... nach meiner Kenntnis... sofort, unverzüglich...

Montag, 9. November 2009

Lieber Schabowski, ich will ehrlich sein: ich weiß wenig über Sie. Dass Sie aber offenbar lesen können, wenngleich scheinbar nicht sinnerfassend, das habe ich mittlerweile durch den Beschuss der letzten Tage erfahren, wieder in Erinnerung geschmettert bekommen. Ihr Name geistert durch die Lande, die abgetragene Mauer trägt ihn. Immer dann, wenn der Mauerfall zum Thema wird, sieht man Sie. Sie, diesen Greis noch jüngerer Altersklasse, wie er wirr in seinen Blätterstrauß wühlt. ... nach meiner Kenntnis, sagt er. Sofort, unverzüglich, schiebt er nach. Danach wechseln die Szenen. Weg vom bebrillten Funktionär, rein in den Trubel an den Grenzen. Schabowski, so entsteht der Eindruck, hat die Nacht zum Tage gemacht. Sein Irrtum hat den beschissenen Entwurf eines deutschen Staates weggefegt, hat diese politische Unerfreulichkeit zertrümmert, damit neue Beschissenheiten und Unerfreulichkeiten ihr Werk antreten dürfen. Dann allerdings im Namen der Freiheit.

Nein, lieber Schabowski, es tut mir leid, ich weiß wenig über Sie. Waren Sie ein liebenswerter Genosse? Stalinist? Hatten Sie ein Herz für Mauerschützen? Aber eigentlich interessiert mich das gar nicht besonders. Viel zu oft mußte ich Sie ertragen, wie Sie da im Sessel gammelten, diesen altmodischen Strick von Schlips über die Bauchwülste wallend, sofort, unverzüglich brabbelnd. Und immer folgten Ihrer Ratlosigkeit feiernde Massen. Mauerspechte klopfen ihr Klackklack und man hatte und hat manchmal den Eindruck, sie morsen dabei mythisch Ihren Namen, Scha-bow-ski. Stets läuft es so, erst Schabowski, dann der Specht; erst sofort, unverzüglich, dann Jaaa, ick werd' wahnsinniiich! aus seligen Gesichtern geschleudert. Kürzlich ließ sich der Journalismus sogar dazu hinreißen, in Ihrem Irrtum den wahrhaften Grund des Mauerfalls zu wittern. Und auch deswegen will ich nichts von Ihnen wissen, nehmen Sie es mir bitte nicht persönlich; Sie nerven nicht nur, mit Ihrem geschichtsträchtigen Satz, der wie die Quintessenz jener Tage wiedergekäut wird. Nein, Sie haben es doch gar nicht verdient, zum Mauerfallshelden gekürt zu werden, nicht mal zum Fünkchen der Zündung oder zum Tröpfchen des Überlaufens. Dieser jungenhafte Greis an jenem Abend, er hat soviel Ehre letztlich nicht verdient.

Wenn wir überhaupt von Ehre sprechen müßten, Schabowski, wem glauben Sie, würde sie zuteil? In den Jahren nach der Wende war man sich darüber ziemlich einig. Man ehrte jene Menschen, die in friedlicher Art die Straßen völlten, die schließt euch uns an! plärrten, wir sind das Volk! brüllten. Danach wurde aus dem Volk ein Volk, Asylheime brannten, der Wahn des vereinten Deutschlands speiste die Großmannssucht auch des kleinen Mannes. Deutschland, Deutschland über alles! In den Wirren dieser gewaltreichen Tage verliert sich der demonstrierende Mensch, dieser Held des Alltags, der friedlich auf die Straße trat, der Rechte forderte, der nicht wich, auch wenn die Staatsmacht mit verrosteten Keulen rasselte. Später analysierte man geistreich, dass das Aufbegehren kein mutiger Akt gewesen sei, weil die Staatsmacht am Stock ging, nur mit rostigen Säbeln focht. Dass auch rostzerfressene Klingen tödliche Schäden verursachen können, wurde in der Arroganz der Rückblickenden ausgeblendet. Irgendwie scheint es, dass der Mensch, dieser Du und Ich, in jenen Tagen verlorenging. Viele Gründe wurden ersonnen für den Mauerfall, Sie, lieber Schabowski, sind nur das Ende dieser Litanei an Gründen und Motiven. Ihr Irrtum ist eines der erbärmlicheren Erklärungsmuster, die jenes Ereignis seiner wirklichen Grundlage entziehen sollen.

