In bester Absicht

Samstag, 7. November 2009

Freiheitsbarde H., so meldeten es die Gazetten, die die Welt nicht braucht, sei bei der Preisverleihung eines internationalen Musiksenders erschienen. Er torkelte sichtlich angesoffen auf die Bühne, lallte einen einstudierten, die Deutschen schmeichelnden Text - der ganze Rabatz fand in Berlin statt - und galt als der Liebling des Abends. Die Veranstalter waren mehr als zufrieden. In einem kurzen Statement hieß es, man sei mehr als glücklich, H. engagiert zu haben. Er sei jedes Fitzelchen seines Gutscheins wert. Man sei sogar so zufrieden, dass man H.'s Lebensmittelrationen noch einmal heraufgesetzt habe. Leistung müsse sich doch lohnen!

Indes sprach H.'s Manager von einer beispiellosen Diskriminierung. Man dürfe Suchterkranke nicht in dieser Weise brandmarken. Die Veranstalter entkräfteten die Kritik, so sei es eben mal in Deutschland, da könne man leider nichts machen. Außerdem sei man sich sicher, dass es zu keiner Diskriminierung käme, wenn man mit Gutschrift im Supermarkt aufkreuzen würde. Im Gegenteil, die Gutschrift animiert Verkäufer und anwesende Kunden zur Rücksicht, zu mildtätigem Bedauern, würde Mitleid erzeugen. Zu Schmähungen würde es indes nicht kommen, bis dato habe es in Deutschland noch kein derartiges Skandalon gegeben, wie auch das Propagandaministerium energisch hervorheben würde.

Auf Nachfrage im Ministerium äußerte sich ein Sekretär durchweg positiv zur Suchtprävention. Die Ausweitung der Bons auf mehrere Bereiche des wirtschaftlichen Lebens, habe die Bevölkerung sensibilisiert. Zwar meldeten anonyme Alkoholiker immer wieder Übergriffe, berichten von Entwürdigungen und Beleidigungen beim täglichen Einkauf, auch von Ohrfeigen und Anspucken sei die Rede, aber das Ministerium nehme solche Berichte nicht ernst. Man gehe davon aus, dass es sich um Delirien etwaiger auf Entzug befindlicher Suchtkranker handelt. Das Ministerium empfiehlt überdies, solcherlei Berichte aus dem süffigen Munde nahestehender Personen, nicht für bare Münze zu nehmen. Stattdessen sollte man dieses offensichtliche Delirium der nächsten Polizeidienststelle melden. Diese hätten die Anordnung seitens des Propagandaministeriums, das hier mit dem Innenministerium eng zusammenarbeitet, den im Delirium Befindlichen sofort dingfest zu machen und ihn in Quarantäne zu stecken. Diese Haft geschähe zu seinem eigenen Schutz, versteht sich.

Bei einem ausgelassenen Sektempfang am Rande des Events, sprachen sich auch Damen und Herren der bundesdeutschen Politik noch einmal nachdrücklich für die Richtigkeit der Maßnahme aus. Sie geschähe in bester Absicht. Die Bundesvorsitzende der Grünen bekräftigte nochmals ihren Vorwurf, dass jeder, der diese Maßnahme auch nur im Ansatz kritisiere, sich zum Helfershelfer alkoholisierter Rotten mache. Daher sei es nun notwendig, auch über Gesetze nachzudenken, die jeden Zweifel an der Unfehlbarkeit der Maßnahme unter Strafe stellen. Bußgelder für Unbelehrbare und Ewiggestrige, so die Bundesvorsitzende, seien sicherlich ein probates Mittel. Erzürnt zeigte sie sich dagegen bei den Plakatsprüchen einiger marodierender Demonstranten. Diese mahnten den im Schweinsgalopp verwirklichten Faschismus an. Solche Vorwürfe seien bodenlos und unanständig, wetterte die Grüne. Man sei ein demokratischer Staat, halte das Grundgesetz so sehr in Ehren, dass man es beinahe jährlich überarbeitet und anpasst, so wie es moderne Staatsführung nun mal verlange. Solche Horden, so fuhr sie fort, die ahnungslos von Faschismus sprechen, können nur alkoholisiert sein. Man werde die Personalien dieser realitätsfernen Säufer aufnehmen und ihnen bald eine Sonderbehandlung zukommen lassen.

