Kompromiss genug

Mittwoch, 17. Februar 2010

Man sei nicht kompromissfähig, muß man sich mitunter an den Kopf werfen lassen; dass man nicht auf Anpassung bedacht, auf Schlichtung erpicht sei, kriegt man zu hören. Seien Sie doch nicht so radikal! Mäßigung sei angeraten. Man habe Kompromisse mit einer gefühllosen Welt zu schließen - das mache das Leben, das Zusammenleben per se, erst aus. Heute heißt es auf Ausgleich bedacht zu sein, zwischen Soll und Sein zu vermitteln, pragmatisch auf dem Grat der Gegensätze zu balancieren, um mit dem Wehgeschrei der Welt ins Reine zu geraten. Kompromisse nicht nur bei Nichtigkeiten im nachbarschaftlichen Guerillakrieg oder bei Ehezoffs, nein, Kompromisse müsse man selbst mit dem elenden Arrangement auf Erden, dieser ganzen himmelschreienden Komposition aus Tränen und Blut, eingehen.

Sich nach durchmachten Presswehen, zwischen Schnipsel von Eihäuten und Blutkrusten - nach ohrenbetäubendem Gebrüll von hektisch umherlaufender Hebamme über das Gebell gehetzter Ärzte bis hin zum Gekläffe aufgeschreckter Schwestern - sich nach durchgezwängter Passage durch den engen Schacht, für dessen Dammriss man verantwortlich gemacht wird - nach angsteinflössenden Tränen des Schmerzes und der Rührung hier, bitteren Tränen der Nacktheit dort - nach dem Sprung der Fruchtblase und dem Verlust des ersten, des warmen, des wohligen Plätzchens - nach Blut, Schweiß und Sekreten, herausgedrückt in eine emsige, laute, kalte Welt - sich nach all dem für das Atmen zu entscheiden, gleicht einem Kompromiss. Sich beizeiten zwar brüllend und kreischend aufzulehnen, letztlich aber weiterzuatmen, sich nicht störrisch zu weigern, den Sturkopf einzudämmen, darf als Akt von Kompromissfähigkeit begriffen werden.

Nicht fähig für Kompromisse? Geschenkt! Aus der wohlbehüteten, innerbauchigen, wärmenden Beschaulichkeit herausgerissen geworden zu sein, sich dennoch für den plötzlich vagen, erkalteten Takt des Lebens zu entscheiden, trotz Absurden, Grotesken nicht wider dem Leben zu sein, weiterzuatmen, jeden Tag neuerlich - alleine das ist Anzeichen größter Kompromissfreude. Ins irdische Schattenreich getreten, sich mit ihr aber nicht zu versöhnen - das ist ausreichend Kompromiss. Sich mit Ausbeutung, Unterdrückung, Vertreibung, Pein zu arrangieren, sich mit dem Ausbeuter, dem Unterdrücker, dem Vertreiber, dem Peiniger versöhnlich gemein zu machen, zeugt nicht von Kompromissfreude - es dokumentiert lediglich die Resignation. Wer den Kompromiss des Lebens eingeht, wer in dieser tristen, bewölkten, heuchlerischen Welt lebt, dem sollte man nicht noch mehr Ausgleichmomente abnötigen - der eine, der große, der lebensbejahende Kompromiss reicht aus. Einen Kompromiss mit dem Unrecht kann es nie geben, selbst dann nicht, wenn das Unrecht manchmal eine Schippe Vorteile mit sich bringen mag.

Das Leben in einer Welt zu bejahen, die sich überaus lebensverneinend zu erkennen gibt, stellt riesenhafte Vereinbarungsbegabtheit dar. Mit der Lebensverneinung der Welt seinen Frieden zu machen, ist allerdings kein Kompromiss mehr - es ist Aufgabe, Selbstaufgabe. Wer seinen persönlichen Kompromiss mit den Ausbeutern dieser Erde schließt, wer als Kompromiss eine Tätigkeit in der Ausbeutungsmechanik ergreift, um Schlimmeres zu verhindern (wie man es heute noch oft hört und schon damals, in khaki gehaltenen Tagen hören mußte), um dort abzuwägen zwischen privaten Profitinteressen und der der Welt aufoktroyierten Mängel wie Hunger, Krankheit, Verletzung, der vermittelt nicht mehr, der resigniert schon, der hat sich bereits abgefunden. Wer kompromisslerisch an verbindlichen Werten rüttelt, der verbessert die Erde nicht mehr, er reißt sie immer tiefer in den Nihilismus.