Es ist die Ironie der neueren Geschichte, dass nun Sie als Heilsbringer herhalten dürfen oder müssen, lieber Schabowski. Man spricht dieser Tage nicht mehr gerne vom Mann wie Du und Ich oder von der Frau wie Du und Ich, wenn es um die Ereignisse von 1989 geht. Folgt man der offiziellen Berichterstattung, reduziert sich die Wendezeit auf jenen neunten November, was Wochen und Monate, ja Jahre zuvor schon rumorte, in Protesten ausbrach, findet heute nur wenig Beachtung. Es scheint, als sei der neunte November, damit Ihr nebensächlicher Irrtum am Abend jenes Tages, die Essenz der erstürmten Mauer. Was davor Zersetzungserscheinungen vorantrieb, nämlich der eiserne Wille und die Beharrlichkeit der Demonstranten, das Besetzen der Straßen und Plätze, die Courage der Freiheitsliebe, wird durch Ihren Auftritt erdrückt und zur Seite gewischt.

Man will dieser Tage einfach nicht zu innig zurückdenken, will vergessen, dass von der Straße aus der Staat zu Fall gebracht wurde. Genau hier kommen Sie dankbarerweise ins Spiel, lieber Schabowski. Sie ersetzen die Straße, Sie machen den Mauerfall zum Vernunftakt jenes Regimes, dem Sie damals angehörten. Es ist, als würde man gegenwärtig dazu übergehen wollen, den Mauerfall zur Folge eines falsch aufgefassten Satzes zu erniedrigen. Als ob die Mauer nie gefallen wäre, wenn Sie seinerzeit nicht so begriffsstutzig in die Kameras geblinzelt hätten. Weil Sie sich geirrt haben, haben Sie den Menschen das selbstbestimmte Niederreißen der Mauer erspart. Denn irgendwann wäre dies ja geschehen, gar keine Frage. Dafür dankt man Ihnen heute im Stillen. Nichts graust den Eliten heute mehr, als Volksmassen, die eigenverantwortlich ihr Recht erstürmen. Gerade in Zeiten sozialer Kälte und Ungerechtigkeit schleicht sich die Furcht ins elitäre Gewissen(-lose). Wenn da nur jemand gewesen wäre, der den Erfolg der Massen retuschieren könnte, jemand, der durch Vernunftentscheidung den Sturm auf die Bastille angeordnet hat. Aber zu vernünftig dürfte er natürlich auch nicht sein, denn damit hätte man sich ja dummerweise eingestanden, dass innerhalb des verdörrenden Korpus des sozialistischen Deutschland auch Vernunft heimisch war, und das auch noch direkt im Herzen der Einheitspartei. Ein durch Zufall zu Vernunft gelangter Zeitgenosse müßte es sein, der zum Brecher der Bürgerbewegung gedeutet wird. Schabowksi, da kommen Sie ins Spiel. Ihr Auftritt war letztlich nur eine Randnotiz, denn gefallen wäre die Mauer ohnehin. Möglicherweise nicht am neunten November, aber was bedeuten am Ende Wochen, wenn man Jahre hinter Mauern verbringen mußte?

