Nomen non est omen

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Heute: "Belastbarkeit"
"Belastbarkeit und Flexibilität sind außerordentlich wichtig, da – bedingt durch das Wesen von Projektarbeit – oft und immer mal wieder unplanmäßige und den Fortgang erschwerende Situationen eintreten können."
- Stefan, 41 Jahre, Unternehmensberater auf authentisch-bewerben.de -

"Belastbarkeit: Können Sie unter Zeitdruck eine Entscheidung für die beste von mehreren plausiblen Lösungen treffen?"
- Basiswissen für Führungskräfte auf jobware.de -
Das Stichwort der sogenannten Belastbarkeit ist oftmals eine Kernforderung von Unternehmen an ihren Lohnarbeitern. Damit sind Überstunden, Stress, schlechtes Arbeitsklima, Schichtarbeit, zeitlicher Druck und vieles andere gemeint – meist für den Lohnarbeiter vornehmlich unangenehme Sachverhalte. In vielen Stellenausschreibungen ist heute die Belastbarkeit eine wichtige Eigenschaft, die gefordert wird.

Belastbar sein kann bedeuten, selbstbewusst gegen starke Widerstände anzukämpfen ohne sich von Misserfolgen unterkriegen zu lassen – fernab einer ökonomischen Dimension. Genau diese Form und Definition der Belastbarkeit interessiert Unternehmen jedoch nicht. Ihnen geht es um eine möglichst große ökonomische Verwurstung der Lohnarbeiter. Insofern ist "Belastbarkeit" im Munde eines Unternehmers ein Euphemismus für möglichst hohe "Ausbeutbarkeit". Ganz im Sinne des Profitvermehrers sollen Lohnarbeiter intensiv ausgepresst werden. Ein Arbeiter beispielsweise, der nicht ständig pendeln oder Überstunden machen möchte, da er bei seiner Familie sein will, ist im Sinne des Unternehmers nicht "belastbar" genug. Die Forderung nach Belastbarkeit, impliziert die unausgesprochene Formel: "Ich als Chef verlange von Dir, was immer den Profit mehrt. Ganz egal, was Deine persönlichen Bedürfnisse dabei sind!".

Menschen werden zu Packeseln gemacht, auf denen alles abgeladen werden soll. Viele Arbeiter werden dabei von ihren Chefs bis an ihre Grenzen gebracht, was die zunehmende Zahl von Burnout-Syndromen und Depressionen am Arbeitsplatz verdeutlichen.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

10 Kommentare:

Wolfgang 14. Oktober 2009 um 15:39  

Mit der "Belsatbarkeit" einher geht auch die "Flexiblität". Der Lohnsklave muss nicht nur fähig sein, Überstunden zu schieben er "muss" dies auch "wollen". Heute hat die Tochter Geburtstag? Der Urlaub ist schon lange geplant? Ausflüchte eines Unflexiblen.

Immer wenn ich von "Belastbar" und "Flexibel" lese, denke ich an einen Gummiball. Der Angestellte hat wie ein Gummiball zu sein und darüber hinaus auch noch in blindem Gehorsam, was heutzutage mit "Loyalität" oder "Cooperate Identity" bezeichnet wird.

Schleimige Gummibälle werden also heute gesucht. Keine gute Zeiten für Persönlichkeiten.

Aber dies ist nur die halbe Wahrheit. Ausserhalb des Berufslebens werden die Menschen durch die Schaffung sinnlosen Konsums, die Glotze und (ja auch!) dem Internet zu kritiklosen Dummys gemacht, die sich zwar mal ärgern, wenn ein Herr Sarrazin oder ein Herr Westerwelle seine Gülle ausschüttet, aber an der eigenen Situation nichts zu ändern vermögen.

Und was machen wir nun mit dieser Erkenntnis? Kopfschütteln, ärgern und einen Kommentar schreiben. "Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der glaubt frei zu sein." Das wusste schon der alte Goethe.

