Ein Lügner hat sich genaue Sätze zurechtgelegt...

Sonntag, 1. November 2009

Es ist ekelerregend, sich in der Hexenküche folternder Meister zu bedienen, um nützliche Mitteilungen zu erhalten. Als der ehemalige Innenminister zur Aussage rollte, man dürfe an Informationen, die durch Folter erzielt wurden, nicht vorbeiblicken, da erntete er zurecht Kritik. Obwohl es abstößt, manchmal scheinen die Botschaften aus dämmerigen Hinterzimmern, in denen bis zur vollkommenen Erschöpfung des Verdächtigen verhört wird, doch für die breite Öffentlichkeit von Bedeutung zu sein. Seien wir also mal unmoralisch und ziehen Erkenntnisse heran, die in langen Jahren menschlicher Unterdrückung in wissenschaftlicher Weise zusammengetragen wurden, lassen wir einen Meister seines Fach zu Wort kommen, lassen wir Gerd Wiesler, fiktive und doch andererseits reale Filmgestalt und guter Mensch in bösen Sphären, damals gespielt von Ulrich Mühe, zu Wort kommen:
"Er sagt dasselbe wie am Anfang, Wort für Wort. Wer die Wahrheit sagt, kann beliebig formulieren, tut das auch. Ein Lügner hat sich genaue Sätze zurechtgelegt, auf die er bei großer Anspannung zurückfällt."
Wiesler läßt - im Film Das Leben der Anderen - neuen Kadern der Staatssicherheit einem Verhör lauschen, einem langen, nervenaufreibenden Akt, bei dem ein Verdächtiger stur bei seiner Aussage bleibt, stets im gleichem Satzbau, mit gleicher Betonung nochmals und nochmals repetiert. Weil er nicht beliebig formuliert, weil er seine zurechtgelegte Wahrheit immer im gleichem Wortlaut präsentiert, enttarnt er sich. Kurz darauf knickt der Mann, der freilich aus unserer Sicht nichts getan hat, außer seiner Freiheit zuzustreben, geschwächt ein und wartet mit der wirklichen Wahrheit auf.

Nein, das soll keine Hymne auf weiße Folter sein. Lassen wir die ethische Betrachtung überhaupt einmal kurz vor der Türe, benehmen uns ganz nihilistisch wie jener Innenminister von einst. Wir nehmen die Information aus dem Munde eines Mannes entgegen, der wissen muß, wovon er spricht. Lügner formulieren nicht beliebig - das gilt es festzuhalten. Erinnert uns die beharrliche Gleichheit von Worten und beschriebenen Umständen nicht an etwas? Leben wir nicht in einer Gesellschaft, in der immer und immer und immer wieder im selben Duktus von Umständen wie Reformbedürfnissen gepredigt wird? Und dies nicht beliebig formuliert, sondern permanent mit demselben vorgefertigten Satz? Haben nicht einst Heere von sozialdemokratischen Predigern ihre Reform zur Armenverwaltung mit dem Satz eingeleitet, Hartz IV sei richtig und wichtig? Erzählt die Kanzlerin nicht ständig mit demselben Satz, Deutschland sei auf einem guten Weg?

Wir bewegen uns in einer Gesellschaft, in der jene, die ihre Selbstdarstellung im Namen des Volkes praktizieren, leere Körperhüllen sind, die mit vorgefertigten Satzkkonstrukten gefüllt werden. Der spontane Satzbau findet nicht statt, er ist ein sieches Relikt eloquenterer Tage, bestenfalls in der Literatur noch heimisch; im Journalismus ist der beliebig formulierte Satz ebenso schon zur Mangelware geworden. Nun fragte man sich lange, weshalb man immer wieder dieselben Sätze verwendet, keine Abwandlungen schafft, die sowas wie Abwechslung in die gezielte Volksverdummung tragen. Man fragte sich, warum verdummt man das Volk nicht wenigstens in unterhaltsamer Weise, indem ein und derselbe Umstand in mannigfachen Phrasen beschrieben wird. Man hielt diese Bande apokalyptischer Prediger oftmals für rhetorische Dilettanten, die Standardsätze auswendig lernen mußten, um wie auf Knopfdruck eine Ansicht schauspielern zu können, die sie qua ihrer engen Kopfinnenaustattung nicht spontan entwerfen können.

Doch weit gefehlt! Wiesler hat uns belehrt; wir sind folgsam dem Nihilismus des Innenministers gefolgt, der nun im Finanzministerium hockt, und haben tatsächlich wertvolle Informationen aus dem Folterzimmer erhalten. Folterwissenschaften hin oder her, unmoralisch bleiben sie allemal, aber sie lehren uns dennoch, dass hinter solchen, die stur den immergleichen Satz heranziehen, keine Stümper ohne Redetalent schlummern, sondern die Fratzen der Lüge ruhen. Wer sich seine Sätze zurechtgelegt hat, der lügt; wer die Wahrheit spricht, formuliert beliebig. An der Armut des Ausdrucks, am langsamen Absterben der Ausdrucksvielfalt, erkennt man den Geist einer verlogenen Gesellschaft. An den Worten können wir sie messen. Daran, dass ihnen die Worte immer häufiger ausgehen, werden wir sie messen.