Natürlich hat es Berechtigung, Ihren Auftritt in eine geschichtliche Zusammenfassung aufzunehmen. Sie schrieben Geschichte, heute sind Sie Geschichte. Wie sollte es denn auch anders sein? Man reduziert Sie doch eh nur auf Ihre knappen Sätze, die als Dauerwiederholung rauf- und runterdudeln. Und als solches Gedudel fungieren Sie zweckdienlich. Sie sind das Mauerblümchen aus der Partei biederer Maurergesellen, das die Mauer eingerissen hat. Ein Hoch auf Schabowski, würden die Maurermeister unserer Zeit ausrufen, wenn Sie nicht der politischen Korrektheit Treue geschworen hätten. Ein Hoch auf Schabowski, der uns erspart hat, dass von den Straßen her die Mauer niedergerannt wurde. Ihr Irrtum wird dieser Tage historisch aufgebläht, während wesentlichere Aspekte des Niedergangs unerwähnt bleiben. Schabowski ist der tapsige Trottel, der die Volksmassen bändigte. Halten Sie sich fit, lieber Schabowski, womöglich braucht auch diese Republik noch einmal einen Dompteur, der in Bahnen lenkt, was das demonstrierende Volk aus der Bahn zu schmeißen probiert. Denn eines darf niemals geschehen in diesem Lande, niemals darf das Volk Wind davon bekommen, dass es selbst den Schlüssel zur Veränderung in der Hand hat. Und wenn es diesen Schlüssel doch versehentlich einmal verwendet hat, wird alles dafür getan, ihnen einen Schließer vor die Volksnasen zu setzen, dem dann der erzielte Wandel in die Schuhe gekippt wird.

Sie können einem leidtun, Schabowski, denn Sie sind nichts weiter als ein organisches Stück Geschichtsklitterung. Nach meiner Kenntnis, sind Sie zu dem, relativ sofort, unverzüglich gemacht worden.

14 Kommentare:

Tim 9. November 2009 um 01:48  

Klaus von Dohnanyi hob Schabowski heute bei Anne Will als leuchtendes Beispiel eines "Gewendeten" in den Himmel. Und zwar um ihn als Konterpart zum durchschnittlichen Linkspartei-Mitglied zu inszenieren. Ich habe ehrlich gesagt auch keine Ahnung, was der Schabowski tatsächlich für einer ist... aber von Dohnanyi hat heute eh wieder eine Menge Unfug erzählt: Eigentlich müsse jeder sofort die Linkspartei verlassen, weil kürzlich Margot Honnecker aus dem Exil die Partei gelobt hatte. Bestechende Logik, die natürlich nicht gilt wenn etwa ein Sarrazin oder ein Koch vom rechten Rand gelobt werden; wohl aber dann sofort doch wieder gilt, wenn NDP-Funktionäre sich der linken Kritik an den wirtschaftlichen Verhältnissen anschließen... verrückte Welt.

Anonym 9. November 2009 um 07:20  

"Denn eines darf niemals geschehen in diesem Lande, niemals darf das Volk Wind davon bekommen, dass es selbst den Schlüssel zu Veränderung in der Hand hat."

Da liegt der Hase im Pfeffer. Und der mediale Einheiz-Brei tut alles dafür, dass die Hirne schön verkleistern und immer jemand da ist, der in der sozialen Hierarchie noch vermeintlich unter einem steht. So kommt wenigstens niemand auf "dumme" Ideen...
Danke für solche klaren Momente.

Ralf

maguscarolus 9. November 2009 um 10:20  

@Tim "aber von Dohnanyi hat heute eh wieder eine Menge Unfug erzählt: Eigentlich müsse jeder sofort die Linkspartei verlassen, weil kürzlich Margot Honnecker aus dem Exil die Partei gelobt hatte."

Auch mich hat es bei der unwidersprochen stehen gebliebenen Sottise dieses Dohnany fast nicht im Sessel gehalten. So etwas verstehe ich nicht, und da ich die Leute allesamt nicht für dumm halte bleibt mal nur wieder eine Erklärung: Der Linkspartei sollte in schöner Eintracht eins ans Bein gepisst werden – als ob die Linken eine Möglichkeit hätten, die sklerotische Honeckerin zum Schweigen zu bringen. Meinungsmache bei Will – nicht zum ersten Mal.