Anonym 14. Oktober 2009 um 16:43  

Ich kann mich erinnern, dass ein früherer Vorgesetzter mal von mir - und Kollegen - die Erledigung von eher unerfreulichen und teils ethisch etwas fragwürdigen Aufgaben verlangt hat mit dem Argument, das sei "eine ganz tolle Chance" für uns. Außerdem sei es "freiwillig". Ich war die einzige, die sich weigerte, und zwar mit dem Argument, ich hätte leider zu viel anderes zu tun. Daraufhin redete er der gesamten Gruppe ein, ich sei "nicht belastbar". Dies fühlte sich extrem verletzend an, obwohl ich an anderer Stelle häufiger bewiesen zu haben meine, dass ich durchaus sehr belastbar sein kann - im positiven Sinne. Von den Kollegen, die das Spiel teilweise durchschauten, wurde mir Unklugheit vorgeworfen. Ich habe meine Haltung seinem Ansinnen gegenüber trotzdem nicht geändert. Ich konnte es einfach nicht. In dieser Hinsicht scheine ich wirklich sehr wenig "belastbar" zu sein.

Daisy

klaus baum 14. Oktober 2009 um 19:13  

>>Wer den Juden nicht erschießen kann, ist wenig belastbar.<<, so hieß es im 3. Reich.

Kempec 15. Oktober 2009 um 02:36  

Richtig guter Text! Ich hasse diese Ausdrücke in Jobangeboten. Für mich ist Belastbarkeit immer gleich bedeutend mit Fresse halten und arbeiten bis zum umfallen. Und Flexibel ist wie als wenn sie mich fragen , sind sie bereit ihr Privatleben hinten anzustellen für diese Arbeit? Nein ich bin es nicht verdammt noch mal!Ich lebe nicht um zu arbeiten, ich arbeite um zu leben.

G. G. 15. Oktober 2009 um 08:25  

Ist "Belastbarkeit" nur eine andere Variante von "Hart wie Stahl, zäh wie Leder und schnell wie ein Windhund"?

Maverick 15. Oktober 2009 um 10:24  

Wer sich die Art und Menge seiner Arbeit passend zu seinem Naturell aussuchen kann, der macht diese Arbeit auch gern, er geht in seiner Arbeit auf. Ja, man könnte schon fast behaupten, dass er lebt um zu arbeiten.
Wer aber gezwungen ist jegliche im angebotene Arbeit anzunehmen, der arbeitet um zu leben, oder schlechter noch, um zu überleben. Und deswegen kann man dann von ihm auch verlangen, so flexibel und belastbar zu sein, dass er sich jeder Stoffwechselendproduktausscheideorganöffnung anpassen kann.

Anonym 15. Oktober 2009 um 13:03  

Der Ausdruck "belastbar" hat in der Praxis in meiner Erfahrung (als Software-Entwickler) zwei völlig konträre Bedeutungen:

Der erfahrene Jobsucher versteht "belastbar" an prominienter Stelle im Stelleninserat sofort als
"die Programmierer müssen regelmässig Planungs-Fehler unqualifizierter Vorgesetzter ausbügeln - den Job nehm ich nur an, wenn mir finanziell das Wasser bis zum Hals steht."

Konkret sieht das so aus: Ein wichtiges Feature muss "unbedingt innert 1 Woche ausgeliefert werden." Erfahrene Entwickler antworten dann "Unmöglich. Dafür brauche ich im Minimum 2 Wochen."
Die Belastbarkeit besteht darin, den Todesmarsch mit Pokerface durchzustehen, bis zum letzten Tag jeden Tag ungerührt mitzuteilen, dass die Zeit nicht reichen wird und nach 2 Wochen das Produkt doch noch auszuliefern.
Das Arbeiten unter dieser kognitiven Dissonanz ist sehr belastend, zumal mensch dann (anderen gegenüber) auch noch als unbelastbarer störrischer Esel bezeichnet wird - aber das Produkt und der Mehrwert kommt dann zustande, wenn die zusätzliche Woche genehmigt wird (= Karriere-Minuspunkte für den Chef).

