weiss?" und noch bevor ich selbst diese Frage erheben kann, bieten sich schon selbsternannte Experten an, die mir entweder erklären wollen, was die Summe aus zwei ganzen Hälften ist, oder orakeln mit hahnebüchenden Zahlenkonstruktionen in die Zukunft hinein.

Wer braucht soetwas? Warum machen so viele dabei mit, und meinen ihr Wissen wäre Teil gesellschaftlicher Gesamtleistung? Nur weil es verlangt wird? Um was, mit diesem Wissen zu tun?

Wissen ist macht, heisst es doch. Dann ist Halbwissen eben Halbmacht, und denke dabei gerade an Halbgötter in Weiss.

Ich unterscheide nicht in bedeutsames ganzes Wissen oder unbedeutsames halbes Wissen. Ich frage mich aber manchmal doch: "Muss ich das Wissen?" und summe leise vor mich hin: "Der-Die-Das, Wer-wie-was, wieso-weshalb-warum ..."

Anonym 26. Februar 2010 um 20:39  

@ Ajax

Eben Inzucht.

Was da bei heraus kommt, kann man an den spezielll gezüchteten Hunderassen erkennen.

Jürgen Komesker 26. Februar 2010 um 21:11  

Wenn ich mir bei einer Problemsituation, in der ich auf Experten angewiesen bin, die folgenden Aussagen vorstelle:

a) Wir müssen die Problemzone eingreinzen, um abschätzen zu können, welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Hierbei müssen wir ggf auf verschiedenste Faktoren rücksicht nehmen, die wir zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht vorhersagen können. Eine Lösung ist zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich vorstellbar, kann aber aus genannten Gründen noch nicht genau beschrieben werden.

b) Das ist ein alter Hut. Wir werden - wie schon in der Vergangenheit - den Rahmen abstecken und geeignete Maßnahmen ergreifen. Der Fall ist - so gut wie - gelöst.

Ich vermute, daß die meisten Menschen Variante b) bevorzugen würden.

Im Zeitalter des Geldes und der Tweets werden Lösungen schnell formuliert und Probleme schön(kurz)geredet.

Ich selber glaube auch an Wissen, habe aber in meinem Leben lernen müssen, daß Großschnauzen sich durchsetzten und immer noch durchsetzen.

Die Menschen wollen nicht hören, daß ELENA datenschutzrechtlich ein Problem ist - sie wollen hören, daß die Bürokratie damit bekämpft wird.

Die Menschen wollen nicht hören, daß Internet-Sperren die ersten Schritte auf dem Weg zu einer Zensur sind - sie wollen hören, daß Kinderpornografie bekämpft wird.

Die Menschen wollen nicht hören, daß die Vorratsdatenspeicherung sie unter Generalverdacht stellt - sie wollen hören, daß Terroristen besser bekämpft werden.

Bei dem, was sie nicht hören wollen, hören sie weg - hören nicht genau hin - verdrängen das Gehörte schneller.

Bequemlichkeit ????

Es kommt nicht auf Wissen oder Halbwissen an, es kommt darauf an, wie das Wissen "verkauft" wird.

Zumindest kommt es mir so vor.

Anonym 26. Februar 2010 um 22:46  

@ River Tam,

danke! Werd ich wieder eintreten. Is dann alles wie 1933 ... ein allwissender Führer verwaltet alle Dogmen und ich kann wieder abschalten vor der Glotze mit ner Buttel Bier und Billigchips.

Gruß
Bernd

Anonym 28. Februar 2010 um 13:03  

@epikur

Fulimant formuliert, aber Du hast einen Punkt vergessen zu erwähnen -einmal erlangtes Wissen kann auch herabqualifiziert, oder noch schlimmer, für immer verloren gehen.

Das Beispiel dafür liefert unser Wissen über die Antike der Griechen und Römer, ohne die "bösen" Moslems würden wir nämlich immer noch im Mittelalter verharren.

Dieses Wissen ging, dank Christentum, vor Jahrhunderten verloren und erreichte, über Spaniens Moslems, und die moslemfreundlichen Teile der Kreuzritterschaft - insofern es solche gab - im Mittelalter und der frühen Neuzeit wieder Europa.

Dank Kirchen sollte dieses Wissen verschütt gegangen sein, aber da wir eine Zeitepoche der Aufklärung und der Renaissauce hatten ist dieses Wissen wieder hochaktuell, und nicht mehr als "heidnisch" verunglimpft.

Übrigens, nur ein Beispiel von vielen, ich bin sicher für dieses Verschwindenlassen von Wissen gibt es auch außereuropäische Beispiele.

Ich sah vor kurzem einen Bericht über eine Mumie aus der Zeit der Frühzeit Chinas, wo heutige chinesische Ärzte nicht mehr wissen, wie die einst so konserviert wurde, dass die heute so erhalten ist als wäre die gestern eingeschlafen, um ein zweites Beispiel für verlorengegangenes Wissen zu liefern.

Die "neoliberale Weltexpermiment" liefert sicher auch solche Beispiele für bewußt totgeschwiegenes Wissen "heidnischer" oder "ketzerischer" Ökonomen, da bin ich sicher, und erst die Krise bringt hervor wie steinzeitmäßig der Neoliberalismus bzw. Marktradikalismus eines Westerwelle wirklich ist.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Heurist 16. April 2010 um 22:56  

Halbwissen gleicht einer Uhr, die 2x am Tag exakt richtige Zeit zeigt - man weiß bloß nicht wann, weil sie steht. Besser ist dann, sie geht gleichmäßig vor/nach - das läßt sich einschätzen; das sind die einschätzbaren Verzerrungen/Verschiebungen unserer Erkenntnismöglichkeiten. Dem Halbwissen fehlt Orientierung, um einordnen/gewichten zu können, verführt zu - gefährlicher - Verabsolutierung; darauf verweist auch Walter Benjamin in Kreisen der Bourgeoisie nach dem 1. Weltkrieg, anhand von Anthroposophie etc.
Solchen Umgang mit Wissen sollten wir nicht vermischen mit umsichtigem Vorgehen angesichts der Umstände, daß unsere Informationen stets quantitativ unvollständig, qualitativ unsicher sind.
Des Sokrates Ausspruch entstammt nicht der Bescheidenheit - Brecht hat da schon mal gut gekontert.

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