Die Sucht des kleinen Mannes

Donnerstag, 5. November 2009

Neulich gab Dieter Hildebrandt preis, dass er Trinker sei. Der Alkohol sei sein Feind, aber er liebe ihn. Deutschlands größte Hetzjournaille widmete sich genau einen Tag lang dieser Neuigkeit, danach Schweigen in Sachen Hildebrandt. Was zunächst begrüßenswert wirkt, mutet doch bei genauer Betrachtung befremdend an. Normalerweise läßt sich diese Tageszeitung nicht zweimal bitten, mit dem (Luxus-)Elend berühmter Personen Kasse zu machen. Üblicherweise hätte tagsdrauf ein weiterer Aufmacher von den großformatigen Seiten prangern müssen, im Fragestil gehalten: Warum wurde Hildebrandt zum Alkoholiker? Darunter Befunde nach Aktenlage posierender Seelenklempner, Erklärungen von Weggefährten, die zufällig vor Jahren einmal mit Hildebrandt zehn Minuten gemeinsam in einem Wartezimmer verbrachten. Es läge in der Natur jener Gazette, einen weiteren Tag später nochmals fragend zu eröffnen: Wird Hildebrandt doch noch trocken? Danach ein Ratgeber und medizinische Beratung, so kommt Hildebrandt weg vom Alkohol! Und wenn die Welt nichts Spannenderes böte, trudelten noch Tage danach Prominente ein, die mit Hildebrandt schon mal gesoffen hätten. Kollege gesteht: Ich habe mit ihm getrunken!

Nein, normalerweise ließe sich jenes Blatt eine solche Gelegenheit nicht entgehen. Harald Juhnke, sänge er noch, er würde ein trauriges Liedchen zu trällern wissen. Glücklicherweise wurde Hildebrandt aber verschont. Ob Rücksicht als Motiv herangezogen werden darf, bleibt mehr als fraglich. Eher scheint es, als gäbe es Diskrepanzen, als flankierte Hildebrandts Alkoholismus das wichtigste Thema der derzeitigen Agendasetzung.

Wie sieht es denn aus, wenn in ein und derselben Ausgabe jenes Schmierblattes, einerseits auf die exzessiven Saufgelage der Unterschicht und Sozialleistungsbezieher geschimpft, andererseits sich aber mitleidig am süffigen Elend eines Prominenten ergötzt würde? Denn eines lehrt uns die öffentliche Disputation indoktrinär: Alkoholsucht ist ein Problem der Unterschicht, vorallem dann, wenn des Unterschichtlers Tag keine arbeitnehmerische Struktur hat, wenn er also Sozialleistungen in Anspruch nimmt. Die Sucht sei so weit gereift, dass man jenen Menschen gar kein Geld mehr in die Hand geben dürfe. Gutscheine sollen es richten, Gutscheine als der Eliten schäbigste Einrichtung, dem Abschaum doch noch den gelben Stern, eine gelbe Bierflasche an die Brust zu heften.

Aber wenn es doch eine Erscheinung aus Unterschichten ist, wie kann dann im gleichen Moment jemand über seine Alkoholsucht berichten, der nie zu jener Schicht gehörte? Das nimmt einem nicht mal das Publikum jener Postille ab; auch Begrenztheit ist nicht unbegrenzt. Hildebrandt mußte aus den Spalten verschwinden, denn allzu offen kann man nicht erklären, dass Alkoholismus bei Berühmtheiten eine zu bedauernde Krankheit ist, während er in unteren Gesellschaftsgefilden als Bösartigkeit und fehlende Selbstbeherrschung mit moralischem Zeigefinger begleitet wird. Am Ende müßte man die Diskussion in ganz andere Bahnen leiten, man müßte öffentlich fragen, ob nicht manche Abgeordnetendiät, manches Arzthonorar, das Gehalt von Angestellten und Führungskräften und manche Lohnleistung mehr, besser auf Gutscheinbasis abgeleistet werden sollte. Denn der Alkoholismus ist der große Gleichmacher, er kann jeden befallen, quer durch jede Gesellschaftsschicht. Will man Alkoholiker mit Kainsmal zur Heilung drangsalieren, so müßte man viel konsequenter zu Werke gehen, in jeder sozialen Schicht von Geld auf Gutschein umsteigen. Man darf jedenfalls felsenfest davon ausgehen, dass innerhalb der Eliten ein reges Gutscheinfieber ausbrechen würde.