Und Schabowsky? Der ist doch nicht mehr als so ein Eckensteher der Geschichte. Wahrscheinlich ein mitgelaufener SED-Karrierist, der sich auf einer Pressekonferenz überforderterweise verplappert hat. Dass er den SED-Staat heute kritisch sieht, will ich ihm gerne zugestehen, warum auch nicht. Interessanter wäre es natürlich, zu wissen, wie er sich verhalten hätte, wenn die DDR-Ruine damals nicht eingstürzt wäre. Ihn zu einem "Paulus" der deutschen Wiedervereinigung zu stilisieren ist – mindestens – lächerlich.

Das Wiedervereinigungsgedöns, die immer wieder gleichen Szenen und dazu die immer gleichen Kommentare, abgestanden und schal, erzeugt ein Gefühl von Überdruss an dieser friedlichen Revolution.

Und vielleicht soll es ja genau das!

Anonym 9. November 2009 um 11:59  

Wenn es um den Herbst 1989 geht, liest und hört man immer wieder von Revolution, friedlicher Revolution.
Wissen die Leute, welche die Ereignisse in jenen Tagen heute mit diesem Etikett versehen tatsächlich nicht was eine wirkliche Revolution ist, was sie tatsächlich bedeutet, was für Folgen sie hat? Oder stellen alle diese Leute sich nur unwissend?
Was war denn nun im Herbst 1989 in der DDR so revolutionär? Die Montagsdemos mit Kerzen in Leipzig? Die Demos in anderen Städten der DDR? Die Massenschlägereien zwischen Ausreisewilligen und Polizisten auf dem Hauptbahnhof in Dresden während der Durchfahrt der Flüchtlingszüge aus Prag?
Oder war gar die ungeschickte Verplapperei von Schbowski das entscheidende Fünkckchen zu einer Revolution?
Wer hat wen denn letztlich entmachtet?
Warum haben die Inhaber der Macht, wenn sie denn wirklich so böse und verbrecherisch waren, sich nicht entschieden gegen ihre drohende Entmachtung zur Wehr gesetzt?
Wo haben sich jemals Machthaber friedlich entmachten und in Rente schicken lassen? In welchem Land bei welcher Revolution in welchem Jahr?
Was in der DDR im Herbst 1989 stattgefunden hat war doch zunächst nichts anderes als eine ziemlich friedliche Wiederherstellung bürgerlich-demokratischer Freiheiten, was auch deshalb sehr schnell vonstatten gehen konnte, weil dies auch von Teilen des Staatsapparates und der SED sowie vielen Mitgliedern der anderen Parteien so gewollt und unterstützt, zum Teil sogar von oben angeschoben wurde.
Alle diese Vorgänge kann man auch heute noch getrost als einen Prozess einer schnellen Demokratisierung der DDR im Herbst 1989 begreifen, aber keinesfalls als eine Revolution.
Leider wurde durch die sofortige massive Einmischung einer fremden geldschweren Macht in die inneren Verhältnisse der DDR den Bürgern der DDR das Drehbuch für die weitere demokratische Entwicklung IHRES Staates sehr bald aus den Händen gerissen. Es wurde nun in BONN weiterbestimmt, weitergeschrieben von Politikern eines fremden Staates, welche dann auch gleich selbst einige Zeit später die ersten bürgerlich-demokratischen freien Wahlen zur Volkskammer der DDR mit Hilfe von gekauften oder gewendeten Helfershelfern aus der DDR organisierten, in diesem Wahlkampf auch gleich SELBST als die eigentlich zu Wählenden auftraten.
Oder möchte man uns heute gar die vorsätzliche Eroberung und Zerstörung eines anderen souveränen europäischen Staates und Mitglieds der UNO als eine echte deutsche Revolution verkaufen?
Man kann die Ereignisse von 1989/90 wohl besser als eine erstickte, abgewürgte Revolution bezeichnen, aber viel eher wohl als eine weitgehend von außen organisierte und gekaufte Konterrevolution.
Der sogenannte Anschluß der DDR an die BRD am 3.Oktober 1990 wäre dann als die Vollendung einer Konterrevolution anzusehen.
Bevor Leute immer wieder so großspurig und selbstbeweihräuchernd von einer angeblichen friedlichen Revolution in der DDR sprechen sollten sie auch mal einen Blick auf die Folgen dieser damaligen Ereignisse werfen.
Was wir sehen ist die weitgehende Zerstörung eines ganzen Staates, einer ganzen Gesellschaft, einer vormals einigermaßen funktionierenden Ökonomie ohne Armut und Massenarbeitslosigkeit.
Wir sehen immense negative Bevölkerungsverschiebungen, eine Riesenarbeitslosigkeit, rasant wachsende Armut in fast allen Ecken von Deutschland, und besonders auf dem Gebiet der ehemaligen DDR einen rasant angewachsenen Neonazismus, eine neonazistische Gewalt, die neben einheimischen unbequemen Menschen, Behinderten und Ausländern noch nicht einmal vor Kindern mit anderen Aussehen halt macht, und natürlich sehen wir auch selbsternannte "ausländerfreie Zonen", in denen es zu jeder Tageszeit für Nichtdeutsche und andere "Unerwünschte" sehr gefährlich werden kann.
Sind derartige Resultate die Resultate einer erfolgreichen Revolution?
Sollen das die Resultate eines demokratischen, zivilisatorischen Fortschritts sein?
Möge sich jeder selbst seine Gedanken machen zu all dem Jubiläums-Gedöns um die angebliche Revolution von 1989/90 heutzutage.

