Kein Dazwischen

Dienstag, 9. Februar 2010

Wechselweise ist er behäbig, vermodert auf speckigen Sofas, oder er ist rastlos, rackert im Untergrund für sein pompöses Zuhause. Mal ist er nachlässig, eine kariöse Schlampe, dann ist er wieder dank unerschöpflicher Geheimschätze in überteuerten Markenzwirn gewandet und überdies mit Steuerzahlers Absolution kostenfrei von Zahnruinen befreit. Heute zu den Verblödeten gezählt, zur bildungsfernen Schicht - wie man das modern nennt -, so ist er dennoch tagsdrauf in der Lage, das komplizierte Sozialgesetzbuch auf Grauzonen und Schlupflöcher und Schleichwege zu überprüfen, an denen er seine Raffgier abzureagieren, in die er seine Hängematte hineinzuhängen gedenkt.

Wir müssen uns den Erwerbslosen als zerrissenen Unmenschen vorstellen, zwischen verwerflicher Faulheit und verwerflichem Fleiß, stinkender Ungepflegtheit und zum Himmel stinkender Eleganz, geächteter Dummheit und geächteter Bauernschläue. Gleich wie er es auch anstellt, unbescholtene Persönlichkeit besitzt er keine. Er ist Unmensch - er hat ein Unmensch zu sein. Entweder gammelt er faul auf dem Sofa, dann ist er nicht fleißig am Schwarzmarkt - oder er ist fleißig in der Schleichwirtschaft, doch dann liegt er nicht arbeitsscheu auf dem Sofa. Gleichviel! Die Endstation dieser Pogromstimmung lautet so oder so: Der Arbeitslose ist unser Unglück! Der Weg zu diesem Erkenntnisgewinn führt über viele Straßen. Einerlei wie, am Ende zählt nur, dass den berieselten und beackerten Menschen faßbar wird, wer für das allgemeine Unglück verantwortlich ist, wer zur Rechenschaft gezogen werden muß. Das Gähnen aus Faulheit ist gleichviel Verderben, wie die Abgespanntheit ausgetobten Schwarzarbeiterfleißes gesellschaftlicher Untergang ist. Missetat hie - Untat da. Dazwischen beeindruckende Leere, dort gibt es überhaupt nichts. Hat es nichts zu geben!

Dazwischen Ödnis! Oder anders gesagt: Die Wirklichkeit, das was für Erwerbslose Realität ist, gibt es gar nicht. Darf es nicht geben! Nichts zwischen Faulenzer und Preller darf sein. Die Betrachter der Armut, die vor dem Käfig promenieren, zuweilen gedankenverloren stehenbleiben, dabei stier hinter die Ginter gaffend, müssen dem Eindruck zugeführt werden, es mit einer besonders tückischen und hinterfotzigen Primatenart zu tun zu haben. Nicht nur die Gaffer sollen staunen und stutzen, auch die Insassen höchstselbst sollen zwischen Faulheit und fehlgeleiteten Fleiß, zwischen Sofaräkeleien und unter der Hand vergüteten Freundschaftsdiensten, dort wo das wirkliche Leben der Habenichtse wirklich stattfände, nicht frei aufatmen können. Wankend zwischen Trägheit und ungeliebter Schaffensfreude, wankend zwischen Kommen Sie in die Gänge! und Sie waren zu eifrig, man hat Sie gesehen! Wankend zwischen Vermögensbegutachtung, Kontoprüfung, Schrank- und Badezimmerinspektion um Klarheit über schwarze Nebenverdienste zu erspitzeln und Aktivierungsprogrammen, Eingliederungsmaßnahmen, Zeit-tot-schlag-Verwaltungsakten zur Bändigung der anheimelnden Gemütlichkeit.

Und wer sich dazwischen eine kümmerliche Existenz aufbaut, der ist sowieso verdächtig. Gerade so einer ist verdächtig! Denn wer offenbar willens ist zu arbeiten, nicht schwarz, sondern in der weißen Wirtschaft, der ist dubios. Wie kann nur jemand, in der Betrüger- und Täterschicht, ein betrugsfreies, täterloses Leben führen wollen? Da stimmt doch was nicht! Da muß was faul sein! Entweder kann er seinen Müßiggang brilliant als Eifer verkaufen, oder er versteht es blendend, seine fehlgeleitete Rührigkeit hinter gespielter Trägheit zu verbergen. Die Wirklichkeit, die irgendwo zwischen Faulheit und Fleiß, zwischen Ungepflegtheit und Eleganz, zwischen Dummheit und Schläue liegt, wird zum massenhaften Ausnahmefall, zum hunderttausendfachen Einzelfall. Zur unzählbar häufigen Rarität, weil die Pluralität der öffentlichen Meinungen, nur zwei jeweilige Szenarien kennt. Zwei Szenarien mit demselben vulgären Ende!