Später am Abend stieß ein sichtlich erheiterter H. zur politischen Runde. Man prostete ihm mit Sekt zu, speiste zusammen Poularde, prostete ihm nochmals mit einem Verdauungsschnaps entgegen. Der ramponierte Barde bemühte sich vergeblich darum, seine Gutscheine gegen einen Schluck Sekt einzutauschen. Man spottete, belächelte ihn, fand seinen erfolglosen Kampf niedlich, erklärte ihm, er solle Männchen machen, dann lasse man ihn nippen, nur um am Ende ordentlich über seine Naivität ins Gelächter zu verfallen. Als er den Wunsch abschlug, einen seiner alten Ohrwürmer zu singen, sang die politische Runde selbst. I've been lookin' for freedom! ... lookin' so long! Ja, sie haben sie gesucht, ihre Freiheit - und in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gefunden.

17 Kommentare:

epikur 7. November 2009 um 13:12  

Wollen wir hoffen, dass es nie wieder zur "Sonderbehandlung" politisch unbeqeuemer Zeitgenossen kommen wird.

klaus baum 7. November 2009 um 15:18  

Hier eine Anmerkung unter einem Hasselhoff-Video bei YouTube:

>>Er st geil

und das mit dem alkohol vergessen wr mal^^<<

Dem Leistungserbringer verzeiht man alles, dem Minderleister nichts.

PS.: Eine Geschichte von Dir, bei der ich schmunzeln musste. Ausgerechnet Harald Juhnke hat die Karriere von Hasselhoff in Gang gebracht.

Heinzi 7. November 2009 um 15:35  

Roberto wie können Sie so etwas unterstellen? Es gibt kein Propagandaministerium! Solche Institutionen sind aus faschistischer oder kommunistischer Diktatur menschenfeindlicher Unsinn. Es gibt auch keine "Sonderbehandlung". Sie unterstellen mit solcher Begriffswahl tatsächlich unserem demoktratischen Staat eine fascchistische oder noch schlimmer kommunistische Gesinnung! Sie sind immer noch Mitbürger, soweit ich weiß in zweiter Generation eingereister Gastarbeiter? Tritt man die Gastfreundschaft seiner Arbeitgeber so mit Füssen? Ist Ihr Undank nun der Lohn, das wir Sie und ihre Familie in unserem Land willkommen hießen?
Aber wir wollen nicht so sein. So erkläre ich Ihnen gerne, in unermesslicher Geduld und auf meine Menschlichkeit berufend, den tatsächlich zu herrschenden Tatsachen gemäß das wir kein Propagandaministerium haben. Es gibt so etwas nicht, wir propagieren nicht was unsere Bürger denken sollen. Unsere Bürger werden über die Tatsachen informiert, die gerade Geltung haben, also die Tatsachen, die gerade als Tatsachen bekannt gemacht wurden, durch unabhängig arbeitende dankbare Mitarbeiter unserer Abteilungen für politische Aufklärung und wissenschaftlicher Untersuchungen in unseren deutschen Universitäten, die die freigeistige Kultur vergangener Tage bewahren.
Über das Wort "Sonderbehandlung" möchte ich nur eines sagen: Es ist eine unglaubliche Verachtung unserer gesellschaftlichen Realität, in der alle Menschen unseres Landes vor dem Gesetz gleich sind und ihr Recht wie jeder andere auch erstreiten können! Dafür haben wir entsprechende Hilfen eingerichtet, dafür gibt es Versicherungsgesellschaften die dem Volk dienlich sind mit Rechtsschutzversicherungen. Damit kann JEDER auch sein Recht erstreiten, weil ein Rechtsstreit dadurch keine Kostenfrage mehr ist.
Wir haben Sie, ihre Eltern in unserem Land begrüßt und sie behandelt wie jeden anderen auch, wir haben Ihnen Arbeit gegeben, einen Sinn im Leben sich einzubringen in der Gesellschaft. Wir geben Ihnen die Freiheit hier ihre Meinung zu schreiben, uns gar lächerlich zu machen auf ihren notorisch querulatorischen und aufwieglerischen Kabarettseiten, Sie selbst haben doch ihr leben lang erfahren das sogar Einwanderer hier alle Chancen haben! Wie können Sie dann solche Worte benutzen und uns unterstellen wir würden der Barberei kommunistischer Verhältnisse anheimfallen?
Jeder ist seines Glückes Schmied und wollen Sie nun sogar uns, den Leistungsträgern die Schuld geben, daß die Leistungsverweigerer aus Langeweile saufen und dafür die Konsequenzen zu tragen haben? Diese Mitbürger, so bezeichne ich sie einmal wegen meines guten Willens, die sind es doch selbst Schuld! Wenn sie einfach arbeiten würden und sich nicht so schlecht benehmen täten, hätten sie es doch so gut wie jeder andere in der Gesellschaft, der hier in Frieden die Früchte von Arbeit und Eigentum aufzehren kann.
Es gibt keine Form der Sonderbehandlung! Das sage ich ihnen und das ist so, das wissen wir heute in Deutschland doch alle, das es so etwas nicht gibt.