13 Kommentare:

Markus 1. November 2009 um 19:50  

Dieses parolenhafte Wiederholen immer der gleichen Sätze (nicht nur seitens der Politiker, sondern genauso seitens der Medien) hat auch den Vorteil, dass irgendwann auch Lieschen Müller von der Straße der Meinung ist, dass die Steuern gesenkt werden müssen, dass wir uns den Sozialstaat nicht mehr leisten können.
Gehirnwäsche geht so viel einfacher, als das Volk wirklich inhaltlich zu überzeugen, dass eine solche Politik gut für es wäre. Da würde man nämlich zu schnell an eigene Grenzen stoßen. Immer gleiches Eintrichtern scheint da doch eine hypnotischere Wirkung zu haben (siehe das Wahlergebnis).

Anonym 1. November 2009 um 19:55  

Möglicherweise glauben diese Lügner ihre Lügen wirklich selbst ...

klaus baum 1. November 2009 um 19:57  

lieber roberto,

da hat sich aber ein fehler in der formulierung eingeschlichen: wer die wahrheit sagt, kann gar nicht beliebig formulieren, sondern allenfalls lebendig.

>>wer die Wahrheit spricht, formuliert beliebig<<

>variabel< wäre noch eine möglichkeit.

Peinhard 2. November 2009 um 00:01  

"Daran, dass ihnen die Worte immer häufiger ausgehen, werden wir sie messen."

Guter Ansatz, das. Fehlt nur noch die Maßeinheit. Es geht aber auch ohne, sieht man zB hier. Einfach - nichts.

Tim 2. November 2009 um 01:29  

Großartig!

endless.good.news 2. November 2009 um 07:17  

Durch die Parolen werden auch Maßstäbe verschoben. Will man heute die Rente um einen Euro erhöhen, sehen unsere weltoffenen liberalen Medien Lenin aus dem Grab auferstehen. In jedem zweiten Satz wird sich wiedersrpochen, da man aber die bekannten Parolen hinterhängen kann, denken die meisten sie wissen worum es geht.

maguscarolus 2. November 2009 um 10:36  

Wenn es nur so wäre, dass man die institutionalisierte Lüge an den gestanzten Sätzen und der besonderen Körpersprache erkennt, durch welche sie transportiert wird.

Ich fürchte aber, dass die Erzlügner mittlerweile bestens vorbereitet durch teures Coaching auch diese Herausforderung ihres "Berufes" immer besser bewältigen werden.

Anonym 2. November 2009 um 11:29  

Sehr gut!
Tim

Anonym 2. November 2009 um 12:12  

Sehr geehrter Herr De Lapuente,

weshalb ich Ihren Blog so toll aber eben auch gefährlich finde, zeigt sich wieder mal in diesem Beitrag: Sie zeigen die "kräuselnden Ränder" auf, diese vefeinerten Erkenntnisse, an denen man diese Weltbetrüger erkennen kann, die sie stets treffend aufs Korn nehmen. Damit geben Sie ihnen aber auch bestes Expertenwissen, um noch besser darin zu werden, uns zu manipulieren.

Zum Vergleich: Die Methoden der Werbung sind seit einigen Jahren im Wandel, nachdem die Standardtechniken, potentielle Kuden anzusprechen, ausgereizt waren. Vor einigen Jahren fing man in den Medien erkannbar deutlich an, möglichst oft Werbung in Filmen, Reportagen und Shows unterzubringen. Dies wurde dann in der Öffentlichkeit thematisiert und damit auch ein wenig preisgegeben. Ist halt dreckig, was da passiert, egal wie fein man es vertuscht... Seit ca. 2 Jahren beginnen nun die Methoden zu greifen, über das Internet Postings, Blogs, Foren, Communities, Videoboards wie auch andere Web2.0-Welten dazu zu verwenden, so etwas wie "Mundpropaganda" systematisch zu etablieren. Mit vielen Monaten Vorlauf, wie z.B. bei dem Film "new moon", gelingt es den Werbern, die Community selbst einzuspannen, den Film zu bewerben. Das hat eine normale Seite, an der nichts auszusetzen ist, aber auch eine verwerfliche, die erst dann erkennbar wird, nachdem einem bewusst geworden ist, wie diese Analysen des Surfverhaltens von Internetnutzern nun endlich systematisch ausgesäte "Früchte" tragen.