11 Kommentare:

River Tam 17. Februar 2010 um 14:29  

@Roberto

Lass mich mit einem Auszug aus Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“ darauf antworten, weil er so gut passt:

"Vor allem eins – Dir selbst sei treu

Dieses goldene Wort stammt von Polonius, dem Kämmerer in Hamlet. Für unser Anliegen ist es wertvoll, da Polonius, in dem er sich selbst treu ist, es schließlich fertig bringt, von Hamlet „wie eine Ratte“ in seinem Versteck hinter dem Wandschirm erstochen zu werden. Offensichtlich gab es das goldene Wort vom Lauscher an der Wand im Staate Dänemark noch nicht.
Man könnte vielleicht einwenden, dass damit des sich Unglücklichmachens zuviel getan wäre, doch müssen wir Shakespeare etwas poetische Freiheit zubilligen. Das Prinzip wird dadurch nicht geschmälert:
Dass man mit der Umwelt und besonders seinen Mitmenschen in Konflikt leben kann, dürfte wohl niemand bezweifeln. Dass man Unglücklichkeit aber ganz im stillen Kämmerchen des eigenen Kopfes erzeugen kann, ist zwar auch allgemein bekannt, aber viel schwerer zu begreifen und daher zu perfektionieren. Man mag dem Partner Lieblosigkeit vorwerfen, dem Chef schlechte Absichten unterstellen und das Wetter für Schnupfen verantwortlich machen – wie aber bringen wir es alltäglich fertig, uns zu unseren eigenen Gegenspielern zu machen?
An den Zugängen zum Unglück stehen goldene Worte als Wegweiser. Und aufgestellt werden sie vom gesunden Menschenverstand, ganz zu schweigen vom gesunden Volksempfinden oder gleich gar vom Instinkt des sich in der Tiefe vollziehenden Geschehen. Doch letzten Endes ist es ganz nebensächlich, welchen Namen man dieser wunderbaren Fähigkeit gibt. Grundsätzlich handelt es sich um die Überzeugung, dass es nur eine richtige Auffassung gibt: die eigene. Und ist man erst mal bei dieser Überzeugung angelangt, muss man sehr bald feststellen, dass die Welt im argen liegt. Hier nun scheiden sich die Könner von den Dilettanten. Letztere bringen es fertig, gelegentlich die Achseln zu zucken und sich zu arrangieren. Wer sich selbst und seinen goldenen Worten dagegen treu bleibt, ist zu keinem faulen Kompromiss bereit. Vor die Wahl zwischen Sein und Sollen gestellt, von deren Bedeutung bereits die Upanischaden sprechen, entscheidet er sich unbedingt dafür, wie die Welt sein soll und verwirft, wie sie ist. Als Kapitän seines Lebensschiffes, das die Ratten bereits verlassen haben, steuert er unbeirrt in die stürmische Nacht hinein. Eigentlich schade, dass in seinem Repertoire ein goldenes Wort der Römer zu fehlen scheint: Ducunt fata volentem, nolentem trahunt - den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen zerrt es dahin.
Denn unwillig ist er, und zwar in einer ganz besonderen Weise. In ihm wird Unwilligkeit nämlich letzten Endes zum Selbstzweck. Im Bestreben sich selbst treu zu sein, wird er zum Geist der stets verneint; denn nicht zu verneinen, wäre bereits Verrat an sich selbst. Der bloße Umstand, dass Mitmenschen ihm etwas nahelegen, wird somit zum Anlass, es zu verwerfen, und zwar selbst dann, wenn es - objektiv gesehen – im eigenen Interesse läge, es zu tun...
Doch das wahre Naturgenie geht noch einen Schritt weiter und verwirft in heroischer Konsequenz auch das, was ihm selbst als die beste Entscheidung erscheint – also seine eigenen Empfehlungen an sich selbst. Damit beißt sich die Schlange nicht nur in den eigenen Schwanz, sondern frisst sich selbst. Und damit ist ferner ein Zustand der Unglücklichkeit geschaffen, der seines gleichen sucht.
Meinen minderbegabten Lesern kann ich diesen Zustand freilich nur als sublimes, aber für sie unerreichbares Ideal hinstellen."

Desparada-News 17. Februar 2010 um 15:44  

Einfach super. Es wäre doch wichtig, wenn sich jeder - insbesondere in der Geldadel- und Politikerklasse - nicht immer nur die Frage breit machen würde, was man sich auf keinen Fall antun lassen will, sondern, zu was man beiträgt und wie das Leben angenehmer, schöner sein könnte - für andere, für alle.