Schämen sollten Sie sich, ein Gast und dann solch ein Nestbeschmutzer. Empörend!

Roberto J. De Lapuente 7. November 2009 um 17:21  

Jetzt, lieber Heinzi, jetzt bin ich wieder auf Linie. Habe nur mal einen ordentlichen Arschtritt gebraucht. Nun sehe ich wieder klarer... nach einigen Klaren.

sackweh 7. November 2009 um 17:31  

kann es sein, daß dieser text 1 oder 2 jahre zu früh kommt?

Systemfrager 7. November 2009 um 18:00  

@ Roberto

Ich habe "Heinzi" drei mal gelesen ... ich bin mir immer noch nicht sicher ...

Meint er dies wirklich ernst oder ironisch?

Roberto J. De Lapuente 7. November 2009 um 18:01  

Er meint das ironisch. Würde er es ernst meinen, wäre er ein armer Kerl...

maguscarolus 7. November 2009 um 19:02  

Was spielt es für eine Rolle, ob "Heinzi" seinen Kommentar ernst oder ironisch gemeint hat?

Fest steht immerhin, dass man sich in Deutschland kritisch, auch sehr kritisch, äußern darf. In Blogs. Im Kabarett. Auch in print-Medien. Bisweilen auch im TV oder Radio.

Es kommt nicht gleich ein Killerkommando im Auftrag irgendwelcher finsterer Machthaber um den "Störer" an seiner Haustüre abzupassen.

Mit dem Propagandaministerium ist es eine andere Sache. Wir brauchen nämlich gar keins, weil unsere Hauptmedien dafür bezahlt werden, diese Rolle zu übernehmen. So funktioniert alles von den Inhabern der Macht Gewünschte fast ganz ohne "Gewalt", bzw. nur mit der Gewalt und der Arroganz des Geldes.

Wer sich kritisch oder gar sehr kritisch äußert fungiert als eine Art "Hofnarr" oder wird ganz einfach übersehen, schlimmstenfalls, wenn er eine höhere Stufe der Hierarchie besetzt, wird er abserviert, entmachtet, aber immer bleibt alles ganz zivilisiert.

Der Hasselhoff-Auftritt ist völlig belanglos, was er gesagt, getan hat. Ob er bekifft, besoffen oder delirisch war. Ich ignoriere solche "Großereignisse" seit langem. Sie interessieren mich nicht. Mich interessieren nur die Kräfte hinter den Kulissen. Wir haben eine Medienkultur, unter der alles zu einer Art Volksfest gerät, mit viel Geklingel und Lärm, damit kein Gedanke an den eigentlichen Anlass aufkommt, der den Alkoholdunst vertreiben könnte.

Was im Zuge des Gedenkens an den Mauerfall alles ständig wie mit einer Gebetsmühle auf allen Kanälen wieder und wieder wiederholt wird, und wie es wiederholt wird, was heraus gestellt wird, das gibt mir mehr und mehr zu denken und wirft die Frage auf, von was unsere Aufmerksamkeit eigentlich abgelenkt werden soll . . .

Heinzi 7. November 2009 um 20:19  

Wo der Ernst ist hört der Spass auf! Ironie ist das halbe Leben, aber vergeßt nicht den Zynismus zu meiden, er raubt die Freude und macht Bitterkeit zur Tugend.

Schönes Wochenende verehrte Querulanten, schreiben Sie mal wieder.

Raze 8. November 2009 um 03:09  

Bezügl. Heinzi:
Ich weiß nicht, ob das ironisch sein soll. Denn ich habe letzten Monat in einer Zeitung gefordert, einen gewissen Bundesbanker wegen Volksverhetzung vor Gericht zu bringen, und ich machte deutlich, welche Art Gedanken hinter seiner Hetzerei steht. Drei Tage später bekam ich einen anonymen Brief, der in einem ganz ähnlichen Tonfall mir Blindheit unterstelle - und ähnlich nette Sachen.
Also ich glaube, das hier ist ernst gemeint.

Daisy 8. November 2009 um 12:48  

Ob der Kommentar von Heinzi ironisch gemeint ist oder nicht, ist gar nicht so wichtig, finde ich. Entscheidend ist, dass er dabei genau jenen Ton trifft, bei dem man es nicht sicher unterscheiden kann. Dass dies überhaupt möglich ist, kann einem Angst machen: Eine Argumentation, die den meisten Lesern hier zynisch vorkommt, ist in anderen Teilen der Gesellschaft mittlerweile akzeptabel. Deswegen sind sich viele ja so unsicher darüber, wie sie den Kommentar verstehen sollen.