Systemfrager 9. November 2009 um 13:44  

@ Anonym
>Was war denn nun im Herbst 1989 in der DDR so revolutionär? ... Wer hat wen denn letztlich entmachtet? ... Warum haben die Inhaber der Macht, wenn sie denn wirklich so böse und verbrecherisch waren, sich nicht entschieden gegen ihre drohende Entmachtung zur Wehr gesetzt? ... Wo haben sich jemals Machthaber friedlich entmachten und in Rente schicken lassen? In welchem Land bei welcher Revolution in welchem Jahr?

Wie Recht hast du!

Grobatschow war mit Abstand der größte Idiot von allen Herrschern, die es Russland je hatte. Die Russen wissen es und keiner Russe wird auf seine Beerdigung kommen. Er hat den Herrschenden die letzten Privilegien genommen, die sie hatten, obwohl diese geradezu lächerlich waren, im Vergleich zu dem, was sich die westlichen Herrscher „leisten“. Es gab folglich keinen mehr, der bereit war, diese Ordnung zu verteidigen. Sie brach in sich zusammen.

Das radikal Böse, also der Kapitalismus konnte mit seinem globalen sozialen Genozid anfangen.

maguscarolus 9. November 2009 um 14:21  

@Systemfrager

"Das radikal Böse, also der Kapitalismus konnte mit seinem globalen sozialen Genozid anfangen."

Stasi, Gestapo, Securitate usw. konnten mit ihrem lichtvollen Wirken dieses radikal Böse offenbar nicht aufhalten . . .

Weißt du eigentlich, was du da redest?

maguscarolus 9. November 2009 um 15:22  

Schabowski-Interview im Tagesspiegel

Wie er sich das mittlerweile zurecht legt . . .

landbewohner 9. November 2009 um 18:02  

ich sehe diese"friedliche revolution" auch eher mit skepsis.
wenn man gesehen hat wieviele wendehälse in nullkommanix ins westliche system eingegliedert worden sind - und nicht nur in der ddr - dann fragt man sich unwillkürlich wieviele milliarden mögen da wohl geflossen sein.
wenn die russen und der warschauer pakt gewollt hätten, die revolution wäre in 3 tagen beendet gewesen. aber anscheinend hatte man ein anderes menschenbild als die herrscher hierzulande.

maguscarolus 9. November 2009 um 19:17  

Schrecklich! Da spielen sie in Berlin am Brandenburger Tor die 7.Sinfonie von Beethoven, und die Kameraführung hat nichts Besseres zu tun, als immer wieder die Macht-Fressen anzubeten.