Solange sich diese und andere - auch ethische Fragen - immer nur die Armen stellen sollen, immer nur die Schwachen Rücksicht nehmen sollen auf die Starken - immer nur die Habenichtse nachdenken sollen, was sie den Reichen antun wenn sie leben wollen - so lange funktioniert nichts menschlich, weil alles auf den Kopf gestellt wird. Zumeist wird dies für den schnöden Mammon getan, zur Besitzstandswahrung, zur Abgrenzung von anderen.

Das Leben ist ein Geschenk, sollte es sein - auch die Erde war einmal umsonst, bevor der Mensch sich ihrer bemächtigte und sich anmasste, Einzelne darüber entscheiden zu lassen, wer leben dürfe und wer nicht - und damit das Geschenk entwertete. Keinen Gedanken verschwenden die Menschen seither daran, was es bedeutet, und was sie mit welchem Recht anderen zumuten.

Watawah 17. Februar 2010 um 18:46  

"Es wäre doch wichtig, wenn sich jeder - insbesondere in der Geldadel- und Politikerklasse - nicht immer nur die Frage breit machen würde, was man sich auf keinen Fall antun lassen will, sondern, zu was man beiträgt und wie das Leben angenehmer, schöner sein könnte - für andere, für alle.
"


Warum sollten diese das tun.

Das haben sie nie und das werden diese niemals, denn weil sie es niemals taten, sind sie, was sie sind - Geldadel, richtiger Adel, Kapitalisten...

Wirklich wichtig dagegen finde wenigstens ich(!), daß 'die anderen' sich Gedanken machen, wie sie in Zukunft leben wollen.
Daß sich die Frage bei uns 'breit macht' was sie, was mich, was uns denn von dem jeweils anderen, der nicht 'Geldadel, wirklicher Adel, Kapitalist' ist - unterscheidet.

Falls sie (also viele, sehr viele) dann zu dem Ergebnis kommen - einzig und allein das Private Eigentum (an Produktionsmitteln) - dann würden für mich aus den 'hoffnungsvollen Tagen' auch glückliche Tage werden (können).

Denn wenn sie, wenn wir das verstanden haben, ich meine, dann sollten uns alle Türen in eine (gemeinsame Zukunft) offen stehen.

Dann könnten die 'richtigen Kompromisse' kommen, die die wirklich Kompromis und nicht dauerhaft existenzieller Zwang sind...

Es sind dann Kompromisse auf Augenhöhe, bei denen, egal wie eine Entscheidung letztendlich gefällt würde, es niemals mehr darum gehen kann, ob einer mehr 'wert' ist als ein anderer und deshalb besser 'bedient' sein müßte.

Die Katze aus dem Sack 17. Februar 2010 um 21:58  

Ich stelle kurz und bündig fest: Mein Verständnis von Freiheit ist weder Ergebnis fauler Kompromisse noch verhandelbares Gut. Freiheit ist entweder ganz oder garnicht. Entweder selbstbestimmte Freiheit oder fremdbestimmte Knechtschaft. Das eine ist Traum, das andere Wirklichkeit. So wird der Traum zur Sehnsucht und die Wirklichkeit zur Qual, oder?

Wie weit die Kompromissbereitschaft einzelner Menschen wohl noch ausgereizt werden kann? Es hat beinahe den Anschein, als stünde ein Feldversuch an, genau das herauszufinden. Wie lange es wohl insgesamt dauert, bis aus Wenigen, Viele werden? Wie bei allem, wird es leidglich eine Frage der Zeit sein. Weiter machen ...

Anonym 18. Februar 2010 um 01:03  

@Roberto,

vielen Dank für deine Worte. Du sprichst mir aus der Seele. Wer seine Freiheit zugunsten der heutigen abhängigen Arbeitsverhältnisse aufgibt, der läßt sich knebeln und resigniert.

Aber warum tun die Menschen das?

Die Antwort ist vermutlich simpel: Die Menschen haben eine Neigung zum Konsum von nutzlosem Plunder.

Daher sollten sich die Menschen fragen:

*Was wird mir geschehen, wenn ich das Ziel meiner Wünsche nicht erreicht habe?

Und bei den meisten ach so wichtigen Bedürfnissen wird man merken: Holla, mir passiert nix, wenn ich den Plunder im Regal stehen lasse. Aber wenn ich den Plunder kaufe, dann ist mir bereits was passiert: Ich mußte viel Zeit, Nerven und Gesundheit bei meinem Arbeitgeber opfern, um Verzichtbares und Nutzloses in meiner Wohnung stehen zu haben.