Singulare Pluralität! Szenario eins macht den Habenichts zum Scheißkerl, weil er auf Rechnung Dritter träge, stinkend und blöde ist. Szenario zwei erklärt den Gammler zum Dreckschwein, weil er auf fremde Kosten zu fleißig, zu gepflegt und zu altklug wirkt. Wie er es auch dreht und wendet, er liegt immer falsch. Es gibt keinen Ausweg aus seiner Misere. Selbst im Tod hält man ihm noch vor, für seine Beerdigung aufkommen zu müssen. Man müsse für ihn finanziell geradestehen, obwohl er wahlweise entweder a) arbeitsfähig jedoch faul war, oder b) eigentlich ausreichend schwarz hinzuverdient hätte, um sein Ableben selbst finanzieren zu können.

So oder so, der Habenichts gilt als Stück Ballast, als störender Ramsch, der außerdem noch die Frechheit besitzt, seine behindernde Existenz nicht still und mit tadellosem Benehmen zu fristen. Wenn er auch nur den Mund aufmacht, sprudeln die niederen Beweggründe von alleine hervor. Wer bezahlt schafft an, heißt es vulgär - wer bezahlt, der schafft auch ab. Die Bezahler, die Steuerbezahler, schaffen den überflüssigen Menschen ab, erklären jede seiner vollbrachten oder unterlassenen Taten zur Niederträchtigkeit und sind dabei auf dem Wege, das Dasein der Überflüssigen als Beleidigung an den Notwendigen, den noch Notwendiggebliebenen, einzuordnen.

6 Kommentare:

Anonym 9. Februar 2010 um 09:24  

Unbequemer:

Als Langzeiterwerbsloser, wegrationalisiert, zu alt, zu anspruchsvoll (will ein Einkommen erzielen, von dem ich selbstverantwortlich entscheiden und leben kann) und ehrenamtlich ohne Aufwandsentschädigung tätig, sehe ich auf dem Arbeitsmarkt keine Chanche.

Ich sage auch, ich WILL nicht arbeiten, ICH MÖCHTE arbeiten. Wie in meinen Ansprüchen beschrieben.

Nun sind aber die Erwerbslosen keine homogene Masse, sondern alles Einzelschicksale. Mir fällt immer wieder ein "Witz" ein, den ich auch schon oft genug als Antwort benutzt habe. Er ist schon älter, die Spitze des Bartes ist im Keller zu bewundern:

Kommt ein Mann zum Patentamt. Er habe eine Lösung für das Haareschneidens. Einen Helm, in dem sich rotierende Messer befinden. Diese schneiden allen Menschen die gleiche "Frisur". "Aber die Köpfe der Menschen sind doch nicht alle gleich geformt", entgegnet der vom Patentamt. "Vorher nicht", antwortet der Erfinder.

Man kann eben nicht alle Erwerbslosen über einen Kamm scheren. Jeder Mensch ist ein Individuum, und wie sagte (oder soll gesagt haben) Oscar Wilde: "Ich habe einen ganz einfachen Geschmack, von allem immer nur das Beste". Leider gint es nicht nur "das Beste" für alle. Damit also einige Wenige für sich das "Beste" beanspruchen können, sollen die Ausgegrenzten von den Abfällen leben, dafür sind dann die Tafeln geschaffen worden. Natürlich von denen, die für sich immer nur "das Beste" haben wollen. Und wer sich da engagiert, handelt auch nach dieser Maxime. Selbst erst einmal für sich das "Beste" aus dem Müll aussuchen. Für die "anderen Erwerbslosen" reicht der Rest.

Teile und herrsche. Das wurde inzwischen perfektioniert. Die Solidarität unserer Vorväter, aus der damaligen großen Not und Ungerechtigkeit geboren, wurde in viele Gesellschaftsschichten zerschlagen. Und jede der Schichten hält nur an ihren Privilegien fest.