Hildebrandt hat sich aus Sicht der Hyänen unprofessionell verhalten, er hätte sich einen geeigneteren Zeitpunkt auswählen müssen. Oder er hätte gleichzeitig erklären sollen, dass er neuerdings Hartz IV bezieht. Dann wäre wieder zusammengekommen, was Agenda Setting als zusammengehörig propagiert.

18 Kommentare:

Petra 5. November 2009 um 00:55  

Danke für den Eintrag. Ich habe selbst schon in meinem Blog das angesprochen: "Vergessen ist dabei, dass es Säufer in jeder Gesellschaftsschicht gibt. Auch Millionäre sind Säufer. Regt sich bei denen irgendjemand auf? Verachtet man einen saufenden Arbeitgeber? Unterstellt man ihn, dass er nur an seine Flasche denkt? Ihn nicht, aber den kleinen Popel, der arbeitslos geworden ist, schon. Wir lassen uns teilen.

Anonym 5. November 2009 um 07:23  

Lieber Roberto,

gut beobachtet und großartig beschrieben! Ich musste laut lachen (und das passiert mir heutzutage wirklich selten!). Ich sehe sie schon alle antreten, die Klugen, Reichen und Schönen, zum monatlichen Gutscheinfassen...

Liebe Grüße, Saby

maguscarolus 5. November 2009 um 09:23  

War das Laster, war das Verbrechen, waren Hässlichkeit, Alter und Gebrechen jemals anderswo anzutreffen als in der "Unterschicht"?

Jede Gesellschaft hält sich – offenbar – ihre Randbereiche, um darauf verweisen zu können, wenn sich die gute Stube mal wieder gruseln möchte.

Prominente Vertreter mit dem eingangs genannten Makel werden stets augenzwinkernd vorgeführt und eher mit öffentlichem Bedauern als mit agressiver Ablehnung zur Kenntnis genommen, denn sie sind ja nicht "ansteckend" und von ihnen geht keine "Gefahr" für die gute Stube aus.

Alex Lightbringer 5. November 2009 um 10:03  

Hallo Roberto

du vergisst, dass die Reichen, Schönen, Mächtigen, Erfolgreichen eine Stimme haben, eine Lobby. Die Anderen(TM), die Schmarotzer, die Nichtsnutze, dürfen bestenfalls kuschen.

Danke für diesen Artikel.

Alex

Anonym 5. November 2009 um 10:21  

Ich glaube, es sind viel mehr Menschen aus dem sogenannten Elite-Zirkel, die dem Alkohol und den Drogen verfallen , als wir ahnen.
Wieviel stehen denn unter dem Einfluß von leistungssteigernden Drogen. Ich denke- Tausende? Wieviele haben sich ihren Verstand schon zugedröhnt mit Drogen und Alkohol- Zig-Tausende. Wieviele nehmen denn Ritalin oder Substanz ähnliche Präparate? So würden sich auch so manche aberwitzige Verhaltensweisen erklären.
Der Leistungswahnsinn ist wohl nur noch mit solchen Mitteln zu erreichen. Sind wir mittlerweile eine Drogen-Gesellschaft? Na dann, auf eine schöne Drogengesteuererte Zukunft. Denn, schon Kinder und Jugendliche werden damit reichlich gefüttert.

Christophe 5. November 2009 um 10:38  

Geld allein macht nicht glücklich, und Alkohol beruhigt. Das Motiv, zur Flasche zu greifen (edle Obstbrände für Besserverdiener, Aldi-Wodka für HarzIV-Empfanger) ist bei allen Abhängigen gleich: Die mißglückte Suche nach dem Sinn des Lebens. Das Gefühl, überflüssig zu sein, beschleicht nicht nur den wegrationalisierten Arbeitslosen, sondern auch denjenigen, der mit abstrakten, überflüssigen Dingen Geld verdient und dabei an der bis zum Erbrechen gehenden Sattheit und Seichtheit seines Milieus verzweifelt. Zum konkreten Fall: Wer über Jahrzehnte exzellentes sozialkritisches Kabarett geliefert hat und nun von Merkel, Westerwelle und Graf Guttenberg regiert wird, kann zurecht am Sinn seines Wirkens verzweifeln und sich die Welt heiter trinken...