Mescalero 8. November 2009 um 13:08  

Zu "Heini"

Wie Sie ja selber sagen lebt Roberto ja schon in der zweiten Generation hier. Warum sollte er dann Dankbar sein...und wem gegenüber? Ist das eine Deutsche Unart, das jeder Dankbar sein muß der "unseren geweihten" Boden betreten darf? Vermutlich mußte Robertos Vater knochenhart für seinen Lohn arbeiten. Die Deutschen Unternehmer sollten vielmehr dankbar sein das sie jahrzehntelang Menschen zum ausbeuten gefunden haben und heute immer noch finden.
Und selbstverständlich haben wir faschistoide Tendenzen in diesem Land. Es ist nämlich so: Vor den "sonderbehandlungen" ist immer erst das Wort das diskreminiert. Erst muß ich den anderen entmenschlichen bevor ich handeln kann. Aber ihr "Leistungsträger" müßtet ja erst einmal mal auf Fußball verzichten oder bei Bohlen abschalten und anfangen selber zu Denken um zu merken was hier in eurem ach so "demokratischen" Staat abläuft. Der Staat hat mir zu dienen...keiner muß ihm "Dankbar" sein. Auch kein Gastarbeiter oder "Eingewanderter" oder sonstwer!

landbewohner 8. November 2009 um 18:42  

ich hab zuerst und spontan auch gedacht, daß das, was dieser heinzi da aüßert, nur ironie, sarkasmus oder zynismus sein kann.
auch, weil ich glaube, daß sich der gemeine blödleser nicht zu roberto verirrt. aber bei jedem wiederholten lesen wurden meine zweifel grösser. leider. und denke mal daisy sieht das im rechten erschreckenden licht.

Heinzi 8. November 2009 um 19:40  

Es ist wirklich sehr amüsant zu lesen, daß die feinen ironischen aber insbesondere die paradoxen Apelle, unverschämt arrogante Haltungen und unbegründete Verneinungen, insgesamt einer massiven Heuchelei so dicht an realen Pamphleten liegen, daß sie nicht mehr als Satire deutlich genug sind.

Rainer 8. November 2009 um 21:53  

Nein, amüsant ist dies nicht, sondern ein Zeichen der indiffernten Angst die sich breit macht. Eine Angst vor dem antizipierten Kommenden. Eine Angst, die sich der Blinde und Reiche nicht leisten muss, für den Sehenden und nicht so vermögenden aber zwingend ist. Wer, nicht nur am Brot, hungert, versteht den durchaus hohen Stand der Ironie vielleicht nicht oder aber hat schlichtweg keinen Nerv dafür.
Mal so gesehn.

Systemfrager 9. November 2009 um 08:01  

@ Heinzi

Sie unterstellen mit solcher Begriffswahl tatsächlich unserem demokratischen Staat eine faschistische oder noch schlimmer kommunistische Gesinnung!

Das einzige, was eindeutig dafür spricht, dass es sich in deinem Kommentar um eine Ironie handelt, sind nur die Worte „noch schlimmer“. Es ist nämlich nicht so, dass man in der „politisch korrekten“ Sprache den Kommunismus für schlimmer hält als den Nationalsozialismus - noch nicht. Aber wir wissen nicht, wie lange noch. Alles andre sehen unsere raffgierigen, rücksichtslosen und hochkriminellen „Eliten“ haargenau so.

Roberto J. De Lapuente 9. November 2009 um 08:20  

"Es ist nämlich nicht so, dass man in der „politisch korrekten“ Sprache den Kommunismus für schlimmer hält als den Nationalsozialismus - noch nicht."

Nur auf der Plattform der politischen Korrektheit. Hinter vorgehaltener Hand hält man diese Vereinigung von Konservatismus und Populismus, diese Grundlage des Faschismus generell (weswegen Faschismus nicht rechts oder links ist, sondern eine Verbandelung zweier Interessensgruppen), für eine tolle Errungenschaft. Man schiebt die Morde an Juden, Sinti/Roma, Homosexuellen etc. von sich, der Rest des Gebäudes war aber "nicht so schlimm". Die Ermordung von Oppositionellen indes wird nur dann bedauert, wenn es sich um Sozialdemokraten handelt, um christliche Pazifisten etc. Um Kommunisten und Anarchisten wird so gut wie nicht getrauert.

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