In meiner Berufserfahrung ist jedoch mit "belastbar" in Stelleninseraten der junge Ja-Sager-Entwickler gemeint:

Dieser Mensch verspricht, "OK, ich gebe alles!", arbeitet das Wochenende durch und sitzt am Montagmorgen übernächtigt und in Tränen aufgelöst vor einem nicht funktionierenden Programm.
Diese "Belastbarkeit" als "Aushalten von regelmässigen schweren Nervenzusammenbrüchen" wird von unqualifizierten Vorgesetzten sehr gerne gesehen, erlaubt sie ihnen doch, sich als Gutmensch zu gerieren, väterlich-patronal den Entwickler herzlich zu trösten (wer jung ist, bemerkt die Falschheit nicht) und sich seinerseits seinem Vorgesetzten gegenüber mit den schachen Nerven des Programmierers für seine Niederlage zu entschuldigen.

Das (im Sinne einer immanenten Kapitalismusikritik) ungelöste Problem der Human Resources Damen
(erfahrungsgemäss ein reiner Frauenberuf) besteht darin, dass zur Mehrwertgenerierung objektiv Entwickler der ersten Sorte
benötigt werden, zur betriebsinternen Karrieregenerierung für die vielen, vielen Chefs in den ach so "flachen Hierarchien" jedoch
Entwickler der zweiten Sorte - und genau diese vielen Chefs machen die Vorgaben für die HR.

potemkin 15. Oktober 2009 um 13:08  

Infernalische Kadenzen...
Es ist unglaublich, wozu der 'Arbeitsnehmer' heute gezwungen wird: Er soll die Familie, diese Keimzelle des christlich geprägten Konservatismus, verlassen, um eine Arbeit aufzunehmen, die 400 km entfernt ist. Er soll den 8-Stunden-Tag als unverbindliche Richtlinie betrachten und seine Arbeitszeit möglichst nicht durch Nahrungsaufnahme, Verrichtung der Notdurft oder gar durch Plaudern mit Kollegen mißbrauchen. Er soll schließlich ein Arbeitstempo einhalten, welches den Taktzeiten moderner Maschinen entspricht und Verbesserungsvorschläge machen, die seine Person übrflüssig machen.
Es muß schnell gehen. Nicht nur wegen der Profitgier, nein, wer zur Eile getrieben wird, kommt nicht zum Nachdenken. Diese nie dagewesene Arbeitsintensität, welche durch Technik ermöglicht wird, steht im umgekehrten Verhältnis zur heutigen Lebenserwartung: Je älter man wird, desto weniger Zeit hat man. In den 50er Jahren konnte man diese Entwickung in fortschrittsgläubigen Publikationen schon lesen: Dort war zu lesen, dass die Technik in 50 Jahren so weit sein werde, dass die Menschen viel mehr Freizeit hätten und nur noch 3 - 4 Stunden arbeiten müssten. Blickt man zurück, so war der technische Fortschritt in der Tat rasant, aber profitiert haben davon nur wenige. Die anderen sind arm und überflüssig geworden oder sie schuften sich zu Tode.

Kassandra 15. Oktober 2009 um 14:11  

@ RdLP und die bis dato ersten 8 KommentatorInnen:

Günther Anders hat dies in seinen Werken bereits hervorragend beschrieben/ artikuliert und seine Werke sind immer noch brandaktuell.

Und noch eine Anmerkung meinerseits:

Wer auch im Beruf feinfühlig, also empfindsam (will meinen nicht empfindlich!) ist, gilt häufig fälschlicherweise als labil.
Besonders trifft dieses Urteil feinfühlige Frauen.
Bei Männern gilt es dagegen ja inzwischen als tolle Leistung, wenn mann (z. B. bei seiner Hochzeit, nach einem Sport-Sieg, seiner Verabschiedung im Betrieb oder beim Großen Zapfenstreich, o.ä.) auch mal Tränen in den Augen hat. Inzwischen wird das so gern gesehen, dass manche Männer bereits so tun als ob sie weinten (trockene Tränen vergießen).

Roberto J. De Lapuente 15. Oktober 2009 um 17:31  

Dieser Eichmann war ein belastbares Bürschchen. Der ist nicht eingeknickt, war abgebrüht, voll in seinem Element, nicht an falschen Werten haftend. Er hat halt nur seinen Job gemacht, hat sich die Belastung eines Jobs aufgebürdet. In bestimmten Augen immer noch besser, als Hartz IV zu beziehen.

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