Allerdings glaube ich nicht an den Altruismus derer, die uns an ihre Arbeitsplätze knebeln wollen und schon gleich gar nicht an den Altruismus glückspielsüchtiger Spekulanten. Familien, die über mehrere Jahrhunderte den Vertrag, niemanden zu schädigen, schändlich gebrochen haben, die Plutokraten also, werden nicht aufhören zu spielen, nur weil wir sie bitten und moralisch anklagen. Nein, man muß sich selbst aus dem Gefängnis dieser üblen Geschäfte befreien.

Gruß
Bernd

philgeland 18. Februar 2010 um 03:52  

Ist jetzt zwar OFF-TOPIC, muss ich jetz aber trotzdem mal kurz loswerden:

"River Tam", "Desperada News", "Watawam", "Katze aus dem Sack"?

Freiheit hat auch etwas damit zu tun, dass man sich nicht hinter einem Pseudonym zu verstecken braucht oder es toll findet, sich selbst auf virtuell idealisierende Weise der eigenen Lebensrealität zu entfremden.

In diesem Sinne ...

Gruss von Peter an Roberto

Die Katze aus dem Sack 18. Februar 2010 um 14:36  

@ philgeland
Ich stimme Dir zu. Freiheit hat auch für mich damit etwas zu tun, mich eben nicht hinter einem Psydonym verstecken zu müssen, ber ich kann und mache Gebrauch davon. Ich hänge auch der irrigen Annahme nach, das ich nicht frei bin. Das habe ich aktzeptiert - auch das ich es nicht verändern kann, noch nichteinmal für mich selbst.

Die eigene Realität? Ich gehe davon aus, dass es keine eigene Realität gibt. Sie wird lediglich geschaffen und hat nichts mit der Wirklichkeit gemein, denn diese kommt ohne Lug und Betrug aus.

Watawah 18. Februar 2010 um 16:40  

@Anonym (Bernd)

"Die Antwort ist vermutlich simpel: Die Menschen haben eine Neigung zum Konsum von nutzlosem Plunder.

Ist es wirklich so simpel?

Ich meine nein, Menschen haben und hatten schon immer 'eine Neigung' dazu, sich das Leben leichter und schöner zu machen - und das zu allen Zeiten!

Es ist aber eben so, daß seit Jahrhunderten/Jahrtausenden einige es sich auf Kosten anderer noch schöner und leichter oder überhaupt schön und leicht machen können.

Nun ist es aus meiner Sicht nicht schlechtes, wenn 'der Mensch seinen Grips' anstrengt um Zeit für anderes zu haben, als sein pures Leben zu erhalten.

Alles andere als 'gut, gerecht, vernünftig' finde ich hingegen, daß Menschen immer noch akzeptieren, daß einige dabei 'ein Vorrecht haben sollen'.

Denn das ist das einzige(!) was uns wirklich voneinander unterscheidet - ansonsten sind wir einfach nur Menschen, sicherlich individuell sehr unterschiedlich - trotzdem einfach 'nur Mensch'.
Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Es ist kein Spiel,leider.
Es ist Kampf.
Hübsch versüßt im ewigen 'Divide et impera' und mit unterschiedlichen Konsummöglichkeiten 'verkleisterte' Realität...

"Nein, man muß sich selbst aus dem Gefängnis dieser üblen Geschäfte befreien.

Stimmt - jeder sollte für sich und mit anderen zusammen dieses 'Spiel', diese 'Realität, beenden.

@philgeland (Peter)

"Freiheit hat auch etwas damit zu tun, dass man sich nicht hinter einem Pseudonym zu verstecken braucht oder es toll findet, sich selbst auf virtuell idealisierende Weise der eigenen Lebensrealität zu entfremden.
In diesem Sinne ..."


Wenn wir denn frei wären...

Da ich das nicht bin, muß ich nun fragen - willst Du Dich an konkreten Persönlichkeiten ausrichten, das wäre eine Suche nach 'Führungspersönlichkeiten' - oder doch besser Dich inhaltlich mit anderen Gedankengängen auseinandersetzen. ;-)

Die Lebensrealität holt uns, falls wir sie je vergessen sollten, ganz schnell wieder ein - denn dreist wenn ich hier unter einem bürgerlichen Namen schreiben würde - wüßtest Du nicht, ob dieser der Realität entspricht.