Arbo Moosberg 9. November 2009 um 22:48  

Ja, also, bei Dohnanyi in der Will-Sendung musste ich sprichwörtlich abschalten. Warum erinnert mich das nur an gewisse "Vor-Wendezeiten"? Weil die auch durch Altersstarrsinn gewisser "Eliten" geprägt waren?

Was die "Gewendeten" betrifft, so hat Landbewohner bereits den treffenden Term der Wendezeit genannt: Wendehals. So nannte mensch die Persönchen, die das Parteibuch fix wechselten.

Was mir heute wirklich übel aufstößt, ist eine "Wendehälsigkeit" ganz anderer Art: Mensch überlege sich einmal, was für sogenannte (ehemalige) "(DDR-) Bürgerrechtler" in den letzten Jahren welchen Gesetzen im Bundestag zustimmten!

Arbo

Anonym 10. November 2009 um 01:46  

Ich erinnere mich auch sehr gut an den Mauerfall. Die "Ossis" kamen in Strömen um dem Konsum zu fröhnen und die Schaufenster zu bestaunen. Freiheit. Hm, Freiheit? 90% suchten sie nicht, die Freiheit...Eher die WestMark, das KaDeWe, die CocaCola oder die 501 Levis, wenns nicht ausreiche, den nächten Aldi. Diese Menschen haben den Konsum mit Freiheit verwechselt. Dann durfte ich mir eben von diesen Leuten, ein paar Monate später anhören ich sei ein Ausländer.Viele von denen wussten nicht mal wie eine Rolltreppe funktioniert oder automatische Türen... aber sie wussen eines... sie sind Deutsche.

Tim 10. November 2009 um 02:22  

Lustig find ich ja auch, dass ausgerechnet heute der Durchgang durch das Brandenburger Tor nicht möglich war, weil es zur Sicherheit der hohen Staatsgäste noch Stunden nach deren Abflug weiträumig abgesperrt war. ^^

Man muss aber fairerweise mal anmerken, dass bspw. die ARD (andere Sender hab ich nicht geschaut) heute nicht müde geworden ist zu betonen, WER denn die Mauer tatsächlich überwunden hat: Nämlich die einfachen Menschen auf der Straße.

Roberto J. De Lapuente 10. November 2009 um 07:55  

Ja, das möchte ich fairerweise auch zugestehen. ARD war wirklich versucht, auch wenn das Zwischendrin, das Befragen von Wichtigtuern, wie immer ärgerlich war. Höhepunkt war ja, als der Moderator ein ehemaliges ZK-Mitglied befragt hat, wie er zur erlangten Freiheit steht. Zweischneidig, meinte dieses, keine Arbeit zu haben, auf Hartz IV angewiesen zu sein, das sei keine wirkliche Freiheit. Es gäbe wohl verschiedene Freiheitsvorstellungen. Dem Moderator hat es sichtlich nicht gefallen, er wollte wohl ein Loblied auf die BRD vernehmen.

maguscarolus 10. November 2009 um 10:20  

Wenn eine Diktatur fällt, kann man schwerlich alle, die mit ihr kollaboriert haben, gesellschaftlich isolieren und irgendwie ächten, ohne die personelle Infrastruktur der Gesellschaft zu zerstören. Das war in der Nach-Nazi-Zeit so und das war eben in der Nach-DDR-Zeit so.

Man mag sich daran stören, dass nach solchen "Wenden" die "Wendehälse" wieder obenauf sind, aber wer erwartet eigentlich etwas Anderes? Die "Wendigen" sind immer obenauf, weil sie, unbeschwert von aller Ethik und Moral stets nur auf ihren persönlichen Vorteil schauen, und deshalb auch stets verlässliche Stützen der jeweiligen Staatsdoktrin sind – ganz unabhängig von deren ideologischem Ort.

Solche Anlässe wie die gegenwärtigen "Mauerfall-Festspiele" sind nichts weiter als Bühnennebel, der den scharfen Blick auf die Akteure trüben soll. Und sehr, sehr viele Zeitgenossen lassen sich den Blick nur zu gerne trüben, um der guten Stube die Bierruhe zu erhalten.

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