fletcher2 5. November 2009 um 11:07  

Goldene bis schwarze Mastercards sind schon lange die Gutscheine der saufenden Eliten. Gutscheine, die vom 1. bis zum 31., von Januar bis Dezember eines jeden Jahres zur Verfügung stehen. Es wird nie Mangel herrschen.

Ich weiß nicht, was sich leichter kotzt, ob Sekt zu 18000€ die Flasche oder Bier zu 0,39€. Eines jedoch weiß ich: Alkoholiker der Unterschicht sind kranke Menschen, denen Hilfe mehr nützen würde als "in den Sack" und drauf.

Alkoholiker der Oberschicht sind nicht krank; sie sind höchstens mal unpässlich, brauchen nur alle paar Monate drei Wochen Heilschlaf, weil der Job, die Verantwortung sie zu arg fordern. Eliten eben!

Mangel an Geld und Geld im Überfluß fördern gleichermaßen den Mißbrauch von Alkohol. Die einen werden verteufelt und die anderen bedauert. Mensch ist nicht gleich Mensch.

klaus baum 5. November 2009 um 12:31  

Zur Liste der Alkoholiker könnte ich drei Prominente hinzufügen:

Tennessee Williams

Joseph Roth

Hans Fallada

Williams hat die Alkoholabhängigkeit thematisiert in DIE KATZE AUF DEM HEIßEN BLECHDACH, Roth in seiner Erzählung DIE LEGENDE VOM HEILIGEN TRINKER und Fallada in jener, die mit Harald Juhnke verfilmt wurde: DER TRINKER.

Für die Journalisten, die derart Ekelerregendes über die sogenannte Unterschicht verfassen, wäre der Roman mit dem Titel "DIE IDIOTEN" der richtige. Oder vielleicht doch besser: DIE VOLKSVERHETZER.

Geheimrätin 5. November 2009 um 15:16  

Der gemeine Unterschichtler ist ja bekanntlich auch dann ein Alkoholiker, wenn er nur mäßig und hin u. wieder mal ein Gläschen trinkt. Unterschichtler sind von Haus aus Alkoholiker. Weiss doch jeder. Weil wer nichts zu feiern hat, darf eben auch nicht trinken. So, Feierabend und prost!

Mein Blogkommentar zu diesem Beitrag:

Damals, als ich den Wein des Grafen ausschenkte und regelmäßig zu Kostproben eingeladen wurde, um meinen Gaumen zu schulen, nannte man mich kultiviert.
Heute, wenn ich ein viertelchen Billig-Wein trinke, nennt man mich asozial.

Lebowski 5. November 2009 um 16:34  

Klaro hängt die Bezeichnung für eine psychische Disposition vom Grundeinkommen ab. Als armer Künstler ist man ein Spinner, als reicher ein Exzentriker.

Robert Reich 5. November 2009 um 17:16  

Es gibt ja auch noch primitive Hetzsender, die mit einer Sendung namens 'Explosiv' erst vor ein paar Tagen 'bewiesen' haben, daß Unterschichtler ihnen anvertrautes Geld lieber in Alkohol umsetzen, als in ihre Kinder zu investieren.
Und so wird dann wohl möglicherweise diesem Personenkreis erstmal der schwarze Winkel (Roberto meinte: gelber Stern oder Bierflasche)angeheftet. Das ist eben so mit dem Wohlfahrtsstaat: seit Sloterdijk und (Un-)Sinn wissen wir ja nun von Professorenseite, daß dieser Sozialstaat ja erst die saufende Unterschicht möglich macht, da fallen die paar Spritti-Promis durchs Raster, obwohl ich Hildebrandt achte.