Aber die, gegen die es wirklich Courage bedeutet im Internet oder im sonstigen öffentlichen Raum seine nicht-systemkonforme Meinung kundt zu tun, die wissen ganz sicher nicht nur unseren Namen, sondern auch, wann und ob wir das 'Haus' verlassen.

Auch in diesem Sinne ;-)

River Tam 18. Februar 2010 um 21:42  

@Watawah, Katze aus dem Sack:
Kann eure Antworten bezüglich Freiheit auf philgelands Kritik nur unterschreiben.
@ philgeland:
Ich bin auch weit davon entfernt, mich selbst auf "virtuell idealisierende Weise der eigenen Lebensrealität zu entfremden".
Dass ich einen Charakter aus "Firefly" benutze, hat natürlich damit zu tun, dass ich die Serie von J. Whedon toll finde (seine Werke sind m.A. "TV-Literatur"). Aber gerade diese Serie setzt sich auch mit Freiheit bzw. Unabhängigkeit gegenüber einem "Regierungs-Konzern-Konglemerat" auseinander, das vorgibt, "Zivilisation" zu verbreiten und dabei schlicht totalitär und völlig unsozial ist. (In gewisser Weise unsere derzeitige Koalition xxx? Jahre in der Zukunft...?)
Den Charakter "River Tam" habe ich deshalb gewählt, weil ihre schizophrene Wahrnehmung die Wahrnehmung ihrer Mitmenschen von Wirklichkeit immer wieder konterkariert und so "realer" macht; sie verschiebt mit ihrem "Verrücktsein" einfach die Perspektive.
Das finde ich spannend. Ich mag es einfach, Dinge nicht nur unwidersprochen stehen zu lassen, da es meistens noch (mindestens) einen Aspekt gibt, der ein Thema in einem anderen Licht erscheinen lässt und dann häufig genug eine neue Herangehensweise an ein Problem aufzeigt.
Insoweit ist der virtuelle Name keine Verfremdung meiner Lebensrealität. Im Gegenteil; den beschriebenen Teilaspekt der fiktiven Persönlichkeit, der mich zur Verwendung eben dieses Namens bewogen hat, betrachte ich durchaus als Teil meines - realen - Charakters.

flavo 19. Februar 2010 um 10:01  

Der Kompromiss ist der Ausdruck der Macht, der man ausgeliefert ist. Teils widerstrebt es einem, aber die blanken Leitplanken der Macht geben den Weg vor. Teils ist er das Arrangement seiner selbst mit seinen eigenen Unterdrückern. Man liebt sie und weiß es nicht. Man ist das wenige, was man ist aus der Anordnung, in der man lebt. Voller Lebenssinn als Knecht. Man hängt an sich, man müßte sich aufgeben, eingewöhnte Sinnvollzüge schmerzvoll lösen, Sinnmuster chaotisieren, Angst erleben im Absinn, Mut finden in weglosen Sinnwüsten, umherirren, in offener Verletzlichkeit sich zu exponieren. Das Leben ist kurz, all das, für was? Am Ende fürs scheitern? Lieber hoffen auf das herzsprengende Lob der dialektischen Brüder, nunmehr ein braver Mensch zu sein, alle Pflichten brav erfüllt zu haben, sich sichtlich eingesetzt zu haben, wahrlich nützlich gewesen zu sein. Dann ist man erfolgreich. Dann lebt es sich gut in der viergeteilten Welt. Man ist kein Herrscher, man ist ein alimentierter konformer Beherrschter, man ist kein aufmüpfiger Beherrschter, man ist kein Exkludierter. Man braucht sich dann auch nicht zu mühen, um zu sehen, wie es um die eigene Freiheit steht. Man ist kein gänzlich Unfreier, man ist ein freier Unfreier, man ist kein unfreier Freier, man ist kein Freier. Man lebt in der Scheinfreiheit der Unfreiheit. So lebt man getrost dahin und macht einen fatalen Kompromiss mit der eigenen
Freiheit. Zug um Zug kompromittiert man die freiheitsstrebenden Sinnimpulse in sich selbst bis man sich invertiert hat in die Untergebenheit als Lebenssinn, bis man unterjocht ist, einem das Fahrrad des Lebens vor lauter Kompromissen in den Stand gebracht worden ist und man im leeren tretet. Alle Anstrengung ermüdet einen nur mehr selbst, ohne weiter zu kommen.

Dominik Hennig 24. Februar 2010 um 04:39  

Könnte es schöner nicht sagen! Nur eine klitzekleine Pedanterie sei mir erlaubt: "Aufoktroyieren" ist ein seltsames Wort! ;-)

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