Gerechtigkeit sieht anders aus.

verfassungsrichta papier 9. Februar 2010 um 11:01  

sind immer die gleichen vorwürfe: faul oder schwarzarbeit. passt alles immer nicht zusammen.

Tagebuch eines Überlebenden 9. Februar 2010 um 11:24  

Viele Jahrzehnte ging es dem (west-)deutschen Volk sehr gut. Hat es sich in dieser Zeit um die Not der Leidenden (z. B. Afrika, Südamerika, Asien, ...) gekümmert? Abgesehen von ein paar steuerlich absetzbaren Spendenaktionen zur Selbstberuhigung hat der Großteil des deutsche Volkes nichts zur Beseitigung der Ursachen des Leidens der Armen in der Welt unternommen. Das rächt sich jetzt, denn heute stehen sie selbst auf der Abschußliste (ich genauso).

Nach dem Asylrecht dürfen die Asylanten ihren Ort nicht verlassen. Die große Mehrheit des deutschen Volkes nahm das schweigend hin, anstatt für eine faire Behandlung von Menschen in Not zu kämpfen. Und mit Hartz IV wurde der Zwang auf die - auch deutschen - Langzeitarbeitslosen ausgeweitet. Und wieder schweigt die große Mehrheit des deutschen Volkes.

Das Schweigen wird weitergehen bis zum "Endsieg". Dann werden sie wieder jammern und sagen, das sie von nichts gewußt haben.

Diese Ignoranz und Lebensverachtung macht mich rasend und wütend!

Gruß G. G.

Gestern fand ich ein Foto aus dem Dritten Reich. Das Bild zeigt, wie wenig man Worten wie Wahrhaftigkeit, Opfersinn, Liebe, ... glauben kann.

http://www.igskandel.de/projekt/schule/dia_hass/aktionen/2008/mai08/CIMG6170.JPG

Roberto J. De Lapuente 9. Februar 2010 um 11:52  

Als sie die Obdachlosen holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Obdachloser.
Als sie die Asylanten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Asylant. Als sie die Arbeitslosen holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Arbeitsloser. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestierte"

Oscar 9. Februar 2010 um 15:37  

@verfassungsrichta papier

Arbeitslose sind faule Schwarzarbeiter, bitte nicht vergessen!
Außerdem sind sie auch säufer und fressen kleine Babykätzchen :D

Btw, sehr guter Artikel! ;)

Anonym 10. Februar 2010 um 04:12  

"[...]Der Arbeitslose ist unser Unglück[...]"

Wieder einmal voll getroffen, und die Hetze auf den Punkt gebracht, Roberto.

Hieß es nicht einmal "[...]Der Jude ist unser Unglück[...]" - in der letzten großen Weltwirtschaftskrise 1929.

Damals schon mit, zwar noch nicht tödlichen, aber schlechten Auswirkungen für die betroffenen Personen gegen die diese Hetze gerichtet war.

Übrigens, der Vergleich hat noch eine Parallele:

Juden waren auch gleich zweimal schuldig - zu Hitlers Zeiten:

1. Der raffgierige Bänker.
2. Der faule Parasit.

Wo da die Parelle zur heuten Hetze gegen Arbeitslose liegt?

Dein Text bringt es voll auf den Punkt:

1. Der schwarzarbeitende Arbeitslose, der vor lauter Raffgier den Staat betrügt.
2. Der faule Arbeitslose der sich auf der Bank räckelt.

Übrigens für jüdische Mitbürger, die arbeitslos sind, und Opfer von Hartz IV werden kommt noch die antisemitische Variante oben ins Spiel, da die ja wieder, wie einst als "faule Parasiten" gelten, mit dem Unterschied, dass das offensichtlich antisemitische Vorurteil "Parasit" nun auch für andere Erwerbslose gilt.

Fraglich ist nur:

Wieso schweigen eigentlich die Organisationen der Betroffenen? Oder ist es mit denen so wie mit den Kirchen? Man profitiert lieber von Hartz IV als die offensichtliche Menschenfeindlichkeit, die nun sogar höchst verfassungsrichterlich festgestellt ist, und den teilweise darin vorhandenen Antisemitismus als solchen brandmarkt?

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

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