Bitte lassen Sie sich nicht dazu instrumentalisieren, der Gegenseite Argumente und Ansätze zu liefern, uns noch besser auseinander zu dividieren.

Selbstverständlich ist diese Mail ebenfalls eine Gefahr, da sie genau diese Mechanismen anspricht. Aber das ist d a s Problem an der ganzen Sache: Wenn man das Problem kennt, muss man auch eine Lösung dagegen finden. Das geht nur mit Verbreitung.

Willkommen in der "Schönen neuen Welt".

Ein anderer Hinweis darauf, dass es immer ernster wird mit der Not in der Hartz IV-Welt ist neben Ihrem Hinweis auf die ARGE-Wachleute auch erkennbar, wenn man nur genau hinschaut: Es gibt immer mehr Autofahrer, die an Bäumen landen. Selbstmörder, denen der Mut fehlt, die die Hoffnung verlassen hat. Malen Sie das mal fort in Ihrer klasse Sprache. Den Aufhänger France Telecom und deren DepriMord-Fälle liegt ja auf der Hand. Wäre schön, Zusammenhänge mal hervorzukramen, die nicht unmittelbar klar sind.

Vor allem mal mit einer positiven Botschaft: Leute vereinigt Euch. Wenn ihr schon zur ARGE müsst, baut eine Vereinigung auf, die sich in der Nähe der ARGE öffentlich aufbaut und die Betroffenen anspricht, sie zusammenführt und Synergien als Basis für gemeinsames Hilfe-Geben und -Nehmen thematisiert. Bringt die Leute in ihrer Not konstruktiv ins Gespräch miteinander, und zwar gegen diese Art von asozialer Regierungsgewalt. Baut eine Lobby auf, denn die Gewalt wird kommen, ob wir sie nun wollen oder nicht. Wäre doch besser, wenn man wenigstens Instrumente wie Sprachrohr, Repräsentant etc. hat, wenn "es" losgeht.

Möge Gott uns *allen* gnädig sein.

Vielen Dank

Anonym 2. November 2009 um 13:11  

In den Wahrheitsministerien spricht man nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit so wahr ihnen ihr Gott helfe...

Also das Kapital, der Herr dem sich diese Welt verschrieben hat.

Traurige Welt!

maguscarolus 2. November 2009 um 15:30  

Prinzipiell haben Politiker schon immer gelogen, weil sie die wahren Gründe für ihre Entscheidungen geheim halten wollen – sie würden sonst von der öffentlichen Empörung weggefegt.

In Zeiten wie diesen, in denen alle "Eliten" nur ein Ziel zu haben scheinen, nämlich die gesamte Arbeitswelt in ein Zwangssystem mit völlig rechtlosen Arbeitnehmern (warum heißen die, die ihre Arbeit hingeben eigentlich nicht Arbeitgeber? Grübel....) umzuwandeln, nimmt allerdings das Lügengebäude wahrhaft gigantische Ausmaße an, weil es sich nicht mehr um einzelne Lügen, sondern um ein Geflecht sich gegenseitig stützender und bedingender Lügen handelt.
Der gesamte Reformaktionismus der vergangenen Drei und der Gegenwärtigen Regierung wird durch nichts als Lügen gerechtfertigt, bzw. durch Zustände, die zunächst ohne Not herbei geführt und dann als reformheischender Übelstand bezeichnet wurden.
Und dann stellen sich die Herrschaften mit blauen Augen hin und beklagen die kontinuierlich sinkende Wahlbeteiligung.

Roberto J. De Lapuente 2. November 2009 um 16:34  

Und da sich die Herrschaften hinstellen und mit den immer gleichen Sätzen über die sinkende Wahlbeteiligung jammern, darf man davon ausgehen, selbst das Gejammer ist gelogen.

Peinhard 2. November 2009 um 18:57  

"Und da sich die Herrschaften hinstellen und mit den immer gleichen Sätzen über die sinkende Wahlbeteiligung jammern, darf man davon ausgehen, selbst das Gejammer ist gelogen."

Natürlich ist es das - weil sie genau wissen, wer da größtenteils nicht mehr hingeht. Nämlich die ohnehin abgehängten Verlierer des Systems, die inzwischen ziemlich genau wissen, dass sie wählen könnten wen sie wollen, ohne dass sich ihre Situation substantiell ändern würde. Und zwar höchstwahrscheinlich selbst dann nicht, wenn sie jetzt schlagartig zurückkehrten und 'Die Linke' mit einer absoluten Regierungsmehrheit austatten würden. Selbst wenn diese darob nicht zur 'Volkspartei' mutierte, die alle faulen Kompromisse schon im Vorfeld in sich selbst ausmachte - wozu gibt es schliesslich denn die EU-Verträge...?

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