Robert Reich 5. November 2009 um 17:21  

Hier noch der Link, mit den Sinn-Äußerungen:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article5045617/Sozialstaat-foerdert-Entstehen-der-Unterschicht.html#vote_4913878

Frank K 5. November 2009 um 18:09  

Schöner Artikel! Bleibt nur die Frage: bekommt Hildebrand seine Gagen ab sofort nur noch als Gutschein ausgezahlt?

Michael 5. November 2009 um 18:21  

Sucht kennt tatsächlich keine sozialen Unterschiede, was auf die jeweilige Begründung natürlich nicht zutrifft: Während die Unterschicht es nicht besser weiß, entscheidet man sich in der Oberschicht bewusst für die eine oder die andere Suchtform.
Das ungewaschene Präkariat konsumiert unkontrolliert billigen Fusel und erkrankt dadurch schneller und nachhaltiger (was uns alle betrifft, die wir unser sauer verdientes Geld der Krankenversicherung überlassen müssen). Hingegen ist die elitäre Sucht eine kontrollierte Eskapade aus dem harten und verantwortungsvollen Alltag hinein in das erholsame Abenteuer, wobei Auswirkungen wie: Krankheit, Entgiftung, Gefängnis, etc keine Toten Zeiten bleiben, sondern die Recherchebasis für das nächste belehrende Buch bilden und somit ebenfalls dem Wohle des Fußvolkes dienen könnten.
Dieses wiederum ist ein frustrierend undankbares Publikum, denn der schmarotzende Pöbel ist zu unkultiviert um aus Büchern den Unterschied zwischen Aus- und Abrutsch abzuleiten. Zu beschränkt um zu erkennen, dass, wer in festem Boden verankert und mitten im Leben steht, nie abrutschen könnte, selbst in der an sich absurden Annahme, ihm würde Ähnliches widerfahren.
Aber es geht letztlich um die Sache und schließlich nicht um Dankbarkeit, denn man ist sich „da oben“ wohl bewusst, dass die „Flexible Maße“ lieber Klassenantagonismus theoretisiert als über das eigene, angeborene Versagen nachzudenken, wenn schon nicht aus Überzeugung, dann wenigstens als Dankeschön.

Und weil wir Deutschen keine Bodenschätze besitzen sondern nur Eliten und weil diese Eliten schließlich keine Verschwendung von Steuergeldern verursachen, denn sie bezahlen ihre suchtbefreienden Kuren aus eigener Tasche und weil ein Unterprivilegierter wohl kaum die Tapferkeit deren beurteilen kann, die berufen sind die Geldlast aufopferungsvoll alleine zu schultern, belegt die zu begrüßende Diskretion der Medien in Bezug auf Ausrutschern, eine höhere Verständnis dessen was das beste für uns alle ist.
Denn wir sitzen im selben Boot. Auch wenn wir von Faulheit, Schmarotzertum und Ignoranz umgeben sind.

klaus baum 5. November 2009 um 18:41  

Ich habe gehört, der Sloterdijk soll auch ganz gut einen bechern.

Roberto J. De Lapuente 5. November 2009 um 20:41  

Man denke nur an Wolfgang Clement, wie er der BILD präsentierte, wie er ein Pils im Sekundenbruchteil runterlaufen lassen kann, weil er gelernt hat, seinen Schluckreiz auszuklinken. Tja, wie er dieses Talent wohl kultiviert hat? Und hat er bei Christiansen nicht, sagen wir es liebevoll, gesellig gewirkt?

klaus baum 5. November 2009 um 21:35  

>>Bereits um 1850 kam der Absinth in Verruf. Bei chronischer Aufnahme wurde ein Syndrom beschrieben, praktischerweise Absinthismus genannt. Als Leitsymptome galten Sucht, Übererregbarkeit und Halluzinationen. Die Diskussion wurde offensichtlich durch die damals noch weit verbreitete Lamarck'sche Vererbungs- und Evolutionstheorie angefacht. Einige Gegner glaubten, dass der Absinthismus genetisch manifest und damit vererbbar würde.<<

Quelle: http://www.absinthe-order.com/Absinthe_die_Muse/Absinthe_Das_19_Jahrhundert.htm

klaus baum 5. November 2009 um 22:00  

Und wie war das mit Schröders Ausspruch: Bring mir mal 'ne Flasche